Montag, 29. September 2014

Bei Schriftsetzern, Schriftstellern, Bäckern und Bergleuten

Getreide

Bäckerhefen sind eine Welt für sich. Trockensauer, natursauer, roggensauer, weizensauer ... welchen Umfang dieses Thema hat, das wir da beim Plausch mit einem Bäcker am Lehmbackofen neben der Dölitzer Wassermühle führten, lernte man direkt aus berufenem Munde kennen. Der Bäckermeister war nämlich damit beschäftigt, eifrig Nachschub an "Mühlenbrot" für den Hofverkauf zu produzieren und erzählte während der Back(warte)zeit von seinem Handwerk. Wer zuhause selber Brot bäckt, dem wird gewiss schon aufgefallen sein, dass die schwankenden Temperaturen innerhalb des Backofens - z.B. beim Öffnen der Tür zum Einbringen des Brotteiges - eine nachteilige Wirkung auf das Endprodukt haben. Ein Römertopf hilft, die Nachteile des Küchenofens ansatzweise wett zu machen. Eine gleichwertige Alternative zum Steinofen ist er trotzdem nicht.

Interessant ist die gestaffelte Zubereitung mehrerer unterschiedlicher Produkte in einem solch historischen Ofen. Während die Temperatur nach dem Anheizen langsam steigt, werden nämlich zuerst Kuchen gebacken, bevor die Brote bei dann optimaler Temperatur folgen und für eine gute Stunde in der Backkammer verbleiben. Die Restwärme kann für Kekse, zum Obst trocknen und/oder die Gebäudeheizung verwendet werden. Unsere Altvorderen hatten noch keine Ahnung vom modernen Begriff der "nachhaltigen Lebensweise", waren aufgrund ihrer begrenzten Ressourcen aber schon Meister in dessen Realisierung. Wenn ich heute Abend wieder den Küchenofen anheize, dann wird wie selbstverständlich parallel das Wasser für den Abwasch warm, ohne dass Kohle, Erdöl oder andere fossile Energieträger genutzt werden müssen. Ein gutes Gefühl.


201 Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig, die Napoleons Expansionstrieb endgültig stoppte, feierte die Dölitzer Wassermühle heuer den 200. Jahrestag ihres Wiederaufbaus nach einem schweren Brand 1813. Das große Areal beherbergt Einrichtungen, die sich der Umweltbildung verschrieben haben und wird seit 1992 vom Grün-Alternatives-Zentrum Leipzig e.V. im Verbund mit zahlreichen Partnern aus Stadt und Region langsam aber stetig weiterentwickelt. Die Erhaltung der Wassermühle, des Mühlenhofes, der Außenanlagen durch fach- und historiengerechte Sanierung sowie neue Projekte wie die Einrichtung eines Mühlenmuseums oder der weitere Ausbau bzw. die Vernetzung von Anlagen zur Nutzung regenerativer Energien stehen bei den vielen freiwilligen Helfern auf der Agenda.

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Dölitzer Wassermühle
Vollhardtstraße 16
04279 Leipzig
Tel.: 0341/33 89 353
www.doelitzer-wassermuehle.de

Johannes Gutenberg

Die Erfindung der beweglichen Lettern vor ca. 564 Jahren machte den damals 50-jährigen Johannes Gutenberg zum Begründer der Druckkunst und Urvater einer wahren Medienexplosion. Die Gutenberg-Bibel - das erste mit Inkunabeln gedruckte Buch in Europa - steht seit ihrem Erscheinen 1454 für den Beginn der massenhaften Informationsverbreitung über gedruckte Medien.
Von 1450 bis zum Ende des 19. Jh. änderte sich an der Handsetzung der beweglichen Lettern wenig. Erst der Durchbruch der Schnellpresse, 1812 von Friedrich Koenig erfunden, leitete die Ära der Drucktechnik ein. Das Monotype-Satzsystem stellt im Verbund mit Linotype- und Intertype-Setzmaschinen im historischen Kontext ein Bindeglied zwischen Handsatz (15. Jh.) und Desktop-Publishing (ab 20. Jh.) dar.

