Sonntag, 3. Mai 2015

Auf Rädern, zu Fuß und per Kahn in den Mai

Am 23. März begann ich mit der Suche nach einer Unterkunft in der Sächsischen Schweiz für das lange erste Mai-Wochenende. Was in meinen Augen kein Problem darstellte, bereitete einem Teil der avisierten Mitfahrer schon leichte Bauchschmerzen. Tatsächlich waren weder der erste noch der zweite Anruf von Erfolg gekrönt, doch innerhalb einer guten Dreiviertelstunde war das Quartier gebucht und konnte die Aktivitätenplanung vor Ort beginnen.

Ich wollte mit dem Rad anreisen wie zuletzt am 24. August und 7. September 2013, diesmal jedoch idealerweise zu zweit. Dass die Tour nicht ganz einfach wird, davon musste K. ausgehen. Dass wir die Tour bei bestem Radlerwetter erfolgreich bewältigen werden, davon konnten wir beide im März nur träumen. Auf partiell neu geplanter Route fahren wir über Grimma nach Döbeln, von da aus behalte ich aus Mangel guter Alternativen die Standardvariante bis auf den Elberadweg bei. So schön das Terrassenufer in Dresden auch ist - als (Renn)Radfahrer will man es bloß schnell hinter sich lassen. Der Radweg wird laufend von grobem Pflaster unterbrochen, Touristen bevölkern blind umherlaufend jeden freien Flecken, Fußgänger und Freizeitradler verstopfen anschließend bis kurz vor Pirna den Asphalt. Wir kurven kreuz und quer durch die Feiertagsbevölkerung, schneiden dort, wo geschnitten werden muss, schmunzeln dort, wo geschmunzelt werden muss. Etwa beim Radausflug jener Custom-Motorrad-Schmiede aus der Landeshauptstadt. Vor uns knattert irgendetwas, man sieht nichts. Dann taucht plötzlich eine Lederjacke samt Chopper-Fahrrad auf, davor radelt der Sohnemann mit einem montierten Auspuff-Simulator. Ich frage mich, wer hier wohl bei der Erziehung...?

In Pirna sperrt man kurzerhand den länderübergreifenden Radweg, um eine Quadstrecke für Kinder anbieten zu können. Wir schieben über die Wiese, begleitet von Roland Kaiser aus der Festbeschallung. Dann doch lieber ein kurzer Stopp in Obervogelgesang und eine kleine Rast in Rathen direkt gegenüber der Bastei. Für mich ist es jedes Mal besonders, diese einmalige Felsenwelt zu sehen, umso mehr nach vorheriger Anreise aus eigener Kraft. 160 Meter überragen die Felsen aus Quadersandstein hier die Elbe, die Fotos von der Basteibrücke sind im Gedächtnis von Generationen verankert. Für meine liebe K. sind das hier allesamt neue Erfahrungen; ich bin stolz, ihr Begleiter sein zu dürfen.

Die Bastei.

"Man mache sich gefasst, von nun an eine ununterbrochene Reihe von Naturschönheiten und Seltenheiten zu sehen, welche an Größe, Schönheit und Umfang immer mehr zunehmen, je weiter man kommt."
(Wilhelm Leberecht Götzinger)


Hat man die große Elbschleife am Lilienstein passiert, warten ab Königstein 4,5 Kilometer auf der B 172 bis Bad Schandau. 16.40 Uhr wird jener Fluss gequert, dessen Quelle wir vor fünf Monaten, nun ja, besucht haben. :-))

Das Tagesziel wartet nach 19 Kilometern am oberen Ende des Kirnitzschtales auf uns, gewürzt mit einem finalen Anstieg im 20 %-Bereich. Mehr als verdient haben wir uns daraufhin die leckeren Suppenvariationen (Giersch, Knoblauch, Möhre, Topinambur, Wild) in der "Kräuterbaude", persönlich gereicht von der Kräuterhexe - es ist das Ende eines ebenso anstrengenden wie (just deswegen?) wunderschönen 1. Mais.



2. Mai

7.30 Uhr beende ich die Nacht, die fehlenden Rollos auf der Ostseite tun ihr Übriges. Mit Nando wird eine kleine Fotorunde durch den Ort absolviert, vorbei an den für diese Region so typischen Umgebindehäusern. Im benachbarten Hinterhermsdorf stehen übrigens mehr als 60 jener Gebäude unter Denkmalschutz. Hier finden Sie eine Anregung für Ihren Dorfrundgang:




Umgebindehaus in Saupsdorf.

