Donnerstag, 3. Januar 2013

Silvester im Bergdorf

Leichter Schneefall hat eingesetzt als wir gegen 8 Uhr am Abend den kleinen Gasthof verlassen. Von drinnen dringt warmes Licht durch die teilweise beschlagenen alten Holzfenster in die kalte Nacht. Mit einem Hauch von Wehmut blicke ich ein letztes Mal über Pferdekoppel und Skihang hinweg zu unserer Heimat der vergangenen 4 Tage. Dieses rustikale Häuschen mit dem bodenständigen Charme seiner bäuerlichen Bewohner passte einfach zu mir. Ich hatte alles was ich brauchte. Und was ich nicht hatte, brauchte ich auch nicht. Ich schließe die Autotür und rolle in Richtung NW davon - einem neuen Jahr mit neuen Erlebnissen, neuen Menschen und neuem Wissen entgegen.

28.12.12 - Ein Flug gen Westen, ein Flug gen Osten

T. rief am frühen Vormittag an, erkundigte sich nach unserem Plan. Wir wollten nach der langen Zwangspause nämlich unbedingt die Option auf einen Flug wahren und verschoben die Abreise ins Riesengebirge deshalb um einen Tag. Nichtsdestotrotz stand der gepackte Koffer Zuhause griffbereit, um ihn auf der Heimfahrt einladen zu können. Kurz und knapp: Unser Küken konnte am Berg ihren Erstflug machen, für längere Luftspaziergänge war die Strömung aber leider zu schwach.












17 Uhr schließlich brachen wir zu zweit in Richtung Tschechische Republik auf, die Schirme dabei vorsichtshalber neben der Skiausrüstung im Kofferraum liegend.




[Zugegeben, ich hatte anfangs ein wenig mit mir gehadert: Im Freundeskreis ist gerade ein Schwarm Störche bei der Arbeit und meine Reaktion auf diese Tatsache blieb eher im Privaten verborgen. Obschon dieser Tag kommen musste, ist man doch überrascht, wenn er denn angebrochen ist. Jedenfalls sehe ich meine Rolle in diesem Kreis gegenwärtig eher als Beobachter denn als aktiver Player. Jeder kann auf meinen Rat, jeder kann auf meine Unterstützung zählen. Rund um die Uhr. Aber niemand kann verlangen, dass alles so wie früher wird. Falsch: Niemand kann wollen, dass alles so wie früher wird.

Würde man mich fragen, ob ich damit glücklich bin, fiele die Antwort zwiespältig aus. Einerseits bin ich damit sehr glücklich, weil die freie Zeit vollends in meine Projekte und Interessen investiert werden kann (da meine exzentrische Veranlagung dazu führt, relativ viel Zeit in bestimmte Aufgaben zu investieren ein nicht unerheblich zum Wohlbefinden beitragender Umstand). Andererseits fehlt da etwas wichtiges zum wahren Glück. Es fehlt die Zuneigung, die ideelle und moralische Unterstützung meiner Person. Das Feedback auf die im letzten Jahr veröffentlichten Beiträge etwa geht gegen null; obwohl die Zugriffszahlen stetig gewachsen sind. Von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, wird mein Blog nur konsumiert. Dabei soll er immer auch zur Diskussion, zur Einbringung eigener Erlebnisse anregen. Ohne das Wissen um die Anteilnahme am eigenen Leben ist das eigene Leben sinnlos - der Sinn entsteht in der Interaktion. Und die Herausforderung an uns alle besteht im Finden der richtigen Interaktionspartner.]

