Ein Bis-7-Uhr-Schläfer war ich gestern auch, denn wir hatten uns von den kachelmannschen Auguren weismachen lassen, ab 14 Uhr potenziell von oben nass zu werden. Doch ungeachtet dessen hat ein relativ früher (oder relativ sehr später - je nachdem) Start weitere Vorzüge:

- man braucht keine Beleuchtung
- man erkennt die Landschaft
- man wird nicht für komplett freaky und beziehungsbedürftig gehalten (nur zu 99,99999 %)
- man wird bei Tageslicht zu Tode gefahren und erleichtert dem Bestattungsunternehmen so die Suche
In Grimma fanden am vergangenen Wochenende übrigens die Deutschen Straßenradmeisterschaften statt. Die Elite der Herren begab sich am Sonntag ab 11 Uhr auf einen 10,4 km langen Rundkurs, der insgesamt 19-mal zu absolvieren war. Neunzehnmal die Kohlenstraße hinaufprügeln, neunzehnmal aus der Stadt heraus den Hohnstädter Berg erklimmen, achtunddreißigmal Schmerzen und Leiden.
Radsport ist schon krank. Aber vielleicht findet er ja gerade aufgrund dieser Eigenschaft immer mehr Anhänger? Wir kamen gestern während kurzer Klettereinlagen inmitten saftiger Sommerwiesen mit Kühen am Rand der Betonsteinwege jedenfalls ins Philosophieren über diesen möglichen Zusammenhang. Denn obschon mein Kompagnon bereits eine Einheit am Vortag absolviert hatte, war er frohen Mutes dabei und unterwarf sich ohne lautes Murren dem Diktat der piepsenden Foltermeister auf Vorbau bzw. Oberrohr.


Windspiele mit Buddha
Gute 18 Kilometer und 40 Minuten später befanden wir uns erneut im Tal. Im Tal der Zschopau zu Füßen der Burg Kriebstein.

Dieses Schmankerl ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr für Bergfetischisten aus dem Großraum Leipzig - doch in Ermangelung von Alternativen regelmäßig Teil meiner Runden. Über Schweikershain, Arras und Aitzendorf rollten wir anschließend Wechselburg entgegen. Der stark böige SW-Wind sorgte während dieses Transfers über die Felder für die notwendige Demut, konnte die Laune auf Ortsschildsprints aber nicht vermiesen. Überhaupt, diese Sachen hatten wir ewig nicht gemacht. Mag sein, dass es an einer gewissen Ablehnung von "Standards" lag; mag sein, dass man einfach zu träge war; mag sein, dass man heute glücklicherweise vielerlei uns Umgebendes als weniger dämonisierungswürdig erachtet. Okay, Eispausen werde ich auf Radtouren immer für Teufelszeug halten... ;-)

Wobei, dem buddhistischen Leitbild des In-sich-Ruhens kann ein geborener Mitteleuropäer im normalen Alltag sicher schwerlich genügen. Was er aber tun kann, ist, am Gegenbeweis der soeben getroffenen Aussage zu arbeiten. Indem er sich nicht hetzen lässt, Aufgaben bewusst den ihnen gebührenden Raum im Alltag einräumt; und es sich(!) nicht gestattet, diesen Raum durch trügerisch verlockende Ablenkungen zu verkleinern. Soll heißen: Du, wir alle sind Herr über unsere Zeit. Aber wird sind erst die Herren über unsere Zeit, wenn wir das auch ehrlich wollen.


Wohlbefindens nutzen können.
Das Problem dabei: Viele Menschen rennen den für sie ungeeigneten Endorphinproduzenten hinterher (oder schieben sie sich rein - cranial wie caudal). Die Kunst besteht jedoch darin, Endorphinquellen zu prospektieren, deren Inhalt für uns selbst, unsere Familien und unsere Freunde langfristig zu mehr Lebenszufriedenheit führt. Und ein ganz wichtiger Teil des Komplexes "Lebenszufriedenheit" ist - davon bin ich überzeugt - gemeinschaftliches Erleben. Gerne auch ein Fussballspiel. Aber viel lieber eine anspruchsvolle Tagesradtour mit Freunden, die einen fordern. Und somit gleichsam fördern.
So, bevor ich jetzt gänzlich wie die Kopie eines Moppel-Ich-Ratgebers oder Simplify-your-life-Propheten klinge, sei zu diesem Exkurs flink der Schlusspunkt hinzugefügt.
Dem Regen entgegen

Vorbei am Ort der Hochzeit von vor zwei Wochen rollte es schließlich weiter Greifenhain und einer im Bau befindlichen A 72, Priessnitz und seinem Damwildgehege, Flößberg und Gesprächen über väterliche Sorgfaltspflichten entgegen.
![]() |
A 72 bei Greifenhain, Fahrtrichtung Chemnitz |
![]() |
A 72 bei Greifenhain, Fahrtrichtung Leipzig |
Tourdaten:
190 km
1572 hm
7:26 h netto
8:56 h brutto
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen