Samstag, 1. Februar 2014

Two became one | Vol. 3

Es war im Dezember, einen Tag vor Heiligabend. Der enge Freundeskreis saß beisammen - wir tun das viel zu selten - und wollte sich auf die bevorstehenden Weihnachtstage einstimmen. Glühwein und Stolle, Antipasti und Kürbissuppe, Knabbereien und anderes Weihnachtsgebäck mehr sorgten für den kulinarischen Rahmen. Doch wichtig waren/sind in diesen raren Momenten nur die Freunde. Die Freunde und ihre Geschichten. Die Freunde und ihre Pläne. Die Freunde und ihre Sorgen.

Persönlich ordne ich in meinem Leben sowohl bewusst als auch unbewusst vieles den Belangen Dritter unter, sodass die Frage nach eigenen Wünschen in mir manchmal eine längere Pause auf sich folgen lässt. Dabei ist einer (wenn nicht gar der) meiner größten Wünsche vor Kurzem in Erfüllung gegangen; noch immer reagiere ich nämlich sehr emotional beim Schreiben von Zeilen wie jener eben.

Mein Jahr 2013 endete insofern anders, als ich es mir zu Beginn vorgestellt habe, vorstellen konnte. Gegen die große Leere, der eine so unheimliche Anziehungskraft innewohnt, stellte mir das Schicksal einen Menschen zur Seite, der die Macht hat, alles zu verändern. Ihm gegenüber bin ich in der Lage, mich selbst konstruktiv und nicht länger destruktiv in Frage zu stellen. Ihm gegenüber kann ich Wünsche formulieren, die jahrelang unter einem bleischweren Teppich lagen, dort irgendwann von mir selbst versteckt wurden. Die Wertigkeit der eigenen Person lerne ich erst dank dir kennen.

Meine Augen nehmen Schattenseiten schneller wahr als sonnige Plätzchen. Ich habe Mühe, mich über die kleinen Dinge des Alltags, mich über den Alltag selbst zu freuen. Stets existieren da Zweifel an der moralischen Rechtfertigung bestimmter Entscheidungen. Stets existiert Wut über die Arroganz/Ignoranz Anderer. Gerechtfertigt ist nur eine Minderheit der Vorwürfe. Bezweifelt werden müss(t)en Entschlüsse heute seltener, denn das ihnen unterstellte Fundament aus Erfahrungen, Fakten, Grundüberzeugungen ist stabil. Deshalb war auch die Bitte um Gehör von S. am Abend des 23. Dezembers 2013 eine sehr willkommene Überraschung. Wobei: Eine "Überrschung" war es für mich insofern nicht mehr, als dass ich bei einem - wiederum - Überraschungsbesuch im Hause H. einen Monat zuvor den Katalog mit Hochzeitskleidung auf dem Sideboard keinesfalls übersah...

Die Hochzeit meines besten Freundes

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Die Unterrichtsstunde bei Herrn W. und die Sache mit dem Buch auf dem Projektor; unsere unübertroffenen Englischstunden in der Sek. I; mein sicherer Motorradparkplatz im Hof; unser zweites Frühstück in den Freistunden; das Mittagessen bei den Großeltern auf der Eckbank; unsere last minute-Hausaufgaben; unsere Italienfahrt(en); unsere Grillabende; unsere Geburtstagsfeiern; unsere Jahreswechsel. Während der Ausbildungszeit schließlich hast du sie uns allen vorgestellt - deine damalige Kollegin, langjährige Freundin, heutige Ehefrau. Je mehr Partnerschaften sich innerhalb des Freundeskreises bildeten, je mehr wir unsere eigenen Lebenswege einschlugen, desto unregelmäßiger trafen wir uns in der Folgezeit. Wir wurden zwar gemeinsam älter, hatten uns über die Jahre aber auch ein Stück weit entfernt. Ich ließ das ganz bewusst geschehen, wissend, damit unnötig Kopfzerbrechen zu bereiten.

