Mittwoch, 6. November 2013

Joanna | DOK Leipzig 2013

Er möchte die Hand kurz wegziehen, wird aber gebeten, sie bitte weiter genauso liegen zu lassen - unbewegt auf ihren unfreiwillig kurzen Haaren. Wir befinden uns in einem Haus im ländlichen Polen, unter dessen niedrigem Dach sich eine kleine Familie den Traum vom Wohnen in der Natur verwirklicht. Joanna, 36, steht offiziell im Mittelpunkt dieser Geschichte, obwohl den Part eigentlich ihr Sohn Jaś einnimmt, dessen aufgeweckter Charakter, eindrucksvolle Eigenwilligkeit und unverstellte Liebe zur Mutter den Zuschauer bereits in den ersten Minuten in seinen Bann zieht. Kann man ein Leben in 45 Minuten schneiden, wie es die Regisseurin Aneta Kopacz hier getan hat?

Das hängt allein davon ab, ob man befähigt ist, die Essenz, den Kern eines Lebens zu identifizieren. Jeden Tag treten wir in Kontakt mit Menschen, erfahren Geschichten aus deren Alltag, erzählen Geschichten aus dem eigenen Alltag. Freunde, Kollegen, Eltern, Kinder & Partner tragen bei zum unaufhörlichen Informationsstrom, sind gewissermaßen Quellen unserer Existenz, ohne die wir wohl nicht in der Lage wären, als breiter Strom das Meer zu erreichen. Stattdessen würden wir irgendwo weit vor der Mündung versickern, uns auflösen, in anderen Flüssen zur Unkenntlichkeit verdünnt werden. Flüsse haben mit uns Menschen eine Gemeinsamkeit: ihren unverwechselbaren Geruch. Lachse etwa finden aufgrund dessen ihre Schlupfplätze in den Flussoberläufen nach einer Reise über viele Hundert Kilometer aus dem Meer wieder. Der Ort ihrer Geburt wird zum Ort ihres Todes. Der Kreislauf ist geschlossen.

[Wir Menschen erkennen am Geruch den idealen Partner, bzw. finden ihn unter anderem wegen jener Eigenschaft attraktiv. Dieser Prozess findet unterbewusst statt (Sie brauchen jetzt nicht all Ihre Duftwässer im Badezimmer zu entsorgen - außer diese betonen den eigenen Körpergeruch nicht. :-)), über spezielle Strukturen in der Nase. Es geht dabei vor allem um ein Matching, um eine optimale Ergänzung der zwei Immunsysteme - Ihr Körper hat den ersten Sex also quasi schon vollzogen, wenn Sie noch nicht mal den Namen der Frau/des Mannes kennen -, unter der Zielstellung, potentiellen Nachkommen einen möglichst großen MHC-Pool zu vererben. Denn eine leistungsfähige Körperabwehr ist essentiell für ein langes Leben; in jeder Sekunde sterben in unserem Körper Zellen ab oder werden gezielt abgetötet. Die sogenannte Apotose schützt uns - u.a. vor Krebs.]

Jaś hat seinen eigenen Kopf und die intimsten Momente des Films entstehen gerade in solchen, in denen dieser Achtjährige allein ist mit seiner Mutter. Sie fahren im Auto, liegen auf der Wiese, machen Hausaufgaben, kochen. Der Sohn spürt, dass mit seiner Mutter etwas nicht in Ordnung ist, kanalisiert seine Angst und Wut aber sehr gekonnt und sehr fortgeschritten für sein Alter. Meine Lieblingsszene zeigt die beiden auf einer Decke draußen im Grünen. Er küsst seine Mom ganz selbstverständlich auf die Arme, streichelt sie, küsst sie auf den Mund. Liebkosungen, die direkt von Herzen kommen, ohne vorgeschalteten Hirnfilter. Dafür bewundere ich insbesondere Kinder; für ihre Fähigkeit, sehr direkt die eigenen Gefühle verständlich zu machen. Die Welt wäre ein Stück weit besser, würde mehr vom Kinde in uns das Erwachsenenalter bereichern.

