Montag, 2. Juli 2012

Sehen, feiern, schlafen, aufwachen

Mit der wenig schmeichelhaften Umschreibung "Brot und Spiele" werden gemeinhin Abläufe betitelt, bei denen der Zerstreuung eine zentrale Rolle zuteil wird. Die Zerstreuung soll dabei helfen, im Hintergrund - vor den Augen der breiten Öffentlichkeit verborgen oder zumindest durch den Dunst von Großereignissen vernebelt - unangenehme Entscheidungen zu fällen, deren Tragweite letzten Endes dem eventtaumeligen Bürger erst viel später (zu einem Zeitpunkt, an dem keine Korrekturen mehr möglich sind) klar wird.

Einem solchen Prozess konnten wir in den letzten Wochen geradezu exemplarisch beiwohnen. Nicht nur hat die Bundeskanzlerin den Fiskalpakt in Windeseile durch den Bundestag gepeitscht, nein, sie hat in ihrer "Alternativlos"-Mentalität auch gleich noch das ehrbare BVerfG als Quasi-Gehilfen für ihre Zwecke vereinnahmt.

Der Weg in die von den Medien so schön "Schuldenunion" titulierte Gemeinschaft europäischer Staaten ist jetzt frei.

Was spielt es da noch für eine Rolle, dass das ifo-Institut gebetsmühlenartig den Kollaps des ESM prophezeit, wenn, ja wenn die bislang für marode Staatsfinanzen verwendeten Gelder (pardon: "Garantien") zur Bankenrettung herangezogen werden müss(t)en. Über 9000 Milliarden Euro gälte es dann abzusichern. Da erscheinen die circa 1000 Milliarden des gegenwärtigen ESM wie ein Taschengeld.

Und da erscheinen unsere alltäglichen Denkmuster erschöpft. Vielleicht waren ja manche Bundestagsabgeordnete sogar froh, sich hinter dem (wie gesagt: nicht von der Hand zu weisenden) Argument verstecken zu können, man hätte ja keine Zeit zur genauen Prüfung der Gesetzesvorlage gehabt. Gut, wenn ich keine Zeit zur Prüfung eines Textes habe, kann ich mir keine fundierte Meinung darüber bilden und ergo weder Pro noch Contra abstimmen. Ich muss mich enthalten.

Politik funktioniert aber nicht wie Politik funktionieren sollte, sondern Politik funktioniert wie Menschen funktionieren, die Politik betreiben. Im politischen Prozess heißt es jeden Tag: Mehrheiten hinter sich bringen. Ohne Mehrheiten scheitert man; ohne Mehrheiten kommt man erst gar nicht in die Lage, überhaupt Mehrheiten zu benötigen.

Ab in die Sommerpause

Einer, der in diesem Jahr ganz besonders auf Mehrheiten angewiesen ist, ist Barack Obama. Die Wichtig- und Richtigkeit seines großen Projektes, eine Krankenversicherungspflicht für jeden US-Bürger einzuführen, musste er sich jetzt - was für eine erbärmliche Vorstellung der Republikaner! - sogar vom Supreme Court bestätigen lassen. Viele Kommentatoren würden an diesem Punkt wahrscheinlich widersprechen und die Offenheit des Ergebnisses an einem über 70-Jährigen konservativen Richter in diesem Gremium festmachen. Aber selbst wenn dem so war, hat die Entscheidung des höchsten US-Gerichts mir/uns allen doch gezeigt, dass man mit gesundem Menschenverstand immer noch die besten Entscheidungen zu treffen in der Lage ist. Ganz ohne Parteibuch.

[In Deutschland existiert die Krankenversicherungspflicht seit 2007.]

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Gesunder Menschenverstand kann sicher nicht aus jedem Gestammel eines Fussballprofis während Pressekonferenzen extrahiert werden. Muss auch nicht sein. Denn "Die Wahrheit liegt auf dem Platz." (Otto Rehagel) und große Männer sind manchmal auch nur ... Frauen: "Da geht er, ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf!" (Jörg Dahlmann). Dafür waren die Einschaltquoten damals noch besser als heute, denn "Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden." (Franz Beckenbauer) und heute? Heute schreiben Kicker Bücher und "machen das Ding rein."

Fertig. So einfach ist das Leben.

Nationalmannschaften sollen schließlich Nationen glücklich und stolz machen, den (Bier-, Radler-, Chips-, Grillwurst-, Steak- Fanartikel) Konsum ankurbeln, die Menschen zusammenbringen, Sorgen zerstreuen, Gemeinschaft und Teamgefühl fördern. Und das alles hat die Deutsche Nationalmannschaft auch geschafft. Und sie hätte noch viel mehr "geschafft" (im besten Schwäbischen Sinne), wenn da nicht dieser für das deutsche A-Z-System so unkalkulierbar auftretende - manche würden es Anarchismus nennen - Nationalspieler im azurblauen Dress gewesen wäre. Balotelli knipste zweimal, Neuer war erneut nicht auf dem Platz anwesend, und die Geschichte vom "Sommermärchen reloaded" ward jäh beendet. Dabei hatte Basti S. im Vorfeld des Spiels noch ordentlich Testosteron versprüht, "Italien muss jetzt dran glauben" in einem Interview verlauten lassen.

Geholfen hat es alles nichts. Ein Spieler mit Ecken und Kanten (mehr Ecken als Kanten) hatte einen überragenden Abend und besiegelte das deutsche Aus.
Wo sind denn heute die von einer quirligen ZDF-Online-Redakteurin am Strand von Usedom zwischen Olli Kahn und Frau Müller-Hohenstein eingeworfenen Mats Hummels-Lobpreisungen in Form von Edvard Munch-Gemälden?

Wo sind denn die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an den Autos und Kinderwagen hin? Wo sind denn die Baumarktaufsteller "Zu Ihrem Einkauf erhalten Sie eine Deutschlandfahne gratis dazu"? Wo sind denn die Public Viewing-"Fanmeilen" in den Innenstädten? Wo ist denn das laute Gebrüll in Nachbars Garten?

Alles verschwunden. Denn jetzt haben Tour de France, Olympia und die Sommerferien das Zepter übernommen. Wie verrückt wäre es, wenn sich analog zum Fussball 450.000 Menschen in Berlin versammeln und ... eine schwere Bergetappe der Tour; ein Einzelzeitfahren; ein Hochsprungfinale; ein Hockeyspiel; Kanuslalom; Synchronschwimmen; Trampolin oder Golf verfolgen würden?

Wäre es wirklich verrückt(er)?

PS: Heinz Fromm geht in den Ruhestand und soll am Donnerstag vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss aussagen

PPS: Sigmar Gabriel macht jetzt 3 Monate Babypause in Magdeburg

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