Mittwoch, 11. März 2015

Frauentagsrunde 2015

Manche fahren am Sonntag 2 Kilometer mit dem Pkw zum Bäcker, manche laufen, manche nehmen das Rad. Ich gehöre wahlweise zur letzt bzw. vorletzt genannten Gruppe, an diesem 8. März zur Radlerfraktion. 19 km in 36 Minuten läuten meinen Tag ein und sorgen für das erste breite Grinsen exakt eine Stunde nach Sonnenaufgang. Über die vielfach bewährten Molkeriegel hinausgehender Proviant ist sinnvoll - mit dem Alter wird man anscheinend anspruchsvoller, resp. weniger genügsam. Seis drum, Mehrkornbrötchen mit dickem Weichkäsebelag sind stets ein leckerer Snack, sodass ich beherzt beim SlowBaker unseres Vertrauens den Baumwollbeutel füllen lasse.

Mein Tagesplan sieht gemeinsame Zeit auf vier Rädern und einsame Zeit auf zwei Rädern vor. Nachdem ich die B 6 kurz vor Oschatz verlassen habe, widme ich mich einem weiteren Hörbuch - Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer. Ob diese Wahl im Anschluss an Helmut Schmidt: Außer Dienst eine gute gewesen ist, werde ich bei etwa Kilometer 150 wissen. Am Vorabend schnell zusammengeklickt, stellt sich die neue Runde schon zu Beginn als durchaus anspruchsvoll dar. Meine Frühjahrsform ist nicht die schlechteste, trotzdem hauen die 100 hm auf 2,5 km am Collm schon spürbar in die Oberschenkel. "Verda***** Dr***, was soll das denn heute werden?!", sind noch die positivsten Gedanken, die mir durch den Kopf schwirren, während parallel der Fischer Santiago und sein junger Helfer Manolin vorgestellt werden. Obendrein hat der Wind klare Westtendenz, nix mit Süd. Fast bis Döbeln dauert es, bis ich meinen Rhythmus gefunden, den Zwang zur 3 auf dem Tacho abgelegt habe; schließlich soll am Ende dieses ersten 200ers im Jahr nicht das Bett sondern ein bewusst erlebter Abend stehen. Inklusive Lächeln.

Wir haben keine Wahl

Nach drei erfolglosen Monaten fährt der alte Fischer allein hinaus auf den Golf von Mexiko. Er spürt, dass da draußen noch ein großer Fang auf ihn wartet, er kann nur auf seinem Boot, mit seinem Boot leben. Eindrucksvoll schildert Hemingway den Alltag eines kubanischen Fischers, welcher trotz lebenslanger Arbeit arm an Materiellem, doch reich an Erfahrung ist. Der Leser sieht sich buchstäblich in einer Ecke des Bootes sitzen und beobachten. Er beobachtet die Seevögel, die Wellen, die Wolken. Er staunt über den Sternenhimmel und sieht die Lichter der fernen Küste immer kleiner werden. Hakenleinen werden ausgelegt, Fliegende Fische roh verspeist, Bonitos dienen als Köder für die Marline.

Hinter Döbeln komme ich in den Genuss des Mulderadweges, der sich mit makellosem Asphalt am linken Ufer der Freiberger Mulde entlangschlängelt. Keine 5 Minuten dauert es, da sehe ich mehrere Gleitschirme auf einem Wiesenhang liegen. Der Ostrauer Club hat in Miera das Hangstartgelände "Kirschberg" heute für Bodenübungen auserkoren - keine schlechte Idee nach der langen (thermischen) Winterpause. Gern würde ich bleiben und dem Treiben zusehen, doch mein Zeitplan ist eng und außerdem soll die Tour möglichst ohne lange Erholungsphasen, stattdessen idealerweise nonstop absolviert werden. Gleich hinter der Zschopaumündung in die Freiberger Mulde leitet mich der Track wieder aus dem Tal hinauf, beiderseits der schmalen Landstraße erstreckt sich die fruchtbare Agrarlandschaft des mittelsächsischen Lößhügellandes. Der nächste Test steht kurz bevor, ich bin aufgeregt.

