Montag, 25. Juni 2012

Johannisrunde 2012

Der letzte Spargel des Jahres wird traditionell am Johannistag geerntet - genau drei Tage vor dem für die Wetterprognose der nächsten sieben Wochen (angeblich mit 70 %-Trefferwahrscheinlichkeit) seit Generationen so wichtigen Siebenschläfertag.

Ein Bis-7-Uhr-Schläfer war ich gestern auch, denn wir hatten uns von den kachelmannschen Auguren weismachen lassen, ab 14 Uhr potenziell von oben nass zu werden. Doch ungeachtet dessen hat ein relativ früher (oder relativ sehr später - je nachdem) Start weitere Vorzüge:

- es gibt jagdbare Konkurrenz auf den Straßen
- man braucht keine Beleuchtung
- man erkennt die Landschaft
- man wird nicht für komplett freaky und beziehungsbedürftig gehalten (nur zu 99,99999 %)
- man wird bei Tageslicht zu Tode gefahren und erleichtert dem Bestattungsunternehmen so die Suche

In Grimma fanden am vergangenen Wochenende übrigens die Deutschen Straßenradmeisterschaften statt. Die Elite der Herren begab sich am Sonntag ab 11 Uhr auf einen 10,4 km langen Rundkurs, der insgesamt 19-mal zu absolvieren war. Neunzehnmal die Kohlenstraße hinaufprügeln, neunzehnmal aus der Stadt heraus den Hohnstädter Berg erklimmen, achtunddreißigmal Schmerzen und Leiden.

Radsport ist schon krank. Aber vielleicht findet er ja gerade aufgrund dieser Eigenschaft immer mehr Anhänger? Wir kamen gestern während kurzer Klettereinlagen inmitten saftiger Sommerwiesen mit Kühen am Rand der Betonsteinwege jedenfalls ins Philosophieren über diesen möglichen Zusammenhang. Denn obschon mein Kompagnon bereits eine Einheit am Vortag absolviert hatte, war er frohen Mutes dabei und unterwarf sich ohne lautes Murren dem Diktat der piepsenden Foltermeister auf Vorbau bzw. Oberrohr.

Als Streckengrundlage dienten uns zwei Tracks, deren verborgene Spitzfindigkeit wir alsbald deutlich zu spüren bekommen sollten. Zwischen Koltzschen und Methau galt es nämlich, 40 hm auf erwähnten Pflasterwegen ab- und anschließend gleich wieder aufzubauen. Dumm nur, dass sich der Untergrund abrupt von Betonpflaster hin zu grobem Schotter wandelte. Einem großen Stein widerstand mein hinterer Reifen bei Tempo 47 nicht, ließ den Schlauch an zwei eng beeinander liegenden Stellen platzen und zwang zu einem Nothalt im Tal. Dort musste ich sogleich feststellen, dass auch der Ersatzschlauch in der Satteltasche aufgrund einer Dauerreibung ohne Flicken nicht mehr zu gebrauchen war. Tja, nach über einem Jahr wechselt man also neben den üblichen Verschleißteilen auch besser den Ersatzschlauch aus...

Nachdem das Bike wieder flott gemacht war, ging es einträchtig an die Bewältigung der 40 hm auf der anderen Talseite. Einen passenderen Ort für ein Wochenendhaus kann man sich hier im Porphyrland entlang der Mulde wohl gar nicht ausdenken; man braucht bloß jemanden, der keine vier Beine hat, etwas weniger behaart ist als die Vierbeiner und aus dieser Landschaft mindestens ebenso viel Ruhe beziehen kann wie der Autor.




Windspiele mit Buddha

Gute 18 Kilometer und 40 Minuten später befanden wir uns erneut im Tal. Im Tal der Zschopau zu Füßen der Burg Kriebstein.

