Sonntag, 26. Juni 2011

Bratwürste mit Kraut, Heilsteine und Sanifair

Die amüsantesten, banalsten und gesellschaftlichsten Auszüge eines SZ Magazin-Interviews mit dem Ex-Pächter der Autobahn-Raststätte Holledau, Willy Habermeyer:

W.H.: "Als Raststätten-Pächter habe ich Gott sei Dank die goldene Sanifair-Karte bekommen, mit der kann ich kostenlos rein. Funktioniert ähnlich wie die Senator-Karte der Lufthansa." [...]

"In den Sechzigerjahren konnte eine Familie noch allein vom Toilettengeld richtig gut leben." [...]

"Letzten Sommer musste ich Feuerwehrschläuche besorgen und das Areal jeden Abend abspritzen, so bestialisch hat es gestunken." [...]

SZ: "Lösen eigentlich viele Kunden den Toiletten-Bon für ihren Einkauf ein?"
W.H.: "Immer mehr. Die Menschen schenken nichts her."
"Als die Bons im Jahr 2003 eingeführt wurden, habe ich sofort Duplo und Hanuta aus dem Sortiment gestrichen. [...] Weil beide nur 40 Cent gekostet haben." [...]

"Wenn ein Pharmavertreter in einem Jahr drei- oder viermal nach München fährt und dabei immer an derselben Raststätte stoppt, ist er ein Stammgast." [...]

"In unserem Hotel gibt es auch Tageszimmer, das heißt, man zahlt den vollen Preis, übernachtet aber nicht." [...]

SZ:" Heute gibt es ziemlich absurde Produkte zu kaufen: [...] sogar ein Kratzgerät für den Rücken. Wer kauft so was?"
W.H.: "Es gibt sogar Steine, so eine Art Kraftsteine. Klingt absurd, aber ab und zu kommt halt eine Busladung älterer Damen, und die kaufen das dann." [...]

SZ: "Haben Sie das Sortiment ausgesucht?"
W.H.: "Dafür gibt es Spezialisten, die den kompletten Einzelhandel sichten. [...] Man kriegt aber nicht alles. [...] Anfang der Neunzigerjahre wollte ich unbedingt Diddl-Maus-Produkte verkaufen. Ich bin auf die Frankfurter Buchmesse und habe mit den Leuten vom Verlag verhandelt: Spinnst du, [...] wir machen uns doch unseren guten Namen nicht an einer Tanke kaputt." [...]

SZ: "Was verkauft sich am besten?"
W.H.: "Red Bull. Vor Cola und Kaffee."
SZ: "Sie meinen Red Bull in der Mini-Dose für 3,99 Euro."
W.H.: "Genau. Da schauen die Leute nicht auf den Preis. Die wollen wach bleiben. Red Bull hat ein super Image, vor allem bei den Jungen natürlich." [...]

"Früher haben wir viel selbst hergestellt: Wir hatten unsere eigene Konditorei und Metzgerei, da war alles vom Feinsten. Wir waren als einzige Raststätte Deutschlands im Guide Michelin erwähnt. Geht heute alles nicht mehr." [...]

"Im Prinzip ist es doch ganz einfach, Menschen wollen irgendwo reinkommen und wahrgenommen werden. Mehr ist es nicht. Sogar Spiegel habe ich im Restaurant anbringen lassen, damit die Leute ein bisschen flirten können." [...]

"Ich bin der Erste, den es erwischt hat, meine Kollegen sind schockgefrostet, aber bei diesen Pachten - da ist man lebendig begraben." [...]

(Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 24/2011, S. 12ff)

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