Donnerstag, 7. Januar 2010

Avatar - Aufbruch nach Pandora

Ein Raumschiff nähert sich dem blauen Planeten. Die Menschen an Bord halten seit über 5 Jahren eine Art Kryoschlaf und werden gerade aus diesem aufgeweckt. Der Planet hat keine irdische Atmosphäre und deshalb suchen die hier seit einiger Zeit lebenden Menschen Schutz in ihren hochtechnisierten Räumlichkeiten. Jetzt, im Jahre 2154, lässt James Cameron eine Geschichte ablaufen, die sich als Parabel auf das gobale politische Treiben auf unserem Heimatplaneten lesen lässt.

Da ist der Befehlshaber des örtlichen Militärtrupps, zuständig für die Sicherheit der menschlichen Exklave, welcher aber nur seine persönliche Mission kennt. Da ist die Wissenschaftlerin - leider recht blass von Sigourney Weaver verkörpert - die sich in die Botanik des Planeten vertieft und sein großes Geheimnis verstanden hat. Und da ist der Neuankömmling Jack Sulley, ein querschnittsgelähmter Ex-Marine, dessen Geist als Steuer eines geklonten Wesens dienen soll.
Na'vi heißen die menschenähnlichen Bewohner des fremden Planeten. 3 Meter groß, blaue Haut, Extremitäten mit Carbon verstärkt, ein Leben im Einklang mit der Natur. Letzteres ist wörtlich zu nehmen, denn sie alle besitzen sehr lange Haare, deren Enden sich - einem Pilzmyzel gleich - in die globale Biosphäre einklinken können. Internet für Fortgeschrittene. Anthropologisch betrachtet entspricht die Kulturstufe jedoch einer Jäger- und Sammlergemeinschaft ohne technische Entwicklungen.

Warum verlassen Menschen in der Zukunft die Erde und unterwerfen sich einem Leben wie Versuchstiere? Weil nicht nur Kopenhagen sondern auch alle darauf folgenden Konferenzen gescheitert sind, die Erde unwirtlich geworden und das große Geld die einzig verbliebene Hoffnungsquelle ist.

Der fremde Planet birgt nämlich ein Gestein, dessen Wert pro Kilogramm mit 20 Millionen Dollar (ah ja, die Leitwährung ist also unverändert) beziffert wird und eine magische Anziehungskraft auf einen bestimmten Typus Mensch ausübt. Schon seit Jahren wird versucht, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, um so an die Bodenschätze unter ihren Füßen gelangen zu können.
Diesem Zweck dienen auch die aus menschlicher und Na'vi-DNS geklonten Wesen, deren "Fernsteuerung" über den menschlichen Geist vorgenommen wird. Je ein Mensch steuert einen Hybriden. Jack ist begeistert vom wiedererlangten Gefühl des Laufens, des sich frei bewegen Könnens und wird zusammen mit dem Zuschauer auf seine erste Expedition in den Urwald mitgenommen. Schwebende Quallen, floureszierende Farne, große Flugechsen, eine unermessliche fremde Artenvielfalt - genial in Szene gesetzt. Hatte ich es schon erwähnt? Nein? Der Film ist in 3D und das ist ein Erlebnis! Man glaubt, selbst durch den Wald zu gehen, will den Blättern unwillkürlich ausweichen und sich vor Feinden wegducken. Die Leinwand wird scheinbar durchbrochen und in den Zuschauerraum hinein erweitert. Der Zuschauer ist ein Teil des Geschehens.

Apropos Geschehen. Bei der Exkursion wird die Gruppe von einem Raubtier überrascht, Jack von ihr getrennt und vom Dschungel verschluckt. Seine Rettung ist eine einheimische Na'vi, die ihn vor einer Herde Hyänenartiger(?) rettet. Das war knapp, denn sie hatte schon ihren Bogen zum finalen Schuss gespannt um den Eindringling zu erledigen, als sich eine schwebende Qualle auf dem Pfeil niederlässt. Ein Zeichen.
Die beiden freunden sich an, er lernt die Gebräuche, die Sprache des Volkes und nimmt an den Initiationsriten teil. Das alles wird mehr oder weniger flott erzählt, ist nichts dramatisch neues und wirkt doch sympathisch. Höhepunkt dieses Spiels ist die Wahl des eigenen "Flugdrachens". Wir Menschen wollen doch auch mit 18 Jahren den Führerschein. Nun geht man dazu aber auf Pandora nicht in eine Flugschule. Nö, man klettert auf exponierte Felsen (der Lebensraum der Drachen) und sucht sich in der Menge eben jenen aus, der bereit ist, dich zu töten. Das zeigt definitiv, dass er dich auserwählt hat. Tja, flux die Liane ums Maul gewickelt, die Haare mit dem Netzwerk des Drachen verkoppelt, und schon ist aus zwei Individuen eines geworden. Plug and play. Glaubt mir, Benedeto bekäme feuchte Augen. Aber dieses Prozedere ist bei uns Menschen ja prinzipiell nicht anders. Man(n) muss die Frau finden, die auf ihn reagiert (töten wollen muss ja am Anfang nicht gleich sein), ihre Gunst erwerben und sich mit ihr vereinen. Okay, das Ergebnis der Verschmelzung ist dann bei uns halt ein neues Lebewesen und nicht der perfekte Flug. Es gibt schlimmeres.

Die erwähnte Einheimische erwählt später auch Jack zu ihrem Partner (das war jetzt eine Überraschung, nicht wahr?) und er beginnt die Seiten zu wechseln. Der Militär hatte von Anfang an keine friedliche Lösung im Visier, schließlich würde sie seine dort verbrachte Zeit überflüssig, gar unnötig erscheinen lassen. Also kommt es zum großen Angriff auf die Heiligtümer der Na'vi: erst ein Riesenbaum, dann das Zentrum des globalen Bionetzwerks. Spirituelle Fragen der Menschheit werden im Zwiegespräch von Jack mit der Natur des Planeten angeschnitten. Können wir mit der Erde reden? Will sie uns etwas mitteilen? Er bittet alle Lebewesen um Unterstützung im Kampf gegen die Invasoren. Und erhält vorerst keine Antwort.
"Ich war ein Krieger, der davon träumte Frieden zu bringen. Aber früher oder später muss man doch aufwachen."
(Jack Sulley in "Avatar")
Ein Krieger ist für den Krieg geschaffen. Man kann seiner Bestimmung nicht entfliehen. Och James, leg die Bibel bitte beiseite.
Mensch kämpft gegen die Natur, Befehlshaber kämpft gegen einst Untergebenen, viele Tränen am Ende...

Liebe über Planetengrenzen hinweg, friedliche Koexistenz aller Lebensformen, Achtung vor dem Gegenüber, gesellschaftlicher Aufstieg vom Nobody zum Präsidenten - Hollywood bleibt auch in diesem Film bewährten Rezepten treu, weckt Hoffnung, glaubt an die Vernunft. Verstehen wir dieses Spektakel als Parabel auf unsere gegenwärtige Situation und ziehen wir die richtigen Schlüsse daraus, dürfte der Regisseur zufrieden sein (vorausgesetzt natürlich, er verdrängt "Titanic" im Einspielergebnis von Platz 1 der Bestenliste). Aber, liebe Leute, es kann manchmal auch Spaß machen, sich einfach nur im Kinosessel zurückzulehnen und auf dem Rücken eines Drachen zu fliegen. Hab ich mir sagen lassen. Das 3D-Kino ist die Zukunft.

PS: So sehen übrigens die Initiationsriten auf der Pazifikinsel Vanuatu aus

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