Mittwoch, 13. Juni 2012

Two became one | Vol. 2

Hä? Wieso ruft er mich an, sagt, sein Adressbuch müsse aktualisiert werden ... und zwei Tage später liegt ein Brief im Kasten? Noch dazu ein komisches Format: Irgendwas zwischen C6 und B5.

Ich öffnete also im Januar besagten Umschlag und wurde einer zauberhaften Einladung gewahr. Handgefertigt aus violettfarbenem Karton, mit zwei Perlen, einer kleinen Schleife und dem Spruch: "Liebe Hochzeitsgäste, anbei ein paar Daten für unseren schönsten Tag..."

Glückwunsch, Micha - damit hatte ich nach dem eingangs erwähnten Telefonat nun wirklich nicht gerechnet (und mit mir der versammelte Freundeskreis).

Die zweite Heirat im Pool der Schulfreunde stand somit fest, der 9. Juni 2012 wurde im Kalender markiert. Verglichen mit dem 2011er-Pärchen bestand und besteht zu den beiden (Nicht mehr Neu-)Frankfurtern ein relativ enges Verhältnis; was es mir leichter machte, ein Gutteil Vorfreude zu entwickeln. Außerdem trafen wir uns noch einige Male in den ersten Monaten dieses Jahres, sodass von Hemmschwelle oder gar ernsten Überlegungen eines Boykotts nicht die Rede sein konnte.

Die "heiße" Phase für die Erstellung unseres Geschenks endete am Dienstag vor einer Woche mit einer abendfüllenden Aktion. Nur soviel: basisdemokratische Strukturen geraten schnell an ihre Grenzen.

Ich hab's genau gesehen

Und dann war er plötzlich da, dieser Samstag im Juni, der uns inmitten einer schon seit fast zwei Wochen anhaltenden extrem unbeständigen Wetterlage überraschenderweise nur am Vormittag einen Regenguss, ab Mittag aber feinstes Hochzeitswetter bescherte.

Das Trauzimmer im Standesamt war gut gefüllt, Familie und nahe Verwandte des Brautpaares (warum sagt man eigentlich Braut- und nicht Bräutigampaar? :-)) saßen in den vorderen Reihen, Freunde und Kollegen dahinter. Der Raum war schlicht aber zweckmäßig eingerichtet, mit einer holzvertäfelten Decke über und Fertigparkett unter uns. Links neben dem Tisch der Standesbeamtin befand sich eine kleine Palme, rechts hatten Kandelaber, Lautsprecher und Fotograf Platz. Für das festliche Licht sorgte ein großer Kronleuchter in Kombination mit kleineren Wandlichtern. Alles war genau geplant, denn pünktlich um 11.58 Uhr saßen die künftigen Ehepartner ihrer Vollzugsbeamtin gegenüber.

[Vollzugsbeamtin deshalb, weil ich mir den Job eben jener Menschen so ähnlich vorstelle. Denn für die einen ist es der Höhepunkt ihrer Beziehung, für die anderen schlicht "Trauung R&B" am Samstag. Klar, überflüssig hieran etwas kritisieren zu wollen; trotzdem muss die Frage nach den unterschiedlichen Erfahrungswelten gestattet sein. Kann man nach jahrelanger Arbeit in diesem Job noch ehrlichen Anteil an den Emotionen der frisch Vermählten haben? Muss man daran Anteil haben? Ergeht es einem Pfarrer bei dem selben Anlass vielleicht anders? Oder sollte man weniger Wert darauf und entsprechend mehr Wert auf die Freude des Paares legen? Sicherlich letzteres.]

Gebannt blickten beide in die Augen ihres gemeinsamen Gegenübers. Ob sie dabei die Worte der Dame überhaupt hörten, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Tendenz geht aber in Richtung "Ja", waren mir doch der flüchtige Griff des Mannes in die linke Hosentasche und eine darauffolgende Armbewegung zu den Augen nicht entgangen. Hach ja, Rituale können wohl wirklich schön sein...
...wäre da nicht immer diese blöde Uhr, die uns von einem Termin zum anderen jagt.

Parallel zu den Glückwünschen oben, fanden nämlich unten auf dem Marktplatz rege Aktivitäten statt. Eine Blechbläserkombo, der ortsansässige Schützenverein, die Feuerwehr in Paradeuniform sowie ein kleiner Chor hatten Aufstellung genommen. Aber nicht zum großen Zapfenstreich für das Junggesellendasein des sich für die 13-Uhr-Trauung anschickenden Paares, sondern rein zufällig just am selben Tag. Besser kann der Zufall nicht arbeiten.

Es war eine famose Fabel auf das Leben: Hier fahren die einen gerade mit dem Jaguar zum Fotoshooting davon und dort steigt die künftige Ehefrau aus dem Auto. Sie wunderschön, er (oder ist's ihr Vater??) mit einem Blick, der zu sagen scheint: "In diesem Moment würde ich alles für dich tun. Ich würde dich sogar heiraten."


