Mittwoch, 20. Januar 2016

Chrissie Wellington – Ein Leben ohne Grenzen | Buchkritik

"Ich bin ein ganz normales Mädchen aus Norfolk, das sich, wenn überhaupt, durch Abenteuerlust und den Willen zur eigenen Entwicklung von anderen unterscheidet. Das sind Qualitäten, die sich jeder aneignen kann, dem der Sinn danach steht."
(Chrissie Wellington)

Dieses Zitat aus dem Epilog der Autobiographie einer vierfachen Ironman-Weltmeisterin, mehrfachen Weltrekordhalterin sowie Trägerin des britischen Ritterordens dürfte nicht nur für die anderen "ganz normalen" Mädchen aus Norfolk, sondern für alle (jungen) Menschen weltweit eine Inspiration darstellen. Wie also wird man WeltmeisterIn? Wie weckt man seine Abenteuerlust, wie den Willen zur eigenen Entwicklung?

Als Leser wird man mitgenommen auf eine chronologische Reise durch das Leben der Autorin, immer auch mit ehrlichen Innenansichten ihres Gefühlslebens. Schulwechsel, Ausgrenzung, unbedingter Ehrgeiz, Bulimie, Uni-Schwimmteam, Einser-Abschluss in Geographie. "Da ist etwas in mir – nicht gerade eine Stimme, sondern ein tief sitzender Zwang –, das nach Perfektion strebt. Aber es ist meine eigene Version der Perfektion, nicht Perfektion per se, sondern das Beste, zu dem ich persönlich imstande bin." (S. 44).

Ersten Erfolgen als Schwimmerin im Alter von 6 Jahren folgen schnell weitere, den Zusammenhang von Talent, harter Arbeit und Erfolg lernt die junge Chrissie schon früh im Leben. Mit 21 Jahren schließt sie sich einer zweimonatigen Lkw-Expedition von Kenia nach Südafrika an. Das Thema Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung wird am Horn von Afrika jeden Tag buchstäblich greifbar: Die bittere Armut vieler Menschen, der millionenfache Hunger, Erste und Dritte Welt. Ja, in der Weltklasseathletin steckt ebenso eine engagierte Kämpferin für die Rechte der Benachteiligten und Unterdrückten. In ihren Zwanzigern organisiert sie Trödelmärkte zum Spendensammeln, schreibt Artikel für Zeitungen und trifft in Südafrika eine junge Frau, die ihr Leben verändern wird. Was denken andere über mich? Welches Verhalten wird von mir erwartet? Was darf ich sagen? Welcher Weg ist der richtige? Diese Fragen beschäftigen wohl die meisten Menschen – manche im Extremfall ein Leben lang. Chrissie Wellington hat das Glück, auf Jude zu treffen, die ihr so imponiert wie niemand zuvor. Und die ihr Leben verändert. Wer lebenslang nach der Anerkennung und Würdigung durch Dritte giert, wird sich selbst nie finden. Wir lesen im Tagebuch der Autorin: "Ich denke, das spiegelt mein mangelndes Selbstvertrauen wider – ständig brauche ich eine Rückversicherung meiner selbst. Schon seltsam, denn ich bin sicher, dass die meisten Menschen mich in Wahrheit ganz anders wahrnehmen." (S. 52).

