Mittwoch, 10. September 2014

Heute ist Welttag der Suizidprävention

Aus diesem Anlass möchte ich einen eigenen (im folgenden aktualisierten) Beitrag erneut veröffentlichen:

Über 800.000 Menschen sterben geschätzt jährlich durch Selbstmord, den traurigen Rekord der weltweit höchsten Selbstmordrate hält Nordkorea (38,5 pro 100.000 EW) vor Südkorea (28,9), Sri Lanka (28,8), Russland (19,5) und Weißrussland (18,3) inne.
(Quelle: WHO)

Zur Differenzierung der Begriffe Freitod und Suizid: Die alltagssprachlich synonym für ein und dieselbe Handlung stehenden Begriffe unterscheiden sich nämlich im Detail. Während der "Freitod" aus psychiatrischer Sicht eine "rationale Bewältigung suizidaler Tendenzen" darstellt - die Betroffenen ergo selbstbestimmt handeln -, wird vom "Suizid" meist in Verbindung mit psychopathologischen Befunden gesprochen. Depressionen sind darunter die Hauptindikation. "Selbstmord" steht bei diesem Begriffsverständnis als unspezifischer Oberbegriff für die Beendigung des eigenen Lebens ohne gezielte Einwirkung Dritter.

"Nicht nur vom subjektiven Erleben her, sondern auch objektiv gesehen ist die Depression eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Hier ist die Gefahr der Suizidversuche und der Suizide (Selbsttötungen) zu nennen. Fast alle Patienten mit schweren Depressionen haben zumindest Suizidgedanken. Bis zu 15 % der Patienten mit schweren, wiederkehrenden depressiven Störungen versterben durch Suizid. Zirka die Hälfte der Patienten mit depressiven Störungen begehen in ihrem Leben einen Suizidversuch. Umgekehrt besteht bei der Mehrheit der Patienten, die Suizide begehen, ein depressives Syndrom. Der "Freitod", d. h. der im gesunden Zustand getroffene Entschluss, sich das Leben zu nehmen, kommt kaum oder nur selten vor."
(Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe)

Nach dieser Definition stellt eine erfolgreiche Suizidprävention hohe Ansprüche an die Helfer, denn da es sich um das finale Stadium schwerer Erkrankungen handelt, ist eine professionelle Therapie anzuraten. Familienangehörige und Freunde Betroffener sind meist nicht in der Lage, Hilfe in dieser Form zu leisten. Trotzdem stehen sie einer solchen Situation nicht völlig hilflos gegenüber.

Jährlich begehen in Deutschland pro 100.000 EW etwa 12,1 Personen Selbstmord. Das entspricht in Leipzig 64, in Berlin 413 und in München 168 Menschenleben. In Summe 9.890 Menschen nahmen sich in 2012 (2011: 10.144) landesweit das Leben (7.287 Männer, 2.603 Frauen); die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

  • Alle 53 Minuten nimmt sich hierzulande ein Mensch das Leben.
  • Alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt.
  • In den letzten 10 Jahren sind in Deutschland zwischen 500.000 und 1 Million Menschen von dem Suizid eines ihnen nahe stehenden Menschen betroffen gewesen.
  • Alle 9 Minuten verliert in Deutschland jemand einen nahestehenden Menschen durch Suizid.

(Suizide in Deutschland 1980 - 2012 | Quelle)

(Suizidziffern und Suizide in den Bundesländern 2012 | Quelle)

"Betrachtet man die Anzahl der Suizide in den jeweiligen Altersgruppen genauer, tritt hervor, das fast jede zweite Frau (47,2 %), die sich im Jahre 2012 das Leben nahm, älter als 60 Jahre war. Dagegen sind 45,5 % der durch Suizid verstorbenen Männer zwischen 40 und 65 Jahre alt."
(Quelle)

Die Suizid-Ursachen sind vielschichtig und reichen von bloßen Existenzängsten über Lebenskrisen, Konkurrenzdruck, Unterdrückung bis hin zu schweren Erkrankungen. Depressionen können eine mögliche Symptomatik dieser Motive sein; sie treten jedoch auch unabhängig von solchen Beeinträchtigungen auf.

Aus der Statistik der "vorsätzlichen Selbstbeschädigungen" (Terminus gemäß ICD 10 - X60-X84) - die Haupttodesursachen sind Erhängen und Ersticken - kann man keine Rückschlüsse auf den quantitativen Anteil der Depressionen ziehen. Denn die Diagnose "schwere, wiederkehrende depressive Störung" wird nicht auf alle 9.890 Todesfälle zutreffen. Täte sie es, wären deutschlandweit knapp 70.000 Menschen von letztgenannter Diagnose betroffen (1,7 % aller geschätzt 4 Millionen Depressiven).

