Dienstag, 7. Dezember 2010

Lostage

"Regnet's am Sankt Nikolaus, wird der Winter streng, o Graus."
(Bauernregel)
Seit der Mensch einen Kalender sein eigen nennt, hat er versucht, Regelmäßigkeiten im Chaos zu erkennen - der Physiker würde von Symmetrien sprechen -, die ihm wenigstens ansatzweise das Gefühl des völligen Ausgeliefertseins abzuschwächen im Stande sind.

Auch die sogenannten 'Lostage' fallen in die Kategorie der Regelmäßigkeiten, versuchen doch mit ihrer Hilfe die Bauern schon seit mehreren Jahrhunderten den Witterungsrahmen für einen bestimmten Folgezeitraum zumindest einzugrenzen.
Wendet man die oben stehende Bauernregel auf den gestrigen Nikolaustag an ... so wird Sportscheck spätestens ab Mitte Januar die neuen Bikinis präsentieren. Spaß beiseite. Das machen die schon jetzt im Dezember.

Bevor ich mich nun mit meiner völligen Unkenntnis des Homo oeconomicus noch weiter blamiere, möchte ich doch lieber ein Lobwort auf den Bergsteiger und Gleitschirmflieger Heiner Geißler halten. Am 22. Oktober begann die erste von 8 Schlichtungsrunden zum Bahn-Projekt Stuttgart 21 im Stuttgarter Rathaus - per Livestream weltweit im Netz zu verfolgen.

Die Befürworter sprechen von gesteigerter Effizienz (bei weniger Gleisen 37% mehr Verkehr), die Gegner von keiner Verbesserung für den Güterverkehr, Engpässen in den Hauptverkehrszeiten und horrenden Kosten, die sinnvoller investiert werden könnten.

Herr Geißler verkündete in seinem Schlichterspruch am 30. November: "Wir sind wieder in derselben Sackgasse wie gestern." Allerdings war das - sicher nicht nur für ihn - keine Überraschung, denn eine Einigung schloss er bereits im Vorfeld aus. Und die Möglichkeit des Volksentscheids lehnte bereits am 28. Oktober die schwarz-gelbe Koalition mit ihrer Mehrheit im Landtag ab. Was bleibt, ist der Ruf nach Verbesserungen, nach einem "Stresstest" (das könnte mein persönlicher Platz 2 der Wörter des Jahres werden; gleich nach "Rettungsschirm") etwa und nach dem Übergang eines Teils des Bahnhofsgeländes in Stiftungshand, um innerstädtische Freiräume nicht an Investoren zu verlieren.

Bravo, Herr Geißler, Sie haben Sitzfleisch bewiesen, bei der x-ten Wiederholung des schon x-fach gehörten Arguments gewiss des öfteren an einen ruhigen 2-m-Bart gedacht und sich in Gedanken über die Gipfel tragen lassen. Einer musste diesen Job übernehmen, einer musste am Ende diese Worte verkünden. Vielen Dank für Ihren Einsatz.

Und dennoch wird der schale Beigeschmack eines bestimmten Demokratieverständnisses bleiben. Durch Wasserwerfer verletzte Demonstranten erreichen keinen Märtyrerstatus. Käfer noch viel weniger. Beschlossene Milliardeninvestitionen werden nicht durch einen Aufstand des Volkes revidiert, sondern - allenfalls - vor dem Tag ihres Beschlusses. Das Problem ist eher nicht die mangelnde Transparenz in unserer Demokratie (ich denke da nur an die Berge frei einsehbarer Pläne zum Bau der A 72), sondern die akzentuierte, sachliche (und auch für Nicht-Verkehrsrechts- oder Ingenieursprofessorenstellen-Inhaber) verständliche (!!!) Darstellung von Großprojekten. Die Menschen müssen aufgeklärt und beteiligt werden - in Gesprächen, Foren und Befragungen. Die Parteien sind das Sammelbecken der Vertreter des Volkes. Sie müssen dafür sorgen, dass die Aquarienscheiben sauber sind.

Ich wünsche den Stuttgartern Flügel. Flügel, um sich über Deutschland, über Europa hinwegzubewegen und zu erkennen: Hanoi, desch isch a großes Ländle!

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27, 27 (!) Jahre älter als Heiner Geißler ist am Sonntag Jopi Heesters geworden. Wahnsinn, 107 Jahre und noch immer auf der Bühne.
"Charme kann man nicht lernen - den hat man, oder man hat ihn nicht."
(Jopi Heesters)
Der gebürtige Holländer kam in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Deutschland und wurde vom Regime als für die Ablenkung des Volkes unverzichtbar angesehen. Seit 1975 engagiert er sich ehrenamtlich für die Deutsche Krebshilfe und ist bis heute im Theater oder im Fernsehen (letzteres nur noch mit Gastrollen) hochgeschätzt und anerkannt.

In meiner Generation (irgendwas zwischen Generation Golf und Generation Facebook) ist der Name Johannes Heesters zwar präsent, es ist aber nicht genau auszumachen, mit welchen Assoziationen er verbunden wird. Fossil, Glückspilz, Schatten, Vorbild? Denunziantentum liegt mir fern, vielmehr habe ich eine Hochachtung vor der Freude dieses Menschen an seiner Arbeit. Falsch; an seiner Berufung. Sie ist es, die uns alle antreibt. Und wer sie nicht gefunden hat, der suche bitte weiter.

Seit einem Jahr ist Jopi übrigens erblindet - und vielleicht qualifiziert ja gerade dieser Fakt zur Übernahme der Rolle Gottes im Jedermann. Wo? In Stuttgart.

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Ob Gottschalk (na, ist das eine Überleitung, also ich möchte doch bitten ;)) für die Ablenkung des Volkes ebenso unverzichtbar ist wie es Herr Heesters bescheinigt bekam, wird wohl für immer mit der Ungewissheit seiner Klamottenwahl verbandelt bleiben. Fest steht bloß, dass sich ein Wettkandidat verkalkuliert hat. Ich hab zeitnah aus dem Videotext der ARD am Sonntagabend von einem schweren Unfall bei "Wetten, dass..." erfahren.

Mit Federbeinen wollte der Wettkandidat über mehrere auf ihn zufahrende Pkw springen, bei einem blieb er hängen und verletzte sich schwer.
"Man muss sich Gedanken machen, wie verkauft man so was in Zukunft?"
(Thomas Gottschalk)
Nicht nur das, lieber Thommy, wie geht man generell mit Risiken um? Ein 23-jähriger verlässt einen Auftritt vor Millionenpublikum querschnittsgelähmt aber ist dafür um 30.000 Euro reicher? Ein guter Deal?

Keiner will an dieser Stelle dem ZDF einen Vorwurf machen, mit Annahme einer solchen Wette unkalkulierbare Risiken eingegangen zu sein. Gleichwohl muss man stutzig werden, wenn sich der Kandidat bei den Proben mehrfach auf den Hosenboden setzt. Hier hätten die Alarmglocken angehen, hier hätte man sich intensiv in den Kandidaten einfühlen müssen, der die Aktion später live vor einem Millionenpublikum (und nicht nur vor Probengästen) fehlerfrei durchziehen soll. Falsch: durchziehen muss!

Hier hättet ihr auf eure Gefühle hören und die Wette aus dem Programm nehmen müssen. Diese Ignoranz gegenüber persönlichen Bedenken kann, nein, muss man dem Team vorwerfen. Alea iacta est - so oder so.

Die Crux des Unterhaltungsfernsehens ist es, Zuschauer zu generieren. Der Kulturjournalist Alexander Kissler spricht gar vom "Fernsehen als Entgrenzungsindustrie". Interessanter Gedanke: Erst wurden die moralischen Grenzen ausgelotet, später die psychischen und jetzt die physischen? Doch Vorsicht. Der Programmmacher sitzt immernoch vor der Mattscheibe und hält das mächtige Entscheidungsinstrument in den eigenen Händen. Besser, er rührte es nicht jeden Tag an.

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Sag ich jetzt abschließend noch was zu PISA? Och, ich lasse lieber Annette Schavan sprechen:
"Lesen - im Unterschied zur Mathematik - braucht Anregung und Ermunterung auch außerhalb der Schule."
Sayônara.

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