Samstag, 31. Mai 2014

Über Himmelfahrt zu Art Wolfe

Nach drei Tagen Dauerregen liegen wir an diesem Donnerstagmorgen bereits ab 7 Uhr wach und lauschen den Geräuschen hinter dem gekippten Schlafzimmerfenster.

"Es regnet noch leicht. In der Vorschau sah das gestern Abend anders aus."
"Die Straßen sind nass und es ist kalt."
"Wir wollen ja erst 9 Uhr starten. Bis dahin hört das auf."
"Och menno." [Kopf unter die Decke ziehend]

Unser Plan für den diesjährigen Männertag ist Teil 1 einer zweitägigen Radtour von Leipzig nach Neubrandenburg: 200 km in die Bundeshauptstadt. Man hätte sich bessere Bedingungen für K.s 200er-Premiere wünschen können als Gegenwind (Nordlage), nasse Straßen, Temperaturen um die
15 °C und einen vollen Rucksack auf dem Rücken. Man hätte. Denn wer das Radfahren als festen Bestandteil seiner Lebensphilosophie versteht, für den sind Regen oder Sonnenschein nicht viel mehr als tägliche Begleiterscheinungen auf seinem Weg.

Ich bin schon des öfteren mit dem Fahrrad an meine Grenzen gestoßen; musste in Bushaltestellen schlafen, von Freunden mit Molkeriegeln aufgepäppelt werden, in Tankstellen die Kartoffelsalat- und Cola-Vorräte plündern, umkehren, 10 km/h auf den letzten Kilometern bis nach Hause als tolles Tempo akzeptieren. Während all dieser "Projekte" war ein besonderer Wunsch steter Begleiter: Deine Gegenwart. Wohl jeder trägt ein Idealbild von Partnerschaften mit sich durch das Leben - gemalt von den eigenen Eltern, den Großeltern, Tanten, Onkels, Freunden. Keine der vorgenannten Personen aus dem Dunstkreis des Autors suchte jemals sportliche Herausforderungen. Ich auch nicht. Im Kern geht es nämlich um viel mehr als um stundenlanges stoisches Pedalieren, Laufen, Wandern. Im Kern geht es um die bewusste Suche nach dem eigenen Pfad abseits allgegenwärtiger Bequemlichkeiten, abseits allgemeiner Denkmuster, abseits alltäglicher Gleichgültigkeit.

Zwei Menschen harmonieren dann besonders gut, wenn sie bereit sind, gemeinsam zu lernen. Sowohl voneinander als auch von Dritten. Stete Neugier und das Bedürfnis, im Team das jeweilige Ich auszuloten, sind gute Ausgangspunkte für eine lebenslange Beziehung. Soweit die Theorie. Erfahrungsgemäß ist die Praxis derselben immer mindestens einen halben Schritt voraus und zwingt durch externe Faktoren zu (gemeinsamen) Entscheidungen.

9:30 - Abfahrt in Richtung Norden

Das Regenradar verheißt uns ab 9 Uhr Trockenheit von oben. Wir schultern die Rucksäcke und folgen dem GPS-Track aus der Stadt hinaus, vorbei am BMW-Werk und durch viele Dörfer zum ersten mentalen Etappenziel Bad Düben. Ein Anruf beim Fährmann gibt die Gewissheit, dass das Hochwasser der Elbe noch unterhalb kritischer Werte liegt und kein Umweg über Wittenberg gefahren werden muss. Somit tauchen wir ein in die Dübener Heide, sammeln ein paar Höhenmeter und geniessen die schöne Landschaft zwischen Bad Schmiedeberg und Pretzsch (Elbe). Als wir noch regelmäßig nach Berlin fuhren, war dieser flach bis wellige Streckenabschnitt mit seiner schmalen Straße zwischen Wald und Weideland, Elbdeich und Elbwiesen stets mein Favorit.


12:45 - Neue Wege

Nach der Elbpassage verlassen wir den erprobten Track gen Jessen (Elster), folgen stattdessen dem Kompass direkt nordwärts via Elster (Elbe) und Zahna in den Naturpark Nuthe-Nieplitz. Es rollt gut, kleine Wolkenlücken arbeiten tapfer gegen Stimmungstiefs an, perfekte Radwege schonen obendrein die Nerven und eine Brotzeit, die ihren Namen mehr als verdient, schenkt neue Kräfte. Ich bin glücklich.

