Montag, 3. Mai 2010

Sin nombre

Was würdest du tun, wenn dein Chef deine Freundin mit sich nimmt, kurze Zeit später zurückkommt und erklärt, sie sei "zur Hölle gefahren"?

Dir schwören, ihn umzubringen. Ganz genau.

Die geschilderte Szene stellt den Wendepunkt im bis dato dahintreibenden Leben von El Casper, ein mexikanisches Gangmitglied, dar.
Eine Welt, in der Respekt, bedingungslose Loyalität und kein eigener Wille die Gesetze sind, war Casper immer ein Außenseiter.

Gleichwohl zu intelligent für diese Szene, blieb ihm im mexikanischen Chiapas doch keine andere Wahl, als sich unter den Schutzmantel einer Gang zu stellen, die ihm einen "Broterwerb" ermöglichte und irgendwie auch die Familie ersetzte. Leider ist die Handlung keine Fiktion sondern barsche Realität, fast schon semidokumentarisch zu nennen.

Flüchtlinge aus Honduras und anderen Staaten suchen ihr Heil in/auf den Zügen, die nach wochenlanger Fahrt gen Norden an die amerikanische Grenze gelangen und sich ihrer verbliebenen menschlichen Fracht entledigen.
Auch an Bord dieser Züge gehen die Bandenmitglieder auf Raubzug, nehmen den Flüchtlingen noch das wenige Geld aus der Tasche. El Casper ist nach der geschilderten Eingangsszene oben mit seinem Boss an Bord eines dieser Züge, reißt Planen von den Köpfen, der vor dem Regen Schutz Suchenden und fordert widerwillig - mit einer Machete bewaffnet - die Wertsachen.

Die zwölfjährige Sayra, auf der Flucht gen Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zusammen mit Onkel und Vater, gerät in den Fokus des Bandenbosses. Er will sie vergewaltigen ... und stirbt durch einen Hieb Caspers in den Hals. Rache für den Tod seiner Freundin, der Tropfen Wasser, der das Fass zum Überlaufen bringt? Viele Antworten, alle sind richtig.

Gemeinsam setzen sie die Fahrt fort, verfolgt von den Häschern der Bande und unsicher im persönlichen Umgang miteinander. Sayra glaubt, die Prophezeiung ihrer Oma wahr werden zu sehen ("Du schaffst es nur an der Seite des Teufels über die Grenze.") und sucht den Kontakt zu Casper. Dieser weiß, dass er bereits tot ist und will ihr junges Leben nicht gefährden.
Er verlässt den Zug. Aber Sayra hat ihn durchschaut, ist ebenfalls ausgestiegen.

Auf dem Landweg geht es weiter gen Norden bis zum Grenzfluß zwischen Mexiko und Amerika.
Irgendwo am Rio Bravo del Norte / Rio Grande ist die Reise zu Ende. Eine Kamera mit den Erinnerungen zweier Leben bleibt zurück. Digitale Bilder, einen Knopfdruck vom ewigen Löschen entfernt. Namenlos.

Ein berührender, ja, ein beklemmender Film. Die Maske der Zivilisation verdeckt nicht viel. Sie verdeckt fast nichts. Darunter ist nackte Gewalt, Gier, Triebe und das Gesetz der Wildnis.


Sin nombre.

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