Der Lebenspartner ist das körperliche Gegenteil von Joanna. Nicht nur was das Geschlecht angeht, nein, er strotzt vor Kraft, betreibt Kampfsport, scheint befähigt, jede Bedrohung von der Familie abwenden zu können. Die beiden sind sein ganzer Stolz, das ist unübersehbar. Wenn er mit ihr auf der Holzterrasse mit Waldblick im letzten Tageslicht Selbstverteidigungstechniken übt, dann wohnt dem soviel Tragik inne, dass man es im Kinosessel kaum noch aushalten mag. Man will weglaufen, raus hier, laut schreien, wütend sein auf diesen Gott, der ein solches Glück zu zerstören im Stande ist. Warum? Warum ich? Warum jetzt? Die Fragen verstummen im Trommeln der Regentropfen auf dem Fensterbrett. Am nächsten Morgen scheint die Sonne, wir müssen aufstehen, obwohl wir uns nicht aus diesen starken, warmen Armen lösen möchten. Joanna hat Termine in der Stadt und ahnt bereits, welche Informationen ihr der Strom diesmal zuspülen wird. Es sind die gleichen wie beim letzten Mal. Und das Mal davor. Dem Sommer ist das egal, der Sommer hat eine reife Ernte auf den Feldern hinterlassen, die Ähren stehen übermannshoch und verstellen den Blick auf die Spaziergänger. Zu dritt streifen sie wortlos durch die jetzt nicht mit ihren Schätzen geizende Natur, überall steht das Leben in voller Blüte.

In der Ökologie existieren die Begriffe R- und K-Strategen. Dahinter verbergen sich zwei mögliche Wege, den eigenen Fortpflanzungserfolg zu garantieren. Während die einen nämlich auf Quantität setzen (Reproduktion), investieren die anderen in die Qualität der Jungenaufzucht und orientieren sich an der ökologischen Kapazität des Lebensraumes (Umweltkapazität). Wir Menschen sind eindeutige K-Strategen (ja, auch Ursula von der Leyen ;-)), die wenige Nachkommen in die Welt setzen, diesen dafür ein Maximum an Zuwendung angedeihen lassen. Das eigene Investment in die Nachkommen hat das Potenzial, in extremer Form zum alleinigen Lebenszweck zu werden. Was falsch wäre. Die berechtigte Hoffnung der Eltern ist es aber wohl, den Nachwuchs auf eigenen Beinen stehen, ihn unabhängig leben zu sehen. Jaś braucht seine Mami noch für viele Jahre, allein, Wünsche sind keine Realität.

Die Kamera fährt in der Abenddämmerung zurückhaltend, fast zärtlich von außen an das Wohnstubenfenster und zeigt die verwundbaren Seelen dieses kleinen Kindes und seines Vaters in tiefer Hilflosigkeit. Sie weinen beide, der Junge schlägt mit der Faust auf den Tisch, wird vom Vater in die Arme genommen, gestreichelt. Joanna liegt im Bett, geschwächt, einmal mehr. Sie ist eine bewundernswerte Frau. Ihre einzige Sorge gilt der Zukunft ihrer Familie, deren Weg sie nicht mehr lange wird beschreiten können. Der Film lebt vom Beobachten, es gibt keinen Kommentar, nur die Stimmen der Akteure. Sieht man dieser jungen Frau dabei zu, wie ihr Blick in die undefinierbare Ferne gleitet, dann versteht man manche alltäglichen Konflikte besser. Es geht im Kern nicht um uns. Dafür sind wir zu sozial. Es geht im Kern um den gelungenen Zusammenhalt mit den anderen.

Und es zählt der Augenblick. Es zählen Liebe, Berührungen, Stimmungen, Emotionen. Der Sinn des Lebens - Joanna hatte ihn gefunden; und aus Gründen, die wir zum gegenwärtigen Stand unserer Entwicklungsgeschichte noch nicht benennen können, leider viel zu wenig Zeit, dessen ganze Magie auszukosten. Tak? Tak!

Joanna hatte Krebs. Sie starb vor einem Jahr und wurde 36 Jahre alt.

***

Der Film "Joanna" wurde auf dem diesjährigen Dokumentarfilm-Festival in Leipzig mit dem Preis der Jugendjury geehrt. Völlig zurecht.



PS: Mir wurde durch diese Arbeit wieder schmerzlich bewusst, welche Momente im eigenen Leben unwiederbringlich verloren sind. Situationen, die ich mir schon so oft ausgemalt habe, werden nicht eintreten. Nie. Das muss ich/das müssen wir alle akzeptieren. Und obwohl die Erkenntnis banal ist, mahne ich meine Leser dazu, den Zauber der Gegenwart zu würdigen. Warten Sie damit nicht erst bis zum Eintreten eines schweren Schicksalsschlages, beginnen Sie jetzt! Sie werden es andernfalls bereuen, glauben Sie mir...

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