Dienstag, 20. Dezember 2011

Nürnberger Prozess anno 2011

Inzest wurde in den vergangenen Jahren häufiger und im Zusammenhang mit immer widerlicheren Mißbrauchsfällen thematisiert.

Da verschwanden Töchter jahrzehntelang in Kellerverliesen und brachten Kinder mit dem Vater als Vater zur Welt. Da sahen Ehefrauen diesem Treiben tatenlos zu und schützten die Ehemänner und Täter vor der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und vor der Strafverfolgung.

Pause.
Jahrzehntelang. Kellerverliese. Missbrauch. Inzest.

Der nun vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth verhandelte Prozess um die über Jahrzehnte stattgefundene Vergewaltigung der eigenen Tochter endete gestern für den Vater mit einem sehr milden Urteil. Das Gericht urteilte, es habe sich beim - seit dem Erreichen des 12. Lebensjahres der Tochter stattgefundenen - Geschlechtsverkehr um "einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt". Also keine Vergewaltigung.

Weil aber auch einvernehmlicher Inzest strafbar ist, wurde der Mann zu 2 Jahren und 8 Monaten Haft verurteilt. Ein mildes Urteil deswegen, weil die Anklage auf "Vergewaltigung in rund 500 Fällen" über einen Zeitraum von 34 Jahren lautete. Der Vater ist heute 69 Jahre alt.

Die Staatsanwaltschaft hatte nach einer Vernehmung der Tochter auf 14 Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung plädiert. Das Gericht folgte aber der Verteidigung, die die Tochter in Widersprüche zu verwickeln wusste.

Ans Tageslicht kam der Fall, weil sich die Frau Anfang des Jahres einer Bewährungshelferin offenbarte.

Habe ich schon die 3 behinderten Söhne erwähnt, von denen nur noch einer am Leben ist? Scheint dem Richter entgangen zu sein. War ja alles einvernehmlich.

Dabei baute die Strategie der Verteidigung auf einer gefährlichen Basis, denn sie berief sich auf die gleichen Grundsätze, wie sie auch in totalitären Regimen zum Einsatz kommen.

Es handelt sich um die Grundsätze
der a) Verteidigung der eigenen Gruppe;
des b) Glaubens, nicht fliehen zu können;
der c) Abhängigkeit vom jeweiligen System und
der d) eingebildeten Selbstbestimmung

Geschieht Menschen im familiären Rahmen Unrecht, dann kommen o.g. Grundsätze ebenso als Erklärungsmuster zum Tragen wie beim Verständnis völkerrechtlicher Prozesse. Denn die Familie erfüllt als "Keimzelle der Gesellschaft" Funktionen, vergleichbar denen eines Staates. Zwischen Eltern und Kindern existiert ein Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnis, das in seinen Dimensionen nur unterschätzt werden kann. Nutzen Eltern wider besseres Wissen dieses Verhältnis aus, reden wir im schlimmsten Fall über Geschehnisse wie das vorliegende.

Töchter sind auf ihre Väter fixiert, wie Söhne auf ihre Mütter fixiert sind. Viele der damit in Zusammenhang stehenden Vorgänge sind von der Entwicklungspsychologie nach wie vor ungeklärt. Zu beobachten sind aber die gesellschaftlich sichtbaren Folgen dieser Vorgänge.

Wachsen junge Menschen ohne ausreichenden Kontakt zu Gleichaltrigen auf, entsteht unweigerlich eine stärkere Fixierung auf die Lebenswelt der Eltern. Aufgeklärte Eltern wissen um diesen Umstand und sorgen durch die Teilhabe ihrer Kinder an Sportveranstaltungen, in Vereinen, an Klassenfahrten, an Geburtstagen, Partys, kurz, an Peergrouptreffen allgemein für ausreichend Kontakt mit der Lebenswelt Gleichaltriger.

Im Austausch mit Gleichaltrigen erfahren junge Menschen schnell, was gesellschaftliche Norm ist und was nicht. Gesellschaftlich abweichendes Verhalten im Elternhaus kann aber auch tabuisiert werden. Nämlich genau dann, wenn es um die Verteidigung der eigenen familiären Strukturen geht. Denn dieses Netz aus Eltern, Geschwistern, Großeltern und Verwandten ist einmalig. Es kann sich nicht - wie Freundeskreise - relativ schnell mit hinreichender Nützlichkeit an neuen Orten reformieren.

Die Einmaligkeit ist absolut. "Fehler" innerhalb dieses Systems werden im Rahmen fließender Grenzen toleriert. Und Fehler müssen überhaupt erstmal als solche erkannt werden. Die Eltern haben die Aufgabe, am Anfang, im frühen Prozess des Erwachsenwerdens, Fehler als solche zu definieren. Und zu sanktionieren. Unterbleibt das, kommt es unweigerlich zum Verlust der Selbstbestimmung. Denn selbstbestimmt handeln kann nur, wer Vertrauen gefasst hat in Institutionen, wer um die eigenen Grenzen weiß, wer in verlässlichen Beziehungen lebt, wer sich an (positiven!) Leitbildern orientieren kann.

Im vorliegenden Fall wurde das vertrauensvolle Vater-Tochter-Verhältnis zerstört. Die Tochter wurde ihrer Selbstbestimmung beraubt, ihr wurde eine Fremdbestimmung als Selbstbestimmung indoktriniert, die sie lange (oder warum hat sie sich erst so spät an die Öffentlichkeit gewandt?) für wahrhaftig hielt. Ihr wurde das Leben genommen.

Die Anklage hätte auf MORD IN VIER FÄLLEN lauten sollen.

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