Die Teltow-Nuthetal-Radroute verströmt ab Beelitz einen ersten Hauch von Großstadt, durch deren Süden sich besagter Kanal schlängelt. Das flache Land ist Grundmoränengebiet der Teltowhochfläche, uns begleiten die typischen Kiefernwälder vorbei am Großen Seddiner See und dem Flugplatz Saarmund in immer dichter besiedeltes Areal. Schleichend erfolgt der Übergang von der Klein- zur Großstadt, doch spätestens in Zehlendorf-Steglitz ist es mit der provinziellen Ruhe vorbei, werden vierspurige Straßen für flottes Vorankommen unvermeidlich. Der Bezirk im Südwesten Berlins gehört definitiv nicht zu den ärmsten, was man allein am Villenanteil im Stadtteil Dahlem ersehen kann. Hier befinden sich auch das Auditorium Maximum der FU Berlin, Institute der Max-Planck-Gesellschaft und zahlreiche Museen mit dem Schwerpunkt Völkerkunde. Der an den Stadtteil Zehlendorf grenzende Stadtteil Wannsee ist eine der bevorzugten Wohngegenden der Hauptstadt - und obendrein Ort eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Denn in der Villa Am Großen Wannsee 56 - 58 fand am 20. Januar 1942 die "Wannsee-Konferenz" statt.
Stichwort Wannsee-Konferenz

Die Konferenz erklärte Reinhard Heydrich und Heinrich Himmler zu den für die "Endlösung der Judenfrage" Zuständigen (mit deren Planung Heydrich am 31. Juli 1941 von Hermann Göring offiziell beauftragt worden war). Es wurden die Vernichtungspläne (Deportation nach Osten und letztlich Tötung) präsentiert, damit eine reibungslose Zusammenarbeit der am systematischen Massenmord an den europäischen Juden beteiligten Dienststellen gesichert werden konnte. Ferner machten die Teilnehmer ihre Bereitschaft deutlich, den von den Nürnberger Gesetzen betroffenen Personenkreis um sogenannte Halb- beziehungsweise Vierteljuden zu erweitern und diese damit ebenfalls der Verfolgung und Vernichtung preiszugeben.

Die Wannsee-Konferenz fand zu einem Zeitpunkt statt, als der Völkermord an den Juden im Osten in vollem Gange war und das erste Vernichtungslager bereits seine Tätigkeit (ab Dezember 1941) aufgenommen hatte. Der Beschluss zum Holocaust fiel nicht auf dieser Konferenz, es ging hier vorrangig um die Maßnahmen zur Umsetzung desselben.
Wir fahren am Grunewald vorbei und kommen in den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Wenn man jetzt mehr Zeit hätte - es gäbe soviel zu sehen: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Zoo, Kurfürstendamm, Breitscheidplatz, Schloß Charlottenburg, Sammlung Berggruen, Messegelände, Olympiastadion,... doch wir haben keine Zeit. Wir sind müde und wollen gemütlich zu Abend essen.

19:40 - Geschafft!

Unser Nachtquartier in der Limburger Straße im Wedding liegt im 5. Stock und beherbergt eine tiefenentspannte WG, deren Einrichtung uns komplett zur Verfügung steht - incl. großem Bett (mit zu weicher Matratze). Der Name Wedding geht übrigens auf ein bereits im 13. Jh. durch den Adligen Rudolfus de Weddinge gegründetes Dorf zurück. Die Entdeckung einer Heilquelle (Gesundbrunnen) zog Mitte des 18. Jh. die Errichtung einer Heil- und Trinkanstalt nach sich; 1861 wurden Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin eingemeindet.



Abendessen: Empfehlenswert ist der Italiener Don Pasquale in der Triftstraße 38.

Die offene Küche ist quasi mitten im Lokal, die Betreiber haben ein Qualitätsbewusstsein und die Preise sind den Gerichten angemessen. Doch das wichtigste: WIR WERDEN SATT.




