Sonntag, 12. Januar 2014

Günter Wamser - Mit Pferden von Feuerland bis Alaska

DIA-VORTRAG | 12.01.2014 | 17 - 19 Uhr | Gewandhaus Leipzig, Mendelssohn-Saal

Geschätzt 500 Personen im Mendelssohn-Saal.
Ein Regenbogen spannt sich über das weite, flache Tal am Fuße des Mount McKinley im Denali-Nationalpark, als die vier Mustangs gemeinsam mit ihren zwei Reitern im September 2013 die letzte Anhöhe erklommen haben. Das Ziel dieser "Familie" ist erreicht - nach einer 7-jährigen Reise, nach 10.000 km Wegstrecke, von der Grenze zu Mexiko durch die USA, Kanada und Alaska.

Drei Tiere, ein Mensch

Doch das eigentliche Vorhaben begann viel früher - 1994 in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Erde. Im Alter von 34 Jahren beschloss der gelernte Flugtriebwerkmechaniker Günter Wamser nämlich, den Zwängen einer durchschnittlichen Erwerbsbiographie zu entfliehen und die eigenen Freiräume nicht länger an feste Urlaubszeiten zu koppeln. Er wollte fremde Länder erkunden, ohne auf Wochentage schauen zu müssen. Er wollte langsam reisen, nicht bloß "von einer Tankstelle zur nächsten".

Günter Wamser (1994).
Günter Wamser (2014).








Das tat er dann auch, nachdem er zwei Wildpferde von einer Estancia erwarb und - selbst zuritt. Die Kenntnisse im Umgang mit Pferden wurden vorher in Guatemala während einer Durchquerung des Landes mit Reit- und Packpferd sowie bei der Arbeit als Führer von Reittouren gesammelt. Einerseits staunt man über die Blauäugigkeit Zuversicht, ein solches Unterfangen - 30.000 km auf Pferden - überhaupt zu wagen, andererseits bewundert man die Konsequenz der Umsetzung. Denn es traten unterwegs natürlich Probleme auf. Von ganz profanen Dingen wie der notwendigen Verfügbarkeit von Trinkwasser und Futter für Mann, Pferde und Hund über behördliche Stolpersteine bis hin zu lebensbedrohlichen Krankheiten reichte die Spannweite der Herausforderungen. Insbesondere die letztgenannten zwangen zu langen Pausen unterwegs, denn Parasiten setzten den Tieren in den Tropen übel zu. Einmal stand gar das Leben eines Pferdes wegen einer Spinne auf dem Spiel - es drohte, seinen linken Vorderhuf zu verlieren. Das Wohl der Tiere war stets die oberste Maxime der Reise, zusammenbleiben, zusammen ankommen die Vision. Vier Monate wurde pausiert, irgendwo in Südamerika, auf einer Farm, mit ungewissen Heilungsaussichten. Die Chancen standen 1:1000, dass der Patient vollständig genest. Er gehörte zu den 0,1 Prozent.

Falko mit eigenen Gaucho-Stiefeletten.


Aus Sicherheitsgründen: Flug über Kolumbien nach Panama (2001).

Die gesamte Ausrüstung.

Finanziert wurde das Projekt hauptsächlich durch zwischenzeitliche Vortragstourneen in der Heimat; doch gern hätte man als Zuschauer an diesem Sonntagabend im Leipziger Gewandhaus Konkreteres dazu erfahren. Wieviel kostet ein einziges Jahr derartiges Reisen (allein die Medikamente sind nicht billig)?

Wie häufig hat man Kontakt nach Hause (Familie, Vorträge, Foto- und Tagebuchsicherungen...)? Wie erträgt man tagtäglichen Starkregen? Welche Überraschungen hält die Gastfreundschaft bereit? Wobei musste am meisten improvisiert werden? Aus welcher Situation konnte man sich nur mit großem Glück retten?

Der Referent, heute 54 Jahre alt, kann spannend schreiben - das zeigen seine Tagebücher.

Leider kommt diese Fähigkeit im Vortrag nicht wie erhofft zur Geltung, springen im fertigen Redetext Leidenschaft und situative Verzweiflung nur selten auf den Zuhörer über.
Das ist schade, denn schon als ich erstmalig auf Günter Wamsers Webseite stieß und irgendwann im Spätherbst des letzten Jahres die Ankündigung für Leipzig sah, interessierte mich die Persönlichkeit dahinter. Dass jemand durch Deutschland läuft, kannte ich bisher nämlich nur von Rüdiger Nehberg.

