Samstag, 12. Januar 2013

"Wer jagen will ..."

Eine der bei der aktuell wenig rennradaffinen Wetterlage selten auftretenden Regenpausen nutzte ich für den Auftakt zur diesjährigen Kilometerfresserei auf schmalen Reifen. Wie ein Hund im Gassimodus beschnupperte ich mein Revier und hielt nach Veränderungen Ausschau. Defekte Straßen mit Löchern so tief, dass ein Antrag auf Zulassung als Angelgewässer beim Landesverband Sächsischer Angler angezeigt wäre, gehören zur Großstadt wie zugeparkte Radwege und Glasscherben am Straßenrand.

[In Leipzig besonders schlimm betroffen ist übrigens der Stadtteil Plagwitz. Auf der Zschocherschen Straße etwa muss man auf bis zu sieben Zentimeter tiefe Krater achtgeben.]

Fährt man hingegen auf den Landstraßen und durch die Dörfer im Umkreis, bleiben unschöne Überraschungen für den Velozipedisten in den meisten Fällen aus.

Dafür gibt es hier andere "Sehenswürdigkeiten" zu bestaunen, von denen im Folgenden die erste des Jahres 2013 vorgestellt werden soll. Ich hatte in den kleinen Hügel einen schönen Schwung von der vorherigen Abfahrt mit hineingenommen und erkurbelte mir gerade die Schloßansicht von Colditz, als ein Dodge Ram 2500 zum Überholen ansetch sein, dass seine Chauffeure damit auf eine moralisch bisweilen verzwickte, uns allen nur zu bekannte Tatsache hinweisen wollen: Wer A sagt, muss auch B sagen. Insofern handelte es sich um einen Spruch mit geradezu philosophischer Dimension. Auf die Dodge-Fahrer angewendet hieße es: W die Stadt blieb mir erspart, weil dem Riesen anscheinend die Luft ausging und er an der nächsten Tankstelle Halt machte. Ich zog rüber und musterte den Schriftzug. Die Vermutung erwies sich als richtig: "Wer jagen will, muss töten können" prangte in weißen Lettern auf einer getönten Heckscheibe. Nun gut, der Spruch mag im Ansatz mit den besonders in Mittelsachsen weitverbreiteten Meinungsbekundungen à la "Todesstrafe für K..." auf dem Heck von 3er Golfs, tiefergelegten A4s und diversen Opelmodellen korrelieren. In diesem Fall dachte ich aber sofort an einen Grünrock. Grünrock? An einen Jäger, eine Jägerin.

[Frau BM K. Schröder würde ihrer Tochter wahrscheinlich von "dem zur Jagd befähigten Mitglied unserer Menschengemeinschaft" vorlesen.]

Ansatz I

Aufbauend auf meiner Hypothese erwartete ich also einen kräftigen Mann, Mitte dreißig bis Mitte vierzig, ohne Bedarf nach einer Psychotherapie. Aber es kam anders. Die Fahrertür öffnete sich und auf den langen Weg von der Kabine hinunter zum Betonboden begaben sich zwei nicht enden wollende Beine in - natürlich - Stiefeln. Hallelujah, ist denn heut' scho wieder Weihnachten? Fahren die Engel jetzt Zweieinhalbtonner anstatt zu fliegen? So ergeht es einem also, wenn man sich auf Vorurteile einlässt. Wobei, entweder hatte besagter Mann gerade in der eigenen Tischlerei, wahlweise auch Kfz-Werkstatt, bzw. auf Montage zu schaffen, oder sein Weibchen ist selbst Mitglied im elitären Kreis der über Tod oder Leben Bestimmenden. Oder beides. Etwas stutzig machte mich das westdeutsche Kfz-Kennzeichen. Ein Verwandtenbesuch in der Heimat? Mit diesem super Reisemobil sicher keine schlechte Idee, immerhin können im Kofferraum problemlos fünf Wildschweine für den perfekten Grillabend transportiert werden.

