Dienstag, 3. November 2009

Die Träume der Lausitz

Eine Landschaft für Menschen schaffen. Der Traum von Fürst Pückler ist in der Lausitz auf eine drastische Art und Weise Realität geworden. Der Braunkohletagebau hinterließ und hinterlässt riesige Flächen ausgekohlten Landes, die sich erst im Verlauf von Jahrzehnten - als scheinbar einzig gangbare Verwendung - in eine Seenlandschaft verwandeln. Eine Landschaft im Wandel. Sowohl geographisch als auch sozio-kulturell.

Der am vergangenen Mittwoch auf der Dok-Leipzig uraufgeführte Streifen der Ariane-Film GmbH "Träume der Lausitz" sammelt Stimmen der (man muss es leider so sagen) noch verbliebenen Einwohner, lässt den IBA-Chef Rolf Kuhn am Grund eines sich noch in Flutung befindlichen Sees über seine Pläne erzählen, lauscht den Ansichten eines Ex-DDR-Stadtplaners, begleitet einen Naturfreund auf der Spur des Wolfes und spürt die wenigen Möglichkeiten dortiger menschlicher Zerstreuung auf.

Schier ewig folgt die Kamera einem Rentner, der (durch Krücken gehandicapt) sich im Abstieg von einem sogenannten Kunst-/mahnwerk aus rostendem Stahl befindet. Das ist gewiss nicht jedermanns Sache und wenngleich ich die mit dieser Einstellung verbundene Intention des Regisseurs verstehe: Es geht weniger subtil. Danke.
Ähnlich skurril anmutende Momente begegnen dem Zuschauer häufiger. Etwa wenn eine Exkursion auf der Fährte des Wolfes dessen Losung betrachtet und zur Erkenntnis kommt, er habe im Frühjahr einen Frischling verspeist. Oder wenn sich ein - ja, was macht der eigentlich wirklich? - junger Mann im Geäst einer Kiefer auf Ansitz begibt, um in völliger Einsamkeit Wildtiere zu beobachten. Oder wenn der Herr Professor Rippl den Kameramann darauf hinweist, sich doch bitte an diese oder jene Stelle zu begeben, weil die Sonne die von ihm auf dem IBA-Gelände gestaltete "Allee der Steine" gerade so gut beleuchten würde. Oder wenn als einzige Aktivitäten der Jugend zwei Einstellungen zum Quad- und Jetskifahren folgen.

Toll finde ich die Pläne, einen Seenverbund und damit einhergehend attraktive Bedingungen für die Wassersportler zu schaffen. Nur: Wer betreibt Wassersport ohne Arbeit? Eine Art Freilichtwerkhalle (jeder dortige See könnte eine sein) für Entwicklung / Bau / Werbung / Vertrieb von schwimmenden Häusern ist eine Vision. Die Gebäude sollen dafür nicht wie herkömmlich vonnöten am Ufer mit stationären Zu- und Ableitungen sinnbildlich an einer ewigen Nabelschnur hängen, sondern sich vielmehr unter Zuhilfenahme neuer Technologien fast autark auf den Seen bewegen können. Das hat was. Postadresse? Äh ... "Schatz, wo sind wir gerade?" "Auf dem Senftenberger See." Oder so ähnlich.

Die Problematik des sauren Wassers konnte der aufmerksame Zuschauer an den bräunlich verfärbten Steinen neu angelegter Kanäle erkennen. Durch den steigenden Wasserspiegel wird Pyrit aus den Kippenbereichen gespült und durch Bakterien in Eisenhydroxid sowie schweflige Säure umgewandelt. Seit gut einem Jahr versucht die LMBV in der Lausitz, Grundwasser mit Hilfe von (anderen) Bakterien von Säure und Schwefel zu trennen. Mit Erfolg. Das säurefördernde Sulfat konnte um ein Drittel, der Eisengehalt um die Hälfte reduziert werden. Dabei sind die Probleme hausgemacht, denn erst infolge des Bergbaus und der nötig gewordenen Grundwasserabsenkung kam das Pyrit mit Sauerstoff in Kontakt, wodurch Eisen und Sulfat entstanden. Bei pH 3 hab ich übrigens auch schon gebadet. Man sollte danach bloß kein kohlensäurehaltiges Mineralwasser trinken. Autsch.

Dokumentarfilme sind neutral, objektiv, hören zu und zeigen die Besonderheiten ihres Sujets. Das ist größtenteils gelungen, auch wenn ich eine gewisse Resignationsstimmung nach dem Abspann nicht verhehlen möchte. Mehr Optimismus, liebe Filmemacher! Gut ausgebildete junge Leute aus den Hochschulstandorten Cottbus, Senftenberg und Zittau wollen nicht von vornherein das Land verlassen. Ihr habt nicht ein einziges Mal spielende Kinder gezeigt ... okay, aber tanzende Senioren. Ein Anfang.

www.die-traeume-der-lausitz.de

1 Kommentar:

zappa hat gesagt…

Die Probleme hier und die Probleme der Anderen... Ein Hauch einer Idee, wie sich das Leben als Asylbewerber in Deutschland anfühlt vermittelt der Dok-Film "Rich Brother" - lohnt auch wegen der coolen music - aber Vorsicht manchmal bleibt das Popcorn im Hals stecken

http://kino-zeit.de/filme/rich-brother