Mittwoch, 2. November 2011

Drei über Zwanzig

Hach ja, süß. So könnte ich den 30. Oktober diesen Jahres zusammenfassen - aber es bliebe dann leider auch vieles ungesagt. Und wer will schon in diesen Zeiten knapper Worte in den a-capella-Chor unserer politischen Vorbilder (Obama - UNESCO - Palästina; Berlusconi - Staatsdefizit - Italien; Papandreou - Volksentscheid - Griechenland) einstimmen?!

Geplant war eine Fahrt in die sächsische Landeshauptstadt schon länger, allein der Tritt in den Hin**** fehlte. Letzteren versetzte ich mir im übertragenen Sinne nun selbst, als ich unseren beiden Teammitgliedern (und Elbflorenz-locals) von einer Sightseeing-Tour mit Start und Ziel in ihrer Heimatstadt berichtete. Die Route hört auf den schönen Namen "Fünf über Zwanzig" und verspricht nicht weniger als 2200 hm auf 137 km. Die Jungs schluckten den Köder. :-)

Bei einer geplanten Fahrzeit von unter 4 Stunden starte ich an diesem Sonntag mit auf Winterzeit geändertem Tachometer meine 111 km lange Einrollphase um kurz nach 7 Uhr. Unspektakulär (wenn man von den vielen des Nachts überfahrenen Igeln einmal absehen mag - und auch deren Schicksal ist im Herbst leider unspektakulär zu nennen) rollt es über Colditz, Hartha, Döbeln und Nossen Wilsdruff entgegen.

Eine lebendige Demokratie
Im Örtchen mit den 3 Wildschweinen am Marktbrunnen wähle ich (zum ersten und letzten Mal!) die direkte Stadtpassage als Alternative zur Hauptstraße. Nur soviel: die Schnellspanner blieben zu.

Anschließend folgte die Abfahrt ins Elbtal durch die nach Dresden eingemeindeten Örtchen Roitzsch, Podemus, Merbitz und Kemnitz. Unten angelangt, folgt man am besten dem gut ausgebauten Elberadweg bis zum nun nur noch 5 Kilometer entfernten Terrassenufer.
Unser Treffpunkt an der Anlegestelle der Elberaddampfer war bei meinem Eintreffen um 11.02 Uhr bereits von M. okkupiert, U. und A. sollten wenig später folgen.



Der oben verlinkten Streckenbeschreibung ist zu entnehmen, dass es zunächst elbaufwärts bis zur Loschwitzer Brücke und nach deren Querung alsbald auf der Robert-Diez-Straße dem Himmel entgegen geht. Diese Umschreibung ist zutreffend, denn was da charmant als Masochistenkompott bezeichnet wird, hat es wirklich in sich. 600 Meter purer Spaß auf Kopfsteinpflaster der miesesten Sorte. Radlerherz, was willst du mehr?


Wir sollten im Tagesverlauf übrigens noch erfahren, ab wann man Pflaster mit solchen Gradienten nicht mehr befahren kann. Doch jetzt befanden wir uns noch am Anfang der Reise, nur 3 km von der langen Abfahrt zurück ins Tal entfernt. Warum fährt man ins Tal? Um gleich wieder aus diesem herauszukommen.

Sind Radfahrer nicht das fleischgewordene Pin-up aller Motivationsgurus? Hinfallen um aufzustehen, Einstecken um auszuteilen, Leiden um glücklich zu werden,...! Kurz nach zwölf an diesem Sonntag hatten wir andere Gedanken im Kopf. Kurzzeitig waren sogar die Pin-ups verschwunden. Apropos, kannibalische Gelüste verspürte keiner von uns, obwohl sicher nicht nur mir die Beine teilweise brannten. Mit derart friedvollen Gedanken im blutleeren Hirn ging es erneut hinab, diesmal über die Straße Am Pillnitzberg (Achtung: Querrinnen). Ein phantastischer Blick bietet sich dem Besucher, der an der alten Steinmauer über die Weinreben am Schloß Pillnitz hinweg auf das weite Elbtal blickt. Wir ernteten allerdings auch ein paar (bewundernde) Blicke der zahlreichen Sonntagsausflügler, als uns Wünschendorfer und Hochlandstraße - vorbei an eben jener Steinmauer - zum zweithöchsten Berg Dresdens, dem Borsberg (361 m NN), führten.

Jetzt schloss sich eine Passage mit weniger heftigen Anstiegen über das Schönfelder Hochland an. Eine dörflich geprägte Landschaft, die, obwohl zu Dresden gehörend, rein gar nichts mit dem Trubel einer Großstadt gemein hat. Vielmehr sind Felder und Wiesen unsere Begleiter als wir ab Eschdorf auf dem alten Bahndamm der Strecke Dürrröhrsdorf–Weißig nach Wünschendorf rollen. Ab Mühlsdorf hatten wir leider kein Wetterglück mehr, es fing an zu regnen, sodass der Transfer auf der des Wochenends stark befahrenen S 165 bis Hohnstein kein Genuss war.

Aus dem Polenztal geht es gemäßigt im oberen einstelligen Prozentbereich bergan zur Burg Hohnstein. Hat man diese (fast) erreicht, und steht nur noch eine Serpentine zwischen dem Radfahrer und dem Gipfel, macht der Streckenguide "piep", was nichts anderes bedeutet, als jetzt doch bitte die Kindereien sein zu lassen und gefälligst scharf links in den Schulberg abzubiegen. Jetzt sollte sich auch zeigen, ab welcher Steigung man auf feuchtem Kopfsteinpflaster nicht mehr vorankommt; 20% waren mit gelegentlich rutschendem Pneu gerade noch zu schaffen (39 x 28).

Burg Hohnstein

So, Teambriefing: Einer musste zum Zug nach Bad Schandau, die zwei anderen waren einer warmen Zugfahrt auch nicht abgeneigt. Ich entschied mich, ebenfalls mitzufahren und die noch ausstehenden zwei Zwanziger demnächst mit trockenen Füßen anzugehen.





Nach einer Heißen Schokolade im Bahnhof von Bad Schandau, dem Transfer bis zum gemeinsamen Ausgangspunkt und einer Eskorte von A. bis zur B 6 (Meissner Landstraße) mache ich mich gegen 16.15 Uhr an den Heimweg.


Auf gleicher Strecke wie am Morgen, mit guten Kräften, schwachem Gegenwind (max. 10 km/h) und nassen Füßen. Meine Wasser- und Nahrungsressourcen reichen für die gesamte Strecke und der flüchtige Gedanke, den Autarkievorsatz in Döbeln zu unterlaufen, wird erfolgreich in den Wind gepfiffen. Radfahren trainiert in erster Linie den Kopf.

Schloß Colditz
Hach ja, süß.

* 289 km
* 2850 hm
* 11:15 h Netto
* 13:15 h Brutto

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