Sonntag, 8. Juli 2012

Schwül, nass, heiß - und mittendrin eine Kröte

Beängstigend schwach fühlte ich mich heute Morgen. Keine Spur von Vorfreude auf eine Hochwasserrunde, keine Spur von Lust, Hügel zu erklimmen. Trotzdem begab ich mich nach dem erfolgreichen Abwimmeln eines penetrant freundlichen Untermieters in den Sattel und folgte zwischen Großbothen und Penig einem mehr oder weniger parallel zur Zwickauer Mulde verlaufenden Kurs.

Der Wetterbericht ist seit Wochen unverändert - was bedeutet: Entweder es gewittert oder es ist subtropisch heiß. Die teilweise recht heftigen Niederschläge der vergangenen Tage haben auch dazu geführt, dass zahlreiche Fließgewässer einen erhöhten Pegelstand aufweisen. Beispielsweise regnete schüttete es in Rochlitz binnen 60 Minuten 60 l/m². Welche Folgen das hat, werde ich später zeigen.

Sermuth

Der Zusammenschluß von Freiberger Mulde und Zwickauer Mulde erfolgt in Sermuth, einem Ortsteil von Großbothen, dessen Name vorslawischen Ursprungs sein und übersetzt Ort an der Flußmündung heißen soll. Neben der Muldenvereinigung steht ein Pumpwerk, das 1962 fertiggestellt wurde und in den Anfangsjahren dazu diente, Wasser aus der Freiberger Mulde zum Kraftwerk in Witznitz bei Borna zu leiten. Dazu mussten Pumpen das Wasser um 65 m anheben, damit es selbständig bis zum Chemierevier fließen konnte. Ende der 90er Jahre sanierte man die Anlagen aufwendig, um (bis heute) das neue Kraftwerk in Lippendorf mit Frischwasser zu versorgen.


Der Wurzener Rektor und Heimatforscher Otto Eduard Schmidt (1855 - 1945) hat vor hundert Jahren ein Loblied auf diesen Flecken Erde gesungen: "Es gibt Stellen auf Erden, denen eine gewisse natürliche Helligkeit anhaftet. [...] Auch die Orte, wo zwei Ströme zusammenfließen, um in gemeinsamem Laufe den allumfassenden Ozean zu suchen, haben etwas Weihevolles. [...] Groß-Sermuth ist ein gesegneter Winkel unseres Landes, voll höchster Gras- und Körnerfruchtbarkeit des Lößbodens an der Flußaue und voll sonnendurchglühten Obstsegens auf den sich zum Wasser absenkenden Hügellehnen." (Müller 2004, S. 400)

[Sermuth entstand aus den beiden Orten Klein- und Großsermuth. Sie hatten ihre eigenen Bürgermeister, ehe sie 1937 zur Gemeinde Sermuth verschmolzen. Noch heute ist in Kartenwerken - u.a. auf der Radwanderkarte - von Groß- und Kleinsermuth die Rede, obwohl die beiden Ortsteile (Kleinsermuth lag östlich der Zwickauer Mulde, Großsermuth westlich davon) heute im täglichen Sprachgebrauch nicht mehr voneinander unterschieden werden.]


Radfahrer singen anno 2012 ein Loblied, wenn sie an der Orientierungstafel zum Mulderadweg hinter dem Örtchen angelangt sind und sich der sogleich folgenden Steigung gegenübersehen. Doch keine Angst: Die 500 m schaffen selbst die Kleinen und auf der sich anschließenden rasanten Abfahrt nach Colditz finden die Waden ausreichend Zeit zur Erholung.

Bis nach Colditz bin ich heute nicht gefahren, denn ich bog am Rastplatz in unmittelbarer Muldennähe scharf nach links ab und sammelte weitere Meter für mein Höhenmeterkonto entlang der kleinen Obstbaumallee hinauf nach Collmen. Hat man sich erstmal auf sagenhafte 220 m NN emporgeschraubt, kann man wieder entspannt das große Blatt ketten (äh, ich hatte das selbstverständlich die ganze Zeit schon ;-)) und frohen Mutes nach Zschadraß rollen. Zschadraß ist ein über die - zugegeben - doch ziemlich engen Grenzen des Muldentals weit hinaus bekannter Ort.