Der Entschluss, nicht Jura zu studieren basiert auf einer von mir hochgeschätzten, zutiefst moralischen Entscheidung: Sie kann es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, Unternehmen juristisch zu vertreten, deren Geschäftspraktiken oder Produkte man ablehnen muss. Chapeau! Stattdessen ist der Master in Internationaler Zusammenarbeit das Mittel der Wahl, um in der Entwicklungspolitik Einfluss zu nehmen. Ein 10.000 Pfund-Stipendium sichert ihr den Masterplatz in Manchester, da ist sie gerade in Australien und hängt weitere 6 Monate Reisen durch Asien an. Aus dem ursprünglichen 9-Monatstrip werden zwei Jahre und aus dem jungen, unsicheren Mädchen eine fokussierte Frau. Das Studium endet mit Auszeichnung, doch viel wichtiger ist die Erkenntnis, seinen Körper nicht als manipulierbares Objekt, stattdessen als integralen Bestandteil seiner selbst zu sehen. Liebe dich selbst! Das Verhältnis zu ihrem Körper verbessert sich nachhaltig, der Aspekt gesunde Ernährung und körperliche Leistungsfähigkeit rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Ein falsches Selbstbild ist die Hauptursache für Bulimie. Das soziale Umfeld kann bewusst ("Du bist krank, geh zum Arzt!") und unbewusst ("Du bist so schön schlank!") den Teufelskreis aus Einbildung, Lügen, Selbsttäuschung, Selbstverleugnung und Resignation verfestigen. Aber das soziale Umfeld kann diesen Teufelskreis auch durchbrechen. Dafür muss es selbst intakt sein, vertrauenswürdig, offenen Ohres und nicht vorschnell im Urteil. Ich weiß wovon ich spreche und las deshalb diese Teile des Buches umso aufmerksamer. Als ich vor Fertigstellung der Rezension mit meiner Freundin laufen war, sprach ich diesen Aspekt in der vorliegenden Sportlerbiographie an und erhielt ein paar äußerst schmerzvolle weil unbedingt zutreffende Antworten. Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, die uns ähneln. Wir lesen Biographien, weil sie etwas in uns berühren, weil sie uns beeindrucken, weil sie uns die Welt durch andere Augen zeigen, weil sie uns unser eigenes Leben zeigen. Direkt oder indirekt. Ich hätte nie gedacht, dass dieses Buch so schmerzen kann.

Chrissie Wellington ist eine Getriebene, die das Glück hat, ihren Antrieb zeitlebens positiv kanalisieren zu können. Sie will jedes begonnene Projekt zu 100 % abschließen, sie will stets das Bestmögliche erreichen. Neben dem Schwimmen wird rasch das Laufen eine ihrer größten Passionen und die Anmeldung zum London-Marathon 2002 schlicht folgerichtig. Sie trainiert diszipliniert und finisht mit 3:08 h (38. von 7.956 Frauen). Zum Sieg Paula Radcliffs sagt sie: "2:18:56 h [...] da gab es also noch genügend Arbeit für mich." (S. 81).

Immer besser sein wollen als andere, woher kommt der Antrieb? Als ich das Buch einen Tag vor Weihnachten in der Bibliothek einer guten Freundin (und Ironman-Athletin) fand, hatte ich die Hoffnung, darin eine Antwort zu finden. Ich erhoffte mir vom Lesen tiefe Einblicke in die Psyche einer Weltklassesportlerin. Denn den London-Marathon laufen Tausende, an Zeiten unter 2:30 h orientiert sich dagegen nur eine Handvoll. Ich möchte wissen, warum die einen ehrgeiziger sind als die anderen, ich möchte verstehen, warum die einen gewinnen wollen und alles dafür tun und der Rest zeitlebens unerfüllte Wünsche mit sich trägt beziehungsweise (un)zufrieden mit seinem Platz in der großen Masse ist.