Dass ich heute, an diesem wunderschönen Wintertag, wie selbstverständlich ein Teil der Trauzeugen sein, gar in der ersten Reihe sitzen darf - neben meinem Schutzengel - macht mich sehr glücklich. Ich filme, fotografiere, beobachte, lese in den Gesichtern. Ich erkenne sowohl nachdenkliche als auch sehr fröhliche Mienen. Ich sehe, dass du, S., äußerlich aufgeregter bist als N. ;-)


Fünfzehn Minuten später lasst ihr weiße Tauben in den blauen Himmel fliegen, stoßen die Gäste mit Champagner an. Das alles vollzieht sich fast in Sichtweite zu den Räumlichkeiten, in denen wir uns vor ...Jahren kennengelernt haben (in 560 Metern Entfernung befindet sich unsere ehemalige Schule).
















Bis ins 13. Jh. reicht die Geschichte des früheren Herrensitzes und späteren Schloßes vor den Toren Leipzigs zurück. Nach langem Leerstand erwarb es 2006 ein Edelmetallhändler, sanierte Gebäude und Grundstück nach historischem Vorbild. Heute ist der Park der Öffentlichkeit frei zugänglich, finden hier Veranstaltungen statt und kann u.a. Gold gekauft werden; nach Auskunft unseres kundigen Führers durch das Gemäuer tun das etwa 20 Personen pro Woche.



Johann Sebastian Bach (Kopie eines Ölgemäldes von Elias Gottlob Haußmann).




Nach dem 45-minütigen Rundgang steht uns der Sinn definitiv ebenfalls nach einem Investment. Ein Investment in das Abendbuffet. Der nüchterne Gast würde sagen: Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße sind vorhanden, dazu Wasser - alles bestens. Beim mehr sinnlich orientierten Betrachter klingt das hingegen wesentlich stilvoller:
  • Kürbis-Süßkartoffel-Suppe
  • Pochierter Lachs mit Meerrettichcreme und Rote Bete-Chips
  • Räucherlachsvariationen
  • Heilbutt auf Orangenchicorée
  • Rucolasalat mit Walnüssen und Orangenfilets
  • Sättigungsbeilagen in Form von Spätzle und Reis
  • ...



Entgegen meiner sonst üblichen Art, mehr als zweimal den Teller zu füllen, bin ich heute sparsamer. Das liegt einerseits an meinen Tischnachbarn und den mit ihnen geführten Gesprächen in einer Bandbreite von Jobs bis zu den aktuellen Brennpunkten der Weltpolitik, andererseits an einer großen inneren Zerrissenheit. Selbst in Momenten scheinbarer Perfektion sehe ich Beeinträchtigungen und Gefahren. Selbst inmitten toller Menschen fällt mir das Loslassen schwer. Selbst hinter der Kamera will keine rechte Freude aufkommen. Sind wir in der Lage, eigenmächtig unseren Fokus auf das Schöne zu legen? Sind wir in der Lage, uns im Notfall helfen zu lassen? Sind wir in der Lage...

Einer dieser unsäglichen Hochzeitsbräuche: Brotschuhe.

0.25 Uhr fliegt der Brautstrauß 13 jungen Damen entgegen - und einer relativ frisch Verbandelten in die Arme. Ich erkenne Erleichterung in den Augen der anderen (auch der übrigen Männer).

Der Brautstrauß fliiiiiegt...

und landet. :-)

Leider bleiben wir diesmal nicht bis in die Morgenstunden beisammen, löst sich stattdessen die Truppe nach den ersten Abgängen relativ schnell auf. Ob es am Winter liegt? Ich hätte gern noch mit dem Brautpaar etwas getrunken, durch den Wintergarten in die klare Nacht geschaut, den Augenblick gespürt. Wir sollten diesen raren Momenten mehr Würdigung entgegenbringen. Ja, das sollten wir.




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