Zschadraß

1294 als slawischer Ort des Cadrog gegründet, ist die ehemalige Gemeinde mit damals 483 EW heute ein Ortsteil von Colditz. Friedrich August Hermann Voppel war es, der als damaliger Leiter der (Irren)Anstalt Colditz in Zschadraß 1868 zwei Güter als "Außenstation" für psychiatrisch Kranke kaufte. Dort konnten die Kranken im Rahmen der Arbeitstherapie in Ackerbau und Viehwirtschaft beschäftigt werden. Ende des 19. Jh. entstanden im Zuge der Selbständigkeit der Offenen Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß die Klinikbauten und Mitte des 20. Jh. schrieb die Klinik schließlich unrühmliche Geschichte.


Leerstehendes Wohngebäude in Zschadraß
Denn mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten "diente Zschadraß als zentrale Sterilisationsanstalt und als sogenannte Zwischenanstalt für tausende zur Tötung bestimmter Kranker." [Der Begriff Euthanasie wird in der aktuellen Diskussion um den vor der Einführung stehenden pränatalen Bluttest auf Trisomie 21 leider wieder in heftigen Kontroversen neu aufgelegt.] Ende der 1990er Jahre war ein gewisser Gert Postel für 20 Monate Leitender Oberarzt im Fachkrankenhaus für Psychiatrie in Zschadraß. Durch Zufall wurde der gelernte Postbote damals von einer Mitarbeiterin enttarnt und nach knapp einjähriger Flucht in Stuttgart festgenommen. Während seiner Haftzeit schrieb er das Buch "Doktorspiele: Geständnisse eines Hochstaplers", in dem er versucht, die Psychiatrie als "heiße Luft" zu enttarnen.

Das Buch fand großen Zuspruch und darf erneut die Frage aufwerfen, was in einem Rechtsstaat als gerechte Strafe betrachtet werden kann/muss. Bezahlte Schreibarbeit, vorzeitige Entlassung und hohe Einnahmen aus vorgenannter Schreibarbeit wohl kaum. Fest steht aber auch: Dem Ansehen der Einrichtung hat der gewiefte Hochstapler ideellen Schaden zugefügt. Ebenso den Akademikern. Denn was wirft es für ein Licht auf eine Einrichtung, in der ein Laie fast 2 Jahre unbehelligt als Oberarzt tätig sein, gar Vorträge vor gestandenen Medizinern halten kann?!

Glaubt man den Landschaftsarchitekten, dann besteht der Ort zu 80 % aus Krankenhaus. Dörfliche Strukturen sind nur in Ansätzen erkenntlich, von der Untertagegeschichte ganz zu schweigen. Man hatte nämlich zwischen 1867 und 1900 versucht, Kohleflöze im Untergrund abzubauen, dieses Vorhaben nach etlichen Todesfällen und Unrentabilität aber wieder eingestellt. Die 1868 gegründete "Kolonie Zschadraß" verdrängte nach und nach zehn Bauerngüter, ab 1894 entstanden eine Meierei und später eine eigene Kirche, Wirtschaftsgebäude und Wohnhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man von 1950 bis 1952 eine Klink für Lungenkrankheiten, 1990 wurden die Kliniken vom Freistaat Sachsen übernommen. 1999 schließlich ging die Verwaltung des Klinikums in die Hände des Diakoniewerkes Zschadraß über, die Lungenklinik zog nach Chemnitz um. (vgl. Müller 2004, S. 409f)

Die Diakoniewerk Zschadraß gGmbH gehört zum Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ihr Leitbild orientiert sich am "Handeln in der Nachfolge Jesu Christi" und liest sich erwartungsgemäß ganz harmonisch. Ein Fachkrankenhaus, ein Kindergarten, ein Seniorenheim, ein Wohnheim für geistig Behinderte sowie verschiedene andere Wohnanlagen und Dienstleister gehören unter das Dach der Gesellschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass hinter den blumigen Worten auch Taten stehen und die Menschen einen würdigen Aufenthalt, ein würdiges Leben innerhalb der Mauern dieser geschichtsträchtigen Einrichtung verbringen dürfen.