Dass jemand "heute" 20 Jahre mit Pferden durch Amerika zieht, hatte ich noch nie gehört.

Kein Hunger in den Tropen.
Unser tägliches Leben im übersättigten Deutschland lässt mich ebenfalls zweifeln, ob dieser Lebenspfad der richtige ist. Die Ausbildung junger Menschen kann auch anderswo in der Welt erfolgen - dort womöglich nachhaltiger, freier, mit direkt greifbaren Erfolgen, als hierzulande. Gewiss. Andererseits schätze ich die Möglichkeiten unserer Gesellschaft tief in mir zu sehr, als dass ich mich nicht primär hier für eine Verbesserung derselben einsetzen möchte. 20 Jahre unterwegs mit Pferden? Nein, das wäre zuviel.

Fünf Tiere, drei Menschen

Anfang 2000, es war in München, sah eine junge Frau dieses Plakat: "Südamerika - der 12.000 km Ritt", und war sofort Feuer und Flamme. Barbara Kohmanns erfüllte sich ihren Traum, doch es war nicht immer leicht. Vor allem im Zwischenmenschlichen:
"Mit Günter zu reisen, als eingefleischtem Junggesellen und jahrelangem Alleinreisenden, ja, man kann auch sagen, Einzelgänger, war nicht immer einfach. Kompromisse zu schließen, Absprachen zu treffen, den richtigen Ton im Umgang mit einer Partnerin zu finden, offen zu sein für Wünsche und Empfindlichkeiten des anderen, das wollte erst gelernt werden. So blieben einige Fast-Trennungen und auch Trennungen nicht aus, doch am Schluß führte uns das gemeinsam Erlebte und auch die immer verläßliche Freundschaft wieder zusammen."
(Barbara Kohmanns)
Von Ecuador bis an die Grenze zu den USA begleitete sie Günter Wamser von 2001 bis 2005. Am endlosen Grenzzaun schien schließlich das Projekt jäh beendet - denn die Pferde hatten sich unterwegs mit Babesiose (durch Zecken übertragen) infiziert und durften deshalb nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Es war ein herber Schlag für das gesamte Team. Wie weiter? Dank der Unterstützung eines befreundeten Tierarztes konnten wenigstens die beiden Pferde Rebelde und Gaucho in Mexiko bleiben; Frau, Mann und Hund kehrten nach Deutschland zurück.
"Als ich zufällig über eine Ankündigung von Günters Diavortrag stolperte, entschied ich kurzerhand: "Da will ich mit". Ich schrieb eine E-Mail mit dem Betreff: "Ich komme mit". Er war ganz und gar nicht begeistert. Doch mit meinem Lebenslauf - in mir steckte schon immer die Abenteurerin - und meiner Hartnäckigkeit konnte ich ihn schließlich doch überzeugen, mich mitzunehmen."
(Sonja Endlweber)
Vorträge, Bücher, Alltag in der Heimat. Ein Virus ganz anderer Art, nicht von Zecken übertragen, steigerte seine Wirkmächtigkeit im menschlichen Körper. Das Reisevirus. Mit neuem Team erfuhr das Abenteuer infolgedessen dreizehn Jahre nach seinem Beginn im Juni 2007 eine Fortsetzung. Günter, Sonja, vier Mustangs und eine Jack Russel Hündin sollten sich von nun an nicht mehr von der Seite weichen.

Sonja Endlweber mit Rusty.

Im Wilden Westen.



Sonja Endlweber und Barbara Kohmanns.

Unterwegs in Wyoming.

Leni, eine Parson Jack Russel-Hündin.


Bis zum Herbst des Jahres 2009 zog der Treck durch die Bergwelt der Rocky Mountains, durch eine Landschaft, die seit Jahrhunderten so viele Schriftsteller fasziniert, so viele Lebensträume befeuert. Wow! Die gezeigten Bilder heben den Besucher mit in den Sattel und tragen ihn durch Prärien und Nationalparks. Wer mit Pferden reist, reist langsam. Er beeinträchtigt seine Umgebung weder durch Motorenlärm noch durch Verkehrsstaus. Er muss keine Rangertouren mitmachen, um Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Bären, Bisons, Elche, Wapitis und Wölfe begegnen einem buchstäblich im Vorübergehen.



