Sonntag, 16. November 2014

Das Salz der Erde

Sebastião Salgado hält die Fotokamera an gekrümmten Armen schützend vor die Brust und rollt sich langsam seitwärts über einen steinigen Strand auf der arktischen Wrangelinsel, begleitet von seinem ältesten Sohn Juliano (38) und ihrem Bewacher mit Gewehr. Dessen Waffe soll die Gruppe nicht primär vor den Walrossbullen schützen - derentwegen man sich so mühselig fortbewegt -, nein, seine wachen Augen gelten dem Hauptfeind dieser bis zu 4 Meter und 1,6 t messenden Kolosse: dem Eisbär.

Die stark verlängerten oberen Eckzähne der Bullen wachsen zeitlebens nach und erreichen dabei Längen von bis zu einem Meter. Sie waren der Hauptgrund für die gebietsweise Ausrottung der Art im 18. Jh., denn das Elfenbein lockte mehr und mehr Jäger in den Norden. Trotzdem die Bejagung heute nur noch den Eskimo aus kulturhistorischen Aspekten im Rahmen des Eigenverbrauchs gestattet ist, gilt die Unterart Atlantisches Walross (Odobenus rosmarus rosmarus) bis dato als gefährdet. Eine Züchtung in Zoos schlug bislang immer fehl.

Der kalte, für uns Menschen so schwer zu besiedelnde und jedes Leben auf eine harte Probe stellende polare Lebensraum spielt eine wichtige Rolle im Heilungsprozess des Protagonisten. Im Heilungsprozess von den Folgen einer chronischen Krankheit: der Besessenheit, die Art Homo sapiens zu verstehen.

Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Brasilien und Frankreich, das er mit einer Promotion abschloss, arbeitete der heute 70-Jährige in den frühen 1970er Jahren zunächst als Ökonom für Entwicklungshilfe im Auftrag der Weltbank in Afrika. Im Gepäck: Die Fotokamera seiner Frau Lélia Wanick Salgado.

Der Beginn eines neuen Lebens

Das junge Ehepaar Salgado in den 1970ern...
Schnell war Salgado fasziniert von den Möglichkeiten der Fotografie, die hobbymäßige Arbeit hinter dem Sucher wurde zur Passion, sie drängte sich bald unaufhaltsam in den Vordergrund des Schaffensprozesses dieses jungen Ehepaares. Beide beschlossen, ihre bisherigen Jobs an den Nagel zu hängen und sich gemeinsam, als Team, voll und ganz der Dokumentarfotografie zu widmen. Für diverse Foto-Agenturen wurden Reportagereisen nach Europa, Afrika und Mittelamerika unternommen, 1979 erfolgte die Aufnahme in den erlesenen Kreis von Magnum Photos. Freud und Leid, Tod und Geburt, überwältigende formale Schönheit bei gleichzeitigem Grauen hinter den Motiven; und immer wieder die Hoffnung, die Zuversicht der Menschen, aus scheinbar ausweglosen Situationen entrinnen zu können, das eigene Leben nicht fremdbestimmt, stattdessen eigenverantwortlich führen zu können, zeichnen Salgados (Früh)werk aus.

...und nicht mehr ganz jung in den 2000ern. [Quelle]

Ich weiß nicht mehr wann es war, ich muss ein Kind gewesen sein, aber ich erinnere dieses Foto einer Mine voller Menschen auf Holzleitern, aus der Distanz klein wie Ameisen, sehr genau. Damals wusste ich noch nicht, dass mich die Fotografie ebenfalls in ihren Bann ziehen und unzählige Stunden u.a. zur Erstellung meiner/unserer persönlichen Alben wird kosten sollen.

Die Goldmine Serra Pelada in Brasilien | © Sebastião Salgado

Die Goldmine Serra Pelada in Brasilien | © Sebastião Salgado

Die Goldmine Serra Pelada in Brasilien | © Sebastião Salgado

Seine Reportage über die brasilianische Goldmine Serra Pelada war gleichsam die Initialzündung einer internationalen Karriere als Fotograf im Zeichen der Menschenrechte und eine mich fortan lebenslang begleitende Quelle der Inspiration. Denn was Fotografie tatsächlich bedeutet - Geschichten ohne Worte zu erzählen - wurde mir damals schlagartig bewusst.

© Sebastião Salgado
Vor 25 Jahren erwarb Wim Wenders zwei Fotografien, die ihn bis heute nach eigener Aussage noch wie am ersten Tag berühren. Die eine, das Porträt einer blinden Tuareg, deren linkes, unverhülltes Auge, eine ganze Lebensgeschichte direkt ins Bewusstsein des Betrachters zu kopieren scheint, illustriert Salgados große Empathie beispielhaft. Ohne die Fähigkeit, in andere, unserer eigenen Lebenswirklichkeit im Extremfall diametral entgegenstehende Biographien einzutauchen, kann man den richtigen Augenblick für das Drücken des Auslösers nicht erkennen. Ja, ohne diese Fähigkeit wird man obendrein nicht in der Lage sein, dieses Werk zu verstehen, das einem da seine Geschichte erzählt.