Der Übergang von einer Beamtin hin zur Profitriathletin ist fließend. Einen Monat vor dem damaligen London-Marathon tritt sie besagte Stelle beim britischen Ministerium für Umwelt, Ernährung und Gemeindeangelegenheiten an, um dann ihre Wunschposition zu erhalten. "Das Einzige, was ich bei diesem Ministerium tun wollte, war die Arbeit in der Abteilung EPINT (Environment Protection International). Und genau diesen Posten bekam ich auch – ein Traum wurde wahr. Ich sollte in dem Team arbeiten, das den gesamten Beitrag der britischen Regierung zum Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung koordinierte." (S. 83). Tägliches Lauftraining vor und nach der Büroarbeit bestimmt den Alltag in London, sie wird Mitglied in einem ambitionierten Laufclub, sie übernimmt beruflich mehr Verantwortung. So hätte dieses Leben weitergehen können. Sicherer, gut bezahlter Posten mit Karriereoption, Sport deutlich über Hobbyniveau, Business-Class-Flüge und 5-Sterne-Hotels auf Konferenzen. Hätte. Wenn man nicht allzu neugierig ist. Aber Chrissie Wellington ist neugierig. Sie will etwas in der Welt verändern, sie will sich verbessern und sucht nach dem besten Werkzeug. Ehrlich und offen schildert sie ein Erweckungserlebnis beim UN-Gipfel auf der südkoreanischen Insel Jeju Ende März 2004. Der Gipfel wird für sie ein Erfolg, am Ende schreibt sie das Papier, das die EU-Position zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen bildete. Und doch spürt sie dort zum ersten Mal "einen nackten Ekel angesichts der Heuchelei des Ganzen" (S. 94).

Über Freunde im Birmingham Running & Triathlon (= BRAT)-Club kommt sie zum Triathlon und im Sommer 2004 gewinnt sie bereits zwei Hobbyrennen. Beruflich bleibt vorerst alles beim Alten, privat schaut sie sich parallel aber bereits nach Stellen in der praktischen Entwicklungsarbeit um. Ein Sabbatjahr, Arbeit für eine NGO in Nepal (80 US-$ Monatslohn), MTB-Rennen im Himalaya, neue Freunde und aktive Selbstfindung bestimmen die Zeit. Widersprüche zwischen Anspruch und Realität der Entwicklungshilfe sowie ihrer Akteure auf allen Ebenen frustrieren sie zunehmend. Sie vermisst die sichtbare Nachhaltigkeit der NGO-Projekte, sie verzweifelt an bürokratischem Starrsinn. "Die 15 Monate, die ich in Nepal verbrachte, waren mit nichts zu vergleichen, was ich sonst bisher erlebt hatte, und ich trat sehr bereichert daraus hervor." (S. 120)

Neuseeland, Südamerika und immer wieder erfolgreiche Teilnahmen an Ausdauermehrkämpfen, die ebenso kurzweilig wie anschaulich geschildert werden, halten den Leser gebannt im Kajak und mit dem Rad auf 5.000 m hohen Pässen. Bis zum Mai 2006, als Chrissie Wellington 29-jährig nach 20 Monaten auf Reisen in die englische Heimat zurückkehrt. Der Entschluss steht fest: Eine Karriere im öffentlichen Dienst ist nichts für sie, stattdessen konnte "ich es nicht erwarten, mich in den Triathlon zu stürzen." (S. 131). Ist es ein Luxusproblem der heutigen Jugend, dass sie sich zwischen sovielen Optionen entscheiden kann/darf? Ist es überheblich, eine gute Stelle zu kündigen, in der Annahme, woanders die Erfüllung zu finden? Warum streben wir nach Erfüllung? Sollte es jeder tun? Wenn morgen alle Verkäuferinnen und Kassiererinnen nach Erfüllung streben (Anmerkung: Ein willkürliches Beispiel, nichts liegt mir ferner als diesen Berufsstand zu diskreditieren.), dann können Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nichts mehr kaufen. Punkt. Eine Welt mit ausnahmslos sinnlich erfüllten Menschen ist unmöglich denkbar. Allein schon aus der Tatsache heraus, dass wir alle unterschiedliche Vorstellungen von einem Sinn haben, aber zusammenleben. Aus dieser Erkenntnis heraus speist sich gewiss ein Teil meiner Faszination für Biographien wie die hier vorliegende. Ich weiß, dass solche Leben außergewöhnlich sind. Und ich weiß, wie hart man dafür arbeiten m u s s.