Die Beifahrertür öffnete sich ebenfalls und heraus lugte ein geschätzt Zehnjähriger, dessen Körperhaltung einen wenig auf Ausgleich und Toleranz bedachten Erziehungsstil nahelegte. Der Kleine hatte einen Blick drauf, der jeder Sau schon im Ansatz den Lebensmut zu nehmen im Stande war. Irgendwie lustig. Während seine Frau Mutter, Stiefmutter, Schwester, was auch immer 60 l Diesel im Rachen des Ungetüms verschwinden ließ, saß der Thronfolger auf der Sitzkante und beäugte mißmutig seine Umgebung.

Ansatz II

Selbstverständlich bietet ein solcher Schriftzug weiteren Anlass zur Spekulation, denn immerhin kann es ja auch sein, dass seine Chauffeure damit auf eine moralisch bisweilen verzwickte, uns allen nur zu bekannte Tatsache hinweisen wollen: Wer A sagt, muss auch B sagen. Insofern handelte es sich um einen Spruch mit geradezu philosophischer Dimension. Auf die Dodge-Fahrer angewendet hieße es: Wir schei*** auf die Ökologie und auch die Ökonomie kann uns mal kreuzweise, denn wir leben unser gutes Leben so, wie wir das für richtig halten und investieren die Kohle in Kohle und Öl.

Konsequentes Verhalten verdient Anerkennung, denn nicht wenigen Menschen fehlt die Stärke, konsequent zu leben. Sie sagen dann Sachen wie: "Ach weh, ganz schlimm diese Massentierhaltung, furchtbar, schrecklich", und schieben sich bei nächster Gelegenheit eine Bratwurst für 1,50 Euro zwischen die Kiemen; sie fahren für das Gewissen mit dem Zug in den Urlaub, pendeln aber täglich parallel zu einer Bahnlinie allein im Pkw 60 Kilometer; sie kaufen nur im Biohandel und verpacken jeden Einkauf in Plastiktüten bzw. bereiten ihn Zuhause mit Atomstrom zu; sie schicken ihre Kinder zum Musik- und Fremdsprachenunterricht und sprechen selbst nur ein paar Brocken Russisch von früher bzw. spielen an Weihnachten Stille Nacht auf der Triangel; sie melden den Nachwuchs zum Fussball an und machen selbst nach 3 Kilometern Dauerlauf schlapp; sie haben innerlich bereits gekündigt, bleiben aber noch in dem Laden, weil das Geld stimmt; sie haben Hunderte Freunde auf Facebook, sitzen zu ihrem Geburtstag aber allein im Wohnzimmer, weil Mails und Smilies keinen Überraschungskuchen vor die Haustür zu stellen vermögen; sie reden permanent darüber, wie sehr sie sich eine Partnerschaft wünschen, machen aber selbst nie den ersten Schritt, kapseln sich stattdessen ab und spielen die beleidigte Leberwurst.

Sie wollen den vielen Tieren in den Heimen helfen, sind aber nicht bereit, an einem Tag in der Woche mit dort einquartierten Hunden über die Wiesen zu toben - besser: Einem von denen eine neue Familie zu schenken; sie beschweren sich über die angebliche "Mitnahmementalität der Politiker" und beschäftigen den Manfred von der Sabine damit, ihr Bad umzubauen. Schwarz, versteht sich; sie jammern über die eigene mangelhafte Gesundheit und scheuen sich, eine halbe Stunde pro Tag Sport zu treiben; sie sehen Reportagen über Zwangs- und Kinderarbeit, über Umweltverschmutzung in der Welt und freuen sich über Jeans für 14,90 Euro bei KiK; sie haben eine tolle Idee, eine wettbewerbsfähige Idee, sind aber nicht bereit, das Risiko einer Existenzgründung einzugehen; sie haben Freunde, tolle Freunde, sind aber nicht dabei, wenn es darum geht, gemeinsam die Zukunft zu gestalten; sie haben einen Freund/eine Freundin, schon viele Jahre, sind aber zu ängstlich, ihm/ihr einen Heiratsantrag zu machen. Weil sie Angst haben, enttäuscht zu werden. Weil sie inkonsequent sind.

Ich hatte genug gesehen und brachte meinen Puls wieder auf Touren. Das eigene Herz, die eigene Leistung sind und bleiben einfach unvergleichlich attraktiver als jeder V8. In 2013 und in jedem anderen Jahr.

Die Evolution muss noch viele Sackgassen schließen. Noch sehr viele.

PS: Kein Foto, da keine sinnvolle Kamera an Bord

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