Montag, 12. Oktober 2009

Stillstand, der alles verändert

Das BIP muss steigen, jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. Regierungen benötigen diesen Indikator als Bestätigung ihrer Machtposition, als Garanten für eine zufriedene Wählerschaft, als Variable im globalen Ranking. Wir alle leben im Wald der Wirtschaft ... und - ganz ehrlich - haben uns darin (ob nun selbstverschuldet oder nicht) ein schönes Baumhaus geschaffen.

Ein Wald spendet Nahrung, Schatten, Schutz vor Feinden, Wärme, Lebensraum.
Aber was ist, wenn wir prinzipiell alle zufrieden sind (damit meine ich die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse und noch ein wenig mehr. Okay, in Deutschland noch VIEL mehr). Was ist dann? Dann tritt Stillstand ein. Böser Stillstand. Warum glauben wir alle, ein Zustand ohne Wachstum, Umgestaltung, Veränderung sei schädlich?
Die Antwort mögen meine Nachbarn hier am "Eva" in der Geschichte unserer Spezies suchen, in der Erkenntnis, dass das momentane Gleichgewicht unweigerlich instabil und quasi zum Verschwinden verdammt sei.

Hast du schon auf einer Waldlichtung gesessen und dem Plätschern deiner Gedanken gelauscht? Hast du dich schon zufrieden bei einer Feier mit Freunden im Stuhl zurückgelehnt und die Augen geschlossen? Hast du dich schon - fast in vollständiger Ausblendung deiner Umwelt - wie im Wahn auf das Widersehen mit einem dir ganz wichtigen Menschen gefreut? Hast du schon...?

In diesen Momenten ging es sicher nie um "Altius, citius, fortius". Nein, es ging immer um Lebensqualität.

Die Wissenschaft hat die Pläne zur Kolonialisierung des Mars fertig, lässt Satelliten geplant auf den Mond crashen, um die aufgewirbelte Staubwolke nach Spuren von Wasser zu untersuchen ... arbeitet an Pillen für den Mann. Menschen laufen täglich mehrere Kilometer, um Trinkwasser aus Brunnen zu pumpen, das seinen Namen nicht im entferntesten verdient. Menschen sterben täglich infolge von Nahrungsmangel, zerstörter Umwelt, Rivalitäten, Ausbeutung...

Sollten wir nicht daran arbeiten, erst gleiche Lebensumstände für alle zu schaffen, und dann die Reise zum Mars antreten? Der Mensch kann nicht anders. Er muss entdecken, forschen, andere Ufer erreichen. Maslow hat vor einigen Jahren in Pyramidenform eine Übersicht zu den Grundbedürfnissen des menschlichen Daseins erstellt. Lebensqualität stellt sich demnach erst ein, wenn eine - noch besser - mehrere Stufen erklommen worden. Wonach wir individuell streben ist bedingt durch viele Faktoren; unterscheidet sich im Kern aber nicht vom Streben der Masse.

Die oben angesprochenen Maximen Wachstum, Umgestaltung, Veränderung sollten idealerweise gleichbedeutend sein mit: Lasst den (unseren "westlichen") Grundzustand des täglich-vernetzt-seins, des warmes-Essen-trockene-Wohnung-habens, des arbeiten-unter-menschenwürdigen-Bedingungen, des ich-kann-täglich-einen-Arzt-besuchen-der-mir-hilft, des freien-Reisens-wohin-ich-will, des lieben-wen-ich-will, des freien-entscheidens-was-ich-will im eigenen Land für unsere Milliarden Mitbewohner auf diesem blauen Staubkorn im All Wirklichkeit werden. Jetzt!

Werde ich das noch zu meinen Lebzeiten mitbekommen? Ich sehe Ansätze und bin ein optimistischer Mensch. Blauäugig? Ich habe blau-graue Augen.

Sofort tauchen die Einwände gegen meine Äußerungen auf: "Kolonialist!" "Niedliches Weltbild, du Träumer!" "Woher kommt die Energie für all deine Spinnereien?" "Glaubst du wirklich, jeder Chinese könne ein Auto besitzen - wo sollen die dann fahren?" "Woher soll das Wasser und das Land kommen für die Ernährung von 7 Mrd. Menschen nach westlichem Standard mit diesem exorbitanten Fleischkonsum?" "Wie...?"

Ich habe nicht gesagt, dass die Entwicklung jetzt stillstehen und am Klon eines "Lebensstandard Deutschland 2.1" für die Welt gearbeitet werden soll. Bloß nicht, das wäre mit Sicherheit fatal! Nein, aber wir müssen unseren Egoismus zähmen lernen.

[...] "Photonische Solarfarbe, die auf jeder Oberfläche kostenlose Energie einsammelt; transparente photovoltaische Filme, die jedes Fenster eines Gebäudes oder Fahrzeugs in eine ständige Energiequelle verwandeln; allgemeine Voltaik mit 90-prozentigem Wirkungsgrad ...

Wasser problemlos in Wasserstoff spalten (und diesen dann nutzen, um eine Entsalzungsanlage zu betreiben, die Trinkwasser erzeugt ...)

Strom ohne Kabel übertragen (wie es das MIT schließlich getan hat, indem sie Teslas Hinweis nachging).
Batterien, die mit "Restenergie" aus der Luft Notebooks und Handys für nahezu unbegrenzte Zeit mit Strom versorgen ...

All das ist schon ganz nahe und wird einen riesigen Unterschied machen - nicht nur in Manhattan, London und Tokio, sondern auch in Ulaanbaatar, Irian Jaya oder dem Pantanal." [...]
(Kai Krause, Software-Pionier)

Der Link zum anregenden "Original": klick.

Alles wird besser. Glaubt daran.

1 Kommentar:

zappa the software rookie hat gesagt…

Ja, Mut zum Stillstand!

(ob so ein Ausrufezeichen schon wieder zu viel Aktionismus ist...)

Lesenswert auch der komplette Artikel von Kai Krause bei Spiegel Online - leider geht hier
kein Cut&Paste einfach mal googeln