Freitag, 11. März 2011

Auf tönernen Füßen

Die Erde hat gebebt. Vor Japan. Das ist nicht neues, das ist alltäglich. Aber dieses Beben war nicht alltäglich, es war geschichtsträchtig.

Wir sind Zeugen einer bedeutenden Weichenstellung im globalen menschlichen Handeln - doch das wird uns erst nach und nach bewusst werden.

Daten des U.S. Geological Survey
Linksammlung der IRIS
Ute Kehses Japan-Report

Fünf Tage sind mittlerweile ins Land gegangen (die sind jetzt nach dem Beben übrigens kürzer), seit die Küstengebiete im Nordosten Japans von einem 9er Beben mit anschließendem Tsunami verwüstet wurden. Bilder von durch die Straßen treibenden Schiffen und davonschwimmenden Häusern gingen um die Welt, man sah Autos wie Legosteine in einem Wasserbecken immer wieder unter- und auftauchen, Flughäfen wurden komplett überschwemmt - Jets lagen am Ende verkeilt zwischen Gebäuden. Manche kranke Gestalten geben viel Geld aus, um solche Szenarien "möglichst echt" am Rechner zu simulieren und das Ergebnis dann als Blockbuster ins Vorschulkino zu bringen: Ich hätte sie alle gerne an der Mole von Sendai festgekettet: Loge, kostenlos und in 3D - ohne Brille!

In den deutschen Medien mussten sich die Bilder dieser Zerstörung relativ schnell aus der ersten Reihe zurückziehen und dem AKW Fukushima Platz machen. Wasserstoffexplosion, Kernschmelze, Meerwasserkühlung, geringe Strahlung, sehr hohe Strahlung, 20-km-Evakuierungsradius, Fenster geschlossen halten, Lüftung abstellen,...
Es ist ein diffuser Informationsdschungel, dem man sich gegenüber sieht und dessen Durchdringen so manche Machete verschleißen wird. Fakt ist heute: Es tritt Radioaktivität aus, die Kühlung ist unterbrochen, ein Aufenthalt im Kraftwerksgelände ist lebensgefährlich.

Fakt sind auch die Hamsterkäufe der Japaner und die fluchtartige Bewegung in Richtung Süden. Dabei gibt es bloß ein Problem: Wie evakuiert man einen Ameisenhaufen?

Betrachtet man die natürlichen Bedingungen auf dem japanischen Archipel, werden nämlich die besonderen Anforderungen an dessen Bewohner deutlich: Extreme Ballungsräume, regelmäßige Naturkatastrophen, extreme Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln und Rohstoffen für Industrie und Energie, isolierte geographische Lage.

377.837 km² umfasst das Staatsgebiet Japans, etwa 67% davon sind gebirgig und bewaldet, es verbleiben für die Landwirtschaft 13%, für Wohngebiete 4%. Die Bevölkerungsdichte ist mit 330 Personen pro km² im Landesschnitt um über die Hälfte höher als in Deutschland - in den 23 Bezirken der japanischen Hauptstadt beträgt sie gar >13.000. Doch statt eine gleichmäßigere Besiedlung anzustreben, arrangieren sich die Menschen lieber in Ballungszentren; So leben heute 79% der Japaner in Städten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verteilung des verfügbaren Pro-Kopf-Wohnraums. Dieser beträgt (Daten von 2000) in Japan 30 m², in Deutschland 40 m² und in den USA 62 m².

Der Japaner unterscheidet landesintern zwischen "Rückseite" und "Vorderseite". Erstere meint die westliche Landeshälfte - ob ihres raueren Klimas nur dünn besiedelt mit kleineren Städten und Dörfern und geprägt durch den Reisanbau -, letztere die klimatisch begünstigte Osthälfe mit ihrer starken Urbanisierung und dem Sitz der großen japanischen Konzerne. Etwa 63% der Erwerbstätigen sind im tertiären Sektor beschäftigt.

Reis und weiße Helme

Seit über 2000 Jahren wird in Japan Reis angebaut, ein Nahrungsmittel, dessen Bedeutung für das Verständnis der japanischen Kultur oft unterschätzt wird. Obwohl Japan seit 1995 Reisimporte akzeptieren muss und obwohl die einheimische LW nur noch eine geringe Rolle in der Volkswirtschaft spielt, gilt der Reisanbau doch als Wurzel der japanischen Gruppenorientierung; Genauso wie die Begriffe Dorf und Dorfgemeinschaft.

Dorfgemeinschaften waren Schicksalsgemeinschaften, auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig. Sie waren als Einheit steuerpflichtig und wurden kollektiv für Vergehen einzelner Mitglieder bestraft. Die Konsequenz waren ständige Absprachen, hohe Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme. Das Wohlergehen des Einzelnen hängt vom Wohlergehen der Gruppe ab. Dieser Satz ist im Bewusstsein der Japaner tief verwurzelt und findet sich in den "Dorfgemeinschaften" des 21.Jh. wieder, sei es in der Familie oder in der Firma.

Umso verständlicher wird das Auftreten des japanischen Regierungssprechers im blauen Arbeitsoverall oder das teilweise grotesk anmutende Tragen von Arbeitshelmen im Fernsehstudio. Die Japaner agieren als Gruppe, es gab nach dem großen Beben und den ersten Problemen in den AKWs nicht die - aus Deutschland nur allzu bekannten - sofortigen Schuldzuweisungen nach Katastrophenszenarien, sondern ein kollektives Betroffenheitsgefühl. Zum Kollektiv sprechen soll auch die Kleidung. Arbeiter tragen Blaumann, Politiker tragen Krawatte. Wir Politiker im Blaumann packen an - das ist das Symbol der Stunde.

Eine Frau, ein Wort

Vor ein paar Monaten sprach die deutsche Bundeskanzlerin:
"Die deutschen Atomkraftwerke sind die sichersten der Welt."
(Angela Merkel)
Und heute hört man das hier:
"Alles gehört auf den Prüfstand. [...] Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. [...] Im Zweifel für die Sicherheit."
(Angela Merkel)
Was eben noch ausgedealt wurde, bricht plötzlich zusammen. Die Politik folgt dem Druck der Medien und säuselt nun sanft in des Wählers liebster Stimme. Dabei ist das Hallali auf Mappus längst geblasen. Es wollte nur wieder keiner hören. Apropos: Hat die Wähler jemals Atompolitik interessiert?
Okay, back to basics (ein interessantes Webseitenfundstück so ganz nebenbei). Ein Gutes hat der ganze Spaß ja - auf den ersten Blick - die jetzt sofort abgeschalteten (und längst abgeschriebenen) AKWs spülen keine unbegrenzten Gewinne mehr in die Taschen unserer Energieriesen. Äh, Moment, darf man da eventuell ein im stillen Kämmerlein gewachsenes Unrechtsbewusstsein unserer obersten Dorfchefin vermuten? Aufwachen, es geht hier um Machtpolitik! Sorry, ich wollte ja bloß... Aus!

Interessant ist das Stillschweigen der Energiemultis dennoch. Es muss einen neuen Deal gegeben haben, etwa dergestalt: Kein Aufstand innerhalb der 3 Monate und dafür gibt es satte Übertragungsrechte der unverkauften Strommengen. Schaun ma mal.

Noch ein paar Worte zur Hysterie in den deutschen Medien. Fast minütlich aktualisiert Spiegel Online seinen Liveticker zum Geschehen in Japan. Was soll das? Das generiert viele Klicks, gewiss, enthält aber keinen Mehrwert an Information. Im Gegenteil, wichtige Informationen werden auf diese Weise schnell verschüttet. Stattdessen wünsche ich mir mehr lesenswerte Kommentare von Menschen, die die Fähigkeit besitzen, über den Nebel zu schauen.

Abschließend eine Meldung von Siemens: Der Konzern hat die komplette Planung und den Bau von Gaskraftwerken in Japan innerhalb von 12 Monaten angeboten.

Sayōnara.

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