Donnerstag, 15. September 2011

Südstau

Genau 10 Jahre nach 9/11 und 100 Tage nach der letzten erwähnenswerten Wochenendradtour brach ich im Schein des fast vollen Mondes an diesem 11. September 2011 bei sehr milden Nachttemperaturen in Richtung Erzgebirge auf. Endlich. Endlich deshalb, weil beim Durchblättern meines Tourtagebuches mir immer wieder erbarmungslos klargemacht wird, wie wenige Touren ich doch eigentlich fahre.


Und obwohl ich im Februar 2010 eine eindeutig stärkere Motivation zum Radeln verspürte (es hätte damals auch -20°C haben können), ging es mit der Nachtmusik des Deutschlandfunks im Ohr recht beschwingt in Richtung erster markanter Wegmarke. So mag ich den Rochlitzer Berg - keine Autos, keine zu Restaurant und Eisverkauf strömenden Sonntagsausflügler - nur der Ruf des Käuzchens in den Wipfeln der hohen Buchen und Kiefern. Die anschließende Abfahrt nach Sörnzig zwang mich (erfolglos), den Gedanken an potentiell meinen Weg kreuzende Rehe oder Wildschweine zu verdrängen.

Anschließend führte mich die geplante Strecke wieder ein Stück auf der B 107 entlang - vorbei am Blumenfeld für Selbstpflücker, das mir bereits schöne Sonnenblumen bescherte - bis diese in Claussnitz verlassen und den Nebenstrassen bis Euba gefolgt wurde. Der nun beginnende Abschnitt ist eigentlich krank. Denn erst fährt man in Euba 5 km bergauf, nur um anschließend 5 km bergab und mit Querung der Zschopau in Erdmannsdorf wieder 3 km bergauf fahren zu können. Ich betone an dieser Stelle: "Ist eigentlich krank". Denn wenn es mich nicht anziehen würde... genau, dann hätte der Wecker nicht geklingelt.



Das im 16. Jh. erbaute Jagdschloss Augustusburg beherbergt heute verschiedene Museen und eine Jugendherberge. Und der kurze Stich über die schmale asphaltierte südliche Zufahrt lohnt unbedingt - nicht nur der Aussicht wegen.



Die Fahrt ging weiter, Waldkirchen und Lengefeld entgegen, als mich ein schon etwas ergrauter Rennradler überholte. So. Ich gebe ja zu, gern im Erholungsmodus zu köcheln und kein großer Fan von Intervallen zu sein. Aber wenn sich jemand an einer langen Kindersteigung vor mich setzt und dann glaubt, mit konstant 50 Meter Abstand mich und meinen vollbeladenen Packesel nicht zu provozieren, dann irrt er. Tschakka, "Guten Morgen!" Du darfst oben gern auf meinen Gepäckträger gucken. Gesagt getan und aus anfänglicher Mißgunst entstand ein nettes Kurzweilgeplauder.

In Pockau bog ich nicht wie damals rechts ab, sondern wählte diesmal anstatt der Schwarzen Pockau die Flöha als Wegbegleitung. Dabei lugte die Morgensonne um kurz nach 8 über die Hügel der Umgebung in das Tal der Flöha und zauberte eine prächtige Altweibersommerstimmung auf die Wiesen:








Es war nicht mehr weit bis Olbernhau. Das Städtchen im Mittleren Erzgebirge vermittelt mit seinen heute etwa 10.000 EW, einer nach dem schweren Hochwasser vom August 2002 wieder perfekt sanierten Innenstadt und einer langen Kupferbergbautradition (Stichwort Saigerhütte) einen sympathischen Einblick in das Leben und Überleben der Menschen in dieser Region Deutschlands.



An eben dieser Saigerhütte muss auch vorbei, wer den (nur für Fußgänger und Radfahrer geeigneten) Grenzübergang hinüber nach Böhmen passieren will. Über die Natzschung (ein kleiner Fluss, der in Olbernhau in die Flöha mündet) gelangt man schließlich auf tschechischen Boden.