Nachdem wir das Auto für den Abend im Tal abgestellt und mit den Rädern zurück am Quartier angelangt sind, beginnt pünktlich um 10 Uhr eine Tageswanderung mit Höhen und Tiefen durch die Hintere Sächsische Schweiz.


Eine Schlammpackung am Morgen...

...vertreibt Sauberkeit und Zecken. ;-)

Baum- und Buschstreifen wie im Bilderbuch. Herrlich.

Panorama vom 32 Meter hohen Weifbergturm nach Westen inkl. Bezeichnungen (Bild anklicken).


Ein erfrischendes (und reinigendes)...

...Bad in der Kirnitzsch.

Vanishing Act. Na, was sehen Sie?



Flößerei auf der Kirnitzsch

Von der Mitte des 16. Jh bis zum Ende des 19. Jh. war die Kirnitzsch der wichtigste Floßbach der Region. Auf einer mehr als 25 Kilometer langen sog. Triftstrecke konnten beträchtliche Mengen Holz aus den schwer zugänglichen Gebieten des Mittelgebirges relativ billig und schnell nach Bad Schandau an die Elbe transportiert werden. Vom dortigen Ausschwemmplatz (Bindehaus) gelangte das zwischen vier und fünf Meter lange Holz als Floß oder per Schiff nach Dresden. Zu den wichtigsten Abnehmern gehörten der Sächsische Hof (Heizmaterial) sowie ab dem 18. Jh. die Meißner Porzellanmanufaktur.

Doch um überhaupt Floß triften zu können, musste Wasser aufgestaut und schnell abgelassen werden können. Es entstanden mehrere Stauwerke entlang der Kirnitzsch, unter denen die Obere und Niedere Schleuse bei Hinterhermsdorf zu den bekanntesten gehören. Um 1567 baute man die Obere Schleuse als hölzerne Stauanlage, bis zum frühen 17. Jh. kamen die Niedere nebst zusätzlicher Floßteiche auf böhmischer Seite hinzu. Der Straßenbau im 19. Jh. beendete das Kapitel der kommerziellen Holzflößerei und läutete die Zeit der touristischen Nutzung ein.

Bootsstation Obere Schleuse.



Bis 1964 wurde noch sporadisch Holz geflößt.

Die "Liebesinsel" in der Kirnitzsch.

Was sehen wir hier?

Nette Idee: Alcedo atthis für jedermann.

Im Fels erkennt man Reste einer früheren Stauanlage aus Holz.

Grenzplatten gestern...

...und heute.

1817 ersetzte man die hölzerne gegen eine steinerne Stauanlage, am 25. Mai 1879 eröffnete der Vaterländische Gebirgsverein Saxonia die Bootsfahrt auf der hinter der Oberen Schleuse angestauten Kirnitzsch. Die 600 Meter lange Strecke zwischen hohen Felsen hindurch entwickelte sich schnell zu einem Touristenmagnet, die Besucherzahlen stiegen kontinuierlich bis 1990. Nebenbei bemerkt: Bis zum Zweiten Weltkrieg gingen die Gewinne zu 50 % an den Unterstützungsfonds für die Waldarbeiter, die andere Hälfte erhielten Arme in der Region. Und heute?!


Entwicklung der Besucherzahlen

1882 - 1.700
1892 - 10.000
1913 - 17.000
1938 - 36.340
1956 - 85.000
1983 - 88.000
1996 - 63.000
2009 - 55.000
2011 - 48.000

Bei einem Durchschnittspreis von 5 Euro pro Person und Fährzeiten von Ostern bis Ende Oktober kommt in der Saison ein erkleckliches Sümmchen zusammen. Rechnet man für jeden Fahrgast obendrein ca. 2 Euro für Verzehr oder Souvenirerwerb hinzu, sind das im Jahr bei 50.000 Gästen 350.000 Euro. Davon müssen die geschätzt 10 Angestellten bezahlt, die Lebensmittel erworben und die Technik gewartet werden.

Unser tschechischer Bootsfahrer informiert über alte und neue Grenzmarkierungen, die Besonderheiten der "Liebesinsel", den Wohnort des Berggeistes mitsamt einem Krokodil als Wächter, Elefanten, schlafende Schafe, riesige Frösche, uralte Fichten, in der Kernzone umgestürzte Bäume - ganz genau: die n i c h t ins Wasser rutschen. Er hat sich versichert. Zehnmal.