Handsatz mit Monotypen (1890 - 1970er)

Hier im Leipziger Museum für Druckkunst kann man im 3. OG diverse Maschinen zur Druckvorlagenherstellung betrachten, die den technischen Fortschritt der Schnellpresse nutzbar werden ließen. Zum Beispiel bilden bei der Einzelbuchstaben-Setzmaschine Monotype (um 1890 erfunden) Setzen und Gießen zwei getrennte Arbeitsgänge. Mit einem Taster werden in einen Papierstreifen den Buchstaben entsprechende Lochkombinationen gestanzt. Mittels Lochstreifen werden danach in der Gießmaschine die Buchstaben einzeln gegossen und automatisch zu Zeilen zusammengestellt. Werke mit mathematischen oder chemischen Formeln, Fahrpläne oder grafisch anspruchsvoll gestaltete Texte wurden mit diesem Druckverfahren bis in die 1970er Jahre hergestellt.

Fotosatz (1950er - 1980er)

Bereits Ende des 19. Jh. gab es erste Versuche, die Fotografie für die Satztechnik zu nutzen. Eingang in die Druckindustrie fand sie mit den ersten Fotosetzmaschinen jedoch erst in der Mitte des 20. Jh. Unter "Fotosatz" versteht man die manuelle und maschinelle Herstellung von Schriftsatz auf fotografischem Weg. Das Endprodukt ist eine Vorlage auf Film oder Fotopapier, welche direkt oder auch nach erfolgter Filmsatzmontage für die Belichtung der Druckform verwendet wird. In Deutschland wurde die erste Fotosetzmaschine im Jahr 1959 aufgestellt. Der Unterschied zur Monotype besteht darin, dass anstelle der Gießeinrichtungen eine Belichtungskammer montiert ist, in welcher die Matrizen mit Schriftnegativ nacheinander auf Film belichtet werden. Die Funktionsweise: Licht fällt durch einen Schriftbildträger (Schriftscheiben, Typenplatten, Filmstreifen) mit "negativen" Schriftschablonen; Linsen erlauben eine Vergrößerung oder Verkleinerung der Vorlage. Das Modell "Diatype" aus Berlin verkaufte sich als bekanntestes Fotosetzgerät zwischen 1960 und 1972 über 5.000 Mal. Bei dieser Maschine wurden die Buchstaben von einer Schriftscheibe aus Glas optisch mittels Durchleuchtung auf fotografisches Material übertragen.


Weitere Fotosetzgeräte:
  • Staromat (1966) zum Setzen von Titelüberschriften oder Plakaten
  • Letterphot Vario (1971)
  • PhotoTypositor 3200 (1970)

Computersatz (ab 1980er)

Die erste digitale Fotosatz-Kompaktanlage der Welt, die CRTronic von Linotype aus dem Jahr 1979, läutete das Ende der Fotosatz-Technik ein. Denn mit dem Aufkommen der ersten Personal Computer konnte plötzlich jeder zum "Publizist" werden. Apple lieferte mit dem Macintosh den ersten grafikorientierten Rechner der Welt - incl. der ersten Computermaus. Steve Jobs erkannte die Möglichkeiten von unterschiedlichen Schriftarten auf dem PC und entwickelte gemeinsam mit Adobe und Linotype die ersten PostScript-Schriften. Seit den 1950er Jahren hat sich das Druckgewerbe so radikal geändert, wie 550 Jahre zuvor nicht. Die Erstellung sowie Bearbeitung von Texten und Bildern fanden lange Zeit analog und getrennt voneinander statt. Heute sind diese Prozesse verschmolzen, sodass prinzipiell jeder alle Arbeitsschritte von der Idee über das Layout bis hin zum Satz von jedem beliebigen Ort der Erde aus bewerkstelligen kann.

[Anmerkung: Erstellt unter Zuhilfenahme von Material aus dem Museum für Druckkunst.]

Museum für Druckkunst Leipzig
Nonnenstraße 38
04229 Leipzig
Tel.: 0341/231 620
www.druckkunst-museum.de

Braunkohle

Der eiserne Förderturm des Schachts Dölitz im Leipziger Süden erinnert den Besucher heute als auffälligstes Baudenkmal auf dem Grundstück in der Friederikenstraße an den hier von 1895 bis 1961 fast durchgängig betriebenen Braunkohlentiefbau. Unter Denkmalschutz stehen ferner das Schachthaus mit Förderanlage, die Maschinen- und Dampfkesselhalle, die sog. Waschkaue und ein Bunker.