Die Strecke führte von nun an stets leicht bergan, galt es doch von 480 m NN im Tal auf 700 m NN in Sankt Katharinaberg aufzusteigen. Die eingangs erwähnten ungewöhnlich milden Temperaturen ließen sich auf eine Südlage zurückführen, deren regionale Auswirkungen hier oben auf dem Kamm des Erzgebirges besonders deutlich wurden. Denn der südlich angrenzende böhmische Teil verschwand unter einer Hochnebeldecke, die sich am Erzgebirgsrand staute; während der Bereich nördlich des Kamms wolkenfrei war.




Phantastisch. Über mir kreisten übrigens an diesem Morgen zwei Motorschirmpiloten - deren Bilder hätte ich gern. Aber zurück auf die Erde, denn der Hochnebel barg trotz seiner Konsistenz ein handfestes Problem: Sichtweiten von etwa 40 Metern. Meine geplante Route sollte nämlich über weitere circa 80 km auf tschechischer Seite mir noch unbekannte Kletterreviere erschließen - ein Vorhaben, dass ich schließlich in Anbetracht nicht ganz unerheblicher Verkehrsrisiken liebend gern vertagte.



Zeit also, um auch abseits des Weges nach Motiven zu suchen:







Auf der Abfahrt hinab nach Brandau kamen mir die ersten Radlergruppen entgegen und fielen ausgesprochen gesunde Kastanien ins Blickfeld.



Die Schneepflüge warten schon auf ihren Einsatz
Solche Laubblätter haben meine Bäume zwar auch - allerdings mit dem Unterschied einer direkten Leitgewebeinjektion von Bi-58 im zeitigen Frühjahr. Es scheint, dass das Regionalklima in dieser Erzgebirgsregion einen negativen Einfluss auf die Miniermotte hat und damit diese Neozoen - zumindest dort - sich quasi nicht ungehindert ausbreiten können.

Wieder im Tal der Flöha angelangt, nutzte ich den Schatten der Erlen um den bereits verbrauchten Teil meiner beiden Tanks aufzufüllen und um die Sonnencreme zum Einsatz kommen zu lassen. Dermaßen präpariert ging es an die Heimfahrt, rechts und links des Weges begleitet von diesen wunderschönen Ausblicken auf noch im Saft stehende Maisschläge, abgeerntete Weizenfelder und frisch gemähte Wiesen.



Zeit für Aktion, oder? Geduld, Geduld, die kommt schon noch. Erstmal lassen wir Erdmannsdorf

Sheepworld
(dieses Auto stand übrigens morgens dort) hinter/unter uns und geniessen einen letzten Blick auf Schloss Augustusburg.


Man müsste sich eigentlich mal den Spaß machen und die Ortsnamen recherchieren: Diethensdorf, Topfseifersdorf, Winkeln, Kolkau, Altzschillen, Beedeln,... halt, Telefon klingelt.
Sowas. Da denkt man, der Junge hat schon in der Hälfte der Zeit 200 km abgespult aber nein, sitzt zu Hause und will jetzt erst losfahren. Gut, gönn ich ihm die kleine Runde und fahr nicht direkt gen Heimat sondern noch eine Runde um den Colditzer Forst. Treff in Kitzscher und Weiterfahrt nach Hainichen wo dann die Aktion begann.

Gewitterfront vom 11.09.2011 bei 04567 Hainichen
Die Straße im Bild stand nach dem Starkregen übrigens 60 cm tief unter Wasser - die Info stammt aus der Zeitung, denn wir verließen das Örtchen nordwestwärts ... und wo ich das jetzt so schreibe, damn, ich hätte da nochmal hinfahren sollen!



Man muss rückblickend sagen, die Gewitterfront hat uns verschont; denn u.a. im südlichen Sachsen-Anhalt waren die Hagelkörner keine Körner mehr, sondern Hühnereier oder Tennisbälle.
Meine Horrorvorstellungen blieben folglich glücklicherweise aus, denn weder Dachflächen noch Kastanien hatten Schaden genommen. Und so soll es bitteschön bleiben.


* 303 km
* 3361 hm
* 12:15 h Netto
* 16:45 h Brutto

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