Dienstag, 1. Juni 2010

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen...

Was hört die Welt aktuell aus Somalia? Keine Piratenüberfälle (zumindest keine in den Medien) am Horn von Afrika und schon vergisst man das sterbende (oder längst tote?) Land wieder. Eine bedrückende Reportage zum Status quo lieferte neulich der SPIEGEL. Auszüge:
[...] "Und wer sehen will, was das Patt um den Palast wirklich bedeutet, der muss in das Krankenhaus von Mogadischu fahren. Schön sieht es aus, dieses Madina-Hospital, Baracken und flache Häuser stehen in einem Park hinter einem alten Tor, breite Bäume werfen Schatten, es sind dort 35 Grad. Unter den Bäumen liegen die Verwundeten mit ihren Verbänden, weil drinnen schon die Flure voll sind.
Chefarzt Mohammed Yusuf Hassan hält das Röntgenbild eines Brustkorbs gegen das Licht und sucht nach der Kugel. Immer sucht er nach Kugeln hinter Rippen. Er ist ein stämmiger Mann, aber er legt das Röntgenbild wieder hin und sackt hinter seinem Schreibtisch in sich zusammen. Hassan ist 51, aber er sieht 15 Jahre älter aus und sehr müde. Er sagt, dass er nicht über Täter reden darf. Dass Scheich Sharif ihn nichts angehe, die Schabab nicht und die Qaida schon gar nicht.
Das ist der Pakt, ohne den sein Hospital längst eine Ruine wäre: Das Krankenhaus ist der einzige neutrale Boden in Mogadischu. Hassan und seine acht Chirurgen operieren Zivilisten so wie Krieger, bärtige Kämpfer der Schabab liegen stöhnend neben sterbenden Milizionären der Regierung. "Wir stellen keine Fragen, wir wollen nicht wissen, wen wir operieren", sagt Hassan. Alle Seiten brauchen ihn und sein Hospital, deshalb greift niemand es an.
Aber über die Opfer darf er reden, er kann dann nur nicht aufhören. "Ich bin nicht normal, ich kann nicht normal sein, sonst wäre ich nicht hier", sagt der Mann, der in Mailand studiert hat, "alles hier ist schlimm, wir Somalis sind doch alle traumatisiert. Jeden Tag kannst du sterben, wir sind wie Ameisen, die zertreten werden, wir sind das vergessene Volk. Darfur ist ein Paradies gegen Mogadischu. Aber Darfur ist neu, wir sind alt, hier sterben die Kinder schon immer, und das sieht keiner mehr." [...]
[...] "Es ist ein normaler Tag im Madina, wie soll Hassan hier nicht verrückt werden? Jetzt muss er einer sehr schönen 23-Jährigen beide Füße amputieren, sie heißt Fatma Erden Mursal. Das kann sie noch sagen vor der Narkose. Das Beruhigungsmittel nimmt ihr die Scheu vor Fremden, die plötzlich im OP-Saal stehen, und so sagt sie auch, dass sie im vierten Monat schwanger war, davor.
Sie schaut benommen auf die Fliegen, die auf ihren beiden dicken gelben Verbänden sitzen. Es war eine Mörsergranate, und es war vielleicht indirekt auch die Bombe gegen die Mediziner, denn es gab nicht genug Ärzte, um Mursals Füße rechtzeitig zu operieren. Dann kam die Wundfäule. Aber andere wären vor ihr gestorben, Hassan muss so etwas jeden Tag mehrfach entscheiden.
Auf dem anderen Operationstisch liegt ein Baby, zehn Monate alt, ein Querschläger ist rechts oben in seinem Schädel stecken geblieben, direkt unter dem Knochen. Niemand hier versteht genug von Hirnchirurgie.
"Das Kind muss ins Ausland", sagt einer von zwei Ausländern, die in grünen Kitteln jetzt draußen auf dem Flur stehen und Luft schnappen. Er schaut kurz hoch, dann zuckt er hilflos mit den Schultern und schaut wieder auf den Boden. Wie soll ein Kriegsbaby aus Mogadischu ins Ausland kommen?" [...]
[...] "Neben einer vorgezogenen Stellung von Kämpfern der Regierung lebt Ismail Khalif Abdullah. Er ist 18 Jahre alt, er weiß, was passieren wird, wenn die Schabab überall gewinnt. Und er weiß, wie die Islamisten Kämpfer zum Dienst pressen. Schabab-Männer in seinem Viertel von Mogadischu wollten ihn und einen Freund anwerben. Er lehnte ab. Dann wollten sie ein Zimmer in seinem Haus nutzen. Er lehnte ab. Und dann kamen sie etwas später wieder, mit mehreren Leuten. Er sei ein Dieb, brüllten sie, er habe Mobiltelefone gestohlen.
Sie sperrten ihn in den Keller eines Hauses. Dort ließen sie ihn einige Tage, ohne Essen, ohne Wasser. Er weiß nicht mehr, wie lange, aber er weiß noch, dass sie ihn an einem Tag im Juni vergangenen Jahres dann plötzlich ans Tageslicht zerrten.
Sie hatten Leute aus der Nachbarschaft zusammengetrieben, ihm war schlecht, ein paar Gesichter erkannte er trotzdem im grellen Licht, Freunde und Nachbarn, aber was sind schon Freunde in einem Krieg, in dem es nur die Überlebenden und die anderen gibt?
Nach den Regeln des Koran würden er und der andere Junge nun für Diebstahl bestraft, rief einer der Schabab-Gruppenführer. Jeweils vier Mann warfen die beiden Jungs auf den Boden, dann kam schon einer mit einem großen schartigen Messer auf Ismail zu.
Scharten sind gut, da funktioniert ein Messer fast wie eine Säge. Als der Mann das Messer über Ismails rechter Hand ansetzte, fiel der Junge in Ohnmacht. Er meint, das sei der Grund, warum die Schabab ihre Opfer immer erst ein paar Tage hungern lasse. So merkte er nicht mehr, dass sie ihm dann auch noch den linken Fuß absägten. Rechte Hand, linker Fuß, das ist die Standardstrafe der Schabab.
Es fällt ihm schwer, Zigaretten anzuzünden, auch weil der Schabab-Mann so schlecht geschnitten hat, dass sein Armstumpf nun ziemlich spitz ist. Aber Angst, sagt Ismail, habe er jetzt nicht mehr. "Sie können mich doch nur noch erschießen, das ist mir egal." [...]

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