Freitag, 24. Juni 2011

Alles was zählt

Faszinierend. Immer wieder faszinierend. Wer die Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen verfolgt hat, dem wird neben dem Klicken der griechischen Schirme auch eine Reihe deutsch-internationaler Regierungskonsultationen aufgefallen sein. Deutsch-israelische, deutsch-indische, deutsch-polnische und vor der Haustür stehend: chinesisch-deutsche. Ja, richtig gelesen, manche Gazetten titeln auf einmal Deutschland an zweite Stelle. Ob dies rein profane Höflichkeitsgründe (der Gast wird zuerst genannt) hat oder ob doch mehr dahinter steckt?

Wie dem auch sei, Anknüpfungspunkte für die 14 Ministerien gibt es gewiss immer, aber (und die Frage sei erlaubt), welche Aufgaben kommen dabei Ronald Pofalla, dem Chef des Bundeskanzler(auf der Regierungswebseite übrigens brav ins generische Maskulinum gesetzt - und wieso existiert dann parallel dazu die Domain www.bundeskanzlerin.de?)innenamtes zu?

Keine Sorge, der amtierende "Bundesminister für besondere Aufgaben" erfüllte schon damals als Generalsekretär stets die Anforderungen an die Stellenbeschreibung. Anno dazumal: Wadenbeißer.

Solch ein Hochglanzrhetoriker mit näselndem Singsang aus dem tiefsten NRW ist aktuell zwar (neue Stellenbeschreibung: Im Hintergrund den Regierungsapparat reibungsfrei am laufen halten) wieder unscheinbar (herrlich), dass man nichts hört, deutet aber keinesfalls auf Harmonie hin. Ein Spiegel-Artikel aus dem letzten Jahr macht meine Vermutungen publik. Karrierefixiertes Klein-Klein und sonst nur heiße Luft, die nach Kondensation beim jeweiligen Arbeitgeber und Wähler lechzt. Schönes Tagen.

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Vielleicht hat Herr Pofalla im Hintergrund mit den Chinesen vereinbart, die Möglichkeit der Kaution in deren Rechtssystem aufzunehmen. So als Beseitigung unangenehmer Quietschgeräusche eines inhaftierten Ai Weiweis quasi...

Man weiß ja so wenig. Und was sind schon 100 Millionen handgefertigte Porzellan-Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Modern gegenüber einer Zahl von 750 Mrd. t CO2, die maximal bis Mitte des Jahrhunderts emittiert werden dürfen, will man die berühmte 2°C-Marke nicht reißen?
(Quelle: WBGU-Gutachten: Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation)

So oder so: bei deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen wäre ich gern dabei. Nicht nur, um das Bauchpinseln und Honig-ums-Maul-streichen aus nächster Nähe beobachten, nein, auch um konkrete Vereinbarungen aus erstem Munde hören zu können. Wir Zuschauer müssen nämlich aufpassen, den roten Faden nicht zu verlieren. Kommt es nur mir so vor oder stürzen jeden Tag mehr Nachrichten auf uns ein? Gestern noch die vage Ankündigung Medwedjews, im nächsten Jahr gegen einen Parteifreund nicht kandidieren zu wollen; gestern noch das Überleben eines Sprengfallenanschlags um Haaresbreite (dafür mussten mehrere afghanische Zivilisten ihr Leben lassen) eines ranghohen deutschen Militärs; gestern noch die Rede Obamas zum Truppenrückzug (ein Kommentar dazu auf faz.net); gestern noch das überstandene Misstrauensvotum Papandreous; gestern noch neue Rekordorders bei der Internationalen Luftfahrtmesse in Le Bourget; gestern noch die Meldung, dass der Nahrungsmittelpreisindex der FAO einen neuen Höchststand erreicht hat.

Über letzteres wird man in Delhi garantiert gesprochen haben und sicher auch über die Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung des indischen Subkontinents in unmittelbarer Küstennähe, auf Meeresspiegelniveau lebt. Aufgrund anhaltenden Bevölkerungswachstums ist ferner davon auszugehen, dass die indische Bevölkerung im Jahr 2030 jene von China zahlenmäßig übersteigt - über 1,6 Mrd. Menschen -, ein Markt, den sich kein Industrieland entgehen lassen möchte. Doch bevor ein Interesse an Offshore-Windkraftanlagen besteht, muss die Nahrungssicherheit der Bevölkerung gewährleistet sein. Maslow hatte eben doch ins Schwarze getroffen.
(Quelle: Gemüsebauern in Maharashtra, Geographische Rundschau, 5/2011, S. 36-41).

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Also, wer gibt uns heute Orientierung, gibt uns Rat in diesem Dschungel der Informationen? Wer besitzt die Fähigkeit der Führung in Zeiten globaler Vernetzung?
Nun, bei den Teilnehmern der Bilderberg-Konferenzen wähnt man sich diesbezüglich fast am Ziel. Seit 1954 treffen sich etwa 120 einflussreiche Menschen jährlich für jeweils 3 Tage an einem anderen Ort auf dem Globus. Der Termin ist stets geheim, der Ort ist stets geheim, die Teilnehmerliste ist stets geheim. Erst nach Ende der Tagung wird eine Liste mit den geladenen Gästen veröffentlicht: Hier die von 2011.

Mit dabei waren unter anderem Josef Ackermann, unser ehemaliger Finanzminister Peer Steinbrück sowie der griechische Finanzminister George Papaconstantinou. Daneben etliche Vertreter internationaler Banken- und Finanzforschungsinstitute ... sowie der Direktor der NSA.

Welch illustrer Kreis! Auf der offiziellen Webpräsenz heißt es allgemein zum Zweck der Übereinkünfte:
"The Cold War has now ended. But in practically all respects there are more, not fewer, common problems - from trade to jobs, from monetary policy to investment, from ecological challenges to the task of promoting international security. It is hard to think of any major issue in either Europe or North America whose unilateral solution would not have repercussions for the other.
Thus the concept of a European-American forum has not been overtaken by time. The dialogue between these two regions is still - even increasingly - critical. [...]

What is unique about Bilderberg as a forum is
* the broad cross-section of leading citizens that are assembled for nearly three days of informal and off-the-record discussion about topics of current concern especially in the fields of foreign affairs and the international economy [...]
* the privacy of the meetings, which has no purpose other than to allow participants to speak their minds openly and freely. [...]

In short, Bilderberg is a small, flexible, informal and off-the-record international forum in which different viewpoints can be expressed and mutual understanding enhanced. [...]

Invitations to Bilderberg conferences are extended by the Chairman following consultation with the Steering Committee members. Participants are chosen for their experience, their knowledge, their standing and their contribution to the selected agenda. [...]
There usually are about 120 participants of whom about two-thirds come from Europe and the balance from North America. About one-third is from government and politics, and two-thirds from finance, industry, labour, education and communications. Participants attend Bilderberg in a private and not an official capacity."
 (Quelle: http://www.bilderbergmeetings.org/index.html)

Wer zu einem dieser Meetings geladen wird, ist folglich ein Entscheidungsträger und Weichensteller, eine ausgewiesene Koryphäe auf seinem Gebiet oder ein Journalist ohne redaktionelle bzw. parteipolitische Scheuklappen. Welche Impulse aus den Treffen für die strategischen Planungen in den jeweiligen Herkunftsländern der Teilnehmer allerdings konkret erwachsen werden und ob dabei gewisse "Geschmäckle" zu identifizieren wären, werden wir Normalsterblichen folglich nie erfahren.

Bloß - und das sei noch den Planungen der Konferenz 2012 vorgeschoben -, liebe Organisatoren, einen ausgewiesenen Klimawissenschaftler hattet ihr noch nie auf eurer Agenda. Schade eigentlich, zählt in den nächsten 50 und mehr Jahren das "Primat eines transatlantischen Bündnisses" doch immer weniger.

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