Montag, 11. Oktober 2010

Sandige Steine

Mario Vargas Llosa bekam den diesjährigen Literaturnobelpreis für "seine Kartographie der Strukturen der Macht und seine gestochen scharfen Bilder von Widerstand, Revolte und Niederlage des Individuums." Mein folgender Bericht zu einem Wander-Wochenende im Elbsandstein wird zwar nicht nobelpreisverdächtig, wohl aber mit gestochen scharfen Bildern und der einen oder anderen Betrachtung des menschlichen Individuums aufwarten können.

Meine Mitfahrerin aus Grimma stellte sich nach Abholung nicht als die erhoffte blonde, 25-Jährige, 1,70 m große Triathletin heraus, dafür aber als leninistisch gut indoktrinierte und mit dem Esprit eines unabhängigen Geistes (Das beißt sich? I wo.) ausgestattete Mitfünfzigerin.
Ich mag Hobbits und diese Zuneigung wurde auf der gut einstündigen Fahrt nach Dresden weiter ausgebaut.

Dass das skandinavische Schulsystem viel vom DDR-Schulsystem übernommen hat und heute der Westen danach schielt - okay. Dass Guttenberg das gefährlichste ist, was die deutsche Politik seit langem produziert hat - okay. Dass ein säkularer Staat Utopie ist - okay. Dass die Deutschen im Ausland als überheblich gelten - differenziert.
"Zeitfenster" und "Peripherie", so die oft genannten Lieblingswörter meiner Sitznachbarin und wo ich gerade bei Zeit bin: Das erste Etappenziel war erreicht, ich wieder mit mir als Gesprächspartner allein. Es gibt gewiss schlechtere.

Bei Cunnersdorf startet ein Wanderweg zum Fuchsteich an der Staatsgrenze. Dort soll man eine mittelalterliche Rundbogenbrücke finden, interessant wegen des typischen selbsttragenden Konstrukts. Die Tour hab ich kurzerhand verworfen, hätte sie mir doch arg viel Zeit geraubt und außerdem benötige ich neue Radlziele (da schrieb einer per Mail was von Heb noch ein bisschen Spaß für die Zeit auf, wo ich wieder da bin. Klar doch ;-)).

Vom Gemeinde-Parkplatz in Pfaffendorf aus wanderte ich hinauf zum Pfaffenstein, in der Früh glücklicherweise noch unbeeinträchtigt durch zahlreiche Ausflügler. Interessante Spots hier oben sind die Goldschmidthöhle, der Buchfinkenturm sowie die Barbarine. Letztere stand leider noch nicht im besten Licht (übrigens auch nach einer knappen Stunde Warte-/Exkursionszeit nicht), so dass es bei einem Schnappschuss geblieben ist. Aber auch dazu sollte ja diese Tour dienen, das Gebiet kennenzulernen, sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen.

Barbarine
Blick gen N
Zurück ins Tal kam ich langsamer als hinauf auf den Berg (pardon: die Ebenheit), denn es war Mittagszeit. Mein Tank hat das mit dem Mittag dann auch gleich wörtlich genommen, lechzte er doch nach einem ordentlichen Schluck aus der Zapfpistole. Tanktourismus? Na wenn ich schon in der Gegend bin, fahre ich gern die 10 Kilometer bis zu den tschechischen Nachbarn.
Vom Wanderer-Parkplatz an der Schrammsteinbaude startete ich anschließend zu einer Tour, die mit 22 Kilometern Länge für 5 Stunden ausgelegt ist. Für Wanderer. Nicht für Hobby-Knipser mit vielen Motivideen.


Amanita phalloides

Angetrieben von einer diffusen Furcht vor der Nacht in der Kernzone des Nationalparks, brach ich meine geplante Route dann - nicht ganz unglücklich - um 19.02 Uhr 1,5 km vor dem Großen Winterberg ab. Reitsteig und Heilige Stiege führten ins Tal nach Schmilka. Unterwegs knackte es ein paarmal vor mir, die Stirnlampe zeigte dann aber immer (insgesamt sollten es bis zur Elbe 4 werden) gänzlich unbeleuchtete Wanderer. Der Weg zur Boofe erschien mir als deren einzige Option plausibel, bei Neumond und felsigem Terrain eine sehr gute Idee.

Wieder an der Elbe dachte ich bei einem Rascheln im Gebüsch und etwas Kleinhundähnlichem auf dem Radweg an Angler. Bis ich deren Grunzen vernahm und den vermeintlichen Hundi als Frischling enttarnte. 5 Meter, das hätte ein tolles Foto werden können. Bleibt die Frage, ob die im Ufergebüsch verborgene Bache das genauso gesehen hätte.



