Sonntag, 29. September 2013

Projekt 421,95

Ich gebs ja zu: Die Entscheidung fiel relativ spontan. Angedacht war an dem WE zwar eine längere Tour, aber am Samstag und dann auch nicht allein. Der Berlin-Marathon findet jedoch am Sonntag statt. Hmm, klarer Fall, leider. Nach einigen Stunden Baumpflege am Samstag, packe ich gegen 17.30 Uhr meine Sachen für die kommende Tagestour. Die Nachttemperaturen riechen bereits nach Winter, denn in Senken kann das Wasser stellenweise den Gefrierpunkt erreichen. Ergo werden lang-lang (nein, nicht der Pianist :-)) getragen, die Helmmütze aus dem Schrank gekramt und die langen Handschuhe angezogen. Zwischen 20.30 Uhr und 0.30 Uhr sammle ich ein paar Stunden Schlaf, dabei wissend, dass ich dank des leicht erhöhten Adrenalinpegels keinen Wecker nötig habe. 0.45 Uhr blicke ich zum ersten Mal in die sternenklare Nacht, es hat 4 °C.

Kalt, aber gut

Auf altbekannter Route geht es durch die Stadt, einzig die nachtschlafende Zeit der Passage ist neu. Vereinzelt torkeln junge Männer auf den Gehwegen, Pkw mit hämmernden Bässen halten an roten Ampeln und geben beim Farbwechsel bis zur nächsten roten Ampel Vollgas. Eine Samstagnacht räumt den Trieben offenbar mehr Raum ein, bzw. kaschiert weniger als es andere Wochentage vermögen. Die 4 Herren, die gerade den FKK-Club in der ...straße verlassen, wirken etwas abwesend, als sie nebeneinander meinen (!) Radweg belegen. Einem Frontalcrash mit 35 gehen sie dennoch aus dem Weg. So bin ich froh, als hinter Taucha endlich die Straßenlaternen verschwinden und das orangene Kunstlicht nicht mehr den Schein des gerade aufgehenden Mondes überdecken kann. Baustellenampeln interessieren mich normalerweise eher weniger, da hier in Jesewitz nun aber schon 5 Pkw anstehen, will ich mal brav sein. Gewiss keiner der Pkw-Insassen vor mir vernimmt das Rascheln im Gras neben der Fahrbahn, dessen Urheber ein Igel auf Nahrungssuche ist. Auch nicht das Mädel mit den langen blonden Haaren, deren Aufmerksamkeit jetzt ganz ihrem Smartphone gewidmet ist. Sie sitzt allein im Auto. Vielleicht war sie auf einer Party in der "Stadt" und fährt jetzt zurück in ihr "Dorf". Vielleicht auch nicht. Die Ampel zeigt grün, sie verschwindet im Dunkel.

Im Zuge des Baus der Ortsumgehung von Eilenburg, wandelte sich eine ehemalige Hauptstraße in einen Radweg, dessen durchgängige Befahrbarkeit jedoch am Nichtvorhandensein zweier gesicherter Bahnübergänge scheitert. Radler, Fußgänger und anderweitig unmotorisiert Mobile stehen in der Gunst von Bund und Gemeinden noch lange nicht an der Stelle, an die sie gehören! In Bad Düben muss ich von der etablierten Strecke abweichen, verkehrt die Elbfähre in Pretzsch doch erst wieder ab 7 Uhr. Die folgende Etappe zieht sich mit relativ langen Waldpassagen über gute 30 km bis hin zur Lutherstadt Wittenberg und wird durch nur zwei Pkw in ihrer schon fast meditativen Gleichförmigkeit gestört. Mein Blick schweift hinauf zum östlichen Sternenhimmel, wo sich Orion, Stier, Zwillinge und Jupiter ein Stelldichein geben. Wunderschön. Nach der Elbquerung stoppe ich kurz an einer Tankstelle, um Teile der Riegelvorräte aus dem Rucksack in die Jacke zu schaufeln. Ein roter Kleinwagen hält neben dem Nachtschalter, ein untersetzter Fahrer steigt aus, verlangt eine Bild am Sonntag von der Bediensteten, steigt ein, fährt zurück in Richtung Ausgangspunkt. Der Gegenwert einer Bild am Sonntag bringt mich bis nach Berlin. Mit einem Gefährt, das 9 kg anstatt 1400 kg wiegt. Es wird spannend, die akut nötigen Umdenkprozesse in unserer Gesellschaft zu begleiten...

Gleich hinter Jüterbog, in Kloster Zinna, vernehme ich das Schaben von Scheibenkratzern. Der Taupunkt liegt in dieser Nacht bei 3 °C, keine Wolkendecke schützt vor Auskühlung, Ostwinde transportieren kontinentale Luft zu uns - da sind erste Frostereignisse an exponierten Stellen erwartbar. Luckenwalde wenig später - früher der Hassabschnitt - wartet heuer nur noch mit ein paar (historisch) vertretbaren Asphaltabschnitten auf, die B 101 allerdings ist nun tagsüber für Radfahrer unvertretbar. 6.30 Uhr an einem Sonntag interessiert mich eine vierspurige Autostraße trotzdem, zumal die Alternativstrecke zum gegenwärtigen Zeitpunkt unklar ist und mein Zeitkontingent bedrohlich zur Neige geht. Ich erreiche Wiesenhagen unversehrt und ziehe weiter in Richtung Norden, der Hauptstadt entgegen.

Morgenstimmung...

...bei Wiesenhagen.
Gegenwärtig rasten etwa 300.000 Kraniche in Brandenburg und sammeln Kräfte für ihren Weiterflug in die Überwinterungsgebiete. Hier, bei Löwenbruch, kurz vor dem Südlichen Berliner Autobahnring, kann ich sie schließlich hören und sehen. Sie stehen auf einem Feld in der Morgensonne und schütteln sich die kalte Nacht aus dem Gefieder. Es ist ein Bild voller Harmonie und Ruhe.

