Donnerstag, 11. Februar 2016

European Outdoor Film Tour 2015/16

E.O.F.T. 2015/16.
Was haben ein wahnwitziger Longboardfahrer, zwei Weltklasse-Slackliner, eine Schweizer Bergsteigerin, 16 Mustangs und die Fitz-Roy-Traverse gemeinsam? Sie alle sind zentrale Elemente der aktuellen European Outdoor Film Tour.

Mach dein eigenes Ding, sei unabhängig, sei frei, trainiere, strebe nach besseren Leistungen, sei cool: Viele Sportvideos drehen sich im Kern um eben diese Botschaften und viele Sportler hat das Image des coolen, hart trainierenden und außergewöhnliche Leistungen vollbringenden Außenseiters über ihre Szene hinaus berühmt und vermögend gemacht. Diese jedes Jahr stattfindende Tour durch diverse Kinosäle ist also äußerst attraktiv für sowohl die gefeaturten Sportler als auch für die werbenden Marken.

Völlig neue Perspektiven eröffnete im Actionsport die Markteinführung der GoPro-Kameras. Die kleinen HD-Filmer konnte sich fortan jeder auf den Helm, in den Gleitschirm, an eine Teleskopstange, unter Wasser, an eine Drohne oder wo auch immer hinpappen und heraus kamen stets authentische und ganz nah am Geschehen spielende Weitwinkelbilder. Ich war neugierig auf diese "Clipsammlung"! Und wurde etwas enttäuscht.

Der wohl lässigste Beitrag war der erste: James Kelly driftet mit seinem Longboard bei 80 km/h um Serpentinen in der Sierra Nevada. "Burn it Down" ist Programm, denn der 25-jährige Kalifornier verslidet teilweise ein neues Paar Rollen nach bloß zwei Runs. Diesem Typ mit fünf Metern Abstand hinterherzufahren, dabei zuzusehen wie er bei über 100 km/h auf seinem Board steht, auf den Handschuhinnenflächen rote "Rückleuchten" angebracht, macht einfach Spaß.

"Manchmal treibt man es allerdings zu weit – und ich glaube, das ist im "Burn it Down"-Video ganz gut festgehalten. Ich war echt aufgeregt, hab die Grenzen ein wenig zu sehr ausgelotet und so ist es zu diesem Crash gekommen."
(James Kelly)

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Ebenfalls kurzweilig gemacht war der Vergleich der zwei Slackliner Jaan Roose und Andy Lewis in "Masters of Slack". Der erste begleitete Madonna 2012 bei 88 Konzerten auf Welttournee im Showprogramm, der zweite ist eine Slackline-Legende und wollte sich nicht an Madonna verkaufen (man hatte ihn zuerst angefragt). Beide betreiben denselben Sport sehr erfolgreich mit unterschiedlichen Philosophien. Ein Doppelporträt mit Schwächen, trotzdem lohnenswert.

"Alles ist erst mal schwierig, bevor es einfach ist."
(Jaan Roose)

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Wer sich ein bisschen im Red Bull-Kosmos auskennt, dem wird der Name Brandon Semenuk ein Begriff sein. Der Typ hat in seinem Sport Geschichte geschrieben und ist einer der ganz wenigen Dirtbiker, die aus ihrem Hobby einen Beruf machen konnten. Im Clip "Un®eal - The One Shot" wird eine Downhill-Fahrt geradezu zelebriert – in einer einzigen 2:13 min langen Sequenz. Drei Wochen lang schaufelte die 7-köpfige Crew dafür einen Custom-Kurs ins kalifornische Hinterland und plante akribisch den Ablauf. Es hat sich gelohnt, allein schon für den filmischen Wechsel vom Slopestyle- auf das Downhill-Bike.