"Die Kraft eines Porträts liegt in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem man etwas vom Leben der fotografierten Person versteht. Die Augen erzählen viel, der Gesichtsausdruck ... ein Porträt nimmt man nicht alleine auf. Der andere schenkt es einem."
(Sebastião Salgado in "Das Salz der Erde")

Wenders macht nicht den Fehler, die Hauptperson an ausgesuchte Locations zu stellen und dadurch ein vorher bereits präsentes Image zu vertiefen. Stattdessen fand man in dieser Gemeinschaftsarbeit mit dem Regisseur und Drehbuchautor Juliano Ribeiro Salgado - Sebastiãos ältestem Sohn - eine sehr gute Mischung aus absolut beeindruckenden Fotos, erklärendem O-Ton und Szenen an Originalschauplätzen. Verwendet wurde dazu eine Technik, die "Teleprompter-Dunkelkammer" genannt wird und es mittels eines halbdurchlässigen Spiegels erlaubt, dass die Zentralfigur dem Zuschauer quasi aus ihren eigenen Werken heraus die jeweiligen Hintergründe erläutert. So erfährt man in ruhigem französischem Originalton - und einer nebenbei bemerkt genauso nachdrücklichen Wort- wie Bildwahl -, warum die Menschen in der oben erwähnten Goldmine diese lebensgefährliche Kletterarbeit freiwillig bis zu sechzigmal am Tag verrichteten; warum die brennenden Ölquellen im Ersten Golfkrieg S. 1991 an der Heimreise hinderten; wie der Genozid in Ruanda beinahe das Karriereende bedeutete ("Sebastião, du stirbst."); warum einen kleinen Jungen in zerrissenem Hemd, irgendwo in der Sahelzone, eine überwältigende Aura aus schier übernatürlicher Zuversicht umgibt; warum wir alle Jäger und Sammler sind; warum das Paradies nur in unseren Köpfen existiert.

Brennende Ölquelle 1991 in Kuweit | © Sebastião Salgado

Kanadische Feuerwehrmänner 1991 in Kuweit | © Sebastião Salgado

Kanadischer Feuerwehrmann 1991 in Kuweit | © Sebastião Salgado

Kanadischer Feuerwehrmann 1991 in Kuweit | © Sebastião Salgado

Die Kinoleinwand besitzt die Macht, durch ihre schiere Größe die Botschaften der an sich schon extrem aussagekräftigen Bilder noch eindringlicher zu vermitteln. Manche Kritiken sprachen von "Ikonenmalerei", einer "Schönheit im Leiden", davon, dass Salgado "das Pathos ästhetisiere". Gewiss besteht die Gefahr, durch kompositorische Schönheit von der Botschaft der Bilder abgelenkt zu werden. Aber wo besteht diese Gefahr nicht? Unter die Oberfläche muss der Zuschauer jeden Tag schauen, riskiert er ansonsten nämlich die Vereinnahmung durch Dritte, den Verlust seiner Eigenständigkeit, manifest geworden im unabhängigen Denken.

Ich meine, dass im Gegenteil erst durch die ausschließliche Arbeit in Schwarz-Weiß, erst durch die ikonografische Umsetzung, Salgado seinen Bildern die Beiläufigkeit, die Gefahr des Drüberwegsehens nimmt. Seine Arbeiten sind nämlich immer das Ergebnis langfristiger Projekte, in denen er viel Zeit mit den später Porträtierten bzw. in deren Heimat verbringt. Er fühlt sich in ihr Leben ein, verschmilzt gewissermaßen mit seinen Mitmenschen. Der richtige Bildausschnitt, die starke Aussagekraft sind unvermeidbare Folgen der absoluten Identifikation mit der jeweiligen Situation vor der Kamera. Sie sind für das tiefe Verständnis eines Sujets unverzichtbar. Und für die Vermeidung voyeuristischer Tendenzen.

Die Idee zum Film entstand als Gemeinschaftsprojekt zwischen Salgado, dessen Sohn Juliano und Wenders. Erstere trugen sich bereits seit längerem mit dieser Absicht, ihnen fehlte für eine gute Realisierung allerdings noch die Perspektive des "Außenseiters". Wenders hält sich überwiegend im Hintergrund auf, führte die Interviews zu den gezeigten Fotos und stöberte mit Salgado lange durch dessen Pariser Archiv. Deshalb stammen viele Szenen von Juliano S., etwa die anrührenden mit seinem Großvater auf dessen Ranch im Norden Brasiliens oder die gemeinsame Reise zu Urvölkern in Papua-Neuguinea. Diese gemeinsamen Reisen führten parallel zu einer Wiederannäherung zwischen Vater und Sohn, deren Verhältnis viele Jahre als angespannt, respektive nicht existent galt.