Gewitter in Ceesewitz

Genug der Kranken und genug der Geschichte; weiter geht unsere Fahrt entlang der Zwickauer Mulde. Was muss das hier früher für ein typisches Landleben gewesen sein: In Lastau markieren mit Feldsteinen errichtete Mauern die Grenzen der zu den Drei- und Vierseithöfen gehörenden Gärten, die Straße windet sich in leichten Serpentinen aus dem Muldental nach oben. Man kann sie förmlich hören, die Pferdefuhrwerke, die von den angrenzenden Äckern die Ernte einbringen.

Von der Dorfstraße bog ich in die Dorfstraße ab und genoss die rasante Abfahrt hinunter zur ehemaligen Papierfabrik (heute ein Wasserkraftwerk). Von hier sind es knappe anderthalb Kilometer bis zur ehemaligen Sägemühle von Lastau, die bereits mehrfach in diesem Blog Erwähnung fand (hier und hier).

Wasserzulauf (unten rechts) zur ehemaligen Papierfabrik von Lastau
Kralapp war kurz darauf Ausgangspunkt einer erneuten Kletterei hinauf zur Schweinemast von Ceesewitz. Im Westen, im ziemlich nahen Westen, konnte ich auf der Anhöhe eine veritable Gewitterzelle bei ihrem Zug gen Osten beobachten. Etwa 5 Kilometer Distanz trennten mich noch von ihr - da hieß es schnell sein, Panoramen knipsen und dann Schutz suchen.



In der Bushaltestelle von Ceesewitz
Exakt 45 Minuten dauerte meine Zwangspause in der - zugegeben - komfortablen Bushaltestelle von Ceesewitz, die zu meinem großen Glück ihre Rückwand dem Gewitter entgegenstellte. Ich erlebte den Durchgang der Tiefdruckzelle von den ersten Tropfen über heftigen Platzregen bis hin zu den letzten Tropfen vor sich zögerlich mit immer größeren blauen Löchern zeigendem Himmel. Ein menschliches Bedürfnis führte kurz vor der Weiterfahrt auf das verlassene Grundstück gegenüber und siehe da, beim Sondieren der Umgebung hatte ich einen Beobachter (eine Beobachterin?) die ganze Zeit übersehen.











Anyway, der Akku meiner kleinen Kompaktknipse reicht nicht für die üblichen umfänglichen Aufnahmen vom Objekt, zumal ja noch andere Dokumentationen geplant waren, was mich schweren Herzens Adieu sagen ließ. Durch Stöbnig und Döhlen führt eine ruhige Straße auf direktem Wege nach Rochlitz - erster fest geplanter Fotostop dieses Tages.

Der Rochlitzer Berg, gesehen zwischen Ceesewitz und Stöbnig

Rochlitz

Sicher, es hatte etwas von Katastrophentourismus. Mit einer Ausnahme: Ich komme hier auch regelmäßig ohne solche Anlässe vorbei. Der Vorplatz der Gerichtsschänke unterhalb des Schlosses war arg in Mitleidenschaft gezogen, das Pflaster ausgespült, Unrat angeschwemmt, die Straßenbegrenzung erodiert worden. Es wird ein paar Tage dauern, bis die Schäden dieses Extremwetterereignisses beseitigt sind und die Warnschilder verschwinden. Und es wird Nachfolgeereignisse geben.

Zweieinhalb Kilometer sind es von hier bis hinauf zur Königshöhe auf dem Rochlitzer Berg. Zweieinhalb Kilometer, die in Anbetracht der eingangs erwähnten Schwäche etwas mehr Respekt als üblich einforderten. Die Straße, mitten im Wald gelegen, dampfte noch vom Niederschlag der letzten Stunde, ein paar wenige Ausflügler wanderten dem Gipfel entgegen, ein kleiner Junge schaute von seinem Fahrrad aus etwas konsterniert auf den verwaisten Waldspielplatz gleich neben Wettinstein und Rudolf-Zimmermann-Weg.

Die Panoramaaussicht hatte ich (dem Gewitter sei Dank) für mich allein, einzig ein Pärchen in den Vierzigern gesellte sich dazu, dessen bessere (wer hat eigentlich diesen dämlichen Spruch verzapft?!) Hälfte eifrig knipste. Ich bot den beiden schließlich an, ein paar Porträts mit ihrer (DSLR)Kamera zu machen. Hochformat, Querformat, Nah, Fern, das ganze Programm halt. Sie bedankten sich herzlich, während ich bereits mein Rad wieder in Händen und die Weiterfahrt angetreten hatte.
 

Panorama vom Rochlitzer Berg





Das nächste Dorf auf meiner Tour war Carsdorf. Idylle pur. Die Sonne schien mittlerweile wieder von einem weitgehend blauen Himmel mit sich in sicherer Entfernung befindlichen Cbs, als ich mehrere Mädels überholte, die mit ihren Vierbeinern auf dem Weg zum Reitplatz waren. So kann man einen Sonntagnachmittag natürlich auch verbringen. Das fordert zwar nicht heraus, ist gesellschaftlich jedoch sicher wertvoller als mein Treiben.

Apropos Treiben: Ich hatte noch 86 km Reststrecke und sollte ein wenig aufs Tempo drücken. Also lasse ich am besten die Heldengeschichten vom Aufstieg nach Hartha, vom Erklimmen des Göritzhainer Hausberges und vom endlosen Gekurble auf der Burkersdorfer Straße in der Mulde verschwinden. Platsch.

Penig

Wer von Chursdorf kommend sich über die Chemnitzer Straße dem Stadtzentrum von Penig nähern will und ein Rennrad als fahrbaren Untersatz sein eigen nennt, sei hiermit gewarnt: Es wird lustig. Lustig im Sinne von schneller Abfahrt, lustig im Sinne von Bodenwellen in 90°-Kurven, lustig im Sinne von ausgeplatztem Asphalt, lustig im Sinne von Fahrbahnbelagwechseln. Penig also. Da war doch was.

Am 8. August 2010 befand ich mich schon einmal auf der heute eingeschlagenen Route und damals bot sich mir von der Brückenstraße aus dieser Anblick:

Blick auf den Abschnitt B, Lunzenauer Straße | Seit Frühjahr 2011 Bau einer Hochwasserschutzmauer, 460 m lang, 3,1 Mio. Euro, mit 70 cm hoher Verglasung obenauf
In der Zwischenzeit hat sich nicht nur unterwegs (bspw. wurde die Straße Wechselburg-Hartha saniert), sondern auch speziell hier in Penig einiges getan. Das Hochwasser der Jahrhundertflut von 2002 hatte in der Stadt Schäden in Höhe von über 11 Millionen Euro verursacht.

In der Folge erarbeitete die zuständige Landestalsperrenverwaltung des Freistaates Sachsen Maßnahmen zum zukünftigen Schutz vor Hochwasserereignissen. Vorgesehen sind feste Hochwasserschutzwände aus Stahlbeton, die Sicherung von Straßen und Durchgängen mit Hochwasserschutztoren sowie eine Erhöhung vorhandener Ufermauern. (vgl. Hochwasserschutz in Penig an der Zwickauer Mulde, PDF)
 
Hochwasserschutzmauern mit im Schnitt 1,5 m Höhe sollen also das Schutzziel HQ100 (eine Abflussmenge, die statistisch einmal in 100 Jahren zu erwarten ist) erreichbar werden lassen. Alternativen wie mobile Mauern oder Hochwasserrückhaltebecken wurden aufgrund zu geringer Wirksamkeit wieder verworfen. Bis 2014 werden nun in Penig auf vier Abschnitten mit Gesamtkosten von 10 Mio. Euro Hochwasserschutzbauwerke auf einer Gesamtlänge von 2,3 Kilometern errichtet.

