Donnerstag, 23. Juli 2009

Schmetterlinge im ... Schirm

Vor genau einer Woche befand ich mich in Beilrode, um den Wahrheitsgehalt des Segelflugwetterberichts zu überprüfen. Der einzig (gut) fliegbare Tag der Woche startete mit ein paar wenigen Cumuli, die sich aber hinter Leipzig bereits bedrohlich breitgelaufen hatten.
Am Platz angekommen sah das Wolkenbild bei 27°C am Boden schon wieder versöhnlicher aus, wenn auch die Abschattungen teils beträchtliche Ausmaße annahmen. Bereits 5 Leute hatten den Abflug gewagt und konnten noch beobachtet werden. Knut verließ mit 600m Beilrode - nur wer wagt, der auch gewinnt ;-)). Torsten hatte sich in den 20 Minuten seit meiner Ankunft bis zur Basis emporgeschraubt (die lag gegen 12 Uhr MESZ bei 1400m NN) und hielt Kurs in Richtung Flugplatz Lönnewitz.

Viele Dresdner und Cottbusser waren am Start (dabei auch meine Spezialfreunde, die gerne Kritik am Schleppablauf unseres Vereins äußern: Jungs, ihr habt euch tempomäßig wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert und solltet beim nächsten Mal einfach die Kla*** halten!)
Als kleine innere Genugtuung endete der jeweilige Erstflug dieses Tages von den Jungs mit einer Platzrunde :-))

So, genug der Vorrede, ich will es denen jetzt zeigen und auf Strecke gehen!
"Christian, 75 kg, Pilot und Gerät startklar." (@ Mario: das Gewicht rührt von dem schweren Overall her ;-))
Thomas bedient an diesem Tag zwei Winden parallel (die "Freude" sollte mir später auch noch zuteil werden) und schleppt mich sicher in die Höhe. Leichter Rückenwind an Winde und Startplatz verheisst (wenn man den Berichten der Streckencracks Glauben schenken möchte) einen Bart in Platzmitte. So falsch kann das nicht sein: "STAAAAAAART!"
Vor der Winde geklinkt, der Anweisung von Thomas gefolgt und rechts über das Weizenfeld geflogen ... hmm ... Nullschieber ... piep, piep, piep. Yiippiieeeehhh!!! Das ist wie ... mit ... und dazu noch ... Genau so!!!

Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Hannibal Smith legte mir die richtigen Worte in den Mund und ließ mich genüsslich weiterkurbeln. Tobias hatte das Seil nach mir genommen und ebenso gleich Anschluss gefunden. Aber viel tiefer :-) Gemeinsam begaben wir uns langsam in Richtung SO mit einer wunderschönen Aussicht auf die Elbe und sich zunehmend angenehm anfühlenden Temperaturen. Thomas gab weiter hilfreiche Tipps über Funk, bis wir außer Sichtweite waren und gemeinsam vor einer großen Wolke fliehen mussten.

Beim ersten Basiskontakt mache ich Fotos und schaue auf das GPS. Dabei sehe ich, dass die Aufzeichnung zwar am Boden gestartet wurde, bis jetzt aber nichts im Speicher zu finden ist. Ärgerlich, ärgerlich. Neustart des Geräts - jetzt funktioniert es. Der Spaß hat mich ein paar (wenn auch für das Ranking unbedeutende) XC-Punkte gekostet. Weiter gehts. Wo ist Tobias? Oh, obschon noch immer unter meiner Flughöhe, hat er doch bereits mehr Strecke gemacht: Rein in den Beschleuniger und hinterher.



Mit knapp über 60 Sachen Groundspeed rauscht mein Segel davon. Tiefer, tiefer, tiefer. Unter 1000m NN, unter 800m NN. So, jetzt reichts aber. Abrisskanten, wo seid ihr denn heute?? An Auswahl mangelte es beileibe nicht: Windparks, Waldränder, frisch abgeernete Weizenschläge, Dorfränder, Wolkenschatten. Welche es nun genau war, weiß ich nicht, aber als Tobias gerade seine Landevolte fliegt, piept mein kleiner elektronischer Helfer wieder. Wisst ihr wie man sich da freut? Du bist unterwegs in einem Meer aus Luft, hast einen groben Plan im Kopf, wo was gehen könnte, versuchst etwas und wirst belohnt. Zufall oder nicht, spielt keine Rolle. Nur das Ergebnis ist wichtig: Es geht wieder nach oben! Erneut an der Basis angekommen funkt mich Tobias an und fragt, ob ich auch gelandet bin. "Nö, ich bin südöstlich von dir an der Basis. Gute Heimfahrt."



Eines meiner bisher tollsten Fliegererlebnisse kommt wie aus dem Nichts. Schmetterlinge zischen an mir vorbei und schlagen (hilflos?) mit den Flügeln. Da fällt es gleich viel leichter, die Besiedlung abgelegener Inseln durch Insekten zu verstehen. Wie weit werden meine Kurzzeitbegleiter wohl an diesem Tag gekommen sein??
Interessant war außerdem die Tatsache, dass sie aus einer (meiner, der Hauptwindrichtung folgenden Flugbahn) entgegengesetzten Richtung kamen. Ich bin noch lange kein Albatros...
Pure Freude (nicht zuletzt wegen dieser Begegnung der ganz besonderen Art) ließ mich lauthals jubeln. Das mache ich sicher viel zu selten in meinem Leben.

Genug der Sentimentalität. Ich muss ja auch irgendwann wieder zurück kommen und suche deshalb die markante Bahnlinie Leipzig-Cottbus. Mein GPS sagt, dass die Teiche vor mir sich bei Bad Liebenwerda befinden. Nett, über 20 km und knapp 2 Stunden in der Luft. Eine innere Sättigung und Befriedigung stellen sich ein, die im Einklang mit der nun unaufhörlich näher kommenden Erde (und einer Hochspannungsleitung nebst Windpark) keinen Frust zulassen.

Perfekte Landung (diesmal dank guter Windzeiger ;-)) sogar mit Gegenwind in 3 km Luftlinie zum Bahntaxi. Ich habe gerade die Geräte ausgeschaltet und den Schirm gerafft, als ein VW Passat den Feldweg entlangfährt und vor mir stoppt. Es ist ein Modellflieger, der in einer Opel-Werkstatt arbeitet (der Kommentar musste sein, denn es gab kaum ein anderes Thema auf der Fahrt ;-)) und mich bei der Landung beobachtet hat. Was für ein Glück. Keine 5 Minuten am Boden und schon im Auto unterwegs zum Bahnhof. Er bringt mich die 10 km bis nach Falkenberg (Elster), wo ich mich herzlich von ihm verabschiede. "Wir Flieger müssen uns doch gegenseitig helfen" waren seine letzten Worte vor der Weiterfahrt. Das stimmt wohl. Phantastisch, dankeschön!

Auf dem Busplatz lege ich den Schirm zusammen, kaufe ein Ticket nach Beilrode und muss sogleich zum Bahnsteig sprinten, weil der Zug bereits eintrifft. Geht es besser? Schwerlich.
Zurück in Beilrode schiebe ich noch 2,5 Stunden Windendienst auf unserer Mohaupt und der Beilroder Wesselmann. Die Steaks am Hangar und das (verspätete) Landebier lassen nach Sonnenuntergang einen unvergesslichen Sommertag ausklingen. Schade, dass ich diese große Freude nur mit meinen Fliegerkameraden teilen kann.

Der Link zum Flug: Klick.

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