"Wir wollten die Essenz des Mountainbikens einfangen."
(Darcy Wittenburg)

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Onekotan – schon mal gehört? Drei Freerider aus Österreich hatten bis zum Jahr 2012 ebenfalls keinen blassen Schimmer, um was es sich dabei handeln sollte. Bis sie auf Google Earth diese russische Insel entdeckten, 500 km vom Festland entfernt. Im März 2015 brachen sie dann auf zu einer Expedition, die mehrere 10.000 Euro gekostet haben muss und etliche Tonnen Schiffsdiesel/Kerosin sinnlos verbrannt hat. Für was? Für eine Abfahrt bei Schlechtwetter von einem verschneiten Vulkan auf einer unbewohnten Insel im Nordpazifik. Sie mussten mit einem um Zusatztanks erweiterten russischen Helikopter ausgeflogen werden, weil das Schiff wegen hoher Wellen nicht anlegen konnte. Ich stelle mir unter naturverträglichem Sport etwas anderes vor! "Onekotan – The Lost Island".

"Wir sitzen auf der Insel fest und in Anbetracht des aufbrausenden Zyklons sind wir in Lebensgefahr."
(Matthias Haunholder)

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Warum sind die Outdoor-Sportarten eigentlich nach wie vor so maskulin geprägt? Weil der weibliche Teil der Schöpfung eher darüber schmunzelt, wenn sich die "Jungs" mal wieder mit ihren diversen Spielzeugen messen? Nein, ich denke, das Verhältnis im Breitensport hält sich die Waage, bloß bei besonders gefährlichen Spielarten bzw. den Spitzenleistungen im alpinen oder anderweitig kraftintensiven, athletischen Bereich spielen Männer ihren Testosteron-Vorteil aus. Doch neben der körperlichen Kraft bedarf es auch eines starken Willens, (alpine) Höchstleistungen zu vollbringen. Eine, die das schafft ist Tamara Lunger. Ohne künstlichen Sauerstoff einen 8.000er "by fair means" (= ohne Sherpa-Herde) zu besteigen verdient höchsten Respekt. Im Film ist es der K2 und ganz nebenbei erfährt man in sympathischen Interviewstücken mit ihren Bekannten so einiges über den Menschen Tamara. Kurzweilig, emotional – ein schönes Portrait.

"Heute sehe ich am Berg keinen Unterschied mehr zwischen den Männern und mir. Ich will das Gleiche leisten wie sie, ich will die gleiche Verantwortung. Mit den Männern stehe ich in keinem Konkurrenzkampf. Eher mit mir selbst."
(Tamara Lunger)

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Alex Honnold gehört zu jener illustren Kletterergeneration, für die ein Seil bloß hinderlich ist. Er hat Maßstäbe im Bereich des Free Solo gesetzt, des Kletterns ohne jede Sicherung. Schon 2010 war er bei der E.O.F.T. mit einem Beitrag vertreten, damals noch aus dem warmen Yosemite-Nationalpark. Dass er ein Ausnahmetalent ist, das keine Kälte mag und dem alpinen Kletterstil nicht allzu viel abgewinnen kann, wird in "A Line Across The Sky" deutlich: "Und wie ziehe ich die jetzt an?", fragt er ernsthaft seinen Kletterpartner Tommy Caldwell auf dem Gipfel des Fitz Roy – es geht um Steigeisen. Selbigen haben sie am 13. Februar 2015 als dritten Gipfel beim Versuch der Traverse der Fitz-Roy-Gruppe erklommen. Die Ausrüstung: minimalistisch. Das Selbstvertrauen: unermesslich. Der Humor: selbstironisch. Wenn man diesen Film sieht, fragt man sich als Außenstehender, warum keine Seilschaft vor ihnen diese Traverse aus sieben Gipfeln in Folge bewältigt hat. Zu leicht wirkt alles, zu viel Spaß haben die beiden, zu dilletantisch (mit einer Handykamera) erfolgt die Dokumentation. Sie erhalten für ihre Teamleistung den Piolet D'Or und ganz am Ende schreibt Tommy in sein Tagebuch: "Es sind Gefahren, die man nicht abschätzen kann. Auf der einen Seite bin ich immer noch das Kind, das den Gipfeln hinterher jagt. Aber jetzt bin ich auch ein Vater, der nicht mehr sterben darf."

Für mich bleibt ein fader Beigeschmack, denn der Film vermittelt eine Leichtigkeit, die nur Profis ausstrahlen können. Und selbst die sterben: einen gemeinsamen Freund tötete im gleichen Zeitraum ein herabstürzender Felsblock. Extremalpinismus ist keine Klassenfahrt, auf der gescherzt wird. Hier setzen sich Könner Risiken aus, die für sie aufgrund jahrelanger Erfahrung vielleicht gerade noch beherrschbar sind, die für den Durchschnitt aber weder als Blaupause noch als Vorbild für eigene Bergprojekte herhalten dürfen. Die Botschaft des Films? Zwei Freunde können alles erreichen. Gefährlich.

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Verweilen wir ruhig noch etwas in den Bergen, bloß auf der anderen Seite des Atlantiks: In den Alpen. Der Schweizer Dani Arnold ist Speedkletterer und gemessen an den nackten Zahlen besser als Ueli Steck. Zumindest in der Matterhorn-Nordwand: 1:46 h (22.04.2015). Den Speedrekord am Eiger hat ihm Ueli im vergangenen Jahr wieder abgenommen und auch sonst fragt man sich: Was bitte soll ein 3-Gänge-Menu auf dem Gletscher bedeuten? Statt solcher Werbefilmchen für eine Lifestyle-Marke mit Getränkedosen im Sortiment und Ferngläsern aus Thüringen wünsche ich mir lieber in Summe weniger aber dafür tiefgründigere Beiträge in der E.O.F.T. Nicht alle ticken im 5-Minuten-Youtube-Rhythmus. "1h 46 min".

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125 US-$ kostet die Adoption eines Mustangs, die in den USA zu Tausenden in riesigen Koppeln gehalten werden, um den Rindern den Weidegrund nicht streitig zu machen. Vier junge Amerikaner sind auf der ominösen Suche nach sich selbst und wollen nach dem Uni-Abschluss noch nicht ins bürgerliche Leben einsteigen. Also ziehen sie alternativ mit 11 Mustangs und fünf weiteren Pferden von Süd nach Nord durch die USA – 3.000 Meilen durch fünf US-Bundesstaaten bis zur kanadischen Grenze. Dass die Typen keinen blassen Schimmer vom Umfang ihres Vorhabens haben, wird alsbald deutlich. Nachts nimmt die Herde Reißaus; ohne den Mentor Val Geissler wären sie nach wenigen Wochen in Arizona verdurstet; Cholla-Kakteen piesacken die Tiere in der Sonora-Wüste; der Weg durch den Grand Canyon bringt alle in Lebensgefahr; in Utah muss die Herde drei Tage lang gesucht werden; ein Pferd stirbt aus unbekannten Gründen unterwegs; halsbrecherische Passagen durch Flüsse und über Schneefelder gefährden Ross und Reiter.

"Unbranded" will das Loblied auf die Freiheit singen, die ja sprichwörtlich auf dem Rücken der Pferde zu finden ist. Bloß zur Freiheit gehören nicht nur coole Sprüche, zur Freiheit gehören auch Respekt, Verständnis und Vorsorge. In meinen Augen lernt man von ihm wesentlich mehr über das freie Leben auf dem Pferderücken als von vier Spätpubertierenden, deren intellektuelles Niveau besser beim Spring Break aufgehoben wäre. Das Schicksal 50.000 in Gefangenschaft lebender Mustangs darf und muss thematisiert werden, aber bitte nicht unter dem Deckmantel der angeblich tiefen Verbundenheit zwischen Wildpferd und Mensch und dem Coming of age einer Herde vogelfreier Texaner. Dieser unnatürliche Gewaltritt war eine vorsätzliche Gefährdung für die Tiere, Wildwest-Romantik und Prüfung von Freundschaften hin oder her.

European Outdoor Film Tour

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