Zurück am Auto stand die Entscheidung aus, ob ich umsetze zur Neumannmühle für die Tour am nächsten Tag oder hier bleibe und die nicht vollendete Route auf gegenläufiger Strecke nachhole. Die Sitze waren schnell umgeklappt, mein Nachlager hergerichtet und beim Blick auf die unverstellten Sterne keine Reue zu spüren.

Das Weckerklingeln verschob sich charmant von 5.30 Uhr auf 6 Uhr, von 6 Uhr auf 7 Uhr und kurz vor 7.30 Uhr öffnete sich auch schon die hintere Autotür. Die Temperatur lag um den Gefrierpunkt, meine Schlafnachbarn dösten noch in ihren Biwaksäcken (ja, sagt es ruhig, ich bin eine verweichlichte Kreatur), am Kopfende den großen Mischling als Wärmflasche.

Mein tschechischer Nachbar wirkte etwas desorientiert, wuselte wild umher, schnaufte, aß Müsliriegel und knipste seinen Parkplatz. Währenddessen nahm ich die obligatorische Müsliration zu mir - mit Milch wie frisch aus der Tiefkühltruhe.



Wenig später, kurz vor 9, bin ich zufällig genau im richtigen Moment auf der Schrammsteinaussicht. Gutes Licht, Nebel im Tal, wenige Menschen, wärmende Sonne. Was will man mehr? Siehe Postanfang. Beim Verlassen des eingezäunten Weges und der Suche nach einem erhöhten Stativstandort merke ich plötzlich: Oha, der Felsbrocken unter dir wackelt. Das Baby wog geschätzte 2 t und schwankte munter hin und her.




Über Gratweg, Schrammsteinweg und Reitsteig gelangt man auf ziemlich einheitlichem Höhenniveau weiter ostwärts zum Großen Winterberg. Der höchste Berg des Elbsandsteingebirges lädt ein zum Besuch des Nationalparkhäuschens und zum Genuß eines alkoholfreien Hefeweizens, gepaart mit Nudelauflauf - letzteres vorzugsweise bei strahlend blauem Himmel auf der Terrasse.


Der Sonntagmittag brachte alsbald einen neuen Schwung Wanderer auf den "Gipfel", Zeichen für mich, um 12.13 Uhr das noch vor einer Stunde angenehm leere Plätzchen in Richtung Wurzelweg zu verlassen. Nach 1,4 km auf diesem nun stets in Richtung Elbtal führenden Weg passiert man die Zwieselhütte um dort auf den Elbleitenweg überzuwechseln. Parallel zum Isohypsenverlauf wird auch der bekannte Teufelsturm passiert, bevor man vor die Entscheidung, erneut die Schrammsteinaussicht zu geniessen oder direkt zum Schrammtor weiterzuwandern, gestellt wird.




Teufelsturm

Falkenstein
Tante
Am Schrammtor erweise ich einer amerikanischen family noch einen kleinen Dienst, knipse alle drei übereinander in einer Verschneidung. Anschließend führte der Weg durch den Lattengrund weiter, direkt zur Straße nach Ostrau im Zahnsgrund. Nach weiteren 500 m ist der Parkplatz erreicht und die wohl schönste Tageswanderung - an diesem Ausgangspunkt beginnend - beendet.

Zurück in Dresden wartet schon die bekannte Passagierin auf ihr Taxi und flankiert von Gesprächen über Tillichs Kritik an der Stuttgart 21-Kritik im speziellen und Stanislaws Kritik an der Unlust zur Veränderung der Westdeutschen im allgemeinen, über Sinn und Zweck der alljährlichen Preiserhöhung bei der DB und die Kosten / Vorteile für BahnCard-100-Inhaber bis zu den Vorzügen eines ungestörten Frühstücks verfloss die Fahrt in Windeseile. Nach der Ausbootung galt mein Interesse (fast) ganz der untergehenden Sonne, die vor dem Zubettgehen in ihre leckerstes Negligé schlüpfte und eine unwiderstehliche Show zum besten gab. Ich wäre zu dem Zeitpunkt besser auf einer Anhöhe mit unverbautem Horizont als auf einer vollen Autobahn aufgehoben gewesen - aber heute Abend befinden wir uns ja immer noch unter Hochdruckeinfluss; und Radfahren sollte ich auch mal wieder.

Wanderstrecke: 56,2 km, 1844 hm
Wanderzeit: 9:31 h

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