Dieses Schmankerl ist mittlerweile kein Geheimtipp mehr für Bergfetischisten aus dem Großraum Leipzig - doch in Ermangelung von Alternativen regelmäßig Teil meiner Runden. Über Schweikershain, Arras und Aitzendorf rollten wir anschließend Wechselburg entgegen. Der stark böige SW-Wind sorgte während dieses Transfers über die Felder für die notwendige Demut, konnte die Laune auf Ortsschildsprints aber nicht vermiesen. Überhaupt, diese Sachen hatten wir ewig nicht gemacht. Mag sein, dass es an einer gewissen Ablehnung von "Standards" lag; mag sein, dass man einfach zu träge war; mag sein, dass man heute glücklicherweise vielerlei uns Umgebendes als weniger dämonisierungswürdig erachtet. Okay, Eispausen werde ich auf Radtouren immer für Teufelszeug halten... ;-)

Dabei haben Eispausen ja eine enorme völkerverbindende Funktion. Gestern zum Beispiel traf man auf dem Parkplatz vor dem Schloss in Wechselburg einen Teil des Querschnitts der Bevölkerung des Landkreises Mittelsachsen an. Von den obligatorischen Naziwölfen im Kinderschutzschafsfell; über die fünfköpfige Familie samt Omi- und Opianhang; über das adrett gekleidete Pärchen im Cabrio; über die radelnde Kleinfamilie bis hin zu tiefenentspannten, die jeweilige Silberhochzeit schon lange hinter sich habenden Wanderduos in atmungsaktiven Funktionshosen war alles am Start.

Wobei, dem buddhistischen Leitbild des In-sich-Ruhens kann ein geborener Mitteleuropäer im normalen Alltag sicher schwerlich genügen. Was er aber tun kann, ist, am Gegenbeweis der soeben getroffenen Aussage zu arbeiten. Indem er sich nicht hetzen lässt, Aufgaben bewusst den ihnen gebührenden Raum im Alltag einräumt; und es sich(!) nicht gestattet, diesen Raum durch trügerisch verlockende Ablenkungen zu verkleinern. Soll heißen: Du, wir alle sind Herr über unsere Zeit. Aber wird sind erst die Herren über unsere Zeit, wenn wir das auch ehrlich wollen.

Leider scheitern am "Wollen" oftmals die schönsten Geschichten. Weil wir zu schwach sind, uns den mannigfaltigen Versuchungen dieses viel zu kurzen Lebens zu widersetzen. Weil wir 60 Stunden pro Woche in einem Job festhängen, der uns auffrisst und ankotzt. Oder weil wir einfach nicht den Ar*** von der Couch hochkriegen. Wir kriegen den Allerwertesten (und die Allerwerteste) aber ganz schnell von der Couch hoch, wenn die Endorphine locken.

Glücksmomenten liegt eine Macht inne, die wir bewusst zur Steigerung des eigenen
Wohlbefindens nutzen können.

Das Problem dabei: Viele Menschen rennen den für sie ungeeigneten Endorphinproduzenten hinterher (oder schieben sie sich rein - cranial wie caudal). Die Kunst besteht jedoch darin, Endorphinquellen zu prospektieren, deren Inhalt für uns selbst, unsere Familien und unsere Freunde langfristig zu mehr Lebenszufriedenheit führt. Und ein ganz wichtiger Teil des Komplexes "Lebenszufriedenheit" ist - davon bin ich überzeugt - gemeinschaftliches Erleben. Gerne auch ein Fussballspiel. Aber viel lieber eine anspruchsvolle Tagesradtour mit Freunden, die einen fordern. Und somit gleichsam fördern.

So, bevor ich jetzt gänzlich wie die Kopie eines Moppel-Ich-Ratgebers oder Simplify-your-life-Propheten klinge, sei zu diesem Exkurs flink der Schlusspunkt hinzugefügt.

Dem Regen entgegen

Ich konnte meinen Willen durchsetzen und nach Vollzug der Eispause den geplanten Track mit neuem Ziel Göhrener Viadukt verlassen. Mir war natürlich bewusst, dass ich damit keine Jubelschreie erwarten durfte, aber ein paar Zeilen weiter oben steht etwas von "fördern". Eben.

Vorbei am Ort der Hochzeit von vor zwei Wochen rollte es schließlich weiter Greifenhain und einer im Bau befindlichen A 72, Priessnitz und seinem Damwildgehege, Flößberg und Gesprächen über väterliche Sorgfaltspflichten entgegen.

A 72 bei Greifenhain, Fahrtrichtung Chemnitz
A 72 bei Greifenhain, Fahrtrichtung Leipzig
In Kitzscher wurden die letzten Intervalle des Tages gefahren, bevor in Hainichen der Rundkurs wieder geschlossen und diesmal im Trockenen an einer uns damals Schutz bietenden Bushaltestelle vorbeigefahren wurde.








Tourdaten:

190 km
1572 hm
7:26 h netto
8:56 h brutto

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