Mittwoch, 5. Januar 2011

Silvesterstadl

Seit wenigen Jahren ist es zur Tradition geworden, die Tage um den Jahreswechsel im bergigen Terrain und auf rutschenden Kunststofflagen zu verbringen. Zugegeben, noch wandere ich lieber an schneefreien Hängen entlang, als mich halbwegs unbeholfen auf weichem Grund ins Tal gleiten (ähh, was auch immer) zu lassen. Und dennoch gelingt dank Neugier und Neid immer wieder die Überwindung hin zur Erschließung des sportlichen Neulands.

Okay, genug der Vorrede und direkt hinein in die wunderschöne Landschaft des Riesengebirges. Am 28. Dezember hatte der VW mit Ludwigshafener Kennzeichen nach langer Reise wieder den Weg in den arg verschneiten Hof - trotz verengter Einfahrt - gefunden. Mit etwas aus dem Zeitplan geratenem Packen kamen wir erst gegen 14.30 Uhr zurück auf die Straße gen 220 km (Luftlinie) entferntem Ziel. Beim kurzen Polen-Transit hatte ich auf vereister Landstraße ein ziemlich mulmiges Gefühl, welches sich jedoch wenig später auf der perfekt geräumten tschechischen Anschlussstrecke wieder in Nichts auflöste. Hejnice, gelegen an einer Nebenstraße, war das nächste Ziel und von da an eine Waldpassage bis nach Harrachov.

Was bedeutet ein Sperrschild? Eine Sperrung kann, muss nicht vorhanden sein. Ist so. Der Allrad zog dann auch anfangs unbekümmert durch die Schneehaufen... und kam erst auf Höhe der Bergbaude Smědava zum stehen. Hm, hatten die wohl doch nur eine Einbahnstraße geräumt. Also wieder runter und brav auf die Hauptstraße. Das Leben kann so einfach sein.

Die avisierte Ankunftszeit wurde um lediglich 120 Minuten verfehlt - was aber nicht an der übermäßig langen Suche nach unserer Pension lag. Denn die entfiel - dank Policie-Geleit bis zur Haustür. Man muss halt nur auf sich aufmerksam machen und nett fragen.

29.12. - Liebeserklärung an eine Inversion

Minus 17°C sind zwar gemeinhin nicht sonderlich dienlich, um die Lebensgeister zu wecken. In Kombination mit strahlend blauem Himmel und einem unruhigen Gemüt, das die besten Fotomotive zu verpassen befürchtet, kommt man aber doch in die Gänge. Später stand mir eine Einheit Abfahrtski-Training entlang der Hänge des 1020 m NN hohen Čertova hora bevor. Was 'n' Traum!
Also das Wetter mein ich:






30.12. - Laufen. Einfach laufen.

Die Wetterlage hatte sich auch am nächsten Tag noch gehalten, zeigte aber bereits erste Anzeichen der Veränderung in Form einer Zunahme der Bewölkung in den höheren Stockwerken der Atmosphäre. Eine Langlaufrunde von 23 km Länge sollte den Tag ausfüllen und gleichsam das Feld der Aktivitäten erweitern. Entlang der Mummel schlängelte sich die Route anfangs durch den Wald gen Osten, um nach 5 km in nördliche Richtung abzubiegen.


Mit zunehmender Höhe kamen wir in den Genuß der wärmenden Wintersonne und des Inversionseffekts - Gelegenheit für diesen Schnappschuss, einen guten Kilometer vor der Vosecká bouda:


Wenig später schwenkte unsere Loipe um in nordwestliche Marschrichtung, nun ständig in Tuchfühlung mit der polnischen Grenze.






Zwischen dem Sonnenuntergang um 16.10 Uhr und den anschließend verbliebenen 8 km zurück zum Ausgangspunkt lagen nur noch eine Waldpassage im Blindflug sowie ein unbefriedigendes NORMA-Angebot.



