Dienstag, 16. Juni 2009

"Es ist Gefahr mit diesem Job verbunden"

Wenn die Kripo sagt: "Das ist uns zu gefährlich, der ist bewaffnet und schießt auf uns", dann kommen wir. Da fährt man innerlich hoch, das Adrenalin steigt. Wir kümmern uns um Geiselnahmen, Erpressungen, Entführungen. Trotz jahrelanger Erfahrung lassen mich die Einsätze nicht kalt. Es ist Gefahr mit diesem Job verbunden.

Mut klingt nach Heldentum. In meinem Beruf gibt es keinen Platz für so was. Wenn ich meine Uniform anziehe, trage ich Verantwortung. Als Polizist läufst du einem Straftäter hinterher, springst ins Wasser, wenn ein Kind reinfällt. Das ist nicht mutig, das ist meine Arbeit.

Mut ist was Privates für mich. Mutig sein heißt, ein unkalkulierbares Risiko einzugehen. Sich ohne Kohle eine Eigentumswohnung kaufen. Aus Lust auf was Neues den Job kündigen, alles hinter sich lassen und nach Australien auswandern. Mutig fand ich mich, als ich mit 20 meine Sachen gepackt habe, in mein Auto gestiegen bin und in eine neue Stadt zog. Ich stand zum ersten Mal auf eigenen Füßen. Manchmal fehlt mir was Kreatives in meinem Beruf. Mein Beamtenstatus hat Vorteile, gerade in der momentanen Krise. Ich habe 'nen bombenfesten Job. Trotzdem denke ich manchmal: "Es muss doch noch was geben." Wo ist das Risiko? Was sind die ursprünglichen Gefahren des Lebens? Ich will müde sein, schmutzig sein, durstig sein. Heute braucht man zum Leben keinen Mut mehr. Ich muss nicht um mein Essen kämpfen, nicht um meinen Schlafplatz. Unsere Eltern haben es noch zu was gebracht, weil es einen Mangel gab. Meine Generation lebt beschützt und behütet, zerbricht sich den Kopf an Kleinigkeiten und ist zu träge, um sich gegen was aufzulehnen.

Der obenstehende Text stammt von einem 32-jährigen SEK-Beamten und wurde im Kontext einer Reportage über junge Deutsche publiziert. In Anbetracht von schätzungsweise 200 Millionen hungernder Kinder weltweit; Bürgerkriegsflüchtlingen und -waisen; Bootsflüchtlingen, die im Mittelmeer elendig ersaufen; Diktatoren in afrikanischen und asiatischen Staaten, deren Regime überleben, weil die ganze Welt von der billigen Arbeitskraft ihrer ach so sorgenfreien Staatsbürger profitiert; massiver Umweltzerstörung, um an noch billigeres Öl zu gelangen; ... in Anbetracht all dessen und meiner ganz persönlichen Ohnmacht dieser Situation gegenüber lesen sich die Zeilen des jungen Mannes wie blanker Hohn.

Ich bin heute in "Kulturzeit" auf 3sat über das Buch von Rudolf Wötzel mit Titel: "Über die Berge zu mir selbst" gestolpert (dazu wird ein eigener Post in einer Rubrik "Rezensionen" erscheinen) und bin ein wenig angetan von der Courage dieses ehemaligen Investmentbankers. Sicher, er hat Geld für mehrere Leben angehäuft und gewiss keinen geringen Anteil an massiven Ungerechtigkeiten. Jedoch berichtet er offen und ehrlich über seinen (tatsächlich ehemaligen??) Gott des Geldes und wie dieser ihn fast in den Wahnsinn trieb. Heute lebt er in den Alpen, betreibt eine kleine Herberge für Wanderer und versucht, Manager zu erden. Think different, lieber SEK-Beamter. --> Hier ein Interview mit dem Buchautor.

Dass ein SEK-Beamter das Risiko sucht und in seinem Job nicht fündig wird, zeugt möglicherweise von einer gewissen Grundintelligenz auf der einen, zweifelsohne aber von einer definitiv vorhandenen Selbstüberschätzung auf der anderen Seite. Welchen jungen Mann macht es nicht an, vermummt und mit einer Spezialausbildung in der Tasche für das Gute zu kämpfen? Für das Gute schon (sofern es überhaupt existiert)! Aber nicht für einen Oberbefehlshaber, der sich da deutscher Innenminister schimpft und noch dazu ... ja, ja, ist alles öffentlich!

Deine Person verkommt zu einem Werkzeug; ist jederzeit austauschbar; funktioniert immer auf Abruf; beseitigt (nein, klärt) "Probleme", die es in den meisten Fällen bei weniger Egoismus und mehr Blick für das Gemeinwohl nicht geben würde; fragt nicht nach den Ursachen und den Konsequenzen. Schön. Und genau aus diesen Gründen speist sich die Antwort, weshalb du nicht müde, schmutzig, durstig sein musst. Wir sind dir so sehr zu Dank verpflichtet, da du unser aller Sicherheit garantierst. Danke vielmals.

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