Ein großer Fisch hat angebissen, das spürt Santiago sofort. Ich erhebe mich und schaue ihm dabei zu, wie er mehr und mehr Leine geben muss, wie die unsichtbare Kraft den alten Mann in ihren Bann zieht. Es wird dunkel, es wird hell, es wird dunkel, es wird hell. Wie schafft der das? Wie kann er solange eine Leine halten, deren Zug das ganze Boot bewegt? Welche übernatürliche Kraft beschützt den Fischer? Ich sehe blutige Hände, ich sehe eine fast leere Flasche mit Trinkwasser, ich sehe keine Nahrung mehr an Bord. Eine hoffnungslose Situation?

Die Burg Kriebstein, aufgenommen am 20. April 2014.

Es gibt Fahrer, die für die 325 m mit einer mittleren Steigung von 11 % und einer maximalen von    25 % aus dem Tal der Zschopau vorbei an der Burg Kriebstein 1:18 Minuten benötigen.

Streckenprofil Burg Kriebstein | Quelle

Der Autor dieser Zeilen benötigt nach 130 km und 800 hm inklusive Rucksack heute k o m p l e t t    s i t z e n d 1:54 Minuten, ab dem Eingang zur Burg "verfolgt" von einem Mofa, dessen Leistung zum Überholen nicht ausreicht. :-)

In Begleitung hätten wir oben gewiss einen Stopp am Eiscafé eingelegt, allein jedoch verzichte ich gern auf solche Annehmlichkeiten, denn wie soll man sonst herausfinden, was aus einem nicht mehr ganz frischen Körper herauszuholen ist? Sprachs und rauscht auf Traumgeläuf via Erlau, Neugepülzig, Städten und Kolkau ins Tal der Zwickauer Mulde bei Sörnzig.

Der Anstellwinkel der Leine hat sich verringert, der große Fisch ermüdet langsam und nähert sich der Wasseroberfläche. Unser Protagonist fand für kurze Zeit Schlaf, indem er sein ganzes Körpergewicht auf die Schnur legte. Dennoch: Er ist körperlich schon längst am Ende. Im Halbschlaf, halluzinierend und in Selbstgespräche verstrickt erledigt der alte Fischer automatisiert, so scheint es, die nötigen Handgriffe, um den Fang seines Lebens nicht in letzter Sekunde entwischen zu lassen. Warum tue ich das? Darf ich diesen Fisch hier töten, meinen "Bruder"? Hemingways philosophischer Unterbau der Geschichte ist eine Parabel auf dessen eigenes Leben, das immer auch von Todessehnsucht und mehr oder weniger erfolgreichem Sich-dagegen-Stemmen geprägt war.

Die Hängebrücke über die Zwickauer Mulde verbindet Fischheim und Sörnzig.

Am 14. März startet der Landgasthof Sörnzig in die neue Saison, steht auf einer Schautafel unmittelbar neben der historischen Hängebrücke. Ich werfe eine P...bar-Waffel ein und beginne mit der 3 km-Kurbelei hinauf zum Rochlitzer Berg, einer 348 m hohen Porphyrkuppe aus der Zeit des Rotliegenden vor 280 Mio. Jahren. Es läuft flüssig, zwar nicht in Rekordzeit, aber flüssig, vorbei am "Habichtfeld", das sich mit erfreulich vielen Ansitzpfählen für die Greife präsentiert, hinein in den Wald und hinauf zu Waldspielplatz und Königshöhe. Für Eile fehlt mir die Zeit, äh, oder so, jedenfalls sind Narsdorf nebst A 72 flott erreicht.
Ein Habicht, fotografiert am 31.10.2010 oberhalb von Sörnzig.