Lauf, Wilson, lauf!

Den Start des Marathons erreiche ich leider nicht mehr pünktlich (10 Minuten zu spät), dafür plaudere ich jetzt 9 Uhr beim Obstfrühstück am Denkmal für die ermordeten Juden Europas mit einer Security-Mitarbeiterin, welche Angst um die Betonstelen hat. Zahlreiche Risse durchziehen die Blöcke des Denkmals, einigen hat man deshalb eine metallene Schutzhaube übergezogen. Ich schließe das Rad an einer Linde an, bevor der Versuch einer schnellen fotografischen Umsetzung des Bauwerkes unternommen wird.






Anschließend fahre ich zurück zur Möckernstraße/Ecke Yorckstraße, um dort die Spitze des Feldes bei Kilometer 20 fotografieren zu können:

Was stimmt hier nicht?

Chapeau, ihr Helfer!

Eliud Kipchoge.

Das womöglich interessanteste Foto des Tages.

André Pollmächer (links hinter "Pace 84").


Die Flasche von Rybak...

...verfehlte meinen Kopf um 10 cm.

Florence Kiplagat bei Kilometer 20 - verfolgt von Sharon Cherop.
Eine Stunde bleibt mir noch bis zum Zieleinlauf, also zurück zum Potsdamer Platz (dort kurzer Schnack mit einem Fotografen) und schließlich am Brandenburger Tor das Fahrrad erneut anschließen.




Wo sind die 3 Fehler im Bild?

Siegprämie: Eine Pfandflasche. Oder zwei.


Im Zielbereich wurden Tribünen für die Besucher errichtet, auf einer derselben mische ich mich unter die Masse. Das Spektakel kann man am besten im unten eingebetteten Video nachempfinden, weshalb ich mir die Worte an dieser Stelle spare. Kurzversion: KRANKES TEMPO! NEUER MARATHON-WELTREKORD! O-Ton des Siegers: "Ich glaube, ich kann noch schneller laufen."



FOTOSTRECKE ZIELEINLAUF WILSON KIPSANG:








Wilson Kipsang.

André Pollmächer, heute schnellster Deutscher in Berlin (Platz 14, 2:13:05 h).

Florence Kiplagat, die Siegerin der Damenwertung (2:21:13 h).
Den Mann im gelben T-Shirt, der vor Kipsang über die Absperrung gesprungen und durch das Ziel gelaufen ist (siehe Fotostrecke), hatte auch die nach dem Anschlag von Boston hier nun erstmalig errichtete Umzäunung mit eingeschalteter Personenkontrolle nicht abhalten können. Gegen Einzeltäter kann man sich nicht absichern. Zum Glück wurde der spätere Sieger nicht behindert. Kipsang erhält für seine Glanzleistung übrigens 40.000 Euro Siegprämie + 50.000 Euro Rekordprämie; sein Kontrahent, der Sieger von 2011, Patrick Makau, musste wegen einer Entzündung im Knie auf einen Start verzichten. Vielleicht noch stärker als der neue Weltrekord bei den Herren ist der Masters-Weltrekord in der AK 40 von Irina Mikitenko einzuschätzen. 2:24:54 h sind unglaublich, zumal wenn man bedenkt, dass in 2013 keine (!) andere deutsche Läuferin unter 2:30 h finishte.
"Ich bin schon 41, aber das sagt nichts. Ich fühle mich wie 20 mit 20 Jahren Erfahrung."
(Irina Mikitenko)
Irina Mikitenko fliegt...

...dem Masters-Weltrekord...

...entgegen. Herzlichen Glückwunsch!
PACEMAKER - DIE STILLEN HELDEN:







Am Potsdamer Platz.

Er (MEX) und sie (DK) laufen mit ca. 3:25 h ins Ziel. Wie ich. Früher.


Viel Erfolg dabei in 2014, Sylvi!

Müllberge. Muss man unbedingt Plastebecher verwenden?!
Meine Heimfahrt beginnt mit einer S-Bahn-Tunnelpassage am Potsdamer Platz (wg. Marathonstrecke oben) und endet 20.45 Uhr am Ausgangspunkt. Dazwischen liegen richtig geniale Rückenwindabschnitte, ein Big-Döner in Jüterbog, eine Elbfähre in Pretzsch sowie die begleitete Etappe Bad Düben - Leipzig in persona eines Nordkap-Randonneurs mit Professorentitel.

421,95 km | 15:30 h netto | 700 hm

Die Top-3-Platzierungen beim Berlin-Marathon 2013

Männer:
Wilson Kipsang (2:03:23 h)
Eliud Kipchoge (2:04:05 h)
Geoffrey Kipsang (2:06:26 h)

Frauen:
Florence Kiplagat (2:21:13 h)
Sharon Cherop (2:22:28 h)
Irina Mikitenko (2:24:54 h)

Ich verlasse Berlin in Marienfelde.

Kraniche über Thyrow.

Elbfähre in Pretzsch.
DIE STRECKE

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was für ein inspirierender Bericht und eine Wahnsinns-Tour! Danke, Christian, denn das hat mich heute aus meiner Null Bock Stimmung herausgerissen! Danke auch für das aufmerksame Foto - unterstütz mich bitte auf der ein oder anderen langen Radtour.

Christian hat gesagt…

Wird gemacht! Wir haben übrigens soeben HH-B 2013 gecancelt. Das Wetter sollte prinzipiell zwar keine Ausrede darstellen, wenn man jedoch weder eine Chance für neue PBs noch für gemeinsamen Spaß sieht, sollte der Kopf über das Tier siegen.