Die Wassertiefe schwankt zwischen 1 m am Einstieg und 7 m an der Staumauer.

Vorsicht! Kirnitzsch-Krokodile!

Das Wasser der Kirnitzsch ist auch im Hochsommer nur maximal 8 °C warm.


Fichtenwald prägt die Schlucht, hier stehen die ältesten Bäume der Sächsischen Schweiz.


1931 wurde diese sieben Meter hohe Staumauer errichtet, die heute als technisches Denkmal geschützt ist.
In den Wintermonaten wird der Stausee abgelassen.

Wer gut zu Fuß ist, kann von der Oberen Schleuse aus auf dem Flößersteig immer entlang der Kirnitzsch bis nach Bad Schandau wandern. Entlang der 27 km langen Strecke warten zahlreiche Informationstafeln mit Wissenswertem zur Geschichte jenes heute zumindest in Mitteleuropa verschwundenen Wirtschaftszweiges auf.

Betriebszeiten: Täglich zwischen Ostern und Ende Oktober von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr.
Letzte Kahnfahrt: 16 Uhr.

Die Obere Schleuse bei Hinterhermsdorf

Die Niedere Schleuse.

32 Meter breit ist die Staumauer der Niederen Schleuse, 28.000 m³ Wasser werden hier bei Bedarf auf 750 m Länge gestaut. Von 1985 bis 1993 wurde die Anlage von Waldarbeitern detailgetreu restauriert, so dass heute wieder mit Einschieben oder Ziehen von sog. Versatzhölzern der Wasserstand in Hochwassersituationen geregelt werden kann. Das Schleusenhäuschen in Bildmitte diente zur Aufbewahrung der Floßhaken.

Historische Einrichtungen zur Flößerei auf der Kirnitzsch | Quelle: Berichte des AK Sächsische Schweiz, Band IV, 1975.

Bloße = Stellen an den Steilhängen, wo das Holz hinab ins Wasser gerollt wurde.
Floßrechen/Schutze = Flußeinbauten zum etappenweisen Festhalten des Holzes. Sie mussten sehr massiv gebaut sein, damit sie Flutwelle und Holz standhalten konnten.

Waldumbau hin zu einem artenreichen Buchen-Mischwald.


Wir verlassen den Lebensraum Schlucht mit seinem Farn- und Moosreichtum (in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz findet sich die größte Vielfalt an Farnen aller deutschen Mittelgebirge), um durch einen Tannen-Buchen-Mischwald das Felsplateau zu erreichen. 53 % des Nationalparks sind als Kernzone ausgewiesen. Das sind Bereiche, wo der Mensch keine lenkende Funktion mehr innehat; Bäume dürfen umstürzen und vor Ort vermodern, Felsstürze, Wind- und Schneebruch, Borkenkäfervermehrungen - all diese "Unglücke" werden in der Kernzone als natürliche Prozesse und bedeutsam für die Eigenentwicklung der Natur aufgefasst.


Unser Standort auf dem Königsplatz liegt außerhalb der naturbelassenen Kernzone in einer naturnahen Mischwaldgesellschaft. Von hier hat man eine sehr schöne Aussicht hinüber zu den 8 Kilometer entfernten Affensteinen sowie zu den Gipfeln auf tschechischer Seite. Und hier oben soll auch der Textteil dieses Berichtes mit einem Zitat von Caspar David Friedrich enden:

"Beobachte die Form genau, die kleinste wie die große, und trenne nicht das Kleine vom Großen, wohl aber vom Ganzen das Kleinliche."
(Caspar David Friedrich)

Panorama vom Königsplatz nach Süden.





Radroute im Nationalpark.

Eisen-, Waben- und biologische Verwitterung nebst der typischen Klüftung des Quadersandsteins.

Ein seltener Baumhund.





Zurück in die Zukunft.


Am Zeughaus.

Na, welcher Haustyp ist das wohl?

Abendstimmungen bei Saupsdorf







3. Mai

Blick nach Westen über Ottendorf zum Lilienstein.


Umgebindehaus in Saupsdorf.


Wer wohnt in dieser Nisthöhle?


Heimfahrt entlang der Elbe.

Nationalparkbahnhof Bad Schandau mit Elbdampfer "Pirna".

Hinter der Brücke...

...wird der Schornstein wieder aufgerichtet.

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