Größtenteils problemlos verlief die Fahrt. Wobei, ach was solls, ich hätte es wissen müssen:
"Was bedeutet ein Sperrschild? Eine Sperrung kann, muss nicht vorhanden sein. Ist so. Der Allrad zog dann auch anfangs unbekümmert durch die Schneehaufen ... und kam erst auf Höhe der Bergbaude Smědava zum stehen. Hm, hatten die wohl doch nur eine Einbahnstraße geräumt. Also wieder runter und brav auf die Hauptstraße. Das Leben kann so einfach sein."
(Quelle: Silvesterstadl, 05.01.2011)
Diesmal wendeten wir bereits auf halber Höhe (von oben kommende Deutsche machten keine Hoffnung auf eine Passage). Ich hätte schwören können, dass bei dieser geringen Schneemenge der Pass offen ist. Aber scheinbar halten sich die Tschechen doch an ein paar fixe Pläne. So mussten wir etwa 40 km Umweg in Kauf nehmen und unser Tagesziel über Harrachov entlang der Jizera erreichen. Das tat der guten Stimmung aber keinen Abbruch, im Gegenteil, freuten wir uns doch schon sehr auf ein paar entspannte Tage in neuer Umgebung.

Die Straße verengte sich zusehends, es ging erst steil bergauf, dann steil bergab und ein letztes Mal steil bergauf. Sackgasse. Endstation. Hier musste es sein; jedenfalls wähnte das GPS uns am Ziel. In etwa 10 Meter Entfernung öffnete sich eine Tür und heraus traten zwei Personen. Es waren der kleine J. und der große M. - Kind und Stiefvater. Wir parkten vor deren Pkw ein und schlitterten über den vereisten Weg hinunter zum Haus. Drinnen begrüßten uns die zwei anderen Familienmitglieder (wenn man die Katze nicht mitrechnet) inmitten ihres überschaubaren Reiches, das aus einer Wohnküche mit zwei angeschlossenen Schlafzimmern und einem Bad bestand.

Zwei Kinder im Alter von 6 und 12 Jahren, deren Mutter und der Vater des Kleinsten sowie zwei ... sollten sich folglich diesen Wohnraum teilen. Ich war sehr gespannt.

29.12.12 - Im Bann des Mondes

Die Kids waren Gott sei Dank ebensolche Langschläfer wie ich. So konnte man sich entspannt 9.45 Uhr aus der extrem weichen Matratze herausarbeiten und erstmalig bei Tageslicht den Blick aus dem Fenster in Richtung Berge schweifen lassen. Großartig: Hinter einem Schleier aus Eiszapfen breitete sich das Panorama des westlichen Riesengebirgskammes aus.



Lysá hora (1344 m NN) und Kotel (1434 m NN) ragten dabei knapp über den nahen, mit Nadelwald bewachsenen Höhenzug hinaus, sodass ich quasi beim Frühstück mit einem Blick aus dem Fenster die markantesten Berge dieser Region immer vor Augen hatte. Zwei Tage später sollte ich zur Lysá hora mit den Langlaufski aufsteigen und oben inmitten der dichten Wolken leider keine guten Fotobedingungen vorfinden.


Der Kotel zeigt auf seinen südöstlichen Abhängen deutliche Spuren der Gletschertätigkeit und besitzt mit den Gruben Velká und Malá Kotelní jáma ein Doppelkar, das heute zu den Biotopen mit der größten Artenvielfalt in dieser Gebirgsregion zählt. Übrigens: Den einzigen verbliebenen Gletschersee auf böhmischer Seite findet man auch am Kotel - Mechové jezírko.

Obwohl die Berggipfel des Riesengebirges vorwiegend abgerundet sind: In den Gruben - den Bildungsorten der eiszeitlichen Gletscher - zeigen sich die Ausnahmen von der Regel. Bis zu 200 Meter stürzen sich nämlich die Granitfelsen in den insgesamt 15 Gruben in den Tiefe, überwiegend auf der nördlichen, polnischen Seite. Bis in den Spätsommer hinein können an diesen Standorten Schneefelder überdauern; eine Tatsache, die den Gruben zu ihrem Namen verhalf.

[Das Riesengebirge (polnisch: Karkonosze, tschechisch: Krkonoše) ist der höchste Gebirgszug der Westsudeten, über den die polnisch-tschechische Grenze verläuft. Er reicht vom Jakobstaler Pass (888 m NN, trennt das Riesengebirge vom Isergebirge) im NW bis zur Landeshuter Pforte (400 m NN) im SO und ist etwa 37 km lang sowie 25 km breit. Höchster Berg ist die Schneekoppe (polnisch: Sniezka, tschechisch: Snezka, 1602 m NN), zu den hohen Bergen zählen ferner Hochwiesenberg (tschechisch: Luční hora, 1555 m NN), Brunnberg (tschechisch: Studniční hora, 1554 m NN), Hohes Rad (tschechisch: Vysoké kolo, 1506 m NN) und Reifträger (polnisch: Szrenica, 1362 m NN).

Die Hauptgesteine sind Granite, im O und SO auch Gneise und Glimmerschiefer. Nach S fällt das Gebirge allmählich ab, nach N zum Hirschberger Kessel sehr steil. Während der letzten Eiszeiten war es vergletschert, wovon - besonders im nördlichen Teil - Kare und Gletscherseen zeugen. Die Waldgrenze liegt auf der Nordseite bei etwa 1250 m NN, auf der Südseite bei 1350 m NN. In höheren Lagen schließen sich Krummholz- und Mattenzone mit ausgedehnten Hochmooren an. Die Flüsse Bober, Elbe und Weißwasser haben hier ihren Ursprung; die Elbquelle ist gar eine der touristischen Attraktionen: Jedes Jahr pilgern mehrere Tausend Wanderer zu diesem 1386 m NN hoch gelegenen "Geburtsort" und schauen sich die Wappen der sechsundzwanzig größeren Städte, dieses bis zur Mündung in die Nordsee 1200 km langen europäischen Stromes, an.

Durch Industrieemissionen (besonders der Braunkohlekraftwerke im deutsch-tschechisch-polnischen Dreiländereck -> das Schwarze Dreieck) sind über zwei Drittel der Wälder geschädigt. Seit Beginn der 1990er-Jahre konnten die Emissionen u.a. durch Nachrüstung der Kraftwerksanlagen erfolgreich reduziert werden.

In Anerkennung der besonderen Bedeutung dieser Landschaft besteht zum Schutz der Natur- und Pflanzenwelt seit 1959 auf polnischer und seit 1963 auf tschechischer Seite ein Nationalpark mit insgesamt 426 km² Fläche. Teile davon wurden 1992 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt. Der seit dem Mittelalter betriebene Bergbau (Kupfer, Eisen, Gold, Arsen) wurde aufgegeben. Wirtschaftliche Bedeutung haben heute Holz- und Viehwirtschaft, Glasherstellung und Kristallglasschleiferei sowie insbesondere der Fremdenverkehr (Wintersport; touristische Infrastruktur mit Wanderwegen, Berghütten und Skianlagen).

Der "Herr der Berge", spöttisch Rübezahl genannt, erscheint in den Sagen als Beherrscher des Riesengebirges. Mal werden ihm riesenhafte Züge angedichtet, mal die Gestalt von Tieren wie bspw. Uhu, Kröte oder Pferd. Er soll die Bergwanderer necken, sie in die Irre führen und - wenn man ihn ärgert - schwere Unwetter aufkommen lassen können. Daneben gilt er als Hüter der Bergschätze und Beschützer der Armen. Diese ambivalente Persönlichkeit steht wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem oft schnell umschlagenden, launischen Wetter im Riesengebirge, das sich in der Gestalt des Berggeistes manifestiert hat. Nicht ganz geklärt ist die Herkunft des Namens Rübezahl; der zweite Teil -zahl könnte sich vom mittelhochdeutschen Zagel (= Schwanz) herleiten.

Die ersten Rübezahlsagen hat der Leipziger Magister Johann Prätorius (1630 - 1680) in seiner "Daemonologia Rubinzalii Silesii" (1662) gesammelt. Sie gaben Anlass zu späterer Gestaltung des Rübezahlstoffes in Kunst und Dichtung.]

Den Tag verbringe ich auf dem Skihang hinter dem Haus beim Wiederauffrischen meiner sagenhaften Abfahrtsqualitäten. Der "Herr der Berge" hatte gewiss Spaß dabei, diesen Gast in zarten Schwüngen und mit geschätzten 10 km/h (gefühlt: 30 km/h) den Hang hinunterrutschen zu sehen. Allein war ich mit meinen Mühen dabei jedoch nicht, denn ein netter Nebeneffekt von Idiotenhügeln ist - richtig - die Anwesenheit von mindestens zwei I. Es waren auch nicht ausschließlich kleine Kinder, die sich tapfer im Schneepflug auf diesen unkontrollierbaren Brettern zurück zum Start des Schlepplifts bewegten. Zur Egobesänftigung konnte ich nämlich ein paar Erwachsene ausmachen, die sich sogar noch vorsichtiger gebärdeten als der Autor dieser Zeilen. Seis drum, ich hatte meinen Spaß und genoss tatsächlich jede einzelne Minute. Unten an der Miniskihütte (neben Lift und Skihang ebenfalls von unseren Hausvermietern betrieben) legten die anderen WG-Bewohner Pausen ein und ließen sich das eine oder andere Bier schmecken, während ich tapfer Runde um Runde bis zum Schleppende um 16 Uhr drehte.

Nach einer kleinen Stärkung brach ich 17.15 Uhr erneut auf, diesmal zu Fuß zum oberen Teil der Piste. Das klare Wetter und der volle Mond weckten in mir das starke Bedürfnis, unseren himmlischen Begleiter beim Erklimmen des Riesengebirgskammes mit der Kamera im Panorama festzuhalten. Die Kälte spürte ich nicht, als diverse Belichtungsszenarien getestet, verworfen und gerade rechtzeitig definiert worden. Erst später, in der Gastwirtschaft, durchliefen mich wohlige Schauer neben einer vom Kondenswasser gezeichneten Kamera.




Zurück im Domizil begab ich mich an den Arbeitsplatz am Küchentisch und sichtete die Aufnahmen des Tages, erstellte Panoramen, schrieb Tagebuch und lauschte den Gesprächen auf der Couch. Zuhause bin ich diesbezüglich völlig frei und kann arbeiten wann und wie lange ich will. Hier war ich hingegen "gezwungen", ein wenig kommunikativer zu agieren und dafür das eine oder andere Tagesziel zu verwerfen. Eine gute Erfahrung war es trotzdem, wenngleich ich mehr Arbeit wieder mit zurück in die Heimat nehmen sollte als mir lieb war.

Irgendwann muss man sich im Leben wohl entscheiden. Entweder 24/7 ohne Ablenkung oder jemanden auf dem Schoß sitzen haben, der dich Papa nennt und sich sogleich auf der Couch neben dir lang macht. Ich schaute ihnen zu und horchte in mich hinein. Zu hören war nichts. Absolute Stille. Eine unheimliche, gleichgültige Stille wie ich sie noch nie zuvor empfunden habe. Ich dachte an die kommenden Monate, daran, was sich ändern wird, daran, was bleiben wird, daran, was für immer verloren bleiben wird. Viel zu wenig Zeit haben wir damals miteinander verbracht. Viel zu wenig Zeit. Mögen diese Sätze hier stehen bleiben als Mahnung an alle, die meinen, ihrer Familie den Rücken kehren zu wollen, die meinen, nicht bis zum letzten Atemzug für sie einstehen zu müssen. Ihr müsst für sie einstehen! Ihr dürft eure Familie nicht zerstören! Denn ihre Zerstörung ist gleichbedeutend mit der Tötung von Menschen. Denkt immer an meine Worte. Denkt bitte immer an sie.

30.12.12 - Ab durch die Hecke

Nein nein, die Überschrift kündigt keine unfreiwillige Erweiterung des Skigebietes an. Bevor aber deren Bedeutung gelüftet wird, absolviert der Leser mit mir erneut brav ein Trainingsprogramm auf dem weißen Hang. Anschließend lief ich, mit Stirnlampe notdürftig gegen Überfahren gewappnet, in die etwas höher gelegene Nachbarstadt um mir eine Langlaufausrüstung für den Folgetag zu leihen. Man zahlt dort umgerechnet 4 EUR pro Tag für das Equipment, hinterlegt 20 EUR Kaution und erhält taugliches Material. Perfekt.




Da meine Nudelration fast aufgebraucht war und ich erfahrungsgemäß am kommenden Abend groggy sein würde, verzichtete ich auf die übliche Aufstockung der tschechischen Gastronomiekalorien und hielt mich an die Citrusfruchtvorräte.



An zwei Abenden durften sich die Kinder einen Film wünschen, der über den ans Küchen-TV angeschlossenen DVD-Player konsumiert wurde. An diesem Abend war es der Streifen "Ab durch die Hecke", in dem sich eine illustre Meute Tiere erst gegen die Menschen und dann gegen einen ziemlich miesen Bären zur Wehr setzen muss. Die Tiere erwachen aus dem Winterschlaf und müssen feststellen, dass große Teile ihres ursprünglichen Lebensraums einem typischen amerikanischen Vorstadtidyll mit sauberen Einfamilienhäusern und getrimmtem Rasen weichen mussten. Lediglich eine große Hecke trennt ihre verbliebene kleine grüne Insel von der Welt der Menschen. Ein frecher Waschbär mischt die etwas trägen Waldbewohner auf, zeigt ihnen die Vorzüge menschlicher Konsumabfälle und nutzt die scheinbar einfältige Truppe zum eigenen Vorteil schamlos aus. Erst als er die tödliche Bedrohung für seine - jetzt: Freunde - erkennt, erst als es fast zu spät ist ...

Ein guter Film. Anschauen, ankuscheln, gemeinsam lachen.

31.12.12 - Drei Engel für Christian

Mein ursprünglicher Plan sah einen Start gegen 5 Uhr in der Früh vor. Da ich mich mittlerweile aber an diese weiche Matratze gewöhnt hatte und der Gebirgskamm eh in dichte Wolken gehüllt war und das Bett so schön warm war und meine Willensstärke gerade etwas schwächelte verschob ich den Aufbruch auf Sonnenaufgang. Über einen am Vortag geklickten Track begab ich mich auf scheinbar kürzestem Wege nach Rokytnice. Der Weg war nicht nur scheinbar der kürzeste, er war auch der steilste und vor meinem inneren Auge erschienen Bilder einsamer Trapper, die, weil sie vereiste steile Pfade umgehen müssen, sich durch den tiefen Schnee im angrenzenden Wald arbeiten.

Einer dieser Trapper war an jenem letzten Tag des Jahres 2012 ich selbst, wissend, irgendwann die Jizera (Iser) erreichen zu müssen und von da an die Ski auf besseren Untergrund legen zu können. Vorbei an einer 250 Jahre alten Sommerlinde komme ich dem Stadtzentrum näher, werde von der riesigen, grauen und insgeheim abstoßenden Kirche aber gleich wieder zurück in den Wald auf die Kostelni Cesta geschleudert.


[Rokytnice nad Jizerou (deutsch: Rochlitz an der Iser) ist ein Ferienort mit Textilindustrie, der sich mit seinen weit verstreut liegenden Häusern von der Isertalstraße in einer Wiesenbachmulde 6 km bis zum SW-Fuß des Kotel sowie entlang der Hänge des Berges Lysá hora hinzieht. Im Winter vor allem als Skigebiet populär, dient der Ort seit vielen Jahren auch in den Sommermonaten als attraktiver Ausgangspunkt für Wanderungen hinauf zum Riesengebirgskamm.]

Im Rucksack habe ich meine Kameraausrüstung, das Stativ, Verpflegung, eine Daunenjacke, ein Paar dicke Handschuhe, Gamaschen und eine Flasche Wasser dabei; in der Hosentasche den MP3-Player und die Kompaktkamera, um spontane Schnappschüsse nicht verpassen zu müssen. Durch den Wald ziehe ich langsam hinauf zum Langlaufgebiet mit 1a gespurten Loipen und erreiche bald den ersten Treffpunkt der diesem Sport frönenden Menschen.
Dort gab es "Erfrischungen" und, ja, entzückende Aussichten. Trotz Wolken.

An der Ručičky-Hütte begegnete ich Rübezahl und drei deutschen Mädels, die allesamt genauso wenig Langlaufprofi sind wie ich, es trotzdem gewagt haben und bis hier hoch aufgestiegen sind. Sie wohnten im vorgenannten Talort und befanden sich auf kleiner Erkundungstour um das Skiareal. Mit mir weiter zur Dvoračky Bouda aufsteigen wollten sie leider nicht, stattdessen wünschten sie mir einen guten Rutsch und machten sich an den langsamen Abstieg.






Die "drei Engel"





Die Dvoračky Bouda existiert seit 1707 und ist damit die älteste und gleichzeitig bekannteste im Gebiet um Rokytnice. Da ich wie üblich autark war, bestand kein Bedarf nach Einkehr, vielmehr nutzte ich die wenigen Fotogelegenheiten im Umkreis und schoss ein paar Erinnerungsbilder. Besonders die Hunde hatten es mir angetan und gerne hätte ich jetzt die Skier gegen eine ausgedehnte Schlittentour mit ihnen eingetauscht.

Dieses und die folgenden 6 Fotos zeigen den Weg zur Dvoračky Bouda, welcher mehrere Skipisten quert







Im Umfeld der Baude:










[Als ich so vor diesem großen Zwinger stand und aus den Ohrsteckern die Musik des vergangenen Sommers in mein Gehirn rieselte malte ich mir aus, wie es wohl wäre, wenn wir jetzt einfach entscheiden würden, weiterzugehen. Weiterzugehen in Richtung Schneekoppe, knapp unterhalb der Baumgrenze zu übernachten und am nächsten Tag, im neuen Jahr, über die Spindlerbaude wieder in die Welt der Menschen zu gelangen. Aktuell kann ich schwer absehen, wie lange ich diesen vom Umfeld erwarteten Umstand hinauszögern kann - und, einem populären Feynman-Titel ("Kümmert es Sie, was andere Leute denken?") folgend, wie lange ich mir darüber überhaupt noch Gedanken machen sollte.]

So, genug der Träume, ich musste mir über den weiteren Zeitplan Gedanken machen. Würde ich das Tagesziel Elbquelle noch erreichen wollen, wäre eine Heimkehr am späten Abend programmiert und damit ein gemeinsames Essen definitiv verunmöglicht. Dankenswerterweise erleichterte mir das miese Wetter die Entscheidung, umzukehren. Denn bei besseren Bedingungen hätte ich mich wahrscheinlich gegen die soziale Nähe und für ein Notbiwak incl. tollem Gipfelpanorama bei Sonnenunter-/ bzw. -aufgang entschieden ...









Ich werde pünktlich zum Abendessen am Treffpunkt sein, anschließend die Nudelvorräte aufbrauchen und ein Nickerchen halten. Während des Nickerchens wird mich der Große in seine Homemovies einbeziehen und wird der Kleinste im Nebenbett für den Silvesterabend vorschlafen.

23.40 Uhr brechen wir auf zur großen Knallerei. Ich suche mir einen erhöhten Standort auf dem Skihang, die anderen bleiben in Nähe der Bänke am Lifthäuschen. Rundherum steigen Raketen in die winterliche Nacht, Rauch legt sich über die Dächer. Auf den langzeitbelichteten Fotos erkennt man diese Umweltverschmutzung sehr gut und ich fragte mich einmal mehr, warum wir immer noch an diesen archaischen Ritualen festhalten. Apropos archaische Rituale. Meine Abwesenheit um 0 Uhr wurde problemlos toleriert, ich konnte völlig frei meinen Neigungen nachgeben. Ich hielt die Gruppe nicht auf, die Gruppe hielt mich nicht auf. So gefällt mir das Zusammenleben außerordentlich. Viel zu oft reden wir uns ein schlechtes Gewissen ein, glauben, jetzt dem anderen geschadet zu haben. In den meisten Fällen ist von Schaden aber keine Rede - sofern man nicht mutwillig gegen bestimmte soziale Regeln verstößt. Ich habe schon mutwillig gegen bestimmte soziale Regeln verstoßen und muss jetzt mal sehen, wie ich den Schaden wieder kitten kann. Dass dabei jedoch kein neuer Mensch herauskommen wird, steht für mich schon unverrückbar fest.














01.01.13 - Alles auf Anfang

Nach einer ausgedehnten Nachtruhe (ich war trotzdem der Erste im Bad) ging es sofort hinaus zum Nachbarhaus, denn dort schien jetzt die Sonne auf die Jagdbeute der letzten Tage. Ein Reh und ein Wildschwein hingen aufgebrochen in der Winterluft im offenen Schuppen, dessen Wände Brennholz und diverse tierische Felle zierten. Hier scheint man sich nicht um Kriminalität, Diebstahl oder Vandalismus sorgen zu müssen. Hier ist die dörfliche Welt in Ordnung, hier lagert das Brennholz im unverschlossenen Schuppen, hier sperrt man die Haustür nicht ab. Die Asche der Holzöfen wird vor dem Haus in der Schubkarre gesammelt und u.a. als Sandersatz für auf dem Glatteis geparkte Pkw verwendet. Hier steht der Trecker auf dem Hof und der Teckel an dessen Tor.

Die alten Frauen sprechen noch deutsch, deren Kinder nur noch tschechisch. Der stolze Schütze des Schweins wollte mir etwas zeigen, ich verstand aber nur die freudigen Gesichtszüge und bedankte mich händisch für die bessere Positionierung des Tierkörpers im Morgenlicht. Sprachbarrieren sind wie Grenzen - sie machen einander fremd. Wenn wir aber bereit sind, uns mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen, werden wir schnell feststellen, dass im Grunde alle Menschen aus ähnlichem Holz geschnitzt und Sprachen relativ schnell erlernbar sind. Man muss es bloß wollen.











Nach dem Frühstück nutze ich das sonnige Wetter zu einer letzten kleinen Fotorunde vor der Heimreise. Die Idee, heute Fliegen zu gehen, verwerfen wir. Denn über dem Kamm hat sich eine feine Lenticularis-Bank ausgebreitet und ohne genaue Ortskenntnis wäre unser Unterfangen unnötigerweise risikobehaftet.












Ursprünglich wollten wir noch einen Tag dranhängen, dann entschieden wir uns aber doch für die Heimfahrt am Abend und packten nach Sonnenuntergang die Taschen. Zwischen Packen und Abendessen finde ich noch etwas Zeit für meine Neujahrspost und verschicke diese kurz nach 18 Uhr. Wir fahren auf dem Weg zum Dorfgasthof am Skiverleih vorbei, ich übergebe die Ausrüstung und wünsche dem deutsch sprechenden Personal ein "Hezký nový rok!".



















Auf dem Heimweg kann ich später meine erste gute Tat im neuen Jahr verbuchen - ich rette einer Frau das Leben. In Herrnhut befindet sich eine schwarze Gestalt auf der rechten Fahrspur. Ich erkenne etwas, bin mir noch nicht sicher, bin mir sicher, leite eine Gefahrenbremsung ein, manövriere den Wagen auf die Gegenfahrbahn. Mein Kompagnon meinte, nichts gesehen zu haben.

Tja, keine Brille tragen zu müssen ist manchmal tatsächlich ein entscheidender Vorteil. In diesem Fall durfte deswegen jemand weiterleben und fortan am 1. Januar seinen zweiten Geburtstag feiern. Damit das so bleibt, rief ich die Polizei an und gab eine Personenbeschreibung durch, merkte an, dass die Dame mittleren Alters einen verwirrten Eindruck machte und zwei Plastikbeutel in der rechten Hand bei sich trug. Ich bekam später einen Rückruf, dass die Kollegen niemanden haben finden konnten. Das war unbestritten die beste Nachricht des Abends.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

“Nicht, was die Dinge wirklich sind, sondern was sie für uns in unserer Auffassung sind, macht uns glücklich oder unglücklich."