Sonntag, 10. Februar 2013

Spinne am Morgen ...

Ein dumpfer Schlag. Ruhe. Draußen ist es noch dunkel, als er blitzartig die erste Etage verlässt und auf den kalten Fliesen im Erdgeschoss eine Blutlache vorfindet. Es war dies nicht der erste derartige Vorfall, aber möglicherweise wäre es an jenem Montagmorgen der letzte derartige gewesen. Ansprechbarkeit ist vorhanden, doch der ganze Körper ist von einer großen Schwäche umfangen, die keinerlei Regung zulässt. Er trägt den Körper ins Warme, deckt ihn zu, lagert die Beine erhöht. Mehr ist im Moment nicht zu tun.

Die Ärztin wird nach seiner Schilderung der Ereignisse dem eingeleiteten Prozedere zustimmen, Ruhe verordnen und sich am späten Nachmittag selbst ein Bild von der Lage machen.

Er sitzt am Frühstückstisch und schaufelt etwas abwesend das Müsli in sich hinein. Im Radio werden die häufigsten Todesursachen verkündet - unverändert Krebs und Herz- Kreislauferkrankungen. Außerdem erfährt er, dass Männer in Sachsen-Anhalt anscheinend größere Probleme mit Alkohol haben als ihre Geschlechtsgenossen im übrigen Deutschland (36 Alkoholtote auf 100.000 EW). Er kennt solche Fälle aus dem Bekanntenkreis ebenfalls. Er kennt die Hilflosigkeit, den Willen zum Handeln, aber die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Er wünscht sich jetzt noch intensiver als sonst, die Menschen würden mehr Demut an den Tag legen; sich nicht so oft mit Belanglosem aufhalten, stattdessen öfter helfen, wo Hilfe angezeigt ist.

"Geht in Pflegeheime und leistet dort freiwillige Betreuungsstunden (lest ihnen vor, bastelt mit ihnen, singt mit ihnen, denkt mit ihnen); stellt euer Können weniger Begüterten gratis zu Verfügung: Bei der Projektplanung in Ökoschulen, bei der Feriengestaltung an VHS und in Sportvereinen. Organisiert Fotokurse in eurer Nachbarschaft, gestaltet Ausstellungen, organisiert Stammtische, thematische Wanderungen, bringt Menschen zusammen, begeistert. Versucht, verbitterten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das geht noch immer am leichtesten mit ehrlichem Interesse an der jeweiligen Person/Personengruppe", denkt er.

Die Ärztin entschied sich für eine Infusion, weshalb der Aufenthalt länger als geplant dauerte. Er saß im Wartezimmer, laborierte an den Folgen eines grippalen Infekts, bekam aber dennoch ungefragt genug von den Gesprächen der Anwesenden mit, dass das Zeitungsstudium eine Konzentrationsübung der schwereren Art wurde. Er wusste nicht, was schmerzhafter war: die Inhalte der Patientenunterhaltungen oder seine Lunge bei einem Hustenanfall. Der übliche Nachbargossip wurde ausgetauscht, die Fussballbundesliga durfte nicht fehlen und, ebenfalls lebensnotwenig, die Beziehungskisten der Kinder.

Er kam später ins Gespräch mit der Tochter der Ärztin, die sich dafür entschieden hat, die Praxis der Mutter weiterzuführen. Warum? "Weil hier Bedarf besteht ..." Okay. Bedarf wonach? Bedarf nach Rheumamitteln und Bronchialtropfen bei jungen Menschen? Bedarf nach Gichttabletten und Rückentherapien bei Übergewichtigen? Bedarf nach Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln? Bedarf nach Blutdruckmessung und einem guten Wort? Treffer. Die - Achtung - ältere Kundschaft von Allgemeinmedizinern sucht sehr häufig einen Doktor, um sich umsorgt zu fühlen. Ein gutes Gespräch kann da schon genügen und die Magenschmerzen sind verflogen. Wenn es nur immer so wäre.

Beängstigend fand er die Äußerung, man müsste eigentlich in die Innere wechseln und Diabetes-Spezialist werden. Weil "so viele junge Menschen an Diabetes Typ II", landläufig auch Altersdiabetes genannt, erkranken. Wäre es nicht besser, an die Ursachen dieser "Epidemie" ranzugehen, anstatt auch hier wieder an den Folgen herumzudoktern? Geht ein junger (Land)Arzt heute noch mit Idealismus an seinen Job? Hat ein junger Arzt die Kraft, in sinnvollen Fällen der Medikamentengabe zu widerstehen (und dadurch auch dem inflationären Verbrauch von Schmerzmittel Einhalt zu gebieten)? Hat ein junger Arzt die Chuzpe, Pharmalobbyisten hinauszukolportieren? Will ein junger Arzt heilen oder will er einen Kundenstamm aufbauen?

Denken Sie gleich beim nächsten Arztbesuch einmal darüber nach. Und unterstützen Sie Ihren Arzt bei der Therapie. Denn Passivität macht Sie nicht gesund. Und das wollen Sie doch werden, oder?!

PS: Der Alkoholiker im Bekanntenkreis hat die Grippe. Er kuriert sie mit warmem Bier.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wer ist "Er" ? Umschreibst du damit "Ich" ?

Anderes Thema:
Ich habe gespannt darauf gewartet, was deine Meinung zum Rücktritt deines "Oberhäuptlings" ist, hätte gewettet umgehend was zu lesen...