"Die Philosophie des ZWA beruht auf mobilen Lösungsansätzen. So soll mittels leistungsstarker Pumpen das Wasser bei Bedarf zurück in den Fluss befördert werden. [...] Hochwasserschutzsysteme werden entlang der Zwickauer Mulde unter anderem in Lunzenau sowie Rochlitz und entlang der Flöha in Flöha errichtet. Die Herausforderungen sind gleich. Wenn Mauern errichtet werden, müsste das dahinter entstehende Niederschlagswasser wieder über die Sperrung gehoben werden."
(Thomas Eulenberger, Verbandsvorsitzender des Zweckverbandes Wasserver-/Abwasserentsorgung Hainichen (ZWA) im Interview mit der Freien Presse am 06.08.2010)
Auslöser dieser massiven baulichen Eingriffe war ein Extremwetterereignis mit bis dato noch nicht gekannten Schäden. Der fortschreitende Klimawandel scheint diese Extremwetterereignisse zu begünstigen und ihre Häufigkeit zu erhöhen. Den Bau der vorgenannten Schutzmaßnahmen kann und muss man demzufolge als positiv und unumgänglich bewerten. Allein, mit immer höheren Schutzmauern kann und darf sich die Menschheit ihren Problemen nicht gegenüberstellen. Wir müssen in vielen Bereichen endlich (!!!) umdenken und den Karren - um ein dörfliches Bild zu gebrauchen - gemeinsam aus dem Dreck ziehen. Dieses große Projekt des 21. Jahrhunderts beginnt bei der Ausbildung und endet bei der (de)zentralen Energieversorgung.

Rolling home

Mit einem Abstecher zur Rochsburg beschließe ich die Neuauflage meiner Hochwasserrunde und verlasse in Lunzenau die Zwickauer Mulde. Über die neue A 72 bei Obergräfenhain rollte es schließlich durch Rathendorf und Ossa (unbedingt bei Gelegenheit das Häusl am östlichen Dorfende anschauen), durch Syhra und Roda, bis ich in Greifenhain den letzten Berg des Tages erklommen und einen meiner Lieblingsradwege erreicht hatte. Anfangs auf der B 176 parallel zum Bockwitzer See und später auf Teilen der diesjährigen Zeitfahrstrecke der Deutschen Radmeisterschaften lasse ich den Tag entspannt ausklingen.

Die Rochsburg


Labilität mal zwei
Literatur:

Manfred Müller (2004): Von Dorf zu Dorf. Band 2: Die Dörfer im Muldentalkreis westlich der Mulde. Sax-Verlag. Beucha

153 km
1456 hm
5:59 h netto
7:50 h brutto 
Outtakes




Kommentare:

Wilfried hat gesagt…

Einmauern der Flüsse sind keine Lösung. Die Mauern die jetzt gebaut werden würden ein Hochwasser wie 2002 nicht abhalten

Am 5.7.12 kamen Regenmengen von etwa 80 Litern pro Quadratmeter in Rochlitz und haben Teile der Stadt verwüstet.
http://www.freiepresse.de/LOKALES/MITTELSACHSEN/ROCHLITZ/Am-Tag-danach-Rochlitz-steckt-im-Dreck-artikel8035594.php
Auszug aus dem Artikel:
Am Mühlplatz in Rochlitz regt sich angesichts der Schäden der Unmut. "Alle haben gewarnt: Baut diese Flutschutzmauer nicht. Hätte es die nicht gegeben, wäre das Wasser in die Mulde gelaufen und der Schaden geringer ausgefallen", kritisiert Uwe Reichel. Roger Thiele vom Mühlplatz 4 legt einen drauf: "Der Mauerbau ist Steuergeldverschwendung." Und Anwohner Michael Schmidt bekräftigt: "So ein Irrsinn."

Christian hat gesagt…

Hallo Wilfried,

hab vielen Dank für Deinen Kommentar.
Ich gebe Dir Recht, dass ein "Einmauern" keine Lösung ist. Manchmal gibt es aber leider keine Alternative, um mit in Vergangenheit und Gegenwart begangenen Fehlern umzugehen. Die Begradigung von Flußläufen, die Besiedlung enger Täler, die Beseitigung von natürlichen Retentionsflächen sind nur wenige Beispiele für anthropogene Beeinträchtigungen von und infolgedessen provozierten Konflikten mit Naturräumen.