Chronologisch greift die Arbeit der beiden Regisseure Hand in Hand, lässt einzig im farblichen Bruch (Schwarz-Weiß bei Wenders, farbig bei Juliano S.) die zwei Handwerker aus dem Hintergrund treten. Der Zuschauer erfährt viel über die Leidenschaft und das Leiden Salgados, er kommt ihm in 110 Minuten erstaunlich nahe. Details, warum ein Bild so oder so komponiert wurde/wirkt erfährt man nur indirekt. Vielleicht ist das auch ganz gut so, obwohl ich persönlich durchaus gern Beweggründe für so manchen Bildaufbau vom Autor selbst gehört hätte. Andersherum hätte die Antwort auf eine derartige Frage schnell folgendermaßen ausfallen können: "Weil es das ist, was ich vor Ort gesehen habe."
"Wir sind bösartige, schreckliche Tiere, wir Menschen. Egal ob in Europa, in Afrika oder in Südamerika - überall sind wir extrem gewalttätig."
(Sebastião Salgado in "Das Salz der Erde")

Foto aus dem Projekt "Sahel: el fin del camino" (1988) | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Projekt "Sahel: el fin del camino" (1988) | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Projekt "Sahel: el fin del camino" (1988) | © Sebastião Salgado

Leichenberge während des Genozids in Ruanda 1994 | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Werk "Workers" (1993) | © Sebastião Salgado

Nach seinen traumatisierenden Erlebnissen in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde fand Salgado nach langer Suche einen neuen Sinn im Leben. Er wollte die Erde so zeigen, wie sie vor Ausbreitung unserer modernen Zivilisation aussah - ohne Straßen, Megacities, Flughäfen - GENESIS. "Ich nahm mir acht Jahre Zeit, um zu schauen. Die wichtigste Erkenntnis war, dass ich Teil der Natur bin, genau wie eine Schildkröte, ein Baum oder ein Kieselstein." (Sebastião Salgado in "Das Salz der Erde")

Foto aus dem Projekt "Genesis" (2013) | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Projekt "Genesis" (2013) | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Projekt "Genesis" (2013) | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Projekt "Genesis" (2013) | © Sebastião Salgado

Foto aus dem Projekt "Genesis" (2013) | © Sebastião Salgado

Der ganz persönliche Beitrag der Salgados zur Beseitigung der Spuren "moderner Zivilisation" findet sich heute auf dem Grundstück der Familie, einer ehemaligen Rinderfarm in Aimorés (Bundesstaat Minas Gerais). Dort wurde 1998 von ihnen das "Instituto Terra" mit dem Ziel gegründet, den hier abgeholzten Regenwald mit 2,5 Millionen Bäumen aufzuforsten. Die schier unglaubliche Aufgabe gelang und eine vom Menschen zerstörte Landschaft verwandelte sich in ein fruchtbares Refugium mit 300 verschiedenen Baumarten, 170 Vogelarten und unzähligen anderen Lebewesen - darunter Ozelot und Puma.

Das Grundstück der Familie Salgado in Aimorés 2001...
Lélia Wanick Salgado ist die Präsidentin des Instituts, das sich einer nachhaltigen Wirtschaftsweise verschrieben hat. Zahlreiche Bildungsprojekte und lokale Initiativen sollen für einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen sensibilisieren.

Ganz praktisch investiert übrigens der TASCHEN Verlag, Salgados Distributionspartner, in das Projekt und "hat nun beschlossen, dem Instituto Terra Emissionsrechte in Höhe seines jährlichen CO2-Ausstoßes abzukaufen, um so seine gesamten Produktions- und Transportprozesse auszugleichen und zugleich eines der weltweit vorbildlichsten Umweltschutzprojekte zu unterstützen." (Quelle)

...und heute. [Quelle]

Es ist ein weiter Weg von Brasilien zur Wrangelinsel, doch hier oben, wo ein Eisbär die Filmcrew in der Holzhütte belagerte, sind wir Zeuge der Arbeit am Genesis-Projekt. Wenn die Hauer der Walrossbullen zusammenschlagen, sich im Hintergrund die eisigen Fluten zu Bergen auftürmen, dann wähnt sich Salgado am Ziel. "Dantes Inferno in der Arktis", schiesst es ihm in den Sinn. Der Zuschauer stimmt zu und weiß nach dieser überwältigenden Zeit im Kinosessel, dass Himmel und Hölle keineswegs zwei getrennte Orte sind.
"Wissen Sie, ich hatte früher den Traum, dass wir wieder wie die Eingeborenen im Urwald sein könnten, das ist vorbei. Trotzdem: Wir müssen ein wenig zurückgehen. Dann können wir dem Planeten viel zurückgeben von dem, was wir zerstört haben, und das Gleichgewicht wiederherstellen, das wir zum Leben brauchen, wie alle Tiere."
(Sebastião Salgado im ZEIT-Interview)

Werke

Other Americas (1986)
Sahel: l’homme en détresse (1986)
Sahel: el fin del camino (1988)
Workers (1993)
Terra (1997)
Migrations and Portraits (2000)
Africa (2007)
Genesis (2013)


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