Mittwoch, 26. November 2014

You'll never click alone

Was würden Sie sagen, wenn Ihnen die perfekten Geschenktipps für Familie, Freunde und Kollegen als E-Mail zugesandt würden? "Prima!" oder "Um Himmels willen, nein!!!"? Man verzeihe an dieser Stelle die offenkundig religiöse Metapher, das dahinterstehende Problem ist hingegen sehr irdischer Natur.

Mit Payback-Karten fing vor 14 Jahren die präzise Datensammlung über unser Einkaufsverhalten an. Blauäugig fallen seitdem die Empfänger solcher Angebote auf Rabatt-Versprechen rein, die bei Erreichen einer vom Anbieter abhängigen Mindestpunktzahl gewährt werden sollen. Die Prämien sind lächerlich im Vergleich zum Wert der Informationen, die jeder Nutzer dieses Systems freiwillig und kostenlos der Payback GmbH aka American Express zur Verfügung stellt. Denn durch die Zusammenführung der personalisierten Puzzleteile können exakte Profile der "Kunden" erstellt und gewinnbringend vermarktet werden.

Der persönliche Spion begnügt sich jedoch heute schon längst nicht mehr mit seinem Platz im Portemonnaie bzw. auf dem Smartphone. In jüngster Zeit drängt er ans Handgelenk oder - noch unverschämter - klingelt offiziell an der Tür. Selbstvermessungssysteme mögen erneut als nette Spielereien für psychotische Ich-bin-besser-als-du-Mitmenschen daherkommen, führen im Prinzip aber nur zum nächsten Level der Überwachung. Was der deutsche Versicherungskonzern Generali kürzlich verkündete ist nichts weiter als die Aufforderung, sein Leben offenzulegen. Wieviel Sport treibe ich? Bin ich Raucher? Wieviele Mahlzeiten nehme ich am Tag zu mir und woraus setzen sie sich zusammen? Womit bewege ich mich fort - Auto, Fahrrad, ÖPNV? Nehme ich den Aufzug oder die Treppe? Bin ich im Urlaub aktiv oder faul? Nehme ich Vorsorgetermine wahr? Schlafe ich ausreichend?

Das uns oben schon gut bekannte Bonus-Programm soll Neukunden locken, die etwa vergünstigte Reisen oder Gutscheine toll finden. Also wir alle. Der Hauptzweck der elektronischen Überwachung ist jedoch ein anderer: Die Senkung von Kosten - für den Konzern. Verhalte ich mich nämlich nicht gemäß den von cleveren Versicherungsmathematikern ersonnenen Algorithmen, droht schnell eine Erhöhung der persönlichen Prämie. Warum? Nun, im Idealfall erfahren Sie, ob es die mäßig geschlurften Joggingrunden durch den Park; das Zigarettchen in der Mittagspause; der platte Reifen am Fahrrad, den man schon seit letztem Jahr flicken wollte; die Fertiggerichte; der versäumte Zahnarzttermin; die hohe Tankrechnung oder die Medikamente der Heuschnupfenallergie waren.

Überall werden wir "Verbraucher" mehr und mehr zum gläsernen Kunden. Ein Ausbruch aus diesem goldenen Käfig kann nur durch vollständigen Konsumverzicht erreicht werden. Das will, das kann niemand. Insofern bleiben gegenwärtig nur noch wenige verfügbare Optionen zum Verwischen der Spuren: Die Nutzung von Bargeld, kein Online-Shopping, der Verzicht auf Bonusprogramme, das anonyme Surfen. Im Economist erschien vor zwei Monaten ein spannender Artikel zur Verquickung von Überwachung und Werbung. Darin geht es um die Zusammenführung unserer Surfgewohnheiten zu Profilen, mit deren Hilfe Verhalten vorhergesagt werden kann. Denn das Ziel ist der berechenbare Kunde und die Weltformel der Konsumforscher lautet nicht u = 0, sondern k = a + b + c.

"Most consumers have no idea how closely they are being followed online. They do not know that Facebook’s “Like” and Twitter’s “Tweet” buttons on other websites carry a code that allows those companies to track users, even if they don’t click on them. They have no notion that on the most popular websites up to 1,300 companies are watching what they do.

Although companies that buy and sell data insist that they use numbers, not names, to identify individuals, it is getting easier and easier to pinpoint people with supposedly anonymised online tracking information. New real-world tracking tools, like beacons, which let retailers use wireless technologies to see when particular customers walk into a store, will make individual identification even easier.

Such information could be used against consumers. Someone who is categorised by a data broker as a “motorcycle enthusiast” might find his rates for medical or accident insurance rise. “Men in trouble” might find it harder to get a job. Until objections were raised, OkCupid, a dating website, used to sell data about people’s drug and alcohol consumption. It is not going to be to anybody’s advantage to have such information about them widely available."
(The Economist)

Erst wenn der Kunde zum mündigen Verbraucher und gleichsam mündigen Wähler geworden ist, wird er in der Lage sein, sich nachhaltig gegen massive Einschränkungen des Rechts auf (informationelle) Selbstbestimmung zur Wehr zu setzen. Dass plötzlich die Polizei vor der Tür stehen kann, ist trotzdem nicht ausgeschlossen.

PS: Wenn ich an der Kasse nach einer Kundenkarte gefragt werde, antworte ich stets mit einem Lächeln: "Nein, ich habe und will keine."

PPS: Nutzen Sie zur anonymen Websuche www.ixquick.com und erhalten Sie beim Surfen mit Firefox größere Kontrollmöglichkeiten über Cookies, Werbebanner und JavaScript mithilfe dieser nützlichen Add-ons: Adblock Plus, Better Privacy, Ghostery, Hotspot Shield Extension, NoScript, RefControl

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