Im Frühjahr 2010, nach dem langen Winter im Norden, ging es für die Gruppe hinter der kanadischen Grenze weiter. Doch die Bedingungen wurden immer schwieriger. Sümpfe, nicht vorhandene Wege, kurze Sommer und gefährliche Flussquerungen stellten das Gespann vor harte Prüfungen. Es sollte drei weitere Jahre und 5000 km benötigen, bis das Etappenziel, der höchste Berg Nordamerikas, erreicht war.

Der Mount McKinley.

Der letzte Bergrücken ist überwunden.

Das persönliche Fazit in zwei Interview-Auszügen:

GEO: Was lernt man auf einer solchen Reise - den Umgang mit der Einsamkeit, mit fremden Menschen und Kulturen oder ist es nichts von alledem?
G. Wamser: Ich habe viel erlebt und gesehen. Ich habe Menschen kennengelernt, die unter den unterschiedlichsten Lebensumständen leben, und mir wurde bewusst, was für ein Privileg es ist, in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein. Ich habe aber auch erfahren, dass Optimismus, Glück und Fröhlichkeit oft dort zu finden sind, wo man sie am wenigsten erwarten würde. Vieles ist in unserer heutigen Welt aus dem Gleichgewicht geraten. So haben wir vergessen, dass wir Teil der Natur sind, und gehen dementsprechend verantwortungslos mit ihr um. Ich habe viel darüber nachgedacht, was im Leben wichtig ist. Was macht das Leben interessant und schön? Dabei stelle ich zunehmend die materialistische Denkweise unserer Gesellschaft infrage. In unserer Konsumgesellschaft wird suggeriert, dass man nur das genießen kann, was man auch kaufen kann. Dabei wird der Mensch selbst zur Ware und verkauft sich, in dem Versuch, sein Leben gewinnbringend zu investieren. Ich bin aber überzeugt, das Leben hat nur einen Zweck - das Leben selbst. In meinen Augen ist derjenige erfolgreich, dem es gelingt, glücklich zu leben.
(GEO)

Kultur Joker: Sehen Sie die Konsumgesellschaft 20 Jahre später mit anderen Augen als zum Beginn ihrer Reise?
G. Wamser: Da war auch schon vorher etwas, ansonsten wäre ich wohl hier geblieben. Ich beobachte schon eine Wegwerfmentalität, die man in anderen Teilen der Erde nicht kennt. Wir verdienen so viel Geld und am Ende bleibt doch nichts übrig. Da kann doch etwas nicht stimmen. Aber letzten Endes muss die Gesellschaft für sich selbst entscheiden, was für sie wichtig ist.
(Kultur Joker)

Zum Schluss des Vortrags, nach 2:15 h incl. Pause, sehen wir ca. 500 Besucher ein Foto mit dem uns allen geläufigen Beitext: "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!" auf der Leinwand. Hier lebt ein Mann seinen Traum. Hier haben zwei Menschen ihr Glück gefunden. Und deshalb: Packen Sie mehr Verve, mehr Leidenschaft, mehr Spontaneität in Ihren Vortrag, Herr Wamser. Dieses außergewöhnliche Projekt hat es allemal verdient.


Ich wünsche Ihnen eine erfüllende Zukunft!

Die 20-jährige Reise im Überblick:

1994 - 1999 Argentinien bis Ecuador (allein)
2001 - 2005 Ecuador bis Mexiko (mit Barbara Kohmanns)
(11 Jahre, 20.000 km)
2007 - 2009 USA (mit Sonja Endlweber)
2010 - 2013 Kanada & Alaska
-> 20 Jahre, 30.000 km

Alle Vortragstermine in 2014

Homepage von Günter Wamser

Interviews mit Günter Wamser:

GEO (10.12.2013): "Transamerika mit dem Pferd"

ZEIT ONLINE (21.12.2013): "Man muss zusehen, dass man die Pferde nicht versenkt"

Kultur Joker Freiburg: "Wichtig ist der Wille, nicht das Geld"





Günter Wamser (2014).

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