Montag, 19. Oktober 2009

Das kurze Leben von Ferkel 0146

Rückblickend auf die letzte Grillsaison findest du möglicherweise heute hier den optimalen Anstoß für eine bewusstere Ernährung durch den Kauf regionaler Produkte, die Ablehnung immer billigeren Fleisches an der Ladentheke oder gar für einen Lebenswandel hin zum Vegetarier.

Eines vorweg: Ich bin keiner und habe auch nicht vor, einer zu werden. Dennoch besteht meine Ernährung hauptsächlich aus pflanzlichen Produkten. Aber muss ich mich hier eigentlich rechtfertigen? Natürlich nicht.

Die folgende Reportage von Nikola Sellmair stammt aus dem Stern, Ausgabe 43/2007  und wird von mir in Auszügen wiedergegeben.

"Sechs Monate lang haben stern-Reporter ein Mastschwein begleitet. Von der Geburt im Stall bis zum Tod im Schlachthof - und darüber hinaus: Die Geschichte eines Schnitzels. Von Nikola Sellmair.

Das Messer blitzt, die Schweine schrein,
Man muß sie halt benutzen,
Denn jeder denkt: Wozu das Schwein,
Wenn wir es nicht verputzen?
(Wilhelm Busch)

Blut tropft auf den Gitterrost. Der Bauer greift tief rein in die Sau - kommt da noch was? Auf einmal gucken kleine Klauen hervor, der Bauer zieht. "Hoffentlich bin ich nicht zu spät, das sah so blau aus", sagt er.

Heute ist Ferkeltag im Stall von Bauer Pulvermann. Alle Sauen werden zur selben Zeit besamt, deshalb "ferkeln" sie auch zur selben Zeit. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage dauert die Schwangerschaft, "So'n Schwein funktioniert wie ein Uhrwerk", sagt Dieter Pulvermann.

Die Sau schnauft schwer. Ein tiefes langes Grunzen, dann glitscht es aus ihr heraus, es quiekt. Das schleimige Ferkelkind verheddert sich in der Nabelschnur und fällt auf die Schnauze. Kurz öffnet es seine schwarzblauen Augen, dann stakst es los - da ist die Zitze. Schauer laufen ihm über den blassrosa Rücken, aber es saugt, kräftig und entschieden.

Das ist das Schwein, das wir sechs Monate begleiten werden, bis zum Tod. Wir nennen es nicht "Grunzi", bestimmt nicht "Babe". Keine Sentimentalitäten bitte. Denn dies ist die Geschichte eines Schnitzels. Geboren, um zu sterben. Produziert wie eine Alufelge oder eine Steckdose. Ein Gebrauchsgegenstand, und so liest sich auch sein Name: 0146. Das ist die Nummer des Stalls. 1,5 Kilo wiegt das Ferkel nach der Geburt. Noch 118,5 Kilo bis zum Schlachtgewicht.

Am ersten Morgen kommt der Ringelschwanz ab. Das Kupiereisen dampft, es riecht nach verbranntem Fleisch. Ferkel 0146 quietscht schrill und zappelt mit den Beinen. Anschließend werden die Eckzähne mit einer rotierenden Maschine abgeschliffen. Damit die Tiere sich nicht gegenseitig verletzen, sagt Valentina. [...]

Vier Tage später bekommt es seine Marke ins Ohr gestanzt. Sie ist hellblau, die Nummer 0146 handgeschrieben, damit wir es besser erkennen. Das Ferkel hat Glück, die Marke hängt im rechten Ohr, und das bedeutet: Ferkel 0146 ist eine Sau und darf zurück zur Mutter, während seine Brüder heute kastriert werden. Eberfleisch schmeckt manchmal streng, deshalb die schmerzhafte Prozedur in deutschen Ställen. Valentina hält ein laut quiekendes Ferkel an den Füßen hoch, schneidet mit einem Mini-Skalpell den Hodensack auf und trennt die Samenleiter durch. Die Hoden lässt sie in einen Eimer fallen. Mit zwei Wochen sehen sie zum letzten Mal die Mutter. [...]

Zweimal in seinem kurzen Leben wird Ferkel 0146 für ein paar Minuten das Tageslicht sehen - immer dann, wenn es in einen neuen, größeren Maststall umzieht. Heute ist es das erste Mal so weit. [...]

Ferkel 0146 ist schwerer als die anderen Schweine. Sieben Kilo wiegt es jetzt. Noch 113 Kilo bis zum Kotelett. Im neuen Stall haben 1400 Ferkel Platz. 35 Tiere passen in eine Box, macht mindestens 0,4 Quadratmeter pro Tier, wie vom Gesetzgeber verlangt. Außerdem sind noch zwei verschiedene "Spielmöglichkeiten" Vorschrift. In der Box von Ferkel 0146 sind es eine lange Plastikröhre und Eisenketten, die von der Wand baumeln. [...]

Ein Finanzfachmann der holländischen Rabobank erklärt die Globalisierung des Schweinemarktes: Die ganze Welt isst immer mehr Fleisch - eigentlich gut für Deutschland, den größten "Schweineproduzenten" in Europa. Aber die hiesigen Betriebe sind klein im Vergleich zu den riesigen Ferkelfabriken in Dänemark oder den USA. Große dänische und holländische Konzerne wie Danish Crown oder Vion kaufen sich in Deutschland ein. Auch Länder wie Brasilien und China drängen auf den Fleischmarkt: Brasilien baut Soja als Futtermittel für Schweine an und rodet dafür seine Wälder. Die Chinesen produzieren schon jetzt die Hälfte des Schweinefleischs weltweit - zwar noch nicht so effizient wie die Deutschen, aber das sei nur eine Frage der Zeit, sagt der Banker aus Holland. Bauer Pulvermann und seine Kollegen schauen besorgt. [...]

"Das Mastendprodukt", so der ökonomische Fachterminus für Ferkel 0146, wächst jetzt immer schneller. Mindestens ein halbes Kilo nimmt es jeden Tag zu. Es bekommt Pausbacken, sein Rücken wird immer länger. Mit drei Monaten wiegt es stolze 40 Kilogramm. [...]

Weil die Schweine so groß geworden sind, können sie sich in der Box kaum noch bewegen, dicht an dicht drängeln sie sich auf dem zugekoteten Gummiboden. "Schön ist das nicht, auch wenn es der Norm entspricht", sagt der Bauer, "aber ich muss in Fleischmenge pro Quadratmeter rechnen." [...]

Deshalb ist dies keine Skandalgeschichte, in der Bauer Pulvermann in die Pfanne gehauen werden soll. Sein Fleisch gammelt nicht und ist auch nicht hormonverseucht. Es ist einfach billig - und so wird es auch produziert. Pulvermann hat die stern-Reporter in seinen Stall gelassen, obwohl der Bauernverband warnte: Lassen Sie das, Sie können nur verlieren. Er hat die Türen aufgemacht, weil er weiß, dass er einen ordentlichen Job macht - im Rahmen des Systems. [...]

Heute kommen Schwein 0146 und seine Altersgenossen vom Ferkelaufzuchtstall in den Maststall. [...]

Die nächste Station wird der Schlachthof sein. Der Bauer tippt das Gewicht von Schwein 0146 in den Computer ein, der berechnet, wann Pulvermann den Lastwagen für den Transport zum Schlachthof bestellen muss. Noch zwei Monate bis zum Kotelett. [...]

Der Lastwagen kommt im Morgengrauen. Um 4.00 Uhr weckt Bauer Pulvermann alle sechs Monate alten Tiere. Schweine sind schlau. Es heißt, sie würden ihren Tod ahnen. Schwein 0146 ahnt nichts. Freundlich und verspielt steht es in seiner Box, lässt sich zur Verladerampe treiben und zuckt nur kurz, als ihm der Fahrer des Lastwagens seine Nummer, die 0146, auf den Rücken stempelt. Der Transporter ist dreistöckig, 200 Schweine passen hinein. Ein Schwein wird aussortiert, weil es zu mager ist. Dann fährt der Lastwagen los.

Bauer Pulvermann bekommt für Schwein 0146 rund 130 Euro. Allein für das Futter gehen 85 Euro drauf: Weil der Weizenpreis steigt, wird es immer teurer. Auch der Schweinepreis bildet sich wöchentlich; wenn er unter 1,60 Euro pro Kilo fällt, wird es knapp für Bauer Pulvermann. [...]

Der Lastwagen vor ihm hat unterwegs eine Vollbremsung hingelegt, jetzt liegen vier Schweine verletzt auf der Rampe und müssen in Rollwagen zur Notschlachtung gefahren werden. Ein Schlachter schimpft: "Die sind so schwer verwundet, weil ihr Bauer sie mit billigen Brotabfällen füttert. Brotschweine wachsen schnell, aber ihre Knochen sind schwach." [...]

Die blauen Tore öffnen sich wieder, jetzt rennt Schwein 0146 die Rampe hoch, sein kupierter Schwanz wackelt. Es wird mit warmem Wasserregen besprenkelt, eine Art Wellness für Schweine, dann soll es sich im dämmerigen Ruheraum von den Strapazen der Fahrt erholen. Noch zwei Stunden bis zum Kotelett.