Den im Pressetext angesprochenen "Irrsinn" in Rochlitz und die Wut der Anwohner kann ich nachempfinden. Es hilft jedoch wenig, Argumente pro Schutzmauer (etwa einen verbesserten Hochwasserschutz für die Altstadt) gegen ein lokales Extremereignis und daraus entstandenen Schaden aufzuwiegen. Gewiss sollten Anwohner, Stadtvertreter und die Verantwortlichen der zuständigen Landestalsperrenverwaltung sich an einen Runden Tisch begeben und nötige Konsequenzen aus dem Vorfall erörtern. Gewiss hätten solche Szenarien aber bereits in der Planungsphase ausreichende Berücksichtigung finden müssen. Ob letzteres der Fall war, kann ich leider nicht beurteilen.

Idealerweise hören sich die jeweiligen Parteien alle Argumente an (ich habe den auf www.keine-mauer.blog.de verlinkten Text von Fr. Kallenbach gelesen) und entscheiden dann nach Sachlage. Nun sind, um es mit Karl Valentin zu sagen, Prognosen immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Anwohner wollen verständlicherweise ihre Umgebung möglichst naturnah haben - bei einem Hochwasser aber auch keine nassen Füße im Wohnzimmer bekommen. Behörden und Versicherungen wollen möglichst keinen Streß durch Schadensfälle und/oder schlimmstenfalls Klagen wegen unterlassener notwendiger Eingriffe. Ob heute getroffene Entscheidungen morgen richtig sind, werden wir erst morgen erfahren.

Ich wünsche euch für die Zukunft stets trockene Füße.

Herzliche Grüße,
Christian

Wilfried hat gesagt…

Hallo Christian,
eigentlich lese ich deine Seite weil sie mir gut gefällt. Die Berichte sind informativ und die Bilder sind klasse. Nun sind wir aber zum Problem Hochwasser gekommen und dazu einige Worte.
Dein Satz:" Anwohner wollen verständlicherweise ihre Umgebung möglichst naturnah haben - bei einem Hochwasser aber auch keine nassen Füße im Wohnzimmer bekommen."
stimmt nur in der ersten Hälfte. Wer am Fluss wohnt, und das schon viele Jahre, hat sich so eingerichtet, dass er nasse Füße nicht schön findet, aber damit muss man rechnen.
Nun zum Problem Rochlitz:
Die Talsperrenverwaltung ist laut ihrer Aussage nur für Gewässer erster Ordnung zuständig. Das heist eine Mauer die den Fluss abhält. Das übermäßige Regenwasser welches vom Berg in Richtung Fluss will geht die Talsperrenverwaltung nichts an. Da muss sich die Kommune darum kümmern. Sobald die Abwasserleitungen das nicht mehr schaffen kommt es zu diesen Problem.
Für die in Vergangenheit und Gegenwart begangenen Fehler gibt es schon Alternativen. An der Isar wurden Hochwassermauern wieder entfernt und der Fluss renaturiert. Auch an der Luppa bei Leipzig wird das jetzt in Angriff genommen.
Im Landesentwicklungsplan Sachsen wird an erster Stelle die Rückgewinnung von Retentionsflächen festgeschrieben. Das Hochwasser muss dort bekämpft werden wo es entsteht.
Der Satz der Talsperrenverwaltung: Denkt an das Hochwasser von 2002 deshalb müssen wir die Mauer bauen ist Unsinn da die Mauern dann doppelt so hoch sein müssten und dann will ich nicht in einem Ort flussabwärts wohnen...
Da werden Millionen Euro verbaut die nur den Baufirmen helfen aber die Bürger sind erst mal beruhigt.
Im Jahr 2007 habe ich mal auf meinem Blog die Größenverhältnisse für die Mauer aufgezeigt.
Herzliche Grüße,
Wilfried

Christian hat gesagt…

Hallo Wilfried,
du bist also dieser regelmäßige Leser. :-)
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"Im Landesentwicklungsplan Sachsen wird an erster Stelle die Rückgewinnung von Retentionsflächen festgeschrieben. Das Hochwasser muss dort bekämpft werden wo es entsteht."
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Meine volle Zustimmung. Gelder zum sogenannten Hochwasserschutz sind bei derartigen Projekten um einiges nachhaltiger angelegt.
Vor ein paar Jahren musste ich in unmittelbarer Nachbarschaft leider ein Beispiel für die sinnlose Ver(sch)wendung von Flutgeldern beobachten.
Das Jahrhunderthochwasser von 2002 hatte zur Folge, dass die Töpfe für den Hochwasserschutz ebenso prall gefüllt waren wie die Flußbetten zuvor.
Der Lockruf der Gelder führte jedenfalls dazu, dass ein seit Jahrzehnten als naturnaher See (mit minimalem Durchfluss) genutztes künstlich angelegtes Gewässer mit einer neuen Uferbefestigung und einem neuen Rundweg (zu 50 %) versehen wurde. Dabei wurden wertvolle Ufergehölze und infolgedessen Lebensräume vieler Arten vernichtet. Bleßrallen waren dort früher zuhause, Bisamratten, Schilfrohrsänger u.a.