"Fast 90 % der jährlich ca. 9.000 Suizide und 150.000 Suizidversuche in Deutschland erfolgen vor dem Hintergrund einer oft nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung - depressive Erkrankungen sind darunter die mit Abstand häufigsten."
(Quelle)

Helfen Sie!

Depressionen zu erkennen ist für Familienangehörige und Freunde schon nicht leicht. Richtig schwer wird aber die Suche nach der besten Therapie. Denn um effektiv behandeln zu können, müssen die Ursachen einer Erkrankung bekannt sein. Wie kann man die Ursachen ergründen? Indem man sich auf die erkrankte Person einlässt, ihr zuhört, Empathie entwickelt, Vertrauen entgegenbringt. Viele Depressive fühlen sich von ihrer Umwelt missverstanden, ignoriert, ungeliebt und als Konsequenz minderwertig. Das oft unzureichende Selbstvertrauen kann jedoch nachhaltig nur im Wechselspiel mit der Gesellschaft, im Austausch mit anderen aufgebaut werden. Sie (die Helfer) sollten die persönlichen Interessen des/der Betroffenen kennen und in diese Welt hineinschnuppern.

Selbst wenn es schwerfällt. Voraussetzung: Sie wollen wirklich helfen. Einladungen zu Geburtstagsfeiern etwa sind denkbar schlechte Gelegenheiten für intensive Gespräche. Und Sie müssen bereit sein, von sich selbst zu erzählen. Offenbaren Sie eigene Probleme, eigene Sorgen, eigene Ängste. Die oftmals vielen Depressiven zugeschriebene Gefühlskälte ist nämlich ein Mythos. Sehr wohl sind sie in der Lage Freude, Liebe und tiefe Zuneigung zu empfinden. Allerdings können sie es nicht entsprechend oder wollen sie es nicht entsprechend äußern. Zwischenmenschliche Codes wie simple Umarmungen werden von ihnen in Frage gestellt, weil sie die (vermutete) Oberflächlichkeit verachten. Übliche Freizeitgestaltungen werden von ihnen gemieden, weil ihnen lockeres Geplauder nicht möglich ist. Sie suchen einerseits nach einem Ausweg aus dem tiefen Tal, verabscheuen andererseits aber die Wärme der Masse auf dem Gipfelplateau.

Sollte es Ihnen gelungen sein, Anhaltspunkte für mögliche Ursachen der Erkrankung ausfindig zu machen, stellt sich die Frage, ob eine Eigenverantwortung vorliegt. Kränkung, Mobbing, Missachtung? Nein? Egozentrik, Ignoranz, Desinteresse? Nein? Ursachen, die Sie nicht beeinflussen können, aber erkannt haben, bleiben solange bestehen, bis die betroffene Person in Eigeninitiative handelt. Psychotherapeuten geben professionelle Hilfestellung bei der Entwicklung von Eigeninitiative und dem Aufbau einer gesunden Selbstwahrnehmung. Psychotherapeuten haben aber gegenüber Freunden und Verwandten einen entscheidenden Nachteil: Sie müssen sich erst mühsam in das Leben ihrer Patienten einarbeiten. Deshalb haben Sie zwei klare Vorteile: Wissen und Nähe. Versuchen Sie es! Viel Erfolg!

Nehmen Sie Hilfe an, bitte!

Ich kenne Ihre Gedanken, ich kenne die Dunkelheit, ich kenne das Gefühl der Isolation. Aber ich kenne Auswege und ich beschreite diese Auswege. Sie können mich jederzeit gern persönlich (zudem anonym) kontaktieren, wenn Sie einen Rat suchen, die ehrliche Meinung eines "Fremden" hören wollen oder jemanden brauchen, der aufmerksam zuhört. Es kostet Überwindung, ich weiß, aber ich verspreche, dass es nicht nutzlos sein wird. Unsere Lebenszeit ist kostbar und rinnt unaufhaltsam dahin. Da draußen warten so unglaublich spannende Aufgaben auf jeden von uns. Lassen Sie sich nicht länger von einer Krankheit zerstören, die heilbar ist! Lassen Sie sich helfen! Bitte.

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Wissenschaftliche Pro-Kontra-Debatte zum Problem "Sollten leichte Depressionen ausschließlich psychotherapeutisch behandelt werden?" (PDF): PRO <--> KONTRA
(Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe)

Linkliste

Todesursachen in Deutschland (Daten aus 2012, publiziert am 12.12.2013)

Detaillierte Zahlen nach Art des Selbstmords

Webseite zum Welttag der Suizidprävention

Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland

Artikelserie auf ZEIT ONLINE zum Thema "Psychisch krank"

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