30. Mai

In der Küche liegt neben dem mit Kerzenwachs gut konservierten Tisch unser "Vermieter" auf einer Matratze und schläft die nächtliche Bandprobe aus. Seine Südtiroler WG-Genossin macht unterdessen den Eindruck, nur frisch gepflückten Löwenzahn von einer Bergwiese verspeisen zu wollen und hat keine Ahnung, welche Bücher auf dem Fensterbrett ihrer eigenen Wohnung liegen. Das Fensterbrett des Bades ziert jedenfalls ein Buch über optische Täuschungen - dass der Einband seinerseits bakteriell enttäuscht kann ich/können wir nur hoffen. Und dennoch: Für eine Nacht war es hier perfekt. Auch für eine Woche wird es perfekt sein. Längere Zeitspannen würden meine aut. Wesenszüge indes wohl nicht tolerieren können. :-)

Frische Brötchen, Erdnussbutter, Müsli und zwei Äpfel später hält uns um 10.18 Uhr nichts mehr in der Stadt; einzig ein Blick auf den Flughafen Tegel soll vor dem Verlassen noch drin sein. Dass dieser Plan nur bedingt gelingt, liegt zum einen an meinen grandiosen Navigationskünsten durch den Volkspark Rehberge (der Spaß hat uns bloß schlappe 10 min für 1,5 km gekostet) und die anschließende Route um ein Kasernengelände. Keine Ahnung, warum die Jungs von der Julius-Leber-Kaserne da so engstirnig reagieren und uns nicht auf die Mecklenburger Straße lassen. Denn Track ist Track, dort muss ein Weg sein...

Immerhin haben wir vor der Dunkelheit Berlin-Reinickendorf erreicht und auf der Ollenhauerstraße unmittelbaren Kontakt zu den Fliegern. Die kurven hier nämlich dermaßen tief ab, man könnte glatt ein Ranking der schönsten Stewardessen vom Radweg aus erstellen. Wer auf unseren Spuren wandeln und die unten eingestellte Route dafür verwenden möchte sei gewarnt: Berlin vom Wedding in nordwestlicher Richtung mit dem Rad zu verlassen kostet Nerven. Und Zeit. Denn obschon ich mir große Mühe bei der Planung gegeben habe, tappen wir hier und da in Fallen, sprich Nebenstraßen mit üblem Kopfsteinpflaster, Sackgassen oder der Berliner Mauerweg.

In Oranienburg lassen wir die Großstadt endlich hinter uns, wir geniessen einen breit ausgebauten Radweg entlang des Oder-Havel-Kanals und die vielen Waldpassagen u.a. im Naturpark Feldberger Seenlandschaft.

Am Oder-Havel-Kanal I

Am Oder-Havel-Kanal II

Die jüngste pleistozäne Eiszeit im nordmitteleuropäischen Vereisungsgebiet war die Weichsel-Eiszeit. Sie prägte wesentlich die heutigen Oberflächenformen, sowohl durch das Inlandeis, seine Moränen und Schmelzwässer als auch periglazial (= im nicht vereisten Gebiet). Unser Weg nach Neubrandenburg führt durch alle drei Stadien - Eisvorstöße - dieser Phase der geologischen Geschichte Norddeutschlands. Berlin einschließend sind das von S nach N: Das Brandenburger Stadium, das Frankfurter Stadium und das Pommersche Stadium. Vor 18.000 Jahren markierte das Brandenburger Stadium mit seinen bis heute im Landschaftsbild nachweisbaren Stauchendmoränen den südlichsten Eisvorstoß der letzten Kaltzeit. Seine Schmelzwasser sammelten sich im Baruther Urstromtal (siehe Spreewald) und bildeten u.a. die Havelseen.

Die bewaldeten Endmoränen und Seen bei Oranienburg gehören zum Frankfurter Stadium, ebenso wie das Berliner Urstromtal, das heute von der Spree genutzt wird. Wir fahren etwa bis zur Linie Güstrow - Waren/Müritz - Neustrelitz - Feldberg - Templin durch die von diesem Stadium geprägte Landschaft und treffen hier nach wunderschönen Kilometern auf sehr guten Straßen und entlang zahlreicher Storchennester unvermittelt auf den Weihnachtsmann. In Himmelpfort, einem Ortsteil von Fürstenberg/Havel, trudeln nämlich jedes Jahr im zwölften Monat unzählige Wunschzettel von Kindern aus aller Welt ein. Das Weihnachtspostamt hier arbeitet dann mit 20 Wichteln an der Beantwortung der Briefe; jetzt im Frühsommer hat der bärtige Geselle aber bloß seine Holzstatue als Vertretung im Ort belassen - er selbst weilt höchstwahrscheinlich viel weiter im Norden. Dabei könnte er den Sommer durchaus hier verbringen, das Segeln lernen oder Inlinern. Der staatlich anerkannte Erholungsort ist umgeben von vier Seen, liegt am Radfernweg Berlin-Kopenhagen und beherbergte in unmittelbarer Nachbarschaft während des Kalten Krieges sogar Nuklearwaffen. Wenn das nichts ist.