"In diesem Moment würde ich alles für dich tun. Ich würde dich sogar heiraten."



Auf der Straße nach Süden

Obschon der Zeitrahmen bis zum Eintreffen des Paares gegen 15 Uhr am "Lusthaus" einigen Spielraum zuließ, hielt uns nichts mehr vor dem Standesamt dieser nordwestsächsischen Kleinstadt. Stattdessen zog es uns ins Grüne: auf Sitzgruppen aus Korbgeflecht, zu Kartoffelsuppe in Teigschüsseln, zum Tisch mit den Präsenten und zu versteckten Marmorstatuetten im Halbschatten zwischen den Büschen auf dieser großen Wiese vor dem L.haus.



Einer freundlichen Ermahnung, doch bitte auch am sozialen Leben teilzuhaben, kam ich gerne nach - nachdem ich die Kids beim Spiel mit den Weinbergschnecken abgelichtet hatte. :-)

Es ist halt nicht einfach. In mir brennt irgendein Feuer, das mich zu solchen Anlässen geradezu zwingt, möglichst keinen guten Augenblick zu verpassen. Dabei geht es um wesentlich mehr als nur um schnöde Dokumentation. Es geht eher um das Ausleben einer (von mehreren) Leidenschaft(en). Ein tolles Motiv + manuelle Kameraeinstellungen + manuell fokussiert + Auslöser gedrückt = Entspannung pur. Jetzt geht der Puls runter, ich kann mich treiben lassen, ich bin für einen Moment richtig glücklich.


Aber das Beste daran: Genau diese Momente sind nun verewigt - im Kopf und auf HDD. Das ist der Kern: Mein Geist stemmt sich gegen die Vergänglichkeit, indem er versucht, aktuelle Szenen möglichst authentisch zu konservieren.



So, und neben diesem esoterischen Gedöns lernt man ganz nebenbei noch richtig viel über das Fotografieren. :-)

Apropos: Haben Sie schon mal den Bolzen einer Armbrust kurz nach Betätigung des Abzugs geknipst? Nein? Warum nicht? Ach so, noch nie mit einer Armbrust geschossen? Okay, das ist akzeptiert. Und Sie? Ja? Schon mal probiert und das Ding war einfach viel zu schnell? Tja, ich schoss an diesem Samstag auch zum ersten Mal mit einer richtigen Armbrust. Und ich habe den Bolzen im Flug ablichten können.


Vater und Sohn










[Das Ergebnis nach 400 Bildern, 3 GB und einer Stunde Geduld]


Bei geschätzten 40 Gästen im mehrheitlich Post-30er-Stadium tritt unweigerlich ein unschöner Nebeneffekt solcher Veranstaltungen zu Tage: Das Angebot junger, nicht-liierter Damen in schönen Stoffen hielt sich in Grenzen. Eine war alleinerziehend mit Sohnemann anwesend; eine andere gab es nicht.

Ich will jetzt gar nicht von sozialem Druck oder einem Gefühl der Ausgrenzung sprechen - nö, diese Zeiten sind vorbei - eher davon, gegen einen gewissen inneren Druck weiter Stand halten zu müssen. Denn ich beobachte ja nicht nur andere, sondern in erster Linie (liegt einfach am nächsten) mich selbst. Einen Weg abseits der üblichen Kiddies-Hochzeit-Flitterwochen-Hausbau-Pärchen-, Spieleabende-Autobahn zu beschreiten ist ohne Probleme möglich. Man hat bloß das Problem, dass dieser Waldweg immer in Hörweite der Autobahn verläuft, diese öfter quert und dann der Blick von der Brücke hinunter zu den Brummies wandert, die in einem unablässigen Strom gen Süden, der Sonne entgegen, rollen.

Brummifahrer haben sich ihr kleines Reich geschaffen. Da gibt es die Kaffeemaschine in Reichweite, den Dosenkühler am Außenspiegel; da gibt es das geräumige Schlafzimmer hinter dem Wohnzimmer; da gibt es die Ehefrau, die - wenngleich leicht zerknittert und an 365 Tagen im Jahr mit Bikini begleitet - stets sexy lächelnd von der Wand des Schlafzimmers aus über den ganzen Hausstand wacht; da gibt es die
Freunde, die regelmäßig am Stammtisch - Rasthof genannt - getroffen und per Skype - CB-Funk genannt - auf dem Laufenden gehalten
werden; da gibt es den täglichen Weg zu Arbeit, der bei ihnen die Arbeit selbst ist; da gibt es ein Familiengefühl zwischen Familien; da wird das "Long Vehicle" vom "Meiner ist länger als 18 Meter"-Nachbarn gegrüßt, quasi über den Gartenzaun am Dreieck Nuthetal gewunken; da ist der Bolzplatz in Hamburg und die Mittagspause in Barcelona; da sind die Kids immer bei Papa - als Passbild im Geldbeutel der Bauchtasche über der weiten Jogginghose und als Familienporträt am Armaturenbrett neben dem Fernsehschirm.

