Montag, 25. Oktober 2010

Grabt Löcher!

Eine spannende Woche endet, eine (die längste des ganzen Jahres) weitere beginnt. Die Zeit werden wir auch benötigen, soll all die neue Informationsflut gebändigt werden. Moment. Neu?

WikiLeaks, die Organisation mit dem niedlichen Anarchocharme (aber nur diesem) der Monty Pythons veröffentlicht eine Reihe Dokumente zum Beleg für Kriegsverbrechen während des Irakkriegs. Der Aufschrei ist üblich, der Spiegel freut sich über eine neue Titelaufmachung und die FAZ schreibt "Auch Millionen Details sind nicht die ganze Wahrheit." Recht hat sie, zumal im Inneren der Organisation alles andere als Anarchie herrscht. Wobei, ein bissl schon. J. Assange sieht sich Vergewaltigungsvorwürfen gegenüber und seine rechte Hand - Daniel Schmitt - hat vor kurzem den Dienst quittiert. Der Zweck des Projekts, anonym Dokumente von Dritten zu veröffentlichen, ist zugunsten einer One-man-show in den Hintergrund getreten. Kritik wird nicht ausgeräumt, indem man Kritiker suspendiert. Gleichwohl dürfte gerade die US-Administration diesen Wunsch aktuell am intensivsten verspüren.

Weiterhin nicht stumm bleiben wird auch Erika Steinbach, mit 94% wiedergewählte Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Mit ihrem Projekt, die Vertreibung dauerhaft im historischen Bewusstsein präsent zu halten, verstößt sie klar gegen den common sense der etablierten Geschichtsdeuter. Ihre Partei, die CDU unter Angela Merkel, ist nicht mehr ihre Partei. Verwässert wie alle auf Wählerstimmen angewiesenen Gruppen lavierte sich die "Partei der Mitte" von der Funktion als Sprachrohr der Vertriebenen zurück zu einem gerundeten Etwas. Am biologisch begründeten Schwund der Gruppe wird das ganz sicher nicht liegen.

Mein Gott (in diesem Fall scheint es/er/sie wahrlich die einzige Rettung), was wird nur aus Haiti? Die Cholera ist ausgebrochen und wütet nun in einem Staat, der schon vor dem verheerenden Erdbeben Anfang diesen Jahres in UN-Kreisen als hoffnungslos galt. Wäre es nicht an der Zeit, den Menschen dort eine Zukunft zu ermöglichen, ihnen eine funktionierende Infrastruktur für die einzig mögliche Einnahmequelle - den Tourismus - zu verschaffen und endlich diese marodierenden Gangs durch Wahl einer Regierung auszumerzen? Das Geld ist vorhanden, oder, nein, doch nicht. Das Geld fließt gerade im größten Rüstungsdeal aller Zeiten vom Golf in die USA. Der US-Senat stimmt zu. Logisch, es entstehen über 2000 Arbeitsplätze. Die können dann alle brav in die Steuerkasse einzahlen und den Wohlstand Amerikas mehren. Und irgendwann all-inclusive auf der DomRep (als Vorstufe für Hawaii) ausspannen. Was für ein Urlaub.

Die berühmten Blumen Hawaiis standen nicht Pate für die Entscheidung, die Moorlilie zur Blume des Jahres 2011 zu ernennen. Dies war die letzte Meldung der Loki Schmidt Stiftung vor dem Tod ihrer Namensgeberin. Im Alter von 91 Jahren ist eine, nein, die bekannteste Kanzlergattin Deutschlands verstorben. Sie war zeitlebens von der Männerwelt und dessen eigentümlichem Kosmos emanzipiert, machte auf mich meist einen abwägenden und nachdenklichen Eindruck. Sie versprühte den Charme einer Frau von Welt, einer Person, die die Bedeutung des Wortes Networking noch vor dessen mantrahaftem Geschwurbel durch McKinsey-Berater kultivierte und im positivsten Sinne lebte.

Der gemeinsame Schwur zusammen mit ihrem Mann, nach einer potentiell wahrscheinlichen Entführung durch die RAF, nicht auf Forderungen einzugehen, getreu dem Motto: "Erst die Staatsraison, dann die Liebe.", sei ihnen nicht nachgetragen. Was bleibt ist die Erinnerung an eine starke Frau der deutschen Geschichte, an einen interessanten Menschen obendrein; darüberhinaus verbleibt ein großer Nachlass an botanischen Werken, drei nach ihr benannte Arten ... und ein sich nicht mehr so schnell füllender Ascher im Schmidtschen Reihenhaus.

1 Kommentar:

Betti hat gesagt…

Loki Schmidt hat mir immer imponiert. Ich bin mir aber sicher, dass sie ein erfülltes und langes Leben hatte. Mein Beileid gilt allen Angehörigen und besonders Helmut Schmidt.