Im September 2006 wird sie in der Schweiz erstmalig Weltmeisterin der Amateure und kurz darauf steht die wohl wichtigste Reise auf dem Plan. Jene ins Schweizer Bergdorf Leysin. Brett Sutton wird ihr Trainer, Manager, Physiologe und Psychologe. Sie muss sich seinen Vorgaben, seinen sehr harten Trainingseinheiten, seinen psychologischen Spitzfindigkeiten beugen, will sie als Profi das gleiche erreichen wie als Amateur: Weltmeisterin sein. Die Kapitel fesseln und man kann das Buch kaum beiseite legen. Die schrittweise Abgabe der Kontrolle an den Trainer und das völlige Vertrauen auf seine Methoden mag schon für durchschnittliche Athleten eine Herausforderung sein, für Perfektionisten sowie vormals psychisch Labile wie Chrissie Wellington ist es die Hölle. Man leidet mit ihr beim Platzen des Traums von Olympia und tritt beim ersten Start in Kona 2007 im Morgengrauen aufgeregt ans Ufer des Pazifiks. Die Kapitel 8 bis 10 liest man in einem durch, hier ist man ganz nah am Geschehen in den Trainingslagern dabei; bei Wettkämpfen; liest E-Mails des Trainers; wird gemobbt; wird das Werden einer Weltklasseathletin mit Höhen und Tiefen transparent.
"Was mich mehr als alles andere motiviert, ist diese kleine Stimme in mir, die mich antreibt, mein volles Potenzial zu entwickeln. Jeder hat diese Stimme irgendwo in sich, aber viele trauen sich nicht, auf sie zu hören, trauen sich nicht, es zu versuchen, haben Angst vor dem Versagen. Diese Angst lähmt uns, aber sie ist auch unser persönliches Konstrukt und existiert deshalb nicht in der Realität. [...] Was der gute Triathlet geniessen sollte, ist der Schmerz, mit dem unser Gehirn uns mitteilt, das es nicht mag, wie hart wir uns belasten. Ich habe Trainingseinheiten hinter mich gebracht, die ich niemals für möglich gehalten hätte, normalerweise auf Anordnung eines Trainers, der keinen Widerspruch duldete, jedoch auch aufgrund meines Dursts nach einem Wegschieben von Grenzen. Der Schlüssel liegt darin, das Versagen nicht zu fürchten." (S. 195 f)

Ja, es gibt solche Zitate wie das eben und ja, sie klingen heroisch. Wie aus einem Motivationskalender; fehlt nur die Hollywoodmusik von Hans Zimmer. Nun, man muss bei jedem Autor zwischen den Zeilen lesen und bei dieser Autorin ist das nicht anders. Wer dazu bereit/imstande ist, lernt sehr viel.

Abrisse zu unterschiedlichen Trainingsphilosophien, die Bedeutung spezifischer Kraft- und Athletikeinheiten, konkrete Einblicke in den eigenen Wochentrainingsplan, Sporternährung sowie mentale Techniken sorgen für den nötigen "fachlichen" Hintergrund. Doch besonders spannend fand ich die Schilderungen rund um das Jahreshighlight "Kona". Anreise, Quartier, Rituale, Renneinteilung, Pannenbehebung, Qualen, Blazeman-Rolle, Freunde, Familie. Im Jahr zwischen dem ersten WM-Titel auf Hawaii und der Titelverteidigung 2008 verändert sich viel in der Beziehung zu ihrem Trainer. Sehr nah lässt sie den Leser an Konflikten in der Trainerbeziehung und beim Ordnen des neuen, mehr denn je im Rampenlicht verlaufenden Lebens teilhaben. Nach dem zweiten Kona-Erfolg hätte ich gern erfahren, welche konkreten Projekte dank ihrer Hilfe ins Leben gerufen worden, gern hätte ich erfahren, wer genau auf einen zutritt nach Aufsetzen des Lorbeerkranzes. Der Leser erfährt es nicht. Dabei finde ich solche Fakten nicht privater als Details aus den Flitterwochen von Freunden in Südamerika (Dennoch: Hammer! Solch eine (Tor)tour träfe auch meinen Geschmack!).

