Dienstag, 30. August 2011

Sturm in der Wüste

Die diesjährige Hurrikansaison im Atlantik war bislang eher zahm, doch was Irene da gerade mit der US-Ostküste veranstaltet hat war alles andere als zahm. Es war geschichtsträchtig. Denn zum ersten Mal überhaupt wurden der öffentliche Nahverkehr sowie die drei Flughäfen der Stadt New York wetterbedingt stillgelegt.

Emotional betrachtet könnte man sich jetzt zurücklehnen und sagen: "Diese Megacities haben einen großen Anteil am Klimawandel, also sollen sie auch einen großen Anteil an dessen Auswirkungen haben." Eine Haltung, die gewiss nicht zu verachten ist; und doch wäre sie falsch.

Denn der Klimawandel betrifft uns alle und uns bleibt keine Zeit für selbstgerechte Schuldzuweisungen!

Am Beispiel von Hurrikanen wurde 2005 in Science eine Studie zur Entwicklung der Sturmstärke veröffentlicht. Auf Grundlage von Satellitendaten stellte man fest, dass sich seit 1970 Zahl und Verhältnis von Cat 4 und 5-Stürmen fast verdoppelt haben:
"In contrast, hurricanes in the strongest categories (4 + 5) have almost doubled in number (50 per pentad in the 1970s to near 90 per pentad during the past decade) and in proportion (from around 20% to around 35% during the same period). These changes occur in all of the ocean basins."
Ein weiterer Anstieg der Oberflächentemperatur in den Ozeanen erhöht unausweichlich die Zahl sehr starker Stürme:
"The team calculates that a 1 ºC increase in sea-surface temperatures would result in a 31% increase in the global frequency of category 4 and 5 storms per year: from 13 of those storms to 17. Since 1970, the tropical oceans have warmed on average by around 0.5 ºC. Computer models suggest they may warm by a further 2 ºC by 2100."
(Quelle: Nature 445, S. 92-95, 2008)
ABER: Die Stärke eines tropischen Sturms (ganz gleich ob man diesen nun Hurrikan, Taifun oder Zyklon nennt) hängt maßgeblich vom Temperaturgefälle zwischen Wasseroberfläche und oberer Troposphäre ab. Und FCKW führte in der Vergangenheit zu einer Abkühlung eben dieser höheren Luftschichten - ein Effekt, der sich seit dem Verbot der Chemikalie nun wieder normalisiert.
Es bleibt demnach zu hoffen, Profiteur dieser "Normalisierung" zu sein und einen (ein schwacher Trost) künftig verlangsamten Anstieg der Hurrikanaktivität gegenüber dem oben erwähnten Vergleichszeitraum zu beobachten.

PS: Eine Übersicht über die Schäden von Irene in der New York Times.

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Bleiben wir doch gleich bei feuchten Füßen. Und zwar bei den feuchten Füßen des Pinguins
"Happy Feet".
Dieser wird nämlich gerade von Wellington aus wieder in Richtung Antarktis verfrachtet (und ca. 2000 km davor im Meer ausgesetzt) - nachdem man ihn operiert und vom vielen verschluckten Sand befreit hatte. Ich staune bei solchen Aktionen immer aufs neue über die Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen. Da kreuzt einerseits die japanische Walfangflotte in antarktischen Gewässern (okay, durchaus nett geärgert von der Sea Shepherd-Crew) und macht Jagd auf bedrohte Bestände; und woanders nimmt die Welt voller Inbrunst Anteil am Schicksal eines Pinguins. Nicht falsch verstehen: Ich selbst gehöre zu den Menschen, die abends Mücken im Zimmer fangen (!!!) und dann nach draußen befördern.
Es ist einzig die schiere (aus dem Ruder gelaufene) Verhältnismäßigkeit, die mich ein ums andere Mal verwirrt. Vielleicht sind dies alles ja Symptome einer globalen Orientierungslosigkeit, Symptome der Suche/Sehnsucht nach der "guten alten Zeit". Als man Wale noch per Hand harpunierte und damit keinesfalls Bestände an den Rand der Ausrottung brachte; als Pinguine sich noch nicht so weit nach Norden vorwagten, weil die Antarktis genug Nahrung vorhielt und keine massiv schwindenden Schelfeisflächen aufwies; als La Niña noch nicht für eine Hungersnot in Ostafrika sorgte; als man einer Währung noch vertraute und keine Renaissance der Edelmetalle und Sachwerte heraufbeschwor.