17:00 - Wir sind fast da

Es soll am Lutowsee sein, als wir das schon lang ersehnte Holzschild mit der Aufschrift "Müritz-Nationalpark" entdecken. Wir befinden uns immer noch im Naturpark Feldberger Seenlandschaft, jetzt allerdings mit einem wichtigen Unterschied bspw. zum Gebiet um Oranienburg: Die finalen 50 km dürfen wir durch die noch recht jungen Landschaftsformen der dritten Eisrandlage der Weichselkaltzeit fahren. Das Jungmoränengebiet des Pommerschen Stadiums zieht uns sofort in seinen Bann. Sanft geschwungene Felder, dazwischen immer wieder Seen, nicht selten forstwirtschaftliche Highlights (z.B. das Unesco Weltnaturerbe Serrahner Buchenwälder), ruhige (asphaltierte!) Straßen und ein Radlerwetter wie vom Wunschzettel. Da stört es auch kaum, wie aus dem Nichts auftauchende 10 %-Stiche im Nirgendwo verkraften zu müssen - sagt der Autor, während er unablässig Motivationsarbeit leistet und seine erstmalig eine Ü300-Etappentour bestreitende Partnerin bewundert.

A stunning tiger in Glienke.
Was bin ich stolz auf diese Frau! Nicht nur hat sie sich diesem Vorhaben sofort angeschlossen, nein, sie hat es auch großartig durchgezogen. Ich weiß, dass sie nicht ohne Schmerzen ans Ziel kam; für den beinahe schlimmsten Schmerz war ich aufgrund alter Solo-Radler-Manieren gar selbst verantwortlich. Das tut mir sehr leid und darf nie wieder passieren. Es ist an der Zeit, in die nächste Lebensphase einzutreten.



Der Tollensesee bei Neubrandenburg

Gegen Ende der Weichselkaltzeit schuf das Inlandeis bei Neubrandenburg die Eisrandlage des Pommerschen Stadiums in Form mehrerer hintereinanderliegender Endmoränenbögen mit Sandern und Schmelzwasserrinnen. Dort wo heute Fahrgastschiffe mit so klangvollen Namen wie Rethra und Mudder Schulten ihre Runden drehen, vereinigten sich vor 15.000 Jahren zwei Gletscherzungen und schufen so ein Zungenbecken, das von seinen eigenen Endmoränen umgeben ist. Ein periodischer Wechsel aus Vorstoß und Rückzug des Gletschers führte zur Bildung einer weiteren Endmoräne im südlichen Teil und dem heutigen Erscheinungsbild aus zwei Teilen (Lieps im SW, der eigentliche Tollensesee im NO). Während die geringe Tiefe und das markante Bodenrelief der Lieps auf einen hier abgeschmolzenen Toteisblock schließen lassen, ist der Tollensesee ein typischer Zungenbeckensee. Er hat eine maximale Tiefe von 31,2 Metern, ist 10,2 Kilometer lang und 2,3 Kilometer breit. Um beide Seen führt ein Rundweg von 35 km Länge.
Wir laufen entlang des Ostufers circa 8 km bis Klein Nemerow und lassen uns selbstverständlich nicht den Aussichtsturm Behmshöhe inmitten eines stattlichen Buchen-Eichen-Mischwaldes entgehen. Von hier oben hat man nach 110 Stufen einen perfekten Blick über die Stadt und ihren See, in dem während des Zweiten Weltkriegs die Kriegsmarine Torpedos auf ihre Treffsicherheit testete. Detonationen soll es nicht gegeben haben und der Badebetrieb wurde dafür angeblich auch nicht unterbrochen. Heute zeugen von diesem Kapitel deutscher Geschichte nur noch die überwachsenen Ruinen auf einer künstlichen Doppelinsel.

