Dienstag, 26. Januar 2010

Haiti

Vor genau zwei Wochen bebte die Erde. Sie bebt täglich irgendwo auf diesem Planeten, dessen Kruste sich aus beweglichen Platten zusammensetzt (eine Erkenntnis, die wir Alfred Wegener verdanken).
Meist interessieren sich nur Geologen für diese Ereignisse. Meist sterben aber auch nicht 200.000 Menschen. Oder mehr.


(Man erkennt im mittleren Bildteil violett eingefärbt die Stadt Port-au-Prince direkt am Meer und die südlich daran angrenzende von O nach W verlaufende Enriquillo-Verwerfung
Quelle: http://geology.com/news/wp-content/uploads/a-misc/enriquillo-plantain-garden-fault-lg.jpg)


Einen Tag später, am 13.01.2010, sind 80% der Gebäude, das Strom,- und Telefonnetz, die ohnehin marode Trinkwasserinfrastruktur, der Flughafen,... von Haiti zerstört. Nachbeben erschüttern die Insel, während sich weltweit Hilfsteams auf den Weg machen. Es wird die größte Hilfsaktion in der Geschichte der UN. In jener Woche erklären die Amerikaner den Flughafen zu ihrem Kontrollbereich. Ein sehr wichtiger Schritt, um einen Teil der öffentlichen Ordnung (sofern man vorher hätte davon sprechen können) wieder herzustellen. Soldaten kommen in das Land, über 10.000, sie sollen das Wolfsrudel bändigen, nein, sie sollen die Leitwölfe sein.
"Wir brauchen jetzt Führung!"
(Carel Pedré, Radiomoderator auf Haiti, in der FR)
"Nichts wäre dümmer, als die Slumviertel zu Horten edler Armut zu stilisieren."
(Hans Christoph Buch)
Es ist ein Weilchen her, dass US-Soldaten beim Einmarsch in ein Land winkend begrüßt wurden.
Beim letzten Aufenthalt der Gottesarmee auf Haiti (1915-1934) wollten die USA noch die Rassentrennung einführen. "The times, they are a changin." (Bob Dylan)

Sonntag, der 17.01.2010, eine Ärztin berichtet gegenüber CNN: "Innerhalb der nächsten 24 Stunden muss ein Drittel der Patienten dringend operiert werden. Sonst sterben sie." (Jennifer Furin) Die Operationen finden meist unter freiem Himmel oder in Zelten statt. Amputation auf der einen Trage, Entbindung am Nebentisch. Es zählt das nackte Überleben, es gibt keine Statussymbole, es hilft, wer dazu in der Lage ist. Seuchen?
"Hier, im verwahrlosesten und ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre, waren die Seuchen schon vor dem Beben allgegenwärtig."
(Alexander S. Kekulé, Prof. f. Med. Mikrobiologie)
6000 Häftlinge sind aus dem beschädigten Staatsgefängnis geflohen. Who cares? Es gibt wichtigeres. Plünderer werden auf offener Straße erschossen, eine US-Fotografin macht Nahaufnahmen der Sterbenden, geht weiter. Viel Erfolg bei der Wahl zum World Press Photo!

550 Millionen US-$ Soforthilfe von der Weltbank, 420 Millionen aus Europa, 100 Millionen aus den USA, Bill Clinton (Uno-Sonderbeauftragter für Haiti) verteilt persönlich Hilfspakete und seine Frau spricht von einer "biblischen Tragödie". Was wäre die Welt ohne ihre friedens- und einheitstiftenden Religionen? Nur halb so schön, denn Missionare bringen Licht in die letzte Höhle.
Schon vor dem Beben liefen in Deutschland 64 Adoptionsverfahren für haitianische Kinder. Die Zahl wird steigen, denn fast die Hälfte der Einwohner von Port-au-Prince sind Kinder.
Derweil verschwinden weiter Kinder spurlos aus Hospitälern (aktuell 15). Unicef fordert den Stopp jeglicher Adoptionen.

Der SPIEGEL schrieb vor einer Woche "Soll man das postbiblisch nennen? Oder doch bloß apokalyptisch?" Ein Gedanke, den ich etwas weiterspinnen möchte.
Es gab eine Zeit, in der Haiti eines der wichtigsten Exportländer für Blutkonserven war, eines, das den Weltmarkt mit Kaffee und Zucker versorgte. Eines, in dem nicht 5% der Erwachsenen HIV-positiv sind, in dem nicht 7000 pro Jahr an Tuberkulose sterben, in dem nicht 50% der Einwohner kein sauberes Trinkwasser haben. Und eines, das keinen Reis importieren musste (dieser wird heute aus den USA importiert - was die einheimische Produktion zum Erliegen brachte).

Was ist geschehen?

1749 wird Port-au-Prince von den Franzosen als Hauptstadt Haitis gegründet und bereits 42 Jahre später werden die Kolonialisten von der schwarzen Bevölkerung vertrieben. 1804 emanzipiert sich Haiti als erste Kolonie von seinem "Mutterland" und wird selbständig. Die ehemalige Kolonialmacht boykottierte die neue Republik, das Exportgeschäft brach zusammen. Frankreich presste jahrzehntelang Gelder aus dem Land (unter dem Vorwand, nur dann dessen Selbständigkeit anzuerkennen).

Ab 1844 wird der Ostteil der Insel Hispaniola zur unabhängigen Dominikanischen Republik und der Westteil von Diktatoren beherrscht. Prägend waren die Namen Francois Duvalier ("Papa Doc") und Jean-Claude Duvalier ("Baby Doc"), die von 1957 bis 1986 ein brutales Regime mit vielen Toten installierten - übrigens gedeckt von den USA, weil diese darin ein "Bollwerk" gegen Fidel Castro sahen. Ab 1990 untersteht das Land der UN-Kontrolle, es bekommt einen neuen Diktator (Jean-Bertrand Aristide), diesmal jedoch unter UN-Aufsicht. Frankreich und die USA flogen ihren einstigen Schützling dann vor 6 Jahren nach Südafrika aus. 40 Millionen US-$ sollten für einen ruhigen Lebensabend ausreichen. Aktuell regiert René Préval. Nein, "regieren" ist falsch. Er lebt(e) im (auch eingestürzten) Präsidentenpalast.
"Die Eliten sind wie ein gewaltiger Elefant, der sich auf das Land gesetzt hat und es daran hindert, sich zu entwickeln."
(Michelle Pierre-Louis, Ex-Regierungschefin von Haiti, in der FR)
Aktionsbündnis Entwicklung Hilft
Stichwort "Haiti"
Konto: 51 51
BLZ: 370 205 00
Bank für Sozialwirtschaft

PS: Sehenswert ist der Blog von Alice Smeet

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