Smurfz - allein schon dieser Name! Was für eine Person stellen Sie sich hinter einem solchen Namen vor? Einen Künstler? Das Mitglied eines indigenen Stammes? Ein Kind? Gar keine Person? Ein technisches Kürzel?
Sie wissen rein gar nichts über dieses "Etwas" und doch versucht Ihr Hirn sofort, Assoziationen zu knüpfen. Assoziationen zu eigenem Wissen, zum eigenen Erfahrungsschatz, zu den eigenen (Vor)urteilen. Dasselbe - wie könnten sie auch anders sein als ihre Programmierer - machen tagtäglich Algorithmen mit uns allen. Sie bewerten uns nach schlichten Fakten und Stereotypen, die über jeden einzelnen bewusst oder unbewusst in diversen Datenbanken angehäuft werden. Ein Algorithmus hat vier Eigenschaften zu erfüllen: Allgemeingültigkeit, Ausführbarkeit, Endlichkeit, und Eindeutigkeit.
Algorithmen bewerten nach (wenn sie gut geschrieben sind) intelligenten Mustern vorliegende Daten und kommen, Stichwort "Endlichkeit", zu einem Ergebnis. Dieses Ergebnis muss überhaupt nicht absolut sein (0 oder 1). Wahrscheinlichkeiten, die in sogenannten Scores münden, sind sehr viel häufiger das Resultat.
Der Faktor Maschine
In diesem Film geht es um Scores von Menschen, genauer: Um den Score ihrer potentiellen Straffälligkeit. Weltweit werten Behörden die Daten ihrer Bürger aus. Sie haben Ihren persönlichen Score zur Kreditwürdigkeit, Sie haben Ihren Score bei der Krankenkasse, Sie haben Ihren Score bei Versicherungen, Sie haben einen Score bei der Polizei. Und jetzt stellen Sie sich bitte das Folgende vor: In Ihrem Briefkasten finden Sie einen Brief, der Sie bittet, von kriminellen Handlungen abzusehen und bestimmte Kontakte Ihres sozialen Umfeldes zu meiden. Richtig gelesen - Bruce Allmächtig schreibt einen Brief an Sie persönlich.
Was auf den ersten Blick ziemlich cool klingt, ist bereits in einigen Metropolen Realität. London, New York, Washington, Vancouver, Paris z.B. nutzen Scores ihrer Bürger, um Verbrechen vorherzusagen. Der Wert gibt dann für Person XY die Wahrscheinlichkeit an, mit der sie in kriminelle Machenschaften verwickelt sein wird. Basierend auf dem Vorstrafenregister, Kontakten zu bereits straffällig Gewordenen (bspw. während Gefängnisaufenthalten), dem Wohnumfeld und anderen sozialen Parametern ergibt sich so für jede Stadt ein Who is Who der Bad Boys/Bad Girls. Die Personen auf dieser Liste erhalten dann alle besagten Brief. Und fallen nicht selten aus allen Wolken.
Der Faktor Mensch
Dem Regisseur merkt man eindeutig die kritische Grundhaltung gegenüber dieser Form der Kriminalitätbekämpfung an. Er fasst mithilfe prägnanter Skizzen den status quo der Technik zusammen, zeigt auf, wie breit unsere eigenen Datenspuren im Internet geworden sind, lässt die Experten hinter den Algorithmen zu Wort kommen. Viel wichtiger aber: Er lässt die Empfänger der Briefe zu Wort kommen.
Quasi (vor)verurteilt lebt es sich nämlich nie wieder unbeschwert. Zwei Protagonisten schildern ihre aktuelle Lebenssituation eindrücklich - sie sind gefangen im Netz der Algorithmen. Der eine arbeitet in einem kleinen Laden und hält sich von jeglichem Stress auf der Straße fern. Nur leider hat er die falschen Bekanntschaften. Sein Freund wurde auf offener Straße erschossen, die Polizei hat nie einen Täter überführen können (wollen???). Stattdessen wird er vor kriminellen Aktivitäten gewarnt; ganz nach dem Motto: Wir sehen dich. Jederzeit. Überall. Die einzige Chance, dem Ganzen zu entfliehen, wäre wohl nur der komplette Neuanfang in einem anderen Land. Hier: Außerhalb der USA.
Reise nach England, nach Tottenham. Das Interview findet des nachts in einer Seitenstraße statt, jemand mit schwarzem Hoodie liest langsam seinen eigenen Warn-Brief vor. Das Fazit: "Bullshit!" Und was jetzt folgt trifft den Kern des eigentlichen Problems, des Kernproblems unserer Gesellschaft(en).
Denn Pre-Crime-Programme (aka Predictive Policing) sind nur ein weiterer Versuch, Symptome zu bekämpfen. Pre-Crime muss allerdings - um jemals erfolgreich sein zu können - sich um die Ursachen kümmern. Die Ursachen für Ungleichheit bezüglich der jeweiligen Chancen von Menschen im Leben.
"Die zwingen uns doch in diese Rolle. Die geben uns keine Stimme, also müssen wir so auf uns aufmerksam machen."
Der junge Mann, der das im Schein einer Straßenlampe irgendwo in Tottenham in die Kamera sagt, hatte nie die gleichen Chancen erhalten wie weiße Engländer. Und das weiß die Gesellschaft!
Dieser junge Mann nennt sich Smurfz.
Pre-Crime
Trotz einiger Längen empfehlenswert.
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