Um 11.30 Uhr läuft Schwein 0146 fröhlich und neugierig, wie es seine Art ist, in den Gang, der zu den Betäubungsgondeln führt. Je zwei Schweine drängen sich in die Kabine, die Türen schließen sich, der Fahrstuhl ruckelt abwärts, dem Tod entgegen. Ein kurzes Quieken, dann wirkt das Gas, das in die Gondeln strömt. Schwein 0146 verliert das Bewusstsein. Das betäubte Tier bekommt eine Fußfessel. [...]

Blut und Wasser tropfen von der Decke. Der ganze Raum dampft. Schwein 0146 hat die Augen geschlossen, Speichel tropft aus seinem Mund. Jetzt zieht ein Schlachter das Schwein zu sich heran, rammt ein großes Messer in die Halsschlagader. Das herausquellende Blut wird mit einem Schlauch abgesaugt. Schwein 0146 ist tot. [...]

Am nächsten Morgen, nach 20 Stunden in der Kühlung, rollt der Kopf von Schwein 0146. Ein Schlachter schneidet ihn ab und schleudert ihn in eine Kiste. Ohren und Pfoten werden abgeknipst. Das Ohr mit der extra für Schwein 0146 handschriftlich markierten Marke liegt jetzt auf einem Berg anderer Ohren. Zusammen mit den Pfoten werden sie nach China exportiert, dort findet man sie leckerer als in Europa. Ein Drittel des Absatzes macht Vogler Fleisch im Ausland. Gleichzeitig wächst die Konkurrenz. "Es gibt zu viele Schlachtbetriebe in Deutschland, wir müssen das Fleisch immer billiger anbieten", erzählt ein Schlachter. "Wir produzieren auch für Aldi und Lidl, aber da verdient man fast nix, so gnadenlos drücken die die Preise." [...]

Im Schlachthof sind alle Tiere gleich: Auch Bioschweine werden nicht totgestreichelt. Aber hatten sie vorher ein anderes, ein besseres Leben? Wie wäre es Ferkel 0146 auf einem Hof ergangen, der nach ökologischen Richtlinien arbeitet? Es hätte länger gelebt: acht statt sechs Monate. Es hätte kein synthetisch erzeugtes Eiweiß zu fressen bekommen, sondern Bohnen, und wäre deshalb langsamer gewachsen. Von seiner Mutter wäre es nicht nach drei, sondern nach sechs Wochen getrennt worden. Es hätte die Sonne gesehen, mit dem unversehrten Ringelschwanz gewackelt und seinen Geschwistern die intakten Eckzähne in die Ohren gehauen. Es hätte im Stroh wühlen und in der Erde suhlen dürfen. Auf der weichen Einstreu hätte es seine Gelenke nicht wund gelegen. Seine Brüder wären allerdings auch kastriert worden. Und der für Ökoschweine vorgeschriebene "Auslauf im Freien" hätte sich wahrscheinlich nicht auf einer idyllischen Aue abgespielt, sondern auf einem handtuchgroßen Wieslein - auch Biobauern müssen rechnen. [...]

Schwein 0146 liegt jetzt säuberlich in Koteletts aufgeschnitten in einer roten Kunststoffbox, fertig zur Auslieferung. Am Montag wurde es geschlachtet, am Dienstag zerlegt, am Mittwoch ausgeliefert. Binnen 48 Stunden muss das Fleisch den Schlachthof verlassen und an die großen Lebensmittelketten geliefert werden, bei denen es dann eingeschweißt und in die Filialen transportiert wird. [...]

Nach alter Hausfrauensitte drischt sie mit dem Fleischklopfer auf die Koteletts ein, taucht sie in Ei, würzt und brät sie. Die Schlossherrin schält inzwischen Kartoffeln. "Die Kulturtechnik des Kochens geht leider verloren", sagt sie. "Ich hoffe, meine Enkelinnen werden sie noch bewahren."

Die Enkelinnen Julia und Lena, neun und elf Jahre alt, dazu eine Nachbarin, sind zum Abendessen eingeladen. Julia und Lena teilen sich ein Kotelett: "Das ist so riesig, das ist doch vom Dinosaurier, nicht vom Schwein." Die Mädchen kauen zufrieden. Im Kamin prasselt ein Feuer. Biedermeierstühle, Tafelsilber, gelbe Rosen, weißes Porzellan - Ferkel 0146 hat nicht stilvoll gelebt, aber es wird stilvoll verspeist."

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