" [...] Mein Vater war da anders, weniger reserviert. Er machte am Männertag eine Bootstour mit Freunden und Bierkästen. Basta. Er ging zu allen Geburtstagen in der Nachbarschaft. Basta. Er ging zu allen Hochzeiten (die von Freunden eingeschlossen). Kein Hinterfragen des Mainstreams, stattdessen mitten hinein in dieses - andere nennen es die Normalität. Millionenfach geteiltes Leben in allen Facetten, oh ja. Er wurde sicher geliebt und liebte selbst. Ob es immer das (die) Offensichtliche war - es schien bisweilen fraglich. Jedenfalls hatte er keine Bindungsängste undwenigkeine Selbstzweifel.
Mein Vater hatte das Glück, schlußendlich eine Partnerin zu finden, die ihm die nötigen großen Freiräume ließ. Na ja, ich weiß nicht, ob sie es gut gefunden hätte, wenn er an einem Roman gearbeitet und dafür umfangreiche Recherchen eingezogen hätte. Eher nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie sich mit einer gewissen Exzentrik des Partners hätte anfreunden können. Egal, sie stellte ein paar der nötigen Fragen an diese Welt und machte sich über den Rest nicht allzu viele Gedanken. Sie akzeptierte, wenn der Sonntag(vormittag) mit den Wochenendausgaben der großen deutschen Zeitungen verplant war. Sie akzeptierte seine direkte Art, seine bisweilen unangepasste Art, seine selbstzerstörerische Art (Achtung: Selbstzerstörung kann die Folge von Exzentrik sein - muss sie aber nicht). Letzteres werfe ich ihr noch heute vor. Ich halte es für ausgeschlossen, dass man diese Gefahr als Ehepartner nicht erkennt. Wer, wenn nicht der Ehepartner kann so etwas erkennen?! Wollte sie ihn nicht in seiner Ehre verletzen? Wollte sie nicht, dass er sich durchschaut fühlt? Ich habe keine Ahnung und werde es auch nie mehr herausfinden.
Die Entscheidung, wie man durch sein Leben geht, hat großen Einfluss auf die Einstellung gegenüber dem Tod. Wer zu Lebzeiten eine Familie gegründet hat oder in einer großen Familie aufgewachsen ist, wird anders über das Sterben denken als jemand, dessen Pfade sich einsam durch die Zeiten schlängeln. Der Einsame steht dem Tod gleichgültiger gegenüber, denn ihn plagt nicht der Kummer um das Wohl seiner Lieben nach dem Ableben. Der Einsame ist insofern freier im Denken und Handeln, denn er muss theoretisch nur auf sich selbst Rücksicht nehmen. In der Praxis gestaltet es sich dann aber meist anders, denn einsame Menschen übernehmen sehr wohl Verantwortung für andere und möchten ebenfalls etwas hinterlassen; sie suchen sich Betätigungsfelder, die ihnen diese Bedürfnisse ermöglichen. Die Bandbreite reicht dabei vom Gang in die Selbständigkeit, verbunden mit dem Wunsch, seine Kraft zu 100 % dem Wohl des Kunden angedeihen zu lassen über soziale Berufe bis hin zu anonymen Spenden und ehrenamtlichen Tätigkeiten."
"Nicht nur vom subjektiven Erleben her, sondern auch objektiv gesehen ist die Depression eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Hier ist die Gefahr der Suizidversuche und der Suizide (Selbsttötungen) zu nennen. Fast alle Patienten mit schweren Depressionen haben zumindest Suizidgedanken. Bis zu 15 % der Patienten mit schweren, wiederkehrenden depressiven Störungen versterben durch Suizid. Zirka die Hälfte der Patienten mit depressiven Störungen begehen in ihrem Leben einen Suizidversuch. Umgekehrt besteht bei der Mehrheit der Patienten, die Suizide begehen, ein depressives Syndrom. Der "Freitod", d. h. der im gesunden Zustand getroffene Entschluss, sich das Leben zu nehmen, kommt kaum oder nur selten vor."
(Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe)
Jährlich begehen in Deutschland pro 100.000 EW etwa 12,4 Personen Selbstmord. Das entspricht in Leipzig 62, in Berlin 418 und in München 172 Menschenleben. In Summe 10.144 Menschen nahmen sich in 2011 landesweit das Leben (7646 Männer, 2498 Frauen); die Dunkelziffer dürfte höher liegen.