In den Untergrund kann man heute aus Bauschutzgründen nicht mehr fahren, denn bereits 1984 wurde der Förderschacht nebst allen Strecken verfüllt, da sich durch den unterirdischen Kohleabbau die orographischen Gegebenheiten verändert hatten - kurzum: der Boden sackte in Lößnig und Dölitz ab.

Nach Probebohrungen 1894 erfolgte ein Jahr später durch die Firma Schurath der Erste Spatenstich für den Abbau unter Tage; man teufte in der Folge einen 73 Meter tiefen Förderschacht und einen 68 Meter tiefen Wetterschacht ab. Direkt nach der Jahrhundertwende kam es zur Gewerkschaftsgründung, 1905 begann der planmäßige Betrieb, bis 1930 modernisierte und erweiterte die Stadt Leipzig (in deren Mehrheitsbesitz die Anlagen zwischenzeitlich übergegangen waren) das Betriebseigentum. Das Abbaufeld besaß insgesamt eine Ausdehnung von 3,8 km² und umfasste einen Braunkohlenvorrat von 25 Millionen Tonnen. In Spitzenzeiten wurden jährlich 180.000 Tonnen Rohbraunkohle gefördert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Areal 1947 in Volkseigentum über, 12 Jahre später fand die letzte reguläre Förderschicht statt. Ab 1959 saß in den Gebäuden die zentrale Forschungs- und Überwachungsstelle des Bergbaus in der DDR. Gelder aus dem § 4-Topf für Maßnahmen zur Braunkohlesanierung ermöglichten in den frühen 1990er Jahren umfangreiche Maßnahmen zur Grundsicherung, sodass sich schon 1992 das noch bis heute dort ansässige Technologie- und Berufsbildungszentrum Leipzig (TBZ) auf einem Teil des Schachtgeländes niederlassen konnte.

Später erfolgten durch die LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft) weitere Sicherungsmaßnahmen und u.a. von ABM-Projekten gestützte Sanierungen des Maschinenhauses, der Heiz- und Kesselanlage sowie der Außenanlagen. Herzstück des kleinen Museums mit Ausstellungsstücken aus der Bergbaugeschichte im ehem. Maschinenhaus ist heute neben dem originalgetreuen Nachbau eines Grubenfahrstuhls das 3D-Modell der Schachtgebäude und Förderanlagen unter Tage, welches die Dimensionen der hier unterirdisch erschlossenen Fläche plastisch vor Augen führt. Weiterhin für Besucher gesperrt bleibt leider vorerst die übertägige Schachtanlage.

2014 erwarb eine Berliner Künstlerfamilie vom Freistaat Sachsen das Grundstück an der Friederikenstraße, um gemeinsam mit der IG "Schacht Dölitz" und dem TBZ im Rahmen von Führungen bzw. öffentlichen Veranstaltungen die Geschichte des Braunkohlentiefbaus in der Stadt Leipzig im Bewusstsein der Menschen zu halten.


Eine solide Finanzierung zur Rekonstruktion und nachhaltigen Sicherung aller historischen Bauwerke steht weiterhin aus, denn freiwilliges Engagement und Sicherungsnetze gegen herunterfallende Teile allein genügen bei der Größe der Aufgaben keineswegs.

Was ist Ihre Meinung dazu? Sollte man die Geschichte des innerstädtischen Braunkohlenabbaus mit öffentlichen Fördermitteln langfristig vor Ort (nach)erlebbar halten?

PS: 103 Ortschaften wurden bis zu diesem Jahr im Mitteldeutschen Braunkohlenrevier durch den konventionellen Tagebaubetrieb abgebaggert/devastiert. Demnächst wird es im Zuge der Erweiterung des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain auch das Dorf Pödelwitz bei Groitzsch treffen. Die Initiative "Pro Pödelwitz" kämpft als David wacker gegen den übermächtigen Goliath an - und wird verlieren.

Nicht zuletzt dank der kohlehörigen schwarzen Regierung in Dresden!