Im Vordergrund die Doppelinsel der ehem. Torpedoversuchsanstalt. Im Hintergrund das Belvedere.


Die Aussicht von Behmshöhe in Richtung Stadt.

Neubrandenburg.



Ein Abend mit Art Wolfe

Fellow of The International League of Conservation Photographers; honorary fellow of the Royal Photographic Society; on the board of advisors of the Wildlife Conservation Society, Nature's Best Foundation, and Bridges to Understanding; Photographer of the Year by Photo Media magazine 1996; Outstanding Nature Photographer of the Year by the North American Nature Photography Association 1998; Rachel Carson Award 1998; Alfred Eisenstaedt Awards for Magazine Photography 2000; National Outdoor Book Award 2001 ("The Living Wild"); National Outdoor Book Award 2004 ("Edge of the Earth, Corner of the Sky"); Wissensbuch des Jahres 2012 ("Landschaften zwischen Himmel und Erde"); Mitglied des "Microsoft Icons of Imaging program"; seit 2000 einer der "Canon Explorers of Light"; über 60 veröffentlichte Bücher; eine eigene TV-Serie; zwei Briefmarken des U.S. Postal Service gestaltet ... ART WOLFE.
Art Wolfe.

Dieser Mann ist ein Vorbild! Und dieser Mann hat eine Mission. Denn die Arbeiten seiner seit über 30 Jahren währenden Karriere sollten von Anfang an eine Botschaft transportieren: Unsere Erde ist etwas besonderes, das Leben ist etwas besonderes. Wir müssen uns dafür einsetzen, die Vielfalt der Ökosysteme dieses Planeten zu verstehen und für künftige Generationen zu bewahren.

2014 findet das Umweltfotofestival "horizonte zingst" zum siebten Mal statt und hat sich damit einen festen Platz in der Fotoszene erarbeitet. Ich wurde erst durch den Schirmherr aus 2013, Norbert Rosing, im Oktober desselben Jahres auf dieses Festival aufmerksam, fand während der Recherche zum Beitrag auf dessen Homepage einen Link mit ersten Informationen. Als schließlich das diesjährige Programm veröffentlicht war und ich den Namen Art Wolfe darauf sah, kribbelte es mächtig in den Fingern. Am liebsten hätte ich sofort Karten bestellt ... wäre da nicht der Vorsatz einer möglichst ökologischen An-/Abreise. Die Zeit verging und plötzlich fügten sich familiäre Planungen und mein großer Wunsch scheinbar mühelos zusammen.



Am Strand von Zingst.







Butterfly - Eine Open-Air-Installation an der Seebrücke von Zingst.

Wir nähern uns der Multimediahalle von Zingst gegen 19.30 Uhr vom Strand aus und haben schon leichte Zweifel, überhaupt einen Sitzplatz für die planmäßig um 20 Uhr beginnende Show zu bekommen. Circa 50 Menschen stehen am Eingang in einer Reihe und warten auf Einlass - doch sie alle haben ihre Karten nicht im Vorverkauf erworben, sind insofern hoffnungsvoll Wartende. Wir spazieren an der Schlange vorbei und sehen den Protagonisten sogleich neben Norbert Rosing stehen. Ich kenne ihn aus der TV-Serie "Travels to the edge", sah ihn darin auf Elefanten reitend nach Tigern in Indien Ausschau halten, über die Masai Mara fliegen, durch den Torres del Paine-Nationalpark laufen und in Alaska Auge in Auge mit Braunbärenjungen im saftigen Gras liegen. Jetzt ist er hier auf Zingst.

Fischland, Darß und Zingst sind ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Mechanismus der Ausgleichsküste, der hier an der Ostsee sogar zur Vereinigung einst selbständiger Inseln geführt hat. Vor 7000 Jahren zur Zeit des Litorinameeres überflutet die Ostsee die vom abschmelzenden Eis hinterlassene Jungmoränenlandschaft. Die Brandung trennt Inseln ab, Fischland und Altdarß werden mit neuem Sandland vereinigt. Der Altdarß besteht aus Geschiebemergel, der von Heidesanden überlagert wird. An dessen Nordrand entstand im Zuge der Ostsee-Genese eine Steilküste, die heute noch deutlich erhalten ist, aber mitten auf dem Land liegt. Die Sedimentation hat nicht nur Inselkerne miteinander verbunden, sondern auch den Uferverlauf nördlich des Darß stark verändert. Der um das Darßer Ort nach Osten verfrachtete Sand baute vor Prerow immer weitere Sandbänke auf und bildete das flache Land von Zingst, an das sich nach Osten als jüngste Landbildung der Bock anschließt. Schon um 1650 hatten sich die heutigen Umrißlinien im wesentlichen herausgebildet.

