Sonntag, 6. Juni 2010

From dawn till dusk

Endlich darf ich einen Bericht mal wieder mit den Worten beginnen: "2 Uhr klingelte der Wecker."
Um genau zu sein, klingelte er bereits 1.15 Uhr, die quakenden Frösche und nachtschwärmerischen Amseln in der näheren Umgebung ließen mich allerdings noch ein Weilchen lauschen.

Müsli und Kakao einwerfen, Proviant verstauen, man kennt das.
Der Proviant bestand selbstverständlich aus Molkeriegeln (wenn man keine Jelly Beans zur Verfügung hat) und wurde mit 1 Riegel auf 15-20 km kalkuliert. Das machte dann 25 Riegel.

Frühstück, Mittag, Abendbrot.

2.44 Uhr geht es hinaus auf die Straße und einem neuen Ziel entgegen. Das GPS lotst mich auf ruhigen Straßen in Richtung Westen. Zwischen Löben und Kitzen (es ist 3.25 Uhr) schieße ich mir - quasi als weitere Motivation - das folgende Bild:


Weiter gehts bei arg frischen Temperaturen - besonders in kleinen Senken dürfte es kaum mehr als 8°C gehabt haben - gen Weißenfels. Briefträger sind unterwegs, Nachtschwärmer torkeln aus den Kneipen, Peergroup-Treffen werden abgehalten und Taxis haben den üblichen Wochenend-Betrieb aufgenommen.

Im Obstanbaugebiet oberhalb der Saale - es ist 10 vor 5 - zwischen Markröhlitz und Naumburg / Henne konnte man dann wunderschön die Lichtstimmung kurz vor Sonnenaufgang auf den Chip bannen:


Naumburg ist nicht mehr weit und unnah des Campingplatzes "Blütengrund" muss ich erneut vom Rad, da der Morgennebel das ganze Saaletal erfüllt:


Ab durch die Stadt und hinaus zu den Weinbergen im Morgenlicht:


Was folgt, ist eine Bilderbuchlandschaft sachsen-anhaltinischer Prägung. Inklusive Straßenbelag.
Kleine Dörfer, viele Felder, kleine Anstiege, viel Freude.

Parallel zur Unstrut rolle ich weiter durch Wohlmirstedt, Wiehe (ab jetzt ist man im Kyffhäuserkreis), Donndorf (mit einem Kloster) bis Artern. Der Wegweiser im Ort zeigt, dass ich mich meinem ersten Tagesziel nähere:


Tja, Bad Frankenhausen hab ich mit dem Rad aus eigener Kraft zuletzt am 08.11.2008 mit E. erreicht - keine Ahnung, wie das damals ohne gröbere Erfrierungen abging. Ein weiteres Mal war ich am 18.04.2009 dort (diesmal aber mit dem Auto als Begleiter bei einem Mountainbike-Rennen. Hach ja.). Gestern nun bot die vor einem guten Jahr völlig verschlammte Wiese wieder einen ansehnlichen Anblick, der mir aber kein Foto wert war :-).

Aufi gehts! Die ersten nennenswerten Höhenmeter hinauf zum Kulpenberg versprechen auf 8,5 Kilometern eine abwechslungsreiche Passage durch reichen Buchenwald, unterbrochen von kleinen Wirtschaften im Wald und zahlreichen Parkmöglichkeiten für Wanderfreunde.

Das Kyffhäuserdenkmal spar ich mir, geht es doch bis dahin eh nur bergab und außerdem gibts ohne eine (für mich heute) zeitraubende Wanderung nicht viel zu sehen.



Auf der Abfahrt tauchen die ersten Motorräder auf ... und die ersten Rennradfahrer. Der Stausee Kelbra zu Füßen des Berges lädt gleich zum Verweilen ein - tsssssss, was sind das denn jetzt für Gedanken?

Zwangsgestoppt an einem Bahnübergang in Berga, gesellte sich eine mächtige Gruppe Radfahrer zu mir. Na ja, aus dem erhofften Windschatten wurde leider nix, denn die Meute hielt Kurs "Nord", während ich nach Nordwesten mit Etappenziel Nordhausen abbog.
War das eine Schnapsidee bei der Routenplanung! Verkehr wie in Mexiko-City, "Fahrradstraßen", die diesen Namen für Rennräder keinesfalls verdienen und weit und breit keine Alternativroute mehr. An die Motorradherden hatte ich mich in Ilfeld ja schon gewöhnt - an einen zum Überholen ansetzenden Senior aber noch nicht.


Das wäre ein Kampf mit ungewissem Ausgang geworden, glücklicherweise wollte er aber nur reden :-). Er ist am Morgen 6 Uhr in Bad Dürrenberg gestartet, fährt zweimal im Monat 250 km-Touren an den Wochenenden und unter der Woche täglich 60 km. Na bei soviel Training würde ich ein Teamtrikot tragen :-)).
Die "langen Kanten" sind dann aber jeweils "nur" one-way. Zurück gehts mit der Bahn, am gestrigen Tag war er noch nicht sicher, ob ab Goslar oder Wernigerode.