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Die gute alte Zeit hätte Guido Westerwelle sicher auch gern wieder. Damals, als er noch im Guidomobil durch die Lande tingelte, sich im Big Brother-Container zeigte, Schuhe mit dem Sohlenaufdruck "18%" in die Kameras hielt, voller Oppositionseifer die Regierung attackierte.

Ja, das war der wahre Guido Westerwelle. Damals. Ein begnadeter Redner, ein begnadeter Polemiker, ein begnadeter Endlich-Anerkennung-bekommen-wollen-Goldschürfer.
Die Anerkennung bekam er mit dem Amt des FDP-Vorsitzenden und schließlich mit einem Sitz auf der Regierungsbank. Er war am Ziel, hatte seinem großen Vorbild Genscher nachgeeifert und es auf den Posten des deutschen Außenministers geschafft. Nun begann der Abstieg.

Dass er seinen Ehepartner mit auf Dienstreisen nahm, erschien anfangs zwar für das Adenauer-Nachkriegsdeutschland immer noch gewöhnungsbedürftig - aber es wurde erstaunlicherweise relativ stillschweigend geduldet. Keineswegs stillschweigend geduldet wurden jedoch die Versuche Westerwelles, private Geschäftskontakte für seinen Partner auf diesen Auslandsreisen einzufädeln. Ob in Südamerika oder im Nahen Osten: Überall achtete die deutsche Öffentlichkeit von nun an mit Argusaugen auf ihren Repräsentanten in der Welt. Innenpolitisch geriet die FDP dazu noch in immer schwierigeres Fahrwasser, denn mit Festhalten am Steuersenkungsmantra - auch und vor allem in Zeiten einer Finanz- und Wirtschaftskrise - erntete sie selbst aus Stammwählerkreisen Kritik. Als Politiker muss ich zuallererst die Fähigkeit besitzen, "dem Volk auf's Maul zu schauen" (Martin Luther). Aber genau diese Fähigkeit scheint Westerwelle mit Übernahme von Regierungsverantwortung abhanden gekommen zu sein. Er taumelte ohne klares Ziel durch Afrika, wurde in China belächelt, in den USA nicht ernstgenommen und verspielte schließlich auch noch die größte Trumpfkarte: den einen Monat währenden Vorsitz Deutschlands im Weltsicherheitsrat!

Hier hatte er seine letzte (persönliche) Chance, vor den Augen der Welt dem eigenen Amt, der eigenen Person Gewicht und Bedeutung beikommen zu lassen. Mit der Enthaltung Deutschlands beim Nato-Einsatz gegen Libyens Alleinherrscher Gaddafi aber war sein Ruf endgültig und der Ruf der deutschen Außenpolitik (zumindest temporär) beschädigt. Westerwelle missachtete im typisch deutschen Wir-wollen-nie-wieder-Krieg-Geschwurbel die Götterdämmerung der Despoten in Nordafrika und blieb stur - wie zu besten Oppositionszeiten - bei seiner Haltung. Die NATO, allen voran den französischen Kaiser, äh, Präsident, Sarkozy, focht das nicht an. Mit Luftangriffen und Bodenunterstützung durch Nachschublieferungen für die Aufständischen (das Wort passt irgendwie nicht) sowie Spezialeinheiten bewies das Militärbündnis ein halbes Jahr lang Ausdauer in Libyen. Die Ausdauer hat sich gelohnt; der Diktator bleibt zwar verschwunden, seine Familie hat sich jedoch bereits ins befreundete Algerien abgesetzt.

Wann es freie Wahlen geben kann, wie sich das bislang von Gaddafi clever austarierte Gleichgewicht der traditionell starken Stammeskultur im Land entwickeln (wo doch nun keine Millionen mehr zu ihnen fließen) wird, ob sich überhaupt eine tragfähige Demokratie entwickeln wird können - an der Beantwortung all dieser Fragen wird Deutschland ganz sicher mitwirken. Am entscheidenden Tag hatte es sich aber aus der Verantwortung gezogen. Denn sein Außenminister bevorzugte es, weiter nach persönlicher Anerkennung zu suchen und sie tragischerweise gerade während dieser intensiven Suche endgültig zu verlieren.

PS: Kaiserpinguine halten sich durch Gruppenkuscheln ohne Angst vor wechselnden Partnern warm. Kleine Schritte mit großer Wirkung.

Schönen Dienstag(abend).

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