Mit letzter Kraft zieht Santiago den 5 Meter langen Fisch längsseits und tötet ihn mit der Harpune, rammt sie tief in den Körper eines Lebewesens, dem er sich nach mehreren Tagen Kampf so sehr verbunden fühlt. Durfte er das? Nie zuvor hat sich der Fischer solche Fragen gestellt, doch nun, im hohen Alter, kommen sie. Was bleibt von uns? War dies der letzte Fang seines Lebens? Warum diese Qual? Auf dem langen Rückweg zum Heimathafen werden Haie auf den Marlin aufmerksam, sie umkreisen das Boot, reißen große Brocken aus dem Fisch. Ich stehe an der Reeling und muss hilflos mit ansehen, wie sich der Lohn des Fischers buchstäblich im Wasser auflöst. Immer wieder stoßen die Räuber in den Körper, immer wieder schlägt und sticht der alte Mann mit allem was er auf dem Boot zur Verfügung hat gezielt auf die Haie ein. Er tötet soviele, dass ihn das Verschwimmen der Konturen beim Absinken in die Tiefen des Meeres nicht mehr fasziniert. Es hat keinen Zweck, er kann diesen Kampf nicht gewinnen. Weil er allein ist, weil er zu geschwächt ist, weil er leichtsinnig war, sich zu weit auf das Meer hat treiben lassen. Die Erfahrung eines ganzen Lebens mündete im Fang dieses Fisches. Am Ende blieb sein Teller trotzdem leer, weil er glaubte, in der Einsamkeit sein Heil zu finden. Spät, sehr spät, wird dieser Trugschluss zur bitteren Gewissheit.

Besonders freue ich mich auf den Abschnitt Greifenhain - Prießnitz - eine schöne, ruhige Rennradstrecke vorbei an Pferdekoppeln und auf geschlungenem Weg durch ein kleines Waldstück. "Beweg deinen Ar*** gefälligst zur Seite, du...!", okay, ich bleibe brav und ramme die Dame Mitte 50 halt einfach. Hm, gute Idee? Die Familie sieht mich auf ihrem Sonntagsspaziergang seit 100 Metern kommen, der Weg ist breit, den Hund kann man rechtzeitig zur Seite nehmen. Wo um alles in der Welt ist also das PROBLEM?!

Ich halte meine Spur, nehme freundlichen Blickkontakt auf. Nichts. Die Pace bleibt gleich, das mache ich immer so, um die Dringlichkeit der Entscheidungsfindung zu verdeutlichen. Nichts. Also Frontalangriff, ihr habt es so gewollt. Wer nicht in der Lage ist, einem Fahrrad auf vier Meter breitem Weg Platz zu machen, mag anscheinend gern ein Vorderrad im Schritt und einen Lenker im Unterbauch fühlen. Plötzlich das Wunder: Man räumt mir gnädigerweise 30 cm Platz ein, sodass ich auf dem Betonrand ohne direkten Kontakt mit Homo ignorabilis die Tour unbeschadet fortsetzen kann. Schnell diesen Schwachsinn vergessen und sich neuem zuwenden, denke ich und beginne mit dem Hörbuch Die verblödete Republik. Bitte was? Der Titel ist Programm und stakkatoartig werden etwa innerhalb eines Kapitels Themen wie Klimawandel, Rentenanpassung und Neoliberalismus vom mittlerweile verstorbenen Autor Thomas Wieczorek abgewatscht. Ja, der Mann hatte VWL studiert und in Politikwissenschaft promoviert, er verstand Zusammenhänge und konnte sie darlegen. Aber er begeht im Buch den Fehler, den so viele Moralisten machen: Er will alles auf einmal. Dabei scheitert er genauso an seinem Anspruch wie es Kabarettisten tun, deren Publikum nach Veranstaltungsende umgekehrt proportional viele Lösungen zu den ganzen Aufregerthemen in Händen hält.

205 km
1.577 hm
7:40 h

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