© Art Wolfe | Leinwandfoto aus seinem Vortrag

© Art Wolfe | Leinwandfoto aus seinem Vortrag

Art Wolfe ist nicht nur ein begnadeter Fotograf und engagierter Umweltschützer, er ist obendrein ein geborener Entertainer. Bei der Vorstellung seiner Person erfahren wir beispielsweise, dass er auch als Moderator für große Veranstaltungen mit mehr als 2000 Gästen zum Einsatz kommt. Den Weg nach Deutschland trat er heuer aufgrund einer über 20-jährigen Freundschaft zum letztjährigen Schirmherr des Umweltfotofestivals an. Gleichzeitig kuratierte er eine Sonderausstellung in der Galerie "Villa Ruh" mit Arbeiten aus seinem jüngsten Projekt "Human Canvas". Die Zeit von 20.20 Uhr bis 22.20 Uhr verging - bitte entschuldigt diese Floskel - wie im Fluge. Wir lernten aus dem Vortrag die prägenden Momente in Arts Jugend kennen, welche ihn schließlich zu dem Star der Szene haben reifen lassen. Er teilte mit uns sehr emotionale Stationen aus seiner Familiengeschichte und er erzählte Hintergrundstories zu einigen seiner bekannteren Bilder. Wissen Sie, wie man einen Puma dazu bringt, in die Kamera zu schauen? Falsch, simples Rufen genügt nicht. Es muss schon ein, nun ja, besonderes Geräusch sein. Art erklärt quasi nebenbei, wie ein Profifotograf arbeitet und welche teils immense Geduld in seinen einzigartigen Aufnahmen steckt. Man muss die richtige Idee, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit der richtigen Technik (Brennweite, Filter, Luft-/Bodenaufnahme,...) im richtigen Licht haben. Dafür ist ein Team nötig und ausführliches Location-Scouting.

© Art Wolfe | Leinwandfoto aus seinem Vortrag


Nicht nur einmal kniff ich meine Stuhlnachbarin in den Oberarm, weil mich das Gesagte so berührte. Warum hatte mein Vater keinen Sinn für die Arbeit solch großartiger Menschen? Warum musste er über 60.000 km im Jahr im Auto zurücklegen, bloß um das Geld anderer zu mehren? Warum musste er durch sinnlose Sorgen um inhaltlose Geschäfte mit Mitte 50 sterben? Hätte ich doch nur ein familiäres Vorbild gehabt mit Idealen und einer Vision vom richtigen Leben. Wer weiß, welcher Mensch dann heute hinter dieser Tastatur sitzen würde. Wer weiß, welche eigenen Projekte ich schon umgesetzt hätte, wenn es eine ideelle familiäre Unterstützung gäbe.


Die Eloquenz, sein Optimismus, der Anspruch und die Fähigkeit, Fotos mit unglaublicher Aussagekraft und kompositorischer Perfektion gleichermaßen zu liefern, machen Art Wolfe zu einem der erfolgreichsten Naturfotografen unserer Zeit. Er prägt(e) mit seinen Bildern ganze Generationen junger Menschen, denen der Schutz des Planeten und seiner Lebensformen am Herzen liegt.

Dieser Mann lebt den Traum so vieler Zuhörer im Saal. Die wenigsten unter ihnen können ihr Leben noch ändern. Doch ein paar sind dazu in der Lage.




Fotos aus der Multimediahalle Zingst


Michael Poliza - Polar Bear in Fireweed, Canada.

Art Wolfe - King penguins, Antarctic.

Art Wolfe - A stunning tiger in India.

Eindrücke von der abendlichen XXL-Bilderflut an der Seebrücke





PS: Das besondere Geräusch war das Grunzen eines Schweins

Art Wolfe
Umweltfotofestival "horizonte zingst"

"Das Ziel des Lebens ist ein Leben im Einklang mit der Natur."
(Zenon von Kition)

Keine Kommentare: