Montag, 28. September 2009

Blätter im Herbst

Der ödipale Strudel wirbelte mich herum wie ein dürres Blatt - er brauchte einen Trost nach dem anderen. In manchen Sprachen waren die Konzepte "Wollen" und "Mangel" getrennt, das Englische dagegen zwang die beiden in die nackte Intimität einer einzigen Silbe: want. Man will Liebe, um dem Mangel an Liebe zu begegnen. Der Kampf gegen den Mangel, der bewirkt, dass man immer mehr will. Der Whiskey kümmerte sich nicht besser um ihn als früher seine Mutter oder jetzt seine Frau oder in Zukunft die junge Frau in der rosaroten Wolljacke, vorausgesetzt, er taumelte quer durch den Raum zu ihr, fiel vor ihr auf die Knie und bat sie um Gande. Warum wollte er das tun? Wo war der Adler jetzt? Warum registrierte er nicht kühl und gelassen, dass er sich zu jemandem hingezogen fühlte, und integrierte das in seine gegenwärtige Gemütsverfassung oder darüber hinaus in die simple Tatsache, dass er am Leben war? Warum stürzte er naiv auf das Objekt seiner Gedanken zu, wenn er doch ebenso gut an der Quelle ebendieser Gedanken bleiben konnte? Er schloss die Augen und sank auf seinem Stuhl zusammen.

Da war er nun also, in der Großartigkeit seiner Innenwelt, und jagte nicht mehr rosaroten Wolljacken oder bernsteinfarbenen Flaschen nach, sondern sah zu, wie Gedanken sich in Bewegung setzten wie Ventilatoren in einem warmen, überfüllten Raum. Er sprang nicht mehr mitten hinein in die gemalten Szenen, sondern bemerkte das Flackern, bemerkte die Hitze, bemerkte auch, dass die Betrunkenheit eine gewisse Vorherrschaft von Bildern in seinem sonst vorwiegend wortorientierten Geist erzeugte, und stellte schließlich fest, dass die Auflösung, die er suchte, nicht in Bewusstlosigkeit und Orgasmus, sondern in Wissen und Einsicht lag. Das Problem war, dass die Qual des Strebens blieb, selbst wenn das Objekt seines Strebens wechselte. Er raste auf ein Vakuum zu, anstatt sich von ihm zu entfernen. Na toll. Letztlich würde es ihm besser gehen, wenn er dem klebrigen Trugbild eines heißen Ficks nachjagte. Er öffnete die Augen. Sie war verschwunden. Wollen und Mangel. Ein Universum aus Wollen und Mangel. Unendliche Melancholie.

(aus: Edward St Aubyn: "Muttermilch")

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