Freitag, 8. November 2013

A Diary of a Journey | DOK Leipzig 2013

Haben Sie jemals eine Reise mit Ihrem Großvater unternommen? Ja? Hat er Ihnen dabei aus seiner Kindheit erzählt, gar, wieviele Freundinnen er hatte; wie und wo er Ihre Großmutter kennenlernte; wie er zu dem Mann wurde, den Sie heute "Opa" nennen? Der polnische Regisseur Piotr Stasik muss sich ähnliche Fragen gestellt haben, als er beschloß, den Roadtrip eines 15- mit einem 82-Jährigen im Kleinbus durch Polen cineastisch zu verarbeiten. Herausgekommen ist ein Stück voller stiller Momente, in denen die Erfahrungen eines reichen, eines gelebten Lebens mit der Neugier eines Teenagers, mit all seiner Unsicherheit, in sinnstiftenden Kontakt treten.

Anlass der Reise war die Erlernung des Handwerks der Fotografie - klassisch analog und Schwarz-Weiß -, denn Tadeusz Rolke, der Senior, ist ein international tätiger Fotograf mit entsprechenden Kenntnissen, Tricks und Kniffen. Der Zuschauer erfährt davon jedoch nur infolge entweder guter Sachkenntnis oder kurzer Recherche nach dem Abspann. Ich finde es gut, diese Information nicht in den Vordergrund zu rücken und stattdessen die Aussagen und Fotos für sich sprechen zu lassen. Namen können uns nämlich viel zu schnell blenden, mit falschen Erwartungen überfrachten oder - noch schlimmer - enttäuschen. Alles beginnt mit dem Einbau einer Dunkelkammer in einen weißen Transporter und dem Anbringen der Aufkleber "Mobiles Fotostudio". Michal streift mit Tadeusz über Flohmärkte, bekommt so nach und nach seine eigene, feine Kameraausrüstung. Dann kann es losgehen.

Wenn man überhaupt von einem festen Ziel der Sommerreise unserer zwei Protagonisten sprechen will, dann lautet es: Die Menschen in ihrer vertrauten Umgebung ablichten, ihre Besonderheiten, ihre Einmaligkeit zeigen. Jeder Stopp ist verbunden mit einem Streifzug durch die neue Stadt, mit Gesprächen, mit Porträts. Die Filme werden vor Ort im Auto entwickelt und die Positive anschließend den Porträtierten persönlich übergeben. Doch das Entscheidende findet dazwischen statt. Unser ungleiches Paar ist in jeder Ortschaft auf der Suche nach auffallenden Gesichtern und Typen. Schöne Mädchen - wer mag es verdenken - haben es ihnen dabei besonders angetan. Eine meiner Lieblingsszenen spielt dann auch in einem schmalen Café, an dessen hinterem Ende eines dieser begehrten weiblichen Fotomotive Platz genommen hat. Es ist der schüchterne 15-Jährige, der seinen Mentor darüber in Kenntnis setzt; allein traut er sich keine Kontaktaufnahme zu. Der junge Mann beobachtet den alten dabei, wie man (offenbar erfolgreich) das andere Geschlecht anspricht, es umwirbt, ihm das berechtigte Gefühl, außergewöhnlich zu sein, nahe bringt. Man(n) mag sich im Kinosessel fast ein wenig fremdschämen, wenn der alte Haudegen sich gänzlich unverblümt an die junge Verkäuferin ranmacht. Ihre Abwehr, so sie denn jemals an Abwehr gedacht haben sollte, fällt jedoch schon mit dem ersten Lächeln. Von da an hat der weißhaarige Casanova leichtes Spiel und kann das Mädel ohne Probleme zu einem Fotoshooting überreden. Authentizität, Charme, direkte Ehrlichkeit, wahrhaftige Neugier - dieses Handwerkszeug gehört zu einem People-Fotografen mindestens genauso untrennbar wie die schnöde Technik.

Michal ist ein guter Schüler. Hinter der scheuen Fassade schlummert nämlich ein selbstbewusster junger Mann, der ziemlich genau weiß, was er will. Das spürt der Zuschauer schon zu Beginn, wenn die Kamera nämlich den Umbau des Busses dokumentiert. Zielstrebig schreitet er zur Tat, wissend, dass dies für das kommende Projekt essentiell ist. Parallelen und Anknüpfungspunkte zum eigenen Leben werden deutlich; auch ich zögere gern, investiere in ein tolles Projekt, von dessen Nachhaltigkeit ich überzeugt bin, wiederum mit voller Kraft. Die Kontaktaufnahme ist Teil 1 der Geschichte, anspruchsvoller wird demgegenüber schon der zweite Teil. Im konkreten Fall: Wie zeige ich die Person in all ihrer natürlichen Schönheit, womöglich innerhalb des Settings einer eher durchschnittlichen Arbeitsumgebung wie Werkstatt, Büro, Landwirtschaft? Nun, ganz wichtig dabei ist: Der Mensch/die Menschen vor der Kamera müssen sich wohlfühlen. Ich darf mich als Fotograf ihnen nicht aufdrängen, muss ein guter Beobachter sein, schnell reagieren, Stimmungen verstehen können. Vor allem bei Frauen ist das wichtig, klar, wir Männer neigen zugegebenermaßen doch eher dazu, Termine technisch nüchtern abhaken zu wollen. "Ein Foto? Okay!" Dabei sei gesagt: Auch Männer wollen auf Fotos authentisch rüberkommen, achten bisweilen auf Details, die den Damen entgehen. Wahrscheinlich liegt darin ein Teil des Zaubers begründet, der uns lebenslang zueinander hingezogen fühlen lässt.

Nicht alle Fotos gelingen auf Anhieb. Ärgerlich sind insbesondere fehlbelichtete Filme oder - Horror! - verklebte Negative. Technik ist und bleibt eben doch schnöde Technik, sie verbindet nichts mit den sich im Wasserbad langsam abzeichnenden Gesichtern und Geschichten. Jeder Fotograf möchte die eigenen Werke gern einem breiten Publikum zeigen, ist Fotografie doch nichts anderes als wortlose Kommunikation. Zu diesem Zweck suchen sich unsere zwei Vagabunden auf Zeit die jeweils schönsten Aufnahmen aus einer Stadt aus und präsentieren diese Auswahl später auf dem Marktplatz. Es dauert nicht lange, bis sich die Passanten um die Wäscheleinen scharen und entweder in die eigenen Augen oder in die des Nachbarn, des Freundes, der Freundin, der Kollegen ... blicken. So haben viele das Gegenüber noch nie gesehen, so kann es kein flüchtiges Handyfoto festhalten, analog ist pur, ehrlich, unverfälscht. Es entstehen Fotos, die die Menschen sich werden rahmen lassen und stolz in die Wohnung hängen. Das Ziel ist erreicht, der weiße Bus passiert das nächste Ortsschild.

Der eingangs erwähnte Großvater, wo ist er geblieben? Tadeusz und Michal sind nicht verwandt, im Laufe eines Sommers teilen sie sich ungeachtet dessen so viele intime Momente, dass man das als Zuschauer ohne langes Überlegen für die Unwahrheit halten würde. Welche Entscheidungen bedauert ein Mensch, der das Glück hat, über 80 Jahre alt geworden zu sein? Gibt es da etwas? Oh ja, und das schmerzt den alten Mann. Der Zuschauer nimmt auf einer Eckbank Platz, als viertes Augenpaar in der Küche einer Frau von vielleicht 60 Jahren. Sie plaudert aus dem Nähkästchen der Prä-Greisenjahre des Herrn Rolke, unverblümt, mit einer Note Bitterkeit und Zynismus. Die unbeholfene Aufzählung der eigenen Liebschaften ("12, wohl mehr, ein paar feste, weniger feste") gerät für unseren so erfahrenen Fotografen zur heftigen Abrechnung einer Dame mit ihrem (vermutet) ehemaligen Freund. Der Zuschauer mutmaßt, der Großvater ist nur dem Alter nach ein Großvater, biologisch freilich nicht. Und wenn, dann balgt er mit den Enkeln nicht herum - weil er sie nicht kennt. Zwischenmenschliche Abgründe tun sich auf in dieser Küche, als sich Mann und Frau gegenübersitzen; Michal lauscht am Rande, neben dem prächtigen Kachelofen. Plötzlich ist da keine normative Distanz mehr zwischen dem Meister und seinem Schüler, plötzlich sind all unsere gesellschaftlich so geliebten und hofierten Titel obsolet, unbedeutend, überflüssig. Plötzlich kehrt sich das Verhältnis um. Aus dem Schüler wird der Lehrer, dessen Schüchternheit ihn gewiss vor ähnlichen zwischenmenschlichen Kollateralschäden wird bewahren helfen. Diese Szene ist elementar für den ganzen Film, diese Szene erweitert unseren Blick buchstäblich über den Horizont hinaus.

Tadeusz würde rückblickend wohl einige Dinge in seinem Leben anders machen, unterbewusst war jene Absicht fraglos ein Motiv dafür, dem Regisseur zuzusagen. Er hat ein begnadetes Auge, ist charmant und besitzt das Talent, Menschen so wahr wie nur möglich abzulichten. Diese Gaben bewahrten ihn anscheinend aber nicht davor, reichlich Scherben und Tränen zu hinterlassen, Scherben und Tränen, in die Michal nicht treten soll. Sieht man den beiden dabei zu, wie sie gemeinsam im See schwimmen gehen und anschließend in Decken gehüllt auf der Wiese am Ufer liegen, spürt man das Bedauern des alten Mannes darüber, in mancherlei Hinsicht nicht ausdauernd genug gewesen zu sein, greifbar. Die Arbeit an diesem Projekt war seine vielleicht wichtigste innerhalb des zweifelsohne so spannungsvollen Lebens. Denn er hinterließ durch sie ein Bild, das leben wird, das älter wird, das eine eigene Familie gründen wird. Er, der Fotograf, lebt darin fort. Kann es etwas schöneres geben?

Tadeusz Rolke

DOK Leipzig

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