Brummifahrer sind auf ihre Art beneidenswert. Ehepaare auch.

Party!

Vom reichhaltigen Buffet blieb leider viel zu viel übrig. Obwohl ich hart daran arbeitete, diesen Zustand zu verhindern. Reis mit Erbsen, Kartoffelgratin, Hähnchen, Lachsfilet, Steaks, Grillwürste, Brotvariationen, Wurst- und Käseplatten, Salatteller, Obstteller... *schlaraffia*



Unweigerlich tritt nach einem guten Essen eine gewisse Bewegungslosigkeit (man kann es auch Völlegefühl oder Fressstarre nennen) ein, die nur bedingt Lust auf die Sprüche des DJs macht.
Eine perfekte Lösung für das Dilemma hab ich leider auch nicht zu bieten - wobei: Wie wäre es mit dem Tanz des Brautpaares?

Tatsächlich kam gegen 21.45 Uhr Bewegung in die müden Glieder der Hochzeitsgesellschaft, als nämlich die Tanzfläche mit einem veritablen Eröffnungstanz :-) freigegeben und im Anschlus daran von vielen munteren Beinen bevölkert wurde.

Mein Job hinter der Kamera hat zwar einige Vorteile - die gute Übersicht beispielsweise - aber er bewahrt nicht vor Überraschungen.

Denn da stand sie plötzlich vor mir. Die Braut. Und bat zum Tanz. "Tja Junge, da musst du jetzt durch", waren noch so kurze Gedankenblitze, die mich durchfuhren, als ich auch schon auf's Parkett (in diesem Fall Fliesen) geführt wurde. Jeder kennt die Rituale: Brot und Salz, Stamm zersägen, Tauben fliegen lassen ... mit der Braut tanzen.

Und weil es eben ein Ritual ist, versuchte ich, es möglichst gut zu machen. Am Ende sah es zwar eher aus wie die Tanzstunde in einer Grundschulklasse, bei aller Bescheidenheit muss dem aber hinzugefügt werden:
ICH BIN IHR NICHT AUF DIE FÜSSE GETRETEN.
Und sie mir auch nicht.

Als wir uns trennten war da wieder so ein Gedankenblitz: "Eigentlich ganz nett, oder?" Zeit, diesem Gedanken weiter nachzuhängen war aber keine, denn ich musste meine gute Position verteidigen. Meine gute Position am Eisteller. Äh, muss ich das erwähnen? Es gab ab 22 Uhr einen großen Eisteller, dazu Pudding und Schokocreme mit Vanillesoße. *jabbbadabbbaduuuuhhhh*


Schnappschüsse im weiteren Sinne waren mein Ziel für den letzten Teil des Abends/für den ersten Teil des Morgens. Es wurde mit Farbfiltern experimentiert, mit kleinen Videos und mit Intervallaufnahmen. Doch etwas fehlte: Ein Ritual, das ich von nun an auf jeder Hochzeit, die ich beehre, vollzogen sehen möchte: Moskau von Dschinghis Khan. "Alle auf die Tanzfläche, legt die Arme auf die Schultern der Nachbarn und dreht euch, bewegt euch", fühlt die Zusammengehörigkeit. Zumindest in diesen wenigen Minuten. Anders als im letzten Jahr stand in der 2012er-Auflage die Kamera bereit und hielt die Szenerie fest. Als ich die paar Stufen zum erhöhten Kamerastandort erklommen und das Video beendet hatte, war er wieder da: Der Moment der puren Freude aus dem Sommer 2011.


Feuershow der Gruppe "Seelenbrand"






Abschied

Peu à peu leerte sich nach Mitternacht das Festzelt, Familien mit kleinen Kindern mussten nach Hause, auch Familien ohne Kinder waren zunehmend müde, der DJ tat sein übriges, indem er es verschlief, die Tanzfläche bevölkert zu halten. Aber das war egal, denn wir hatten eine unvergessliche Feier erleben und Zeuge einer schönen Hochzeit sein dürfen. Wir hatten uns im Garten lümmeln und die Sonne auf der Haut spüren dürfen. Wir hatten für über 12 Stunden fröhliche Kinder und gelöste Erwachsene um uns. Wir hatten Spaß und wir hatten ernste Momente. Wir feierten zusammen. Wir waren am Leben.






Den letzten vollen Tisch teilten sich die beiden R.ers und engste Freunde. Es wurden passende Worte für das Gästebuch gesucht, die Einträge der anderen studiert, noch einmal gemeinsam die Gläser geleert. Wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich jetzt die Uhr auf 12 Uhr Mittags zurückgedreht. Wir traten in die Morgendämmerung hinaus. Ein Taxi wartete am Eingang. Neunzig Minuten später ging die Sonne auf.

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