Im Januar 2009 trifft sie ihren späteren Ehemann Tom Lowe auf Lanzarote. "Oh, wow, das wird ernst, dachte ich. Ich kenne diesen Typ kaum 14 Tage, und schon trifft er meine Familie! Aber ich wusste, dass es das Richtige war." (S. 254)

Lowe war zwölf Jahre bei der britischen Armee im Bereich Telekommunikation tätig und dort offenbar mit soviel Freizeit gesegnet, um auf Wettkampfniveau für die Mitteldistanz zu trainieren. Er teilt mit Chrissie W. die gleichen Ambitionen; er will Spitzenleistungen im Sport erreichen, er will reisen, er ist aufgeschlossen. Gemeinsam ziehen sie relativ schnell nach Boulder/Colorado in eine eigene Wohnung. Das Mekka vieler Triathlonprofis bietet aufgrund seiner Lage, seiner Infrastruktur und des liberalen Umfeldes nahezu ideale Trainingsbedingungen. Hier wird eine Legende des Ironmans der neue Trainer, hier werden die Grundsteine für unglaubliche Leistungen gelegt (2009 WM-Titel Nr. 3 / 2011 Weltrekord in Südafrika: 8:33:56 h / 2011 Weltrekord in Roth: 8:18:13 h). Fast zu Herzen geht die Beschreibung des gemeinsamen Starts mit ihrem Freund beim Ironman Arizona im November 2010. Für ihn der erste Ironman, finisht er in unglaublichen 8:11:44 h mit neuem britischen Rekord 25 Minuten vor der dreifachen Ironman-Weltmeisterin. "Schwimmen ist die einzige Disziplin, in der ich Tom überlegen bin." (S. 306)

Ironman Arizona 2010 | Bildquelle
"Doch der Höhepunkt des Tages war, die Ziellinie zu überqueren und dort Tom zu treffen, der von einem Ohr zum anderen strahlte. Wir fielen uns in die Arme und waren selig. Umarmungen sind am Ende eines Ironmans nicht Neues, und normalerweise umarmt man geliebte Menschen oder man umarmt Athleten, die auch den Ironman geschafft haben. Ich hatte noch nie jemanden umarmt, der beides in sich vereinte. Das war etwas Besonderes." (S. 307)

Nach der Verleihung des MBE und der Ehrendoktorwürde beginnt das Jahr 2011. Ausgewogenheit und Intensität bestimmen ihr Leben, Zeit für die Familie ist vorhanden (der Bruder heiratet am 29. April, parallel trauen sich Prinz William und Kate Middleton), höhere Leistungslevel werden erreicht. Gerade jetzt habe ich mir etwas Abstand von der eigenen Person und mehr Reflektion gewünscht. Zigtausend Flugkilometer im Jahr – ist das vertretbar? Meine Prominenz – was wurde dank ihrer Hilfe bereits in der Welt zum Positiven verändert?
"Ich jage nicht Rekorden hinterher, sondern meiner eigenen Weiterentwicklung. Und dafür darf man es sich nicht leicht machen." (S. 336)

Die eigene Weiterentwicklung steht im Kern dieses Buches und das Finale stellt sowohl die Befriedigung eines lang gehegten (durchaus masochistischen) Wunsches als auch die letzte Gratwanderung zwischen Selbstzerstörung und Selbstverehrung dar. Ihr letzter Start auf Kona soll zugleich den 13. Sieg beim 13. Ironman bringen und sie so fordern wie kein Wettkampf je zuvor. Ist das vertretbar? Darf man mit Verletzungen an den Start gehen? Hat man im Blick, eventuell ein falsches Vorbild abzugeben? Jeder ist für sich selbst verantwortlich, keine Frage, aber eine Person dieser Liga hat auch Außenverantwortung über die eigene Familie hinaus, Verantwortung für das Ansehen des Sports insgesamt. Entschlossenheit trotz 3,5 kg Kilo Gewichtsverlust während des Rennens und Urin mit der Farbe von Roter Bete.