Meine Berggeschwindigkeit zog dank der Begleitung gleich um 2 km/h an, ein Effekt, der ihm übrigens auch nur zu gut bekannt war.
Vorbei an ehemaligen Grenzposten im Wald, zeigte er mir einen motorradfreien Schleichweg zwischen Rotheshütte und Benneckenstein.


In Sorge huschten wir über die Warme Bode und wenig später schossen wir Fotos einer (O-Ton: "historischen") Dampflok im Bahnhof von Elend. Mein Begleiter hatte übrigens eine SLR-Tasche um die Hüfte hängen. Soviel zu meinem Bestreben, etwas kompaktes zum Knipsen dabei haben zu wollen...


Es wurde ernst, denn wir standen 12.20 Uhr an der Schranke, die den Autoverkehr von der 10 Kilometer langen Brockenstraße fern hält. Angst hatte ich nicht, aber im Gegensatz zum Begleiter musste ich vom Gipfel aus weitere 200 km heimfahren. Immer diese Ausreden! Abgesehen von 2, 3 bösen Stellen lässt es sich entspannt kurbeln (am Ende hab ich verloren und die 28 aufgelegt). Pferdekutschen reihen sich perlschnurartig zum Gipfel auf; die Fahrt soll 3 Euro günstiger sein als die Brockenbahn. Wer's braucht.

13.15 Uhr sind wir oben und ich höre so zum Abschied das große Ziel meines nun scheidenden Mitfahrers: "Einmal in 30 Minuten von Schierke bis zum Gipfel". Okay, dafür würde ich dann aber bitte mit dem Zug anreisen dürfen.






Ich befülle auf dem Rückweg vom Gipfel meine Flaschen (gestern waren insgesamt 3 Liter an Bord) mit frischem Brockenwasser und trolle mich gen Königshütte. Im Tal der Warmen Bode bis Tanne hätte ich am liebsten den ganzen Nachmittag wandernd und fotografierend verbracht, aber erstens macht das allein keinen Spaß und zweitens galt es noch in halbwegs ansprechender Zeit die restliche Strecke zu bewältigen.


Hasselfelde, Stiege, Harzgerode - alles fest im Griff von Motorrädern, dank sich abflachendem Relief aber sehr geeignet für schnelles Vorankommen.

Das Deprihighlight war Mansfeld. Völlig leere Straßen, keine Kinder zu hören, Rentner lehnen auf den Fensterbrettern und überall sieht man die Reste der Kupferbergbaugeschichte.
Trauriges Denkmal ist die Halde bei Hübitz (mit 350 m NN der höchste Punkt des Mansfelder Landes).


Meine Fahrt ging weiter nach Eisleben, auf teils abenteuerlich kleinen Wegen um die Stadt herum, und ein Stückchen parallel zur Bösen Sieben. Das Flüsschen markiert den tiefsten Punkt einer Auslaugungssenke (Zechstein), an dessen Grund sich die "Altvorderen" niederließen - so auch in Eisleben.
Die Stadtentwicklung wurde maßgeblich durch ihre Rolle in der fast 800-jährigen Periode des Kupferschieferbergbaus bestimmt. Über 80 Mio. t Erz (davon 2 Mio. t Kupfer, und 11 t Silber) wurden gefördert.

Der Saale-Harz-Radweg brachte mich weiter zum Süßen See (in ihn mündet die Böse Sieben) und damit zum "Blauen Auge des Mansfelder Landes". An der Nordseite des Sees (da führt auch der Radweg entlang) erkennt der aufmerksame Besucher eine circa 100 m hohe Geländestufe. Sie legt eindrucksvoll Zeugnis der seit dem Tertiär stattfindenden Subrosionsprozesse ab und ist gleichzeitig ein wahres Kleinod für Naturliebhaber.


Es ist kurz vor 20 Uhr als ich die letzte Etappe meines heutigen Weges in Angriff nehme.
Wansleben am See, Steudten, Schafstädt und Bad Lauchstädt (mit dem berühmten Goethe-Theater) fliegen schnell vorbei, auch dank - für Sachsen Anhalt untypisch - sehr guter Straßen.

Merseburg sollte, nein, darf man mit dem Rennrad einfach nicht anfahren. Zu deprimierend sind die üblen Kopfsteinpflasterstücke und der Charme einer Industriestadt.
Dann doch lieber die Ruhe der letzten Dörfer zwischen Markranstädt und Zwenkau, bevor die Lichter des Tagesziels zum Greifen nah sind.

23.35 Uhr endet eine unvergessliche Tour.

Tourdaten:

* 420 km
* 3258 hm
* 17:28 h Fahrzeit
* 3:28 h Pausenzeit

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