Sonntag, 22. November 2009

Samstagsfahrer

Gut Ding will Weile oder wie ging dieser Spruch doch gleich? Nach zwei (meist noch im Bett liegend) abgebrochenen Anläufen in den vergangenen Wochen schien gestern einfach alles zu passen. Ich war motiviert (nicht immer muss ein Berg im Vordergrund stehen ;-)), aber was fast noch wichtiger ist: Die Nachttemperaturen waren für den November mit 8°C ausgesprochen lau, am Tag sollten es 15°C werden und der Wind blies schwach aus Süd (perfekt für die Heimfahrt).

Mit diesen guten Rahmenbedingungen im Hinterkopf erwache ich 2.29 Uhr - eine Minute vor dem Klingeln des Weckers. Man kann das jetzt als gutes Omen, perfekte Harmonie von Körper und Geist ... oder einfach nur Zufall bezeichnen :-). Müsli einwerfen, DLF hören, 18 Riegel in die Taschen, Traubenzucker ins Getränk, Tür abschließen, Lampen einschalten, los gehts (3.26 Uhr). Ich muss im kommenden Jahr eine andere Route für die Fahrt zum Fichtelberg planen, denn auf der aktuellen vergeht die Zeit einfach nicht mehr. Noch 4:06 h bis zum Sonnenaufgang, Edeka- und Netto-LKW im Dienste der "Verbraucher" unterwegs, ein paar Zeitungsausträger: Sie alle bleiben um diese Zeit meine einzigen Begleiter auf dem ansonsten sehr stillen - nur vom Surren der Kette unterlegten - Weg gen Berge. Ich passiere hinter Crimmitschau den Kreisverkehr (Mario, ich wäre gerne wieder ein paar Runden gefahren), denke an eine gute Zeit zurück und freue mich auf die noch bessere in naher Zukunft!



In Zwickau beginnen mich die ersten Autos zu nerven, in Kirchberg (Mareike, um sieben war bei euch noch der Hund ... ähhh ... im Tiefschlaf) ist alles beim alten und in Lichtenau geht (pünktlich auf dem ersten Hügelchen) die Sonne auf. Orangetöne in allen Varianten, Rehe auf dem angrenzenden Feld, 93 km in den Beinen - und den langweiligen Teil der Strecke geschafft. Ab jetzt wird die Landschaft abwechslungsreicher und das Relief anspruchsvoller. Auf der kurzen Abfahrt nach Wolfsgrün bemerkt man deutlich einen Temperaturrückgang und ich bin froh, im Vorfeld dessen wieder mein Kopftuch unter den Helm gezogen zu haben. Dieses Spiel aus Ablegen des Kopfschutzes und anlegen des Kopfschutzes soll sich heute noch oft wiederholen, denn die Luft ist zu warm, um mit dem Ding bergan zu fahren, aber zu kalt, um die Abfahrt gesund ohne zu überstehen. Deshalb wird heuer erstmalig ein Stop in Bockau eingelegt. Heimlich schaue ich mich um, ob jemand am Fenster steht und denkt, "der Typ schiebt jetzt gleich den Berg hoch". Macht der Typ natürlich nicht.

Es geht noch ganz gut hinauf zum Jägerhaus, wenngleich ich bisher immer 39/25 gekettet hatte und nicht 39/28 wie heute. Egal, das sind Randnotizen (oder doch nicht?).
Eigentlich idiotisch: Man quält sich mühsam durch den Wald bergauf und ballert 2 km später wieder mit 80 Sachen ins Tal. Wie gewonnen, so zerr...
Freude macht sich breit, als meine Reifen die Rittersgrüner Straßen erreichen. Ist da vorn ein Radler zu sehen? Ein Mountainbiker kommt mir in kurzen Hosen entgegen - bin ich mit meinen 2 langen Hosen am Körper etwa schon verweichlicht? Bei Tellerhäuser stehen Warnschilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 60 und 30 km/h, weil heute hier eine Treibjagd stattfindet. Ich möchte jetzt nicht mit den Gefühlen einer um ihr Leben rennenden Wildschweinrotte tauschen - und nicht von ihr platt gemacht werden. "Treibjagd" kenne ich sonst im Rad-Zusammenhang nur von den gemütlichen Touren zusammen mit Alex, Mario und Uwe.

