Montag, 31. Mai 2010

Warten auf Godot

Halb Deutschland, nein, ganz Deutschland jault über den verregneten Mai, dem Bundes-Jogi stirbt das Aufgebot für Südafrika weg, BP tankt weiter den Golf voll, auf den heutigen Titelseiten der deutschen Presselandschaft findet sich die neue Heldin der Republik und am Nachmittag tritt der Bundespräsident zurück. Was für ein Tag.

Operation "Top Kill" fand ich irgendwie schön. Typisch amerikanisch martialisch, typisch kraftstrotzend, typischerweise mit ungewissem Ausgang. Sie ist gescheitert.

In Afghanistan ist der Ausgang noch ungewiss. Wirklich? Die Nachrichtenlage aus dem Land am Hindukusch erschöpft sich momentan auf den geplanten Bau einer chinesischen Eisenbahnlinie, auf die politische Beteuerung, Deutschland habe kein wirtschaftliches Interesse an den Stabilisierungseinsatz ... den "Man-könnte-es-umgangssprachlich-Krieg-nennen-Einsatz" (Freiherr zu Guttenberg) gebunden sowie auf motivierende Worte des Bundespräsidenten zur "Truppe":
[...] "Die Soldaten unter Ihnen haben gelobt, unserem Land treu und
tapfer zu dienen. Genau das tun Sie hier in Afghanistan. Sie sind
bereit, das Höchste, Ihr Leben, für unsere Werte, für Frieden, Recht
und Freiheit einzusetzen. Ihr Einsatz stellt Sie vor schwierige und
schwierigste Entscheidungen. Ich habe volles Vertrauen in Ihre
Professionalität und Gewissenhaftigkeit. Unser Land kann stolz auf Sie
sein." [...]
(Horst Köhler am 21.05.2010 im deutschen Feldlager Masar-i-Sharif)
Wenig später auf dem Rückflug das verhängnisvolle Interview mit DRadio (ein Auszug):
[...] "Nein, wir brauchen einen politischen Diskurs in der Gesellschaft, wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen. Wir brauchen den Diskurs weiter, wie wir sozusagen in Afghanistan das hinkriegen, dass auf der einen Seite riesige Aufgaben da sind des zivilen Aufbaus - also Verwaltung, Korruptionsbekämpfung, Bekämpfung dieser Drogenökonomie -, gleichzeitig das Militär aber nicht alles selber machen kann. Wie wir das vereinbaren mit der Erwartung der Bevölkerung auf einen raschen Abzug der Truppen.


Ich glaube, dieser Diskurs ist notwendig, um einfach noch einmal in unserer Gesellschaft sich darüber auszutauschen, was eigentlich die Ziele dieses Einsatzes sind. Und aus meiner Einschätzung ist es wirklich so: Wir kämpfen dort auch für unsere Sicherheit in Deutschland, wir kämpfen dort im Bündnis mit Alliierten, mit anderen Nationen auf der Basis eines Mandats der Vereinten Nationen, einer Resolution der Vereinten Nationen. Alles das heißt, wir haben Verantwortung. Und ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland darüber immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird. Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen negativ zurückschlagen, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden, und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg." [...]
Ein paar Worte zum neuen deutschen Top-Spatz muss ich abschließend trotzdem verlieren.
Nicole Hohloch war 17, als sie 1982 als erste Deutsche den (damals noch) "Grand Prix Eurovision" genannten Liederwettstreit(?), nein, Showwettstreit(?), nein, die Unterhaltungssendung, ja, "gewann". Mit dem Lied "lagen wir genau auf der Wellenlänge" bemerkte damals ein zufriedener Ralph Siegel. Die FAZ titelte, man sollte "ihr einen Platz im Diplomatischen Korps der Bundesrepublik" anbieten. Ralph Siegel hatte die Chancen der späteren Siegern Lena Meyer-Landrut im Interview mit dem SZ Magazin vom 28.05.10 übrigens völlig korrekt prophezeit:
"Vielleicht wählen ein paar Leute dieses süße Mädchen, das da auf der Bühne rumspringt. Ich würde es ihr wünschen, aber bei der Eurovision muss man etwas machen, was exorbitant gut ist."
Weg von einem gekränkten Mann hin zum Verständnis des Hypes.

Mir erscheint es zu simpel, einen Vergleich mit dem gallischen Dorf zu ziehen; Lena als Asterix und Obelix in Personalunion, angetreten, das Land von einer agnostischen Starre und tiefen Frustration zu befreien. Die deutsche Gesellschaft giert schon immer nach mediterraner Unbekümmertheit, nach amerikanischer Lässigkeit, nach jugendlicher Unschuld. Die Ströme südeuropäischer Gastarbeiter haben uns die Unbekümmertheit nicht bringen können, die amerikanischen Rosinenbomber und McDonald's-Filialen nicht die Lässigkeit; und die Unschuld, nun, die wurde mehrmals erfolgreich im vergangenen Jahrhundert verloren. Doch nicht zu simpel?

Aus gegebenem Anlass: Das Amt des Bundespräsidenten kann sie leider nicht antreten, da ein Mindestalter von 40 Jahren vorgeschrieben ist. Gesine Schwan wird in der Übergangszeit aber eine würdige Vertretung sein. Deutschland wartet weiter auf Sonnenschein.

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