Montag, 27. April 2015

Interview: 10 Tage im Islamischen Staat

Täglich erreichen uns neue Gräuelmeldungen aus dem Nahen und Mittleren Osten, täglich sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, diese Informationen zu verarbeiten, sie einzuordnen, ihre Hintergründe zu verstehen. Aber kann man die Schlachtung von Menschen vor laufender Kamera überhaupt verstehen? Kann man die Verantwortlichen nach deren Motivation - sofern es dafür eine passende Bezeichnung gibt - befragen?

Der Journalist Jürgen Todenhöfer (in seinen politischen Ansichten offenbar vom Saulus zum Paulus gewandelt) sprach auf den NachDenkSeiten mit Jens Wernicke über sein neues Buch "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'". Dem Leser werden darin sowohl nachvollziehbare Parallelen zwischen den rücksichtslosen westlichen Interventionen in sogenannten Schurkenstaaten und dem "Erfolg" diverser Terrorgruppen als auch die Schwächen seiner eigenen, unserer, moralischen Basis aufgezeigt.

"Ich wollte das Phänomen IS verstehen. Als ehemaliger Richter ist es für mich normal, mit allen Seiten zu sprechen. Außerdem muss man seine Feinde kennen, um sie besiegen zu können. [...] Warum sollte ich dem IS die Möglichkeit geben, den Zeitpunkt meines Todes zu bestimmen? Mein Sohn akzeptierte, dass es im Notfall diese Alternative gab. Außerdem habe ich wie vor jeder Reise mein Testament neu geschrieben. [...] Es ist nicht alles so schwarz-weiß, wie manche bei uns es gerne hätten. Der IS zelebriert gnadenlos, was der Westen zu vertuschen versucht. Er will uns zeigen, wie pervers unsere Kriege sind und bringt hierzu den Tod in unsere Wohnzimmer. Uns schockiert die barbarische Brutalität des IS, weil wir denken, dass unsere weit entfernten Kriege sauber wären. Erst wenn es um Menschen des Westens, um einen von uns sozusagen, geht, merken wir manchmal, wie pervers und grausam jedes Töten ist. [...] Der IS hat sich eine gnadenlose Privatreligion zurechtgestrickt. Mit Islam hat die nichts zu tun. Wenn der IS Islam ist, dann ist der Ku-Klux-Klan das Christentum. Der IS hat mit dem Islam so viel gemeinsam wie Vergewaltigung mit Liebe. [...] Der IS muss an mehreren Fronten bekämpft werden. Die erste ist die politisch-militärische Front vor Ort. In Syrien und im Irak. Der IS muss dort vor allem von der sunnitischen Bevölkerung besiegt und vertrieben werden. Es würde letztlich wahrscheinlich ausreichen, dass ihm die Bevölkerung ihre Unterstützung entzieht. Wie schon einmal 2007 im Irak. Für hunderte Millionen amerikanischer Dollar übrigens. [...] Erst wenn wir aufhören, den Mittleren Osten zu bombardieren und aufhören, dort korrupte, von uns abhängige Satellitenstaaten zu schaffen, die ihr Volk ausbeuten, erst dann wird der IS seine Basis verlieren. Terrorismus braucht Ungerechtigkeit als raison d’être. Für jedes in Tikrit, Mosul oder Ramadi von uns totgebombte irakische Kind stehen daher 100 neue IS-Terroristen auf."
(Jürgen Todenhöfer)

Das Interview

Jürgen Todenhöfer

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