31.12. - Zweimal Suppe und eine Apfelschorle

Den letzten Tag des Jahres verbrachten wir zünftig auf der Skipiste mit dem vollen Ausschöpfen des 8-h-Tageskarten-und-Restpunkte-Kontingents. Leider hatten sich die Wetterahnungen bewahrheitet, so dass der Tag mit trübem Himmel und Schneefall begann. Egal, denn ich war einmal mehr damit ausgelastet, Druck auszuüben. Auf die Knie (in Richtung Berg); auf die Skikanten; auf die Schienbeine (zwecks Körpervorlage); auf die anderen Pistenbenutzer (als Verkehrshindernis); auf den Kopf (um es bei 3 Abwürfen auf der schwarzen Piste bewenden zu lassen) und auf den Skilehrer, der mich vergeblich in Rennen mit 6-Jährigen zu verwickeln suchte.


01.01. - Ich seh dich. Oder auch nicht.

Was mit leichtem Flockenwirbel am Vortag begann, wuchs sich an Neujahr zu einem veritablen Schneesturm aus. Wir hatten das Ziel, von Spindlermühle aus bis zur Schneekoppe zu gelangen und die Luční bouda bei diesem Unterfangen als Herberge zu nutzen. Ab 15.40 Uhr hatten wir dabei diese Sichtweite:


Und ich spürte zum ersten Mal ganz direkt die große Bedeutung dieser Stangen:


Man erkennt im Bildzentrum einen Lichtpunkt. Dort ist die Baude. Angekommen in diesem Koloss (immerhin die größte "Baude" im Riesengebirge) wollte ich gleich wieder verschwinden. Unsere nette Auskunftgeberin in der Touristeninfo im Tal hatte Schlafsäcke als nicht nötig erachtet und ich als Rookie hab darauf vertraut. Wenigstens war das Mehrbettquartier in diesem Hotel einem Doppelzimmer vergleichbar, der Ebergulasch ohne Lupe erkennbar und die Nachtruhe in Schnarchweite.

02.01. - Oben

Am Morgen des 2. Januar brechen wir vor dem Frühstück auf, um die knappen 4 Kilometer bis zur Schneekoppe zurückzulegen. Der Wind hat nicht abgenommen und in der Nacht feine Schneewehen über den Wanderweg verteilt. Von Wanderweg im eigentlichen Sinne war selbstverständlich keine Rede, denn man hangelte sich wieder ziemlich hilflos von Stange zu Stange. Das Schlesierhaus am Beginn des Aufstiegs zum Gipfel bot uns nach 30 Minuten den ersten richtigen Fixpunkt in dieser unwirtlichen Welt.

Nach einer Stärkung im Schutze der meteorologischen Behausungen traten wir den Rückweg an, glücklicherweise unterbrochen durch ein kurzzeitiges Aufreißen der Wolkendecke und Freigeben der Sicht in Richtung der Täler beiderseits des Grenzverlaufs.





Wieder unten auf dem Kammweg ging es zurück zur Baude, wo wir feststellen mussten, dass es wohl keine Ausnahmen bei den Frühstückszeiten gibt. Ein Grund mehr, dieses Gebäude schnell zu verlassen.

23 Kilometer (diese Zahl schien uns zu verfolgen) Rückweg bis zum Auto standen bevor. Zu Anfang wieder im bekannten Schneesturm und später kurzzeitig im Sonnenschein ging es auf größtenteils harmonisch abfallenden Wegen zurück nach Spindlermühle. Ein paar Einheimische schienen ihre sonntägliche Trainingstour hinauf auf den Kamm abzuhalten, andere hatten für ähnliche Unternehmungen gar vier- bzw. achtbeinige Unterstützung mitgebracht.



Und während die einen weiter Höhenmeter sammelten...


...näherten wir uns unweigerlich dem lang ersehnten Pizza-Frühstück um 15.15 Uhr. Begleitet vom Singsang der holländischen Tischnachbarn klang so ein spannender und lehrreicher Trip in ein Gebirge aus, das gewiss noch ein paar Besuche verdient hat. Ich komme wieder.

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