Donnerstag, 28. Januar 2010

Von Vögeln und Menschen

Im aktuellen ZEIT Magazin findet sich ein hochinteressantes Gespräch zwischen Stefan Klein (Biophysiker) und Jared Diamond (Geowissenschaftler im humboldtschen Sinne).

Auszüge:
"In unserer Jugend sind wir alle vielseitig interessiert. Später sagt man uns ja, dass wir uns spezialisieren müssen, und die meisten Menschen verlieren diese Breite. Ich habe damals Medizin studiert und begann, die inneren Organe zu erforschen. Nach der Doktorarbeit dämmerte mir, dass ich mein Leben fortan der Gallenblase widmen würde. Diese Aussicht erschien mir grausam." (Jared Diamond - Physiologe, Ornithologe, Geograf, Anthropologe, Evolutionsbiologe, Naturschutzaktivist, Paläontologe, Historiker)

"Außerdem finde ich meine Themen zu wichtig, um sie in akademischen Zeitschriften zu begraben. Eine Veröffentlichung in einem Fachjournal bewirkt gar nichts gegen rassistische Ideen." (J.D.)

Stefan Klein: "Würde sich unser Verständnis der Geschichte ändern, wenn die Historiker Statistik beherrschten?"
Jared Diamond: "Das glaube ich in der Tat. Sie haben es nur viel zu milde ausgedrückt. Viele Historiker sind so verliebt in ihren speziellen Fall, dass sie den größeren Zusammenhang missachten. So wird Geschichte zu einer Erzählung, die nichts weiter besagt." [...]

"Auch ist es kein Zufall, dass der extreme Islamismus in Ländern des Nahen Ostens gedeiht, die durch Jahrhunderte der Entwaldung und Erosion heute weithin unfruchtbar sind." (J.D.)

"Stellen Sie sich vor, die ganze Welt wäre wie heute Somalia oder Haiti: Dann haben Sie das schlimmstmögliche Szenario. Leider ist es alles andere als unwahrscheinlich. Wenn wir so weitermachen wie bisher, kommen wir in 30 Jahren dahin." (J.D.)
Greifen wir uns doch gleich Haiti heraus (welch schöner Bogen zum Vorgänger-Post). Übrigens ist dieser hier der 101. Beitrag in meinem Blog seit seinem Erscheinen vor 12 Monaten. Die Thematik Wachstum wird (da vor kurzem durch ein sehr tolles Video angeregt - special thanks to Mario) auch sobald wie möglich behandelt, denn es brennt unter meinen Nägeln.

Haiti, Somalia, die Welt in 30 Jahren? Nun, ich widerspreche. Somalia ist ein hilflos sich selbst überlassenes Land, einst fremdgesteuert, jetzt führungslos und ohne funktionierenden Staatsapparat. Die Piraterie ist im Grunde die späte Konsequenz aus Fehlern der europäischen Kolonialisten... und das wissen diese nur zu gut. Und Haiti? Auf den Punkt gebracht: Machtmissbrauch und gekränkter Stolz.

Die Menschheit ist prinzipiell ein globaler Superorganismus. Wie Ameisenvölker und Bienenstaaten (zugegeben, die agieren noch nicht global). Hölldoblers und Wilsons (die bekanntesten Forscher zum Thema soziale Insekten) Ergebnisse lassen sich jedoch nicht 1:1 zum Verständnis der menschlichen Vergesellschaftung anwenden. Warum? Nun, die kulturelle Evolution ermöglichte uns - über taktile Elemente und chemische Signalstoffe hinausgehend - individuell und dennoch als Teil einer Gruppe zu leben. Das würde sich sicher so manche chemisch kastrierte Biene wünschen.

Wie bekomme ich jetzt bloß den Schwenk von Ameisen hin zur Abhängigkeit vom Öl gelöst?
Ha, Ameisen beuten ihre Lebensgrundlage nicht aus. Wir schon.

Die großen Staaten (und -gebilde) Europa, China, die USA haben die Zeichen der Zeit erkannt und investieren in das Zeitalter nach dem Öl. Leider ist es eine Unbill der menschlichen Psyche, Tatsachen erst dann richtig ernst zu nehmen, wenn diese tatsächlich eingetreten sind. Innovation bedeutet Risiko & Alleingänge bedeuten Risiko. Die Forschung gäbe schon heute die Möglichkeit her, sich emissionsfrei von A nach B zu bewegen (gewiss vorerst nur auf dem Landweg, denn den A380 wird es mit Elektromotor so fix nicht geben). Das Hauptproblem ist die (auch Lastspitzen abdeckende) Grundversorgung mit Strom aus regenerativen Quellen. Viele Wege werden beschritten, am erfolgversprechendsten jedoch dürfte der "Autarkie-Ansatz" sein. Jeder Haushalt produziert seinen eigenen Strom. Auch für das Auto in der Garage. Es gibt da schon verblüffende Lösungen...

Wir leben in einer globalisierten Welt. Alles ist mit allem vernetzt (schöne Grüße an die Leser meines Blogs auf Neumayer III) und voneinander abhängig. Die USA finanziell von den Chinesen (denn die haben irrsinnig hohe Kapitalreserven in US-$ und können dessen Wert quasi allein bestimmen) aber auch die Chinesen von den USA, denn irgendjemand muss ja die Güter kaufen...
By the way, vorgestern hab ich gelesen, dass Geschlossene Schiffsfonds abgestürzt sind. Tragisch, tragisch.

Zurück zum Thema. Die Vernetzung der Welt macht alle verwundbar und deshalb auch alle vorsichtig. Der Untergang der Zivilisation auf der Osterinsel etwa betraf 20.000 Menschen - auf dem isolierten Eiland mitten im Pazifik gab es keine Alternativen zum eigenen Tun, keine Kritik von außerhalb. Keine Hilfestellung. Ohne Wald kein Überleben. Die Mayabevölkerung verschwand nach 800 n. Chr. Überbevölkerung, Abholzung, Dürren, Kriege sind die Hauptfaktoren für deren Untergang. Da halfen selbst die grausamsten Menschopfer nichts mehr. Heute steht uns das Wissen aus jenen Epochen zur Verfügung, der Mensch lernt aus seinen Fehlern (okay, Späßle) und hat Möglichkeiten wie nie zuvor in seiner Geschichte. Leider ist auch unser destruktives Verhalten so gefährlich wie nie zuvor.

Was würde ich für die nette Star-Trek-Utopie geben, einer Gesellschaft anzugehören, deren allseits anerkannter Zweck die Mehrung des Wissens und die Weiterentwicklung der Zivilisation ist. Sämtliche Grundbedürfnisse sind gedeckt (da ergibt sich das erste Problem, denn wie soll ein allgemein anerkannter Maßstab aussehen?). Also 3 süße Mädels hielte ich zum Beispiel für nicht vermessen ;-). Sind die Grundbedürfnisse gedeckt, gibt es keine Kriege mehr, keine Rivalitäten ... alles möglich, wenn sich Produkte quasi aus dem Nichts replizieren ließen. Und dann? Wer soll das kontrollieren? Der Mensch müsste Gene besitzen, die seine Expansion beschränken, ihn zur eusozialen Drohne machen (selbst dort funktioniert das nur mit chemischen Tricks) und den Egoismus beenden. Aber dann wären wir in der Konsequenz nichts weiter als stumpfe Roboter, willig, einem Zweck dienend, langweilig.
So schnell kann man Utopien zerlegen.

Ich geh jetzt was essen.

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