Leider kann man aus dieser Statistik der "vorsätzlichen Selbstbeschädigungen" (Terminus gemäß ICD 10 - X60-X84) keine Rückschlüsse auf den quantitativen Anteil der Depressionen ziehen. Denn die Diagnose "schwere, wiederkehrende depressive Störung" wird kaum auf alle 10.144 Todesfälle zutreffen. Täte sie es, wären deutschlandweit fast 70.000 Menschen von letztgenannter Diagnose betroffen (1,7 % aller geschätzt 4 Millionen Depressiven).
Helfen Sie!
Depressionen zu erkennen ist für Familienangehörige und Freunde relativ leicht. Schwer wird aber die Suche nach der besten Therapie. Denn um effektiv behandeln zu können, müssen die Ursachen einer Erkrankung bekannt sein. Wie kann man die Ursachen ergründen? Indem man sich auf die erkrankte Person einlässt, ihr zuhört, Empathie entwickelt, Vertrauen entgegenbringt. Viele Depressive fühlen sich von ihrer Umwelt missverstanden, ignoriert, ungeliebt und als Konsequenz minderwertig. Das oft unzureichende Selbstvertrauen kann jedoch nachhaltig nur im Wechselspiel mit der Gesellschaft, im Austausch mit anderen aufgebaut werden. Sie (die Helfer) sollten die persönlichen Interessen des/der Betroffenen kennen und in diese Welt hineinschnuppern. Selbst wenn es schwerfällt. Voraussetzung: Sie wollen wirklich helfen. Einladungen zu Geburtstagsfeiern etwa sind denkbar schlechte Gelegenheiten für intensive Gespräche. Und Sie müssen bereit sein, von sich selbst zu erzählen. Offenbaren Sie eigene Probleme, eigene Sorgen, eigene Ängste. Die oftmals vielen Depressiven zugeschriebene Gefühlskälte ist nämlich ein Mythos. Sehr wohl sind sie in der Lage Freude, Liebe und tiefe Zuneigung zu empfinden. Allerdings können sie es nicht entsprechend äußern, wollen es nicht entsprechend äußern. Zwischenmenschliche Codes wie simple Umarmungen werden von ihnen in Frage gestellt, weil sie die (vermutete) Oberflächlichkeit verachten. Übliche Freizeitgestaltungen werden von ihnen gemieden, weil ihnen lockeres Geplauder nicht möglich ist. Sie suchen einerseits nach einem Ausweg aus dem tiefen Tal, verabscheuen andererseits aber die Wärme der Masse auf dem Gipfelplateau.
Sollte es Ihnen gelungen sein, Anhaltspunkte für mögliche Ursachen der Erkrankung ausfindig zu machen, stellt sich die Frage, ob eine Eigenverantwortung vorliegt. Kränkung, Mobbing, Missachtung? Nein? Egozentrik, Ignoranz, Desinteresse? Nein? Ursachen, die Sie nicht beeinflussen können, aber erkannt haben, bleiben solange bestehen, bis die betroffene Person in Eigeninitiative handelt. Psychotherapeuten geben professionelle Hilfestellung bei der Entwicklung von Eigeninitiative und dem Aufbau einer gesunden Selbstwahrnehmung. Psychotherapeuten haben aber gegenüber Freunden und Verwandten einen entscheidenden Nachteil: Sie müssen sich erst mühsam in das Leben ihrer Patienten einarbeiten. Deshalb haben Sie zwei klare Vorteile: Wissen und Nähe. Versuchen Sie es! Viel Erfolg!
Nehmen Sie Hilfe an, bitte!
Ich kenne Ihre Gedanken, ich kenne die Dunkelheit, ich kenne das Gefühl der Isolation. Aber ich kenne Auswege und ich beschreite diese Auswege. Sie können mich jederzeit gern persönlich kontaktieren, wenn Sie einen Rat suchen, die ehrliche Meinung eines "Fremden" hören wollen oder jemanden brauchen, der aufmerksam zuhört. Es kostet Überwindung, ich weiß, aber ich verspreche, dass es nicht nutzlos sein wird. Unsere Lebenszeit ist kostbar und rinnt unaufhaltsam dahin. Da draußen warten so unglaublich spannende Aufgaben auf jeden von uns. Lassen Sie sich nicht länger von einer Krankheit zerstören, die heilbar ist! Lassen Sie sich helfen! Bitte.
Wissenschaftliche Pro-Kontra-Debatte zum Problem "Sollten leichte Depressionen ausschließlich psychotherapeutisch behandelt werden?" (PDF): PRO <--> KONTRA
(Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe)
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Linkliste
Todesursachen in Deutschland
Detaillierte Zahlen nach Art des Selbstmords
Webseite zum Welttag der Suizidprävention
Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland
Artikelserie auf ZEIT ONLINE zum Thema "Psychisch krank"
PS: Die diesjährige ARD-Themenwoche beschäftigt sich im November mit dem Glück.
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