Was man in fünf Jahren alles erreichen kann, beweist Chrissie Wellington auf eindrucksvolle Weise und schildert es detailreich. Was sie mit 34 Jahren auf der Haben-Seite stehen hat, ist nur ganz ganz wenigen Menschen vergönnt. Sie lebt ihren Traum, während die Mehrheit nur davon redet bzw. nie die Gelegenheit erhalten wird. Das Kapitel mit den "Helden des Ironman" zeigt, dass dieser Sport eine ganz besondere Faszination ausübt. Einmal in Kona zu starten ist zum Mythos geworden. Nie werde ich die ergreifende Geschichte der Hoyts vergessen, nie den Kampf von Jon Blais, nie die Southwoods aus Birmingham. Diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie umgibt eine Aura der Inspiration. Auch Chrissie Wellington inspiriert. Nicht aufgrund des Profi-Jetset-Lebens, das ist in meinem Augen eine perverse "Pflicht", nein, eher aufgrund des Glaubens an sich selbst und des steten Willens, dazuzulernen, besser zu werden, das Bild im Spiegel zu mögen.

Offenbar war sie insgeheim schon immer die Einzelkämpferin, die letztlich den Triathlon als optimalen Lebensweg finden musste. Nach dem Verlassen ihrer Posten in der britischen Regierung und in der NGO: Was müsste an den Strukturen verbessert werden, um effektiver Fortschritte z.B. auf dem Gebiet der internationalen Zusammenarbeit zu erreichen? Wäre sie unter veränderten Arbeitsbedingungen geblieben? Ich wünsche mir mehr Einblick in die Gedankenwelt – Gespräche mit ihrem Freund, mit ihren Eltern, mit Kollegen, mit Freunden, Sponsoren. Was ändert sich alles konkret nach Konasieg(en)? Wie verändern sich die Leistungsparameter von Saisonstart bis -ende? Wie leistet sie jetzt Hilfe an der Basis? Wie passt z.B. der internationale Triathlonzirkus zur globalen Ungleichverteilung? Was sind ihre Lieblingsbücher und warum? Wie um alles kann frau sich zu 8 h Training überwinden, jahrelang?

Fazit

Das Buch ist ein flüssig geschriebener, durchaus gelungener Kompromiss aus Vita und Gedanken. Es ist ein sehr lesenswerter Lebensweg und man hat Mühe, einmal angefangen, das Buch beiseite zu legen. Allerdings bleibt der subjektive Wunsch, bisweilen noch mehr Blicke "hinter die Kulissen" zu erhalten. Ihr Idealismus ist bemerkenswert, freilich darf er kein Ratschlag für jedermann sein. Ich empfehle dieses Buch trotz nicht aller erfüllten Erwartungen unbedingt zur Lektüre. Voraussetzung: Sie haben ebenfalls Ideale.
"Ich sehe mein Leben am liebsten als Baum mit Ästen, die sich in alle möglichen Richtungen strecken. Es gibt kein Ziel, nur den Impuls zu wachsen. Meine einzige beständige Verhaltensweise ist es, einen offenen Geist zu bewahren und bei allem, was ich tue, mein Bestes zu geben. [...] Ich bin nie aufgebrochen, um Weltmeisterin zu werden – das tun nur wenige normale Mädchen in Norfolk, doch genauso wenig wollte ich jemals mit der Frage "Was wäre geschehen, wenn ...?" zurückbleiben." (S. 364)

















Chrissie Wellington: Ein Leben ohne Grenzen. Spomedis GmbH, Hamburg 2012.

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