Schon mit Blick auf den Grenzübergang, biegt die Straße scharf nach links ab und führt auf den letzten 2,5 km hinauf zum Gipfel des Fichtelberges. Biathleten und Langläufer trainieren hier in der Sommersaison auf einer perfekten Asphaltpiste im Wald. In Anbetracht all der Feuerwehren vor Ort fühle ich mich inmitten einer Großübung. Das ganze Prozedere hat allerdings einen ernsten Hintergrund, denn beim Schwenk um die nächste Kurve sehe ich die qualmenden Reste der Fichtelbergbaude. Brandstiftung wird als Ursache vermutet, denn das Gebäude war zum fraglichen Zeitpunkt menschenleer und die kommende Wintersaison steht vor der Tür. Homo homini lupus!

Nach dem Befüllen der Flaschen und einer halben Ewigkeit Gebastel am Reißverschluss meiner Jacke geht es endlich weiter in Richtung Marienberg. Die B 95 bis Annaberg ist nicht unbedingt als Radstrecke zu empfehlen, ermöglicht bei passendem Wind aber eine ansprechende Reisegeschwindigkeit. Wenn man ein Schild mit "15 km" liest und nach 2 Kilometern das nächste mit "15 km" zum selben Ort fühlt man sich ver******. Klar, im Auto stört das keinen, aber ich hab 150 km in den Beinen und will irgendwann ankommen!!! Das GPS hat mich dann gleich getröstet und die bösen Verkehrsplaner überführt. Hoch, runter, hoch, runter. Aus dem Zschopautal geht es wieder hinauf nach Großrückerswalde und weiter zu meinem Mittagsziel Marienberg. Von hier sind es 19 km Luftlinie bis zur Augustusburg. Aber ich hab ein Mittagstief.

Vor Jahren bin ich nach knappen 100 km auf einer Wiese eingeschlafen, weil ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht den Segen der Molkeriegel erkannt hatte. Heute schlafe ich für 10 Minuten - der Lifestyle-Mensch nennt es "power napping" - in einer Bushaltestelle. Das musste sein, mein Körper hat danach geschrien. Dieser kleine Kniff hat allerdings seine Tücken, gilt es doch dem Wunsch nach "weiteren 10 Minuten" energisch entgegenzutreten. Scheinbar hab ich die psychologisch wichtige Wegmarke "Augustusburg" erst passieren müssen, um die Reserveakkus anzapfen zu können. Es rollt flüssig, keine Schmerzen, keine Riegelengpässe, keine schlechte Laune mehr. Sonnenuntergang 16.16 Uhr - noch 8 Kilometer bis zur Hängebrücke von Sörnzig. Von den Feldern kommend sehe ich die aus dem Muldental aufsteigenden Nebel im letzten Abendlicht. Wunderschön.

Ich sammle die letzten nennenswerten Höhenmeter des Tages in völliger Dunkelheit auf dem Weg zum Rochlitzer Berg. Rascheln abseits des Weges, Mäuse im Laub, Rehe? Ich weiß es nicht. Noch 42 km, es rollt dank Südwindunterstützung immer besser und bis auf den Wackelkontakt in meiner Lampe stören keine unangenehmen Ereignisse die Fahrt nach Hause.
Für 301 Tageskilometer wird kurz vor dem Ziel noch ein kleiner Schlenker eingebaut. Es kommt eben doch auf die Länge an...

Die Tourdaten:

301 km
3839 hm
12:46 h / 15:03 h

Ein paar Profile:

Bockau
Antonshöhe
Fichtelberg
Rochlitzer Berg

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