Heute ist der Weg asphaltiert und das Ufer bis zum Wasser mit großen Steinen verbaut. Es gibt auf einem Abschnitt von 2 km keinen einzigen Baum in Ufernähe mehr, das Mikroklima hat sich verschlechtert, es herrscht Artenarmut; von Stockenten einmal abgesehen. Was ich damit sagen will: Ich bin kein Freund von wasserbaulichen Maßnahmen. Ich bin ein Freund naturnaher Landschaften und intelligenter Lösungen. Ein Freund intelligenter Lösungen, die uns Menschen und der Natur gleichermaßen Lebensraum zusprechen.
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"Das Hochwasser muss dort bekämpft werden, wo es entsteht."
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Tja, aber wo entsteht das Hochwasser? Diese Frage ist ziemlich schwer zu beantworten, denn es fließen eine große Zahl Parameter in diese Gleichung ein.
Peter Fabian schreibt dazu in seinem lesenswerten Buch "Leben im Treibhaus" (Springer-Verlag, 2002) auf Seite 183 ff übrigens: "Wir verwandeln damit die Warmzeit, in der wir leben, zunehmend in einen Superwarmzeit. [...] Ansteigende Temperaturen können zu einer Zunahme des atmosphärischen Wasserdampfgehaltes und damit zu einer Intensivierung des Wasserkreislaufs und mehr Niederschlag führen. Tatsächlich hat über weiten Regionen der mittleren und hohen nördlichen Breiten die Luftfeuchte in der bodennahen Schicht und auch die Menge des jährlichen Niederschlags zugenommen. [...] Der Zunahme der Niederschläge in mittleren und hohen nördlichen Breiten stehen abnehmende Niederschläge, etwa in Südeuropa und im Mittelmeerraum, gegenüber."

Belege für diesen vor 10 Jahren publizierten Stand des Wissens sehen wir jeden Abend in der Tagesschau. Und die Zunahme von Extremwettereignissen als Folge des Klimawandels ist in unseren Breiten ein Faktum.
Was ich damit sagen will: Erfolgreicher Hochwasserschutz beginnt bei uns selbst. Er beginnt bei der Wahl unserer Fortbewegungsmittel, bei der Zusammensetzung unserer Nahrung, ganz allgemein beim Energieverbrauch - denn all diese Felder wirken auf den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre ein.
Nachhaltige Energieerzeugung, intelligente Energiebereitstellung und -transporte sowie möglichst CO2-neutrales Wirtschaften sind die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Das Hochwasser der Mulde und sich von Feldern ins Tal wälzende Schlammmassen stehen in Verbindung mit qualmenden Kraftwerksschloten und dem deutschen Pro-Kopf-Verbrauch von 50 kg Fleisch pro Jahr. Unser Lebensstil ist nicht nachhaltig, unsere Infrastruktur ist nicht nachhaltig, unsere Wirtschaft ist nicht nachhaltig. Es bedarf der Aufklärung an vielen Fronten.

Für diese Aufgabe wünsche ich dir/euch/uns weiterhin viel Erfolg und Kraft.

Beste Grüße
Christian

PS: Wie ist der aktuelle Stand in Roßwein?

Wilfried hat gesagt…

Zur Zeit wird die Umweltverträglichkeitsprüfung erstellt, aber erst auf unseren Druck. Die LTV war der Meinung das sie nicht nötig ist. Vermutlich Anfang des nächsten Jahres wird das Anhörungsverfahren durchgeführt. Schaun wir mal wie sich das entwickelt.
Ich wünsch dir ein schönes Wochenende,
Wilfried