Schacht Dölitz
Friederikenstraße 60
04279 Leipzig
Tel.: 0341/4110 791 (Erika End, IG Schacht Dölitz im Bürgerverein Dölitz e.V.)
www.schacht-doelitz.de

Muschelkalk

Vom Seemann Kuttel Daddeldu (*)

Eine Bark lief ein in Le Haver,
Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei.
Es roch nach Himbeeressig am Kai,
Und nach Hundekadaver.
Kuttel Daddeldu ging an Land.
Die Rü Albani war ihm bekannt.
Er kannte nahezu alle Hafenplätze.
Weil vor dem ersten Hause ein Mädchen stand,
Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze.
Weil er das aber natürlich nicht gleich empfand,

Ging er weiter – kreuzte topplastig auf wilder Fahrt.
Achtzehn Monate Heuer hatte er sich zusammengespart.
In Nr. 6 traktierte er Eiwie und Kätchen,
In 8 besoff ihn ein neues, straff lederbusiges Weib.
Nebenan bei Pierre sind allein sieben gediegene Mädchen
Ohne die mit dem Zelluloid-Unterleib.
Daddeldu, the old Seelerbeu Kuttel,
Verschenkte den Albatrosknochen,
Das Haifischrückgrat, die Schals,
Den Elefanten und die Saragossabuttel.
Das hatte er eigentlich alles der Mary versprochen,
Der anderen Mary; das war seine feste Braut.
Daddeldu – Hallo! Daddeldu,
Daddeldu wurde fröhlich und laut.
Er wollte mit höchster Verzerrung seines Gesichts
Partu einen Niggersong singen
Und "Blu beus blu".
Aber es entrang sich ihm nichts.
Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen.
Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu
erwachte erstaunt und singend morgens um vier
Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier.
Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuß den Steuermann.
Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann.
Daddeldu ging nachmittags wieder an Land,
Wo er ein Renntiergeweih, eine Schlangenhaut,
Zwei Fächerpalmen und Eskimoschuhe erstand.
Das brachte er aus Australien seiner Braut.

In einem Profanbau aus der Frührenaissance (um 1670) mit wechselvoller Besitzergeschichte (u.a. übernachtete vom 08. auf den 09.10.1813 Napoleon beim Kaufmann Gottlieb Sommer) befindet sich seit 1948 das Kulturhistorische Museum Wurzen. Vom Keller über das Erdgeschoss bis zum ersten Stock erfährt man hier in 17 Räumen mit 10 Themenschwerpunkten alles Wissenswerte zu frühen Belegen menschlicher Siedlungstätigkeit vor über 6.000 Jahren im Wurzener Land, zur Manufaktur- und Industriegeschichte und zur Moderne.


Sein Vater lebte als europaweit gefragter Musterzeichner für Tapeten und Teppiche von 1875 bis 1888 in jener Stadt an der Mulde und war Chefdesigner der hiesigen Tapetenfabrik Schütz. Parallel schrieb Georg Bötticher in sächsischer Mundart Märchen, Parodien und Satiren. Nach dem Umzug in die Messestadt Leipzig widmete er sich bis zu seinem Tod 1918 ganz der Schriftstellerei. Böttichers Sohn kam 1883 zur Welt, bereiste selbige später ohne Wissen seiner Eltern - und ohne Schulabschluss - als Seemann, hatte 1909 erste Erfolge als Schriftsteller, kommandierte im Ersten Weltkrieg ein Minensuchboot und veröffentlichte nach 1920 in Berlin lebend unter Pseudonym* Gedichte, Balladen, Kinderbücher neben Autobiographischem. Im Museum widmet man diesem Künstler und satirischen Menschenfreund ein ganzes Kabinett incl. des Originalseesacks seiner ersten Reisen.

An meinen Lehrer (*)

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

*Wen suchen wir? Und was verband diesen Mann mit Muschelkalk?

Kulturhistorisches Museum
Domgasse 2
04808 Wurzen
Tel.: 03425/8560 405
www.kultur-wurzen.de

PS: Wenn Sie die Titel der Zwischenüberschriften chronologisch (alt -> jung) in der Erdgeschichte verorten, kann der zeitliche Ablauf unserer Tour anlässlich des Tages des offenen Denkmals 2014 entschlüsselt werden. Na, wo waren wir zuerst?

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