Mittwoch, 10. April 2013

Die Jagd

Ein Dorf, irgendwo in Dänemark. Es ist ruhig hier, alles verläuft in geordneten Bahnen, die Einwohner kennen sich mehrheitlich seit Kindertagen, sind eng befreundet. Es gibt keine Kriminalität, es gibt keine Arbeitslosigkeit, es gibt keine Probleme. Man könnte meinen, hier das Paradies auf Erden vor sich zu haben.

Lucas ist zurückgekehrt in dieses, in sein Heimatdorf - wenn auch nicht ganz freiwillig. Seinen Job als Lehrer hat er nämlich nach einer Schulschließung verloren, seinen 14-jährigen Sohn nach einer Scheidung gleich mit. Im Dorfkindergarten findet er eine neue Anstellung, die er offensichtlich mag, wenngleich man unterschwellig spürt, dass er lieber in seinem eigentlichen Beruf arbeiten würde. Die Tage verlaufen gleichförmig, die Beziehungen zu den alten Freunden sind frisch wie eh und je. Tiefe Freundschaften sind das. Man geht gemeinsam auf die Jagd, man isst gemeinsam am großen Tisch, man spricht über seine Probleme, man nascht gemeinsam - unerlaubterweise - vom ofenfrischen Kuchen. Theo ist der beste Freund von Lucas und Vater von Klara. Die Fünfjährige wünscht sich mehr Aufmerksamkeit seitens ihrer Eltern, doch diese sind viel mit sich beschäftigt, haben keine so sensiblen Antennen. Klara geht in den Kindergarten des Dorfes, zieht sich dort jedoch zunehmend von den anderen Kindern zurück. Sie sehnt sich nach Anerkennung und Liebe.

Ein kleines Herz

Eines Tages findet Lucas im Kindergarten in seiner Jackentasche ein Geschenk von Klara. Er gibt es ihr zurück und versucht ihr zu erklären, dass es besser wäre, dieses Geschenk einem gleichaltrigen Jungen zukommen zu lassen. Klara versteht ihn nicht, fühlt sich betrogen und läuft wütend davon. Die Leiterin der Einrichtung, Grethe, sorgt sich um Klara und erkundigt sich nach der Ursache für deren schlechte Laune. Klara antwortet, sie hasse Lucas. Und fügt hinzu, sein "Pimmel" würde nach oben zeigen. Die Kindergärtnerin ist verwirrt und überfordert, befragt Lucas und besorgt sich Hilfe bei einem Freund. Das folgende Gespräch im Zimmer der Kindergartenleiterin ist ein Lehrstück für suggestive Befragungen. Klara versteht den Ernst der Lage nicht, wie sollte sie auch? Sie antwortet kaum, reagiert lediglich mit Kopfnicken auf die keine andere Option zulassenden Fragen des Familienfreundes (!).

Jetzt beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen. Grethe bringt durch ihr dilettantisches Verhalten eine Lawine ins Rollen, von deren Ausmaß sie nicht den Hauch einer (Vor)ahnung hat. Bloße Vermutungen werden zu Gewissheiten, Gewissheiten werden zu Nachrichten und Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Unaufhaltsam.
Einmal wird man sie sagen hören: "Warten wir ab, wie schlimm es ist." Es wird ganz schlimm.

Die Tatsache, dass im Film die Akteure lediglich mit ihren Vornamen angesprochen werden, ist einerseits ein gutes Element zur Steigerung der Intimität. Andererseits intensiviert es die folgenden Szenen. Lucas stürzt in einen Strudel aus Anfeindungen und Vorurteilen. Es beginnen sich jetzt die wahren von den falschen Freundschaften zu trennen. Sein bester Freund Theo, der Vater von Klara, zweifelt an Lucas' Schuld. Doch er lässt sich vom Wahn seiner Frau mitreißen und bricht ein von Lucas angestrebtes Gespräch abrupt ab, wirft ihn auf die Straße. Als die Kindergartenleiterin auch noch seine Ex-Frau informiert und ihm daraufhin jeder Kontakt zu seinem Sohn verwehrt wird, beginnt sich Widerstand zu regen. Lucas erkennt, dass er etwas tun muss. Und er weiß, dass ihn nur seine Freunde von diesem schrecklichen Verdacht reinwaschen können.

Im Kreis der Erwachsenen

Der Hund bellt in der Nacht. Jemand schleicht um das Haus. Lucas bewaffnet sich und öffnet die Haustür - davor steht Marcus, sein Sohn. Diese Schlüsselszene bringt den Wendepunkt im Film, denn sie gibt Lucas neuen Lebensmut und das Gefühl, nicht allein zu sein. Sein Sohn zweifelt nicht an der Unschuld des Vaters, er geht zu Theo, er findet Zuflucht bei seinem Patenonkel. Denn Lucas wird in U-Haft genommen. Zwar kommt er schnell wieder frei, das Urteil der Dorfbewohner aber hat sich dadurch nicht verändert. Im Dorfladen verweigert man ihm den Einkauf, man schlägt ihn zusammen, man wirft einen Stein durch sein Fenster, man tötet. Das Maß ist voll. Diese ganzen Ereignisse spielen sich im Film innerhalb eines Monats ab, beginnend im November. Mittlerweile hat die Weihnachtszeit begonnen und an Heiligabend versammelt sich das Dorf wie jedes Jahr in der Kirche zur Christmette. Lucas geht ebenfalls hin, im Gesicht noch deutlich von den gewalttätigen Übergriffen gezeichnet. Immer wieder dreht er sich um zu Theo, sucht Augenkontakt, wird immer unruhiger, bis ...

Ein Jahr ist vergangen. Lucas kehrt in sein Heimatdorf zurück, denn Marcus wird im Anwesen seines Patenonkels von der Dorfgemeinschaft feierlich in den Jagdverein aufgenommen. Aus diesem Anlass erhält er ein Gewehr. Das gehörte vorher Lucas und davor dessen Vater; die Tradition wird fortgesetzt. Die Abschlussszene des Films wenig später ist ein Symbol dafür, dass Zweifel nie ganz verschwinden. Und dafür, dass Gewissheit ungewiss ist.

Kritik üben darf man an der eingeschränkten Erzählperspektive des Regisseurs. Dieser vermeidet es nämlich, die Gespräche hinter den Türen der Freunde dem Zuschauer offenzulegen. Ich als Kinogänger bin mir von Anfang an über die Unschuld des Protagonisten im Klaren. Ich als Zuschauer wäre aber gern in die zweifelnden Seelen der anderen Eltern abgestiegen. Gab es dort familieninterne Diskussionen? Gab es dort das Bestreben, mit Lucas zu reden? Gab es dort Zweifel, die vom übrigen Mob überrollt wurden? Es gibt dazu lediglich Andeutungen.

Trotzdem: Dieser Film stimmt nachdenklich. Wem vertrauen wir eher? Unseren Kindern, unserem Menschenverstand, den Fakten? Allem zusammen! Wirklich? Was machen wir, wenn keine Fakten zur Verfügung stehen, nur Vermutungen? Konstruieren wir uns dann die Fakten? Wie sorgfältig prüft ein jeder von uns seine eigene Urteilsfähigkeit im Alltag? Wie gefährdet bin ich gegenüber Vorurteilen? Wie kritisch prüfe